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TORONTO LIBRARY

Jfrinted in Germany

ACTA GERMANICA.

ORGAN FÜR DEUTSCHE PHILOLOGIE

HERAUSGEGEBEN VON

RUDOLF HENNING.

— Neue Reihe. —

Heft 5:

Studien über Veldekes Eneide.

Von Olga Gogala di Leesthal.

Berlin.

Mayer & Müller.

1914.

LG

ACTA GERMANICA. NEUE REIHE. HEFT 5.

Studien

über

Veldekes Eneide.

Von

Olga Gogala di Leesthal.

Berlin.

Mayer & Müller.

1914.

Einleitung*.

Seit Behaghel in seiner Ausgabe der Eneide auf Grund der französischen Handschriften einige Hauptgesichtspunkte über das Verhältnis Veldekes zu seiner altfranzösischen Quelle gegeben hat, ist die Veröffentlichung des „Roman Eneas" durch De Grave (Halle 1891) erfolgt. Schon hatte auch Alexander Pey (Jahrbuch für Rom. und Engl. Litte- ratar Bd. II p. 1) 1860 die Art der Behandlung der ver- schiedenen Episoden bei unseren beiden mittelalterlichen Dichtern besonders im Vergleich mit Vergil untersucht. Es war meine Absicht, die Vergleichung mit dem Roman Eneas nunmehr im Einzelnen durchzuführen. Das Material hierzu war auch bereits zum großen Teil zusammengestellt, als die einschlägige Jenenser Dissertation von Fairley „Die Eneide Heinrichs von Veldeke und der Roman d'Eneas" (1910) in meine Hände gelangte. Eine Gegenüberstellung der beiden Texte ist nun überflüssig. Wohl aber bleibt noch eine Reihe interessanter Fragen übrig, an denen man grade bei Veldeke nicht vorübergehen kann, da er als der Begründer der höfi- schen Epik eine so wichtige Stellung einnimmt, daß man immer auf ihn zurückgreifen und an ihn anknüpfen muß; sind doch noch so manche Grundfragen über die Anfänge und die Grundlagen des höfischen Epos zu erledigen.

Die große Wendung, welche mit den höfischen Themen beginnt, erstreckt sich nicht nur auf die neuen Vorbilder, welche nunmehr befolgt werden, sondern zugleich auf die gesamte poetische Kultur und Technik. Schon lange bevor

Gogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 1

2 Einleitung. 2

die neuen Vorbilder übertragen und nachgeahmt werden, war die höfische Kultur auch in Deutschland vorbereitet und mit ihr Manches von dichterischen Motiven und Inter- essen übernommen. Neue Kulturelemente waren auch in Deutschland vor der höfischen Epik bekannt und bis zu einem gewissen Grade volkstümlich geworden. Nur können wir aus Mangel an Quellen den Nachweis dafür selten er- bringen. Der Niederschlag in den meist auf andere Kreise berechneten Spielmannsgedichten muß schon als Anhalt für das frühere Vorhandensein dieser Tendenzen dienen. Wir wissen vielfach nicht, was in der deutschen höfischen Epik auf Rechnung der literarischen französischen Vorbilder und was der bereits in Deutschland eingebürgerten Tradition zuzuschreiben ist. Deshalb ist gerade bei Veldeke, wo der erste konkrete Fall uns entgegentritt, genau darauf zu achten, was er von solchen Zügen seinem Original verdankt und was er darüber hinaus selber hinzufügt oder ausführ- licher betont. Gewiß waren ihm auch andere zeitgenössische französische Romane als der Roman Eneas bekannt, aus denen er Kenntnisse schöpfen konnte. Im Allgemeinen darf man aber wohl annehmen, daß dasjenige, was er hinzufügt, schon sein Eigentum und das Eigentum der Zeit geworden war. Es handelt sich dabei einerseits um dichterische Mo- tive, welche der Kultur und dem Zeremoniell der neuen Zeit entsprechen, andererseits um mehr stoffliche Einzel- heiten der neuen höfischen Kultur. Auf beide Elemente ist im Folgenden besonders geachtet.

Aber es kommt noch ein weiterer Gesichtspunkt in Be- tracht, der neben dem Gemeinsamen das Unterscheidende, das Nationale und Persönliche betrifft. Veldeke trägt auch seine deutsche und natürliche Eigenart in die Erzählung oder Schilderungen hinein. Es ist dies für ihn, seinen Stand und sein deutsches Wesen charakteristisch, greift auch in die psycholo- gische Sphäre hinüber und bringt uns, obwohl in bescheidenem Umfange, den Dichter als Menschen näher. Dies soll gleich- falls, soweit Material dafür vorhanden ist, beachtet werden.

3 Einleitung. 3

Ein weiteres Gebiet wäre die dichterische Technik, aber es ist so groß, daß es, wenn es bis in die Einzelheiten be- obachtet werden soll, wohl einer besonderen Darstellung bedarf. Doch sind einige charakteristische Hauptmerkmale hervorgehoben. Dahin gehören besonders die Schilderungen des Zuständlichen, die im höfischen Epos einen so breiten Raum einnehmen. Daß diese literarische Mode von auswärts, also aus Frankreich kam, ist wohl zweifellos. Aber Veldeke verfolgt auch hierin dem Original gegenüber seine besonderen Interessen. Solche Abweichungen vom Roman Eneas sind sorgfältig zu beachten, die sich wohl wieder verschiedent- lich erklären.

Auf die Mittel der dichterischen Erzählung und Schil- derung, den epischen Sprachgebrauch, die Formeln und andere Einzelheiten konnte dagegen nicht mehr eingegangen werden.

Auch was über die Persönlichkeit des Dichters und sein Verhältnis zu dem Stoffe bereits von Andern bemerkt ist, habe ich tunlichst nicht wiederholt.

So hofft die Arbeit auch über das mehrfach bearbeitete engere Thema, das Verhältnis Veldekes zu seiner Quelle, hinaus, einige Beiträge zur Kenntnis der Anfänge des höfi- schen Epos und der Persönlichkeit Veldekes zu bringen. Das Wesentliche und das mehr Zufällige zu scheiden wird dabei freilich nicht immer möglich sein. Trotzdem wäre das Ziel der Arbeit nicht verfehlt, wenn sie auch in dieser Hinsicht einen, wenn auch nur schwachen Lichtstrahl auf die Stellung Veldekes inmitten der Kultur seiner Zeit zu werfen und so auch von dieser Seite die Wertung Gottfrieds zu illustrieren vermöchte:

„er impfete daz erste ris

in tiutscher zungen:

da von sit este ersprungen,

von den die bluomen kämen,

da si die spaehe üz nämen

der meisterlichen fünde."

(Gottfried v. Str. 4736.)

1*

I. Höfisches.

Karl Goedeke (Deutsche Dichtung im M. A. S. 868) hat Veldeke zum Vorwarf gemacht, er sei der erste gewesen, „der ein französisches Vorbild auf deutschen Boden führte, und mit seiner Nachahmung der ganzen höfischen Unnatur und Albernheit Bahn brach".

Gerade dies rechnet ihm dagegen A. Pey (Henri de Veldeke et Benoit de Sainte More a. a. 0.) zum größten Verdienst an, weil er eben dadurch der Vorläufer Wolframs und Gottfrids geworden ist. Außerdem bringt Veldeke in seine Übersetzung soviel Persönliches und vor allem soviel Nationales hinein, daß der Vorwurf Goedekes entschieden der Einschränkung bedarf. Nach Fairley (S. 26) ist es die gesellschaftliche Stellung Veldekes, die, nächst seiner nationalen Gesinnung, für den Geist der Dichtung bestimmend gewesen ist. Er meint sogar, daß „der Stempel der höfischen Bildung ihm noch eigentümlicher sei als Behaghel vermuten läßt".

In erster Linie sind es die höfischen Motive, die der Dichter unabhängig von seiner Quelle aus seiner Zeit und Umgebung schöpfte, welche uns interessieren. Die ein- gehenden Schilderungen, die Veldeke noch mehr als sein altfranzösisches Original ins Einzelne führt, ermöglichen uns durch den Vergleich die höfischen Gebräuche auch für Deutschland genauer zu erkennen.

5 Höfisches. Botschaften. 5

1. Botschaften.

Als förmliche Vermittlung und Einleitung höfischen Verkehrs dienen die Botschaften. Sie spielen eine wichtige Rolle in der ganzen mittelhochdeutschen Literatur. Im Nibelungenlied, in der Gudrun, in der Spielmannsdichtung begegnet uns eine ähnlich verlaufende Tradition, die wir auch schon bei Veldeke vorfinden.

Veldeke wie sein Original bringen die Botschaften des Eneas an Dido und an Latinus gleich nach seiner Ankunft. Die Botschaft an Latinus mit der Bitte, Lavinia sehen zu dürfen (12 785 ff.), fehlt dagegen wie die ganze Episode in der Vorlage. In beiden Texten sendet Latinus auch Boten, um Eneas zum Zweikampf aufzufordern: 9704 ontbiedet et hem balde, Eneäse, swä he si

sagt Turnus, und der König

. . . t'Eneäse sande twen vorsten van den lande omb alsus gedäne not. 7835 ses mesages apareilla, a Eneas les enveia.

Zur Anmeldung werden Boten vorausgeschickt : Camilla sendet Boten an Turnus, um ihre Ankunft zu melden: 5308 here boden, die e wären komen da bevoren alle wile,

was in der Vorlage nicht erwähnt wird.

Zu feierlichen Einladungen werden gleichfalls Boten ausgesandt, bei V. mit ausdrücklicherem Hinweise als im RE. Boten sendet Eneas bei Veldeke 12760 „met brieven achter lande fallen den riken", um die Fürsten zu seiner Hochzeit einzuladen (vgl. auch Nibl. 1349). Latinus

sande ouch die boden sin.

he mande frunt ende man. (12777).

Im RE heißt es nur

10093 li reis ot ses amis semons et rnande" ot toz ses barons.

6 Höfisches. 6

Auch Turnus bei Veldeke

4506 hiet skriven brieve,

um seine Freunde herbeizuholen:

vel widen he die sande met boden achter lande,

was in der Vorlage nicht vorkommt. Veldeke ist also in dieser Hinsicht noch etwas förmlicher als das Original.

Die Boten rüsten sich in der ganzen deutschen Tradition stattlich aus, auch Veldeke vergißt nicht, dies zu erwähnen, obwohl es in der Vorlage nicht steht. Bei der Botschaft an Latinus heißt es:

3904 herlicb was ber gewant,

des si gnoecb met ben nämen

(vgl. auch Rother 218 ff., Nibl. 1361, 1374).

Wenn die Boten, die zum Auskundschaften des Landes abfahren (bei der Ankunft in Lybia), nicht als solche aus- gestattet werden, hat dies darin seinen Grund, daß hier noch keine Botschaft beabsichtigt war. Später, bei dem feierlichen Einzug, als Eneas mit seinen Rittern nach Car- thago reitet, erwähnt Veldeke, daß die Ritter, denen Eneas „gebieden" ließ mit ihm zu fahren, 664 vel wale si sich bereiden

met herliken gewande,

dat si van beren lande

genoech dare brahten.

Die Vorlage behält allein den Eneas im Auge und erwähnt im Übrigen nur, daß er „VII vinz" mit sich nahm.

Daß die Boten auch Vorräte, Schätze und Speisen auf Saumtieren mit sich führten, wird bei Veldeke gleichfalls ausdrücklich, nicht aber im Original bemerkt:

3900 met skatte si sieb spisten, den die soume droegen. si vonden koup genoegen over allet dat lant.

Vgl. Kudrun 596, 3 und Nibl. 1116, 2 „man sach ir soumsere harte swaere tragen".

7 Botschaften. 7

Vor ihrer Abfahrt pflegt der Herrscher eine Ansprache an die Boten zn halten. Diese wird bei Veldeke wie in der Vorlage in indirekter Rede wiedergegeben. Nur als sie in Lybia ankommen, hält in RE Eneas allen seinen versammelten Leuten eine lange Ansprache, nicht bloß speziell den Boten. Auch als Rother seine Boten nach Konstantinopel schickt, hält er keine Ansprache an sie, um ihnen den Auftrag zu geben, sondern der kuninc

134 dö sinen hof gebot . ..

138 den sagete he sinen willen m

ohne nähere Angabe. — So wird auch die Ausrüstung der Boten bei V. mehr betont als im Original.

a) Empfang der Boten.

In RE 558 finden die Boten Dido in einem „parleor" „o tot grant barnage", wie es allgemeine und auch germa- nische Sitte war, daß der König bei einem feierlichen Emp- fang von seinem ganzen Hof umgeben erschien (vgl. Ruod- lieb V,9 Nibel. etc.).

Veldeke betrachtet diese erste Botschaft noch nicht als offiziell, da die Boten erst beschließen, vor Dido zu er- scheinen, nachdem sie schon auf der Burg angelangt sind :

452 si worden des te räde, dat si vor si wolden gän.

So wird auch in dem deutschen Text kein Hofgesinde erwähnt. Dido scheint allein zu stehen:

448 met frage si doe quämen vor die frouwe, da si was bi heren palas in eine kemenäde.

Dagegen hebt Veldeke besonders hervor, daß Dido die Boten gut empfängt:

455 do ontfienc si goedlike frou Didö die rike.

Auch Latinus empfängt die Boten „vele wale".

8 Höfisches. 8

Die Vorlage hat an beiden Stellen nichts von einem frenndlichen Empfang.

b) Begrüßung. Die Boten begrüßen im RE zuerst den Herrn resp. die Herrin. Bei der Botschaft an Dido KE 561 Ilioneus parla premiers

salua la, puis se li dit. Bei Veldeke wird eine solche erste Begrüßung der Königin durch die Ankömmlinge nicht erwähnt, wohl aber der Dank (der im Original fehlt), den die Boten gleich für die gütige Aufnahme der Königin in höfischer Weise aus- sprechen :

457 doe gnaden si der frouwen

der minnen end der trouwen,

die si an her vonden ;

so si alre beste konden,

so spräkens her te Luiden. Bei Latinus

RE 3173 El palais entrent, ki granz fu,

al rei vindrent, sei saluerent,

parfondement li enclinerent.

Veldeke übergeht wiederum diese erste ausdrückliche Begrüßung durch die Boten. Der König scheint sie 3909 vielmehr zuerst zu empfangen, worauf Iljonix vortritt. Die Ansprache des Boten an Latinus, die in der Vorlage wohl 50 Verse lang ist, wird bei Veldeke ganz kurz in indirekter Rede berichtet. Ein Streben nach höfischer Voll- kommenheit verrät höchstens Vers 3916:

doe worven si die bodeskap, als si vel wale konden.

Es ist dieselbe Formel wie bei der Botschaft an Dido (s. o.), Hs Gl hat auch 3917 „beste" statt „vele wale", so 460 ganz entsprechend.

Bei Veldeke steht wie im Nibl., in der Kudrun, im Rother, im Ruodlieb (XV 64) an der Spitze der Schar ein

9 Botschaften. 9

auserwählter Ritter, der das Wort führt (hier übrigens ganz übereinstimmend mit RE und Vergil):

270 Ylionix der wise,

he was meister der skaren

464 Ylionix sprac die rede

KE 561 Ilioneus parla premiers,

ki molt esteit sages et fiers,

ebenso bei Latinus 3888

Yljönix der gespräke, he leide die geselleskap ende warf die bodeskap.

Die Antwort der Dido ist wiederum höflicher als in der Vorlage , wo sie ohne eine besondere Einführungsformel einfach anfängt:

600 bien sai le grant domage.

Bei Veldeke bietet sie noch, ehe sie von dem Zwecke des Besuches redet (520 ich hän et wale vernomen), ihnen ein freundliches Willkommen:

518 ich bin des vele frö, dat ir here sit komen.

c) Rückkehr der Boten.

Die Boten kommen fröhlich zurück, wenn sie gute Nach- richten bringen:

573 die boden wären vele fro, doe hen die frouwe Dido also goede rede bot, wand des was hen not. met der frouwen orlove füren si iit den hove ende füren hene neder te heren Eneäse weder,

während die Vorlage 641 kurz und sachlich bemerkt: li mesagier ont pries congie", a lor seignor s'en vont tuit lie-.

10 Höfisches. 10

Als ihnen Latinus die gute Botschaft an Eneas mitgibt, heißt es gleichfalls ohne Anhalt in der Vorlage: des wären die boden frö

4030 orlof si doe nämen.

hen was getröstet her moet

und sie

quämen weder harde frölike.

(Vgl. auch H. Ernst 436 der böte dannen kerte mit frö- lichem muote.) In der Vorlage wird dabei noch besonders erwähnt, daß sie sich beeilen, die Botschaft ihrem Herrn zu bringen :

3255 Cil furent lie, quant il l'o'irent, n'est merveille s'il s'esjo'irent

congie" pristrent, n'esturent guaire, tost se remistrent el repaire,

ähnlich wie im deutschen Epos, vgl. Nib. 1653, 1 Die boten für strichen oder H. Ernst 440

do streich der helt guote

dannen naht und tac.

lützel ruowe er phlac,

unz er den riehen keiser vant.

Eneas wartet ungeduldig auf sie. Er geht ihnen ent- gegen (vgl. auch Nibl. 712, 1) und empfängt sie „minnelike" . . . met fröliken moede, doe hem die boden goede näken begonden.

Auch in der Vorlage geht ihnen der Herr entgegen, fragt sie aber gleich nach dem Erfolge ihres Auskundschaf- tens, von einem besondern ,minneliken' Empfang wird nichts erwähnt.

Ebenso heißt es, als sie von der Botschaft an Latinus zurückkommen

4114 wale ontvienc si Eneas, doe si toe hem quämen

ohne Anhalt in der Vorlage, wo aber an beiden Stellen er- wähnt wird, daß sich Eneas über die guten Nachrichten freut.

11 Botschaften. 11

671 Eneas forment s'esjo'i de la novele qu'il oi

3273 Eneas ot forment grant joie. Auch bei Veldeke 640

. . . froude sich Eneas. Doe he die bodeskap vernam, te sinen volke er weder quam, frölike end openbäre.

Vgl. auch H. Ernst 444

dö waz er gröze willekomen den fürsten end dem rtche

des dancten sie im sere.

Vom Botenbrot aber, das die Boten bei einer erfreu- lichen Botschaft zu erhalten pflegten (Nibl. 241, 518 — 20, 522 u. ö\, Kudrun 460, 1289), ist weder bei Veldeke noch in der Vorlage jemals die Rede.

Da die Botschaft an Dido keinen zeremoniellen Cha- rakter trägt, erwähnen die beiden Texte keine Beschenkung der Boten, die sonst in der germanischen Tradition bei offiziellen Botschaften üblich ist, vgl. Nibl. 716, 2, 1416, 1432, Kudrun 762, Ruodlieb IV 46 (missis valde bona dantur regalia dona). Latinus aber schickt im RE dem Eneas durch die Boten 310 Pferde:

3249 trametrai li chevals de pris,

riches et chiers treis cenz et dis, freins ne sele nen iert a dire.

(Vgl. auch Fairley S. 13.)

Von einer Grabe an die Boten selbst ist auch hier nicht die Rede.

Diese Stelle hat Veldeke mit Absicht geändert, wohl im Einklang mit der Sitte seiner Zeit. Er teilt nämlich die Gabe: dem Eneas sendet Latinus nur zehn R,osse 3934 Eneäse he sande tien ors herlike, Latinus der rike,

12 Höfisches. 12

die übrigen dreihundert schenkt er den Boten: 3928 den boden hiet he geven dri hondert ors skone te danke end te lone, t'eren end te minnen,

so daß jeder der 300 Boten ein Pferd bekommt. Es ist bezeichnend für den höfischen Gebrauch, daß Veldeke die Gabe nicht nur dem Helden, sondern auch seinen Boten zu Teil werden läßt. Auch im Beowulf werden Rosse als Ge- schenk erwähnt, aber nicht für die Boten, sondern als Lohn für den Sieg des Helden, V. 1035, 1063—65, 1047.

2. Ankunft und Empfang des Herrn.

Der Herr pflegte von mehreren Rittern begleitet zu sein. RE erwähnt nur die Tatsache, Veldeke beschreibt die Schar, sagt, daß sie sich bereitet hatten „met herliken gewande" und legt großen Wert auf ihre Auswahl. Eneas hatte sie sorgfältig . . . gesondert (674)

ende erkoren üt den here,

dat he bracht hadd over mere,

die warn hem alle gereit.

Ihre „höfische Art" hatte er auch gut geprüft: 678 an den hadd er die fromicheit decke wale erfonden, dat si wale konden spreken end gebären end edele lüde wären end somige so wale gedän, of si vor den keiser solden gän, dat si hem wale getämen.

Auch bei der Botschaft an Latinus sendet ihm Eneas „dri hondert ridder goede". Die Vorlage spricht an keiner Stelle von einer besonderen Auswahl der Ritter. Dido empfängt den Eneas

„minnelike end dar toe alle sine man",

13 Ankunft und Empfang. 13

die anderen Einzelheiten des Empfanges, die man sonst in ähnlichen Situationen findet, erwähnt Veldeke nicht, während die Vorlage getreuer die Sitte der Zeit schildert:

721 contre lui est Dido venue; il vait avant. si la salue. Ele le prist par la main destre.

Veldeke übergeht dies feierliche an die Hand nehmen. Dem Gast entgegenzugehen, wenigstens bis zur Türe, war üblich und ist in der deutschen Dichtung oft bezeugt (vgl. Nibl. 343. 688, 1125, 1746; Kudrun 340, 1077 u. ö\). Auch im Rother heißt es, als Dietrich vor Constantin „quam ge- gän", daß ihm 903 „ein schone denest getan" wurde:

intgegin ine gingen de herzogen lossam unde die göte kuningin. sie hiez sie willekume sin, sie neic in allen geliche unde intfenc sie gezogenliche.

Ebenso Roland 2849

ther keiser vone sinen stuole gie etc. Veldeke läßt Dido dem Eneas nicht entgegengehen, ob- wohl auch Erauen den Gast so empfingen.

Bei der Ankunft des Eneas in Spalante beachtet da- gegen Pallas diese Sitte, obwohl sie gerade an dieser Stelle nicht so motiviert erscheint, da Pallas schon am Ufer ist, wo Eneas landet:

6102 doe dede ers als hem wale getam: balde er gegen kerne gienc, minnelike he'n ontvienc met mekelen eren.

Die Vorlage sagt nur, daß Pallas, als er die friedliche Absicht des Eneas bemerkt, „il le rova venir a terre" (4692). Latinus aber empfängt den Eneas in seinem „palas" :

12875 Doe erbeitte Eneas

vor des koninges palas end gienc, da he den koninc vant. Latinus nam hen bi der hant end fürde en, da sin dochter was.

14 Höfisches. 14

Wahrscheinlich hat Veldeke an einen feierlichen Emp- fang vor versammeltem Hofe gedacht, obwohl er ihn nicht besonders erwähnt. In der Vorlage reitet er ihm bis außer- halb der Stadt entgegen:

10095 Contre Eneas est fors issuz. Als Eneas ankommt, empfängt ihn Dido „minnelike end dar toe alle sine man". Der „minneliche" Empfang, der keine Entsprechung im Original hat, ist eine stehende Rede- formel Veldekes, ebenso wie der minneliche Gruß, den er un- bewußt sogar da anwendet, wo die Vorstellung von „minne- lich" gar nicht angebracht ist, z. B. bei der Sibilla: 2746 die frouwe em antworde vele minnelike weder.

Weiter, als Turnus zur Königin geht (eine Situation, die Veldeke neu einführt), heißt es :

4947 Do er in die kemenäde gienc, minnelike hen ontvienc die koninginne rike.

Auch Pallas, als Eneas nach Spalante kommt, empfängt ihn „minnelike, met mekelen eren". Ebenso der König Evander :

6117 ontvienc hen minnelike Evander der rike. An dieser Stelle gibt Veldeke durch „minnelike" das „dolcement" der Vorlage wieder RE 4701 le rei et toz ses Chevaliers a salue molt umblement et li reis lui molt dolcement.

Im Rolandslied finden wir

2848 enphangen wart er vile wole.

ther keiser vone sinem stuole gie. vile wirdecliche er in enphie. forsten thie heren enphiengen in mit grozen eren. Und 1354

Ther keiser antwerte ime mit minnen. Mit Veldeke und seiner Zeit erst wird die Formel

15 Ankunft und Empfang. 15

„minnelich" üblich (vgl. Nibl. 736, 1393, 1259, 732, Herz. Ernst

328, 430).

Im König Rother wird dafür „vromelike" bevorzugt: 1488 her entfienc sie vrumeliche = 1952. 2096 3512 Rother der riche infenc in vrumelike 1424 der intfenc ene vrumeliche.

Daneben aber auch „minnecliche" :

970 wir sulin dich minnicliche unfän.

Auch die Formel „mit Ehren empfangen" kommt bei Veldeke oft vor. Vgl. auch Jüngere Judith 163, 25. 178, 16. Roland 1041, Herzog Ernst 5460, Oswald 2859.

Beim Empfang des Eneas wird im Or. kein besonderer Willkommengruß erwähnt, wie wir ihn häufig in der Dich- tung der Zeit finden, wo die Ansprache an den Grast gerne noch von einer Empfehlung an Gott begleitet wird (vgl. Nibl. 398, Or. 1456, Osw. 1163, 1886, 2857, Kudrun u. a.).

Auch im König Rother versichert Constantin, obwohl er keine bestimmte Begrüßungsformel gebraucht, dem Diet- rich, daß er froh sei, ihn nach dem Rate seiner Mannen „minnicliche" empfangen zu dürfen :

971 ob siez aber widerredit habetin, wie ungerne ich en virsagete!

und, ungeachtet er selber ein Heide ist, fährt er ganz nach dem Muster der christlich-höfischen Dichtung fort: 973 deme eilenden,

swilichen mir got gesendet,

deme wirt gedienit, wizze Crist,

alse her is wert ist.

Auch hatte Dido schon den Boten gesagt 554 ich wele es danken den goden, die hen here sanden,

aber dem Eneas selbst wiederholt sie es nicht. Hier hat sich Veldeke an die französische Vorlage gehalten, wo auch kein besonderer Willkommengruß erwähnt wird. Evander aber sagt dem ankommenden Eneas: 6125 Eneas, lieve frunt min,

ir solt mir willekomen sin,

16 Höfisches. 16

während das Original noch berichtet: 4702 le rei et toz ses Chevaliers a salue molt umblement et li reis lui molt dolcement.

Merkwürdig ist auch, daß kein Willkommentrunk er- wähnt wird. Dieser bildete nach altgermanischer Sitte den Schluß der Begrüßung und wurde meistens von Frauen kre- denzt (vgl. Beow. 1980 ff., Skaldskaparmöl, Snorra Edda ed. Finnur Jonsson 1900 S. 25, Nibl. 125, 473, 1127 u. ö. Kud. 767 ; weitere Belege aus der Heldensage bei Härtung. Deutsche Altertümer S. 375).

Auch in der Spielmannsdichtung begegnet uns dieser Grebrauch nicht und dies erklärt vielleicht, warum Veldeke sich hier an die Vorlage, die auch keinen Willkommentrunk kennt, angeschlossen hat, sodaß ihm nicht auffiel, daß die Vorlage diese Einzelheit nicht erwähnt. Dagegen bringt Veldeke (1306 ff.) den Schlaftrunk, der in RE auch nicht vorkommt, den wir aber in der ganzen deutschen Tradition finden (vgl. Kud. 1329 1331 u. ö. Meleranz 1339. Reinfried v. Braunschw. 18678, Wolfdietrich D V 122, 23).

Die Sitte des „wazzer nemen" vor und nach Tisch, die uns oft in der deutschen Tradition begegnet (Rother 2381 Kaiserschr. 4761 Nib. 561), hat Veldeke beim Grastmahl der Dido auch nicht wiedergegeben, während die Vorlage (826) berichtet, daß als es „termes fu de soper" man das Zeichen zum Waschen gab „a tant fist Ten l'eue corner".

Empfangskuß.

Veldeke bringt den üblichen Empfangskuß, den die Vor- lage nicht erwähnt, obwohl dieser Gebrauch auch in Frank- reich herrschte. Als höfische Form darf man wohl auch Waltharius 222 . . . „post amplexus atque oscula dulcia" . . . auffassen, trotz des „dulcia", was nur dasteht, weil es von Virgil 1 687 entnommen ist (vgl. weitere Belege bei A. Schultz, Höfisches Leben I 521).

Veldeke scheint mit der Sitte ganz vertraut zu sein:

17 Ankunft und Empfang. 17

732 si ontvienc hen minnelike end dar toe alle sine man. doe si hen küssen began, si skoep hem sin gemac.

Als Eneas in Laurente zum König kommt und dieser ihn zu Lavinia führt, gebot

12880 der koninc .... dat Eneas sine dochter kuste,

was im Or. fehlt, obwohl diese es auch ohne Gebot gern getan hätten, fügt Veldeke schelmisch hinzu:

äne des koninges bede heden si't gerne gedän.

Auch im König Rother, als Dietrich als Sänger am Hofe Constantins erscheint, heißt es:

2525 sie heizin en willekume sin, den riehen harfäre unde kustin in zewäre,

und bei dem Empfang der Königin wird wieder berichtet: 4652 Röther kuste sin wif, si was ime alse der lif. he kuste ouch die aldin koningin und heiz si willekome sin.

Als Berchter nach langer Abwesenheit zurückkommt befiehlt Rother :

5098 nu intfät in alle die hie sin. Daraufhin küßt die Königin den Helden :

5099 „daz don ich" sprach de koningin. die frouwe lossam kuste den helt von Merän.

Im Ruodlieb küßt der Vicedomnus die Gesandten des fremden Königs :

165 Hinc rediebamus vicedomnum postque videmus, qui nos condonans provisorem simul et dans oscula fert more.

Offizielle Begrüßung ist auch der Kuß, den der König den Gesandten des Rex Major gibt, V, 28.

Oogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 2

18 Höfisches. 18

Ruodlieb empfängt die Geschlechtsgenossen mit Küssen : XV, 8 Quos Ruodlieb bene suscepit, quibus oscula praebet. Das Nibelungenlied belegt gleichfalls die Sitte : bei der ersten Begrüßung Siegfrids und Krimhildens

296, 3 ir wart erloubet küssen den wsetlichen man, bei der Begegnung Kriemhildens mit Etzel sagt ihr Rüdiger :

1288 vrouwe, ich wil enphäben hie den künic her.

swen ich iuch heize küssen, daz sol sin getan :

jan muget ir niht geliche grüezen al die Ezeln man.

Es wird also betont, daß nur den Vornehmsten die Ehre des Kusses zukam. Zuerst, wie es sich gehörte, küßte sie Etzel:

1290 da ir der künic Ezel hin engegen gie,

da sie den fürsten edele mit küssen güetlich enphie.

Außerdem heißt Rüdiger sie des Königs Bruder Bloedelin, den König Gibeken und Dietrich küssen :

Der reken kuste zweite daz Etzelen wip. Im Norden ist dagegen der Kuß als Begrüßung selten (vgl. Kl. Stroebe, Altgerm. Grußformen, PBB XXXVII, 201). Bei den Angelsachsen kommt der Kuß zwischen Helden, die in engem Freundschafts- oder Gefolgschafts- verhältnis stehen, vor. In der germanischen und der Über- setz ungslit er atur ist er üblich, was wohl auf christlichen Einfluß zurückgeht (vgl. Kl. Stroebe a. a. 0. 193 ff.).

Abs chiedskuß. Beim Abschiede küßt Ascanius in der Vorlage die beiden Freunde Nisus und Eurialus, die in das feindliche Lager ziehen. Veldeke erwähnt dies aber nicht. Im König Rother, als Rother-Dieterich von der jungen Königin Ab- schied nimmt, heißt es: „die frouwe also lossam kuste den heren" ; ebenso bei der Abfahrt Rothers mit seiner jungen Frau:

4739 die koningin ginc umbe unde kuste besunder alle Rotheres man.

19 "Wirt und Gast. 19

Als seine Mannen von ihm Abschied nehmen: 4927 Rother dö kuste

manigin wärhaftin man. Im Rolandslied ist die Szene zwischen Karl und Roland, als sie von einander scheiden, wohl mehr psychologischer als höfischer Natur :

3216 ther keiser weinete vile sere. vile thikke er in kuste.

Aber eine Stelle, die sich rein aufs Höfische bezieht, ist Vers 7438, wo Paligan von der Königin Brechmunde Ab- schied nimmt: „tho kust er thie frouwen"

"Wirtin (bezw. Wirt) und Gast.

Dido ist für Veldeke nicht nur die Königin, die Her- rin, die dem Flüchtling ihren Schutz gewährt, sondern auch die mitleidvolle Frau und die besorgte Hausfrau, die für die gute Bewirtung ihrer Gäste selbst sorgt und auf jede Einzelheit bedacht ist.

Auf ihre hausfraulichen Sorgen weist Veldeke öfters hin, während es die Vorlage nicht tut. Sobald sie Eneas be- grüßt hat, erwähnt Veldeke gleich, daß sie selbst

735 skoep hem sin gemac, dat hem niechtes gebrac end allen sinen holden.

Er betont auch besonders, daß in Spalante für „das gemac" der Gäste gesorgt wird:

6257 Doe reit der koninc edele

te sinen anesedele.

doe skoep man den heleden

herberge ende selede

end skoep hen allen her gemac,

dat hen niechtes gebrac.

(Vgl. Nibl. 127, 3 etc.).

Der Gast wird als Herr im Hause betrachtet. Veldeke vergißt nicht zu erwähnen, daß dies auch in Carthägo der Fall ist: „man dede, dat si wolden"

2*

20 Höfisches. 20

Schon den Boten hatte Dido gesagt:

550 ich end al die frunt min ende boren ende lant ende skat end gewant dat stet te sinen gebode.

(Vgl. Nibl. 126, auch Rother

984 du salt hie selve wirt sin, wandiz mir zö danke is, daz du minis götis geröebis).

In der Vorlage versichert Dido den Boten, daß sie ihr Grut und Land gern mit Eneas teilen wolle, später aber erwähnt sie nichts mehr von einer solchen Absicht :

612 Se ca vuelt venir Eneas, gel servirai en ma cito, li mien li iert abandone".

Als Dido den Grast empfangen hat, führt sie ihn im RE gleich beiseite :

723 Ele le prist par la main destre; en l'entaille d'une fenestre se sont loing des altres asis.

Veldeke verlegt diese Szene auf später,

899 doe dat eten was gedän.

Erst dann gehen

... die frouwe Dido end der here Eneas, al da her lief was, ensamen sitten an eine stat,

was jedenfalls natürlicher erscheint, als wenn Dido, den Grast feierlich empfangend, ihn gegen höfische Sitte sogleich der Gesellschaft entführt.

Durch diese Umstellung verliert aber bei Veldeke die Erzählung von der Zerstörung Troias den feierlichen Cha- rakter, den der Dichter im RE mit Absicht hineinbringt, wo Eneas diesen Bericht vor der Königin ausführlich er- stattet, während sie „al maistre deis" sitzt, von ihren Baronen umgeben :

21 Wirt und Gast. 21

840 n'it ot se barons non de preis, Taltre maisniee ert departie,

und überall ein feierliches Schweigen herrscht: 845 tuit se torent par le palais et escolterent a grant pais.

Vor diesem Berichte hat er in der Vorlage 728 schon gleich nach seiner Ankunft der Königin, die ihn darnach gefragt, „grant conte fait, come il erre et o il vaita.

In der deutschen Tradition war es wohl üblich, den Gast nach seiner Heimat und dem Zweck seiner Reise zu fragen, „vrägen der maere" (Nibl. 140, 3). Veldeke aber läßt dies fort, wahrscheinlich, um die Wiederholung, die sich aus dem doppelten Bericht ergeben hätte, zu ver- meiden.

Häusliches.

Das große, feierliche Essen am ersten Abend hatte Dido selbst „geraden" :

888 Frou Dido die rike hadde et al geraden met den, die't wale däden, wand der here Eneas ein vele lief gast was end alle sine gesellen,

was in der Vorlage fehlt. Auch erwähnt diese keine der folgenden Einzelheiten des häuslichen Sorgens der Königin, durch die uns Veldeke die ganze Situation so viel näher bringt.

Sogar für das Bett hat Dido gesorgt, sie fragt „den kameräre of dat bedde sachte wäre" und befiehlt es sorg- fältig zu bereiten :

1269 si hiet et wale maken

und hatte selbst die kostbaren Decken, die auf dem Bette lagen, „aj ensamen dare gesant" (vgl. Fairley S. 45).

Sie läßt den Schlaftrunk bringen und „den heren . . . skenken und allen sinen holden win ende lüterdranc, so

22 Höfisches. 22

vele so si's wolden'f Der Komfort spielt hier eine größere Rolle als in der Vorlage. Nur bei Veldeke heißt Dido so viele Kerzen hinsetzen, daß

1297 man so Hechte gesach alse et wäre middach.

Sie hatte auch befohlen, dürres Holz zu verbrennen, damit man Feuer „äne rouch" habe. Die Kerzen

„si hiet setten ;

si wolde sich da letten

met fremden end met speie."

Damit gewinnt Veldeke die Motivierung für das Geleit, das Dido selbst dem Helden in sein Schlafgemach gibt. Sonst waren es Personen des Haushaltes, die den Herrn begleiteten (Nibl. 581 und schon im Beow. 1794 söna him selepegn sides wergum

ford wisade.

se for andrysnum ealle beweotede.).

Daß der Wirt selbst den Gast in sein Schlafgemach führte, war bei besonders geehrten Gästen zwar üblich, aber wenn Dido als „Frouwe" es tut, ist die Auszeichnung noch größer. Die Vorlage bringt es übrigens auch, erwähnt aber nur kurz die Tatsache :

1207 En la chambre l'en a mene o li lit furent apreste"

la reine fu al covrir, während die Szene bei Veldeke viel ausführlicher be- schrieben wird.

Im Parzival sind es Jungfrauen, die dem Helden den Schlaftrunk bringen. Die Sitte setzt sich im Mitelalter ununterbrochen fort.

Auch hierbei vernachlässigt der Gast der Königin ge- genüber nie die höfischen Formen: als sie abends „dannen solden gän", hilft er ihr ritterlich beim Aufstehen:

1258 do enmochte si niet op stän, wan dat her halp Eneas,

23 Gaben. 23

vel linde dochte si sin hant, wovon die Vorlage nichts weiß.

Er vergißt auch nicht, ihr für ihr liebevolles Sorgen wiederholt zu danken. Als von dem guten Bette, um welches sie sich gekümmert hatte, die Rede ist, 1292 „des gnade her Eneas0 und für den Schlaftrunk 1310 „he segede her gnade ende danc". Ferner haben wir schon gesehen, daß auch die Boten der Dido gleich für ihren „minneliken" Empfang danken. Die Vorlage bringt nirgends einen sol- chen Dank.

Bei der Jagd hebt Veldeke die ritterlichen Dienste, die Eneas der Königin leistet, gleichfalls hervor. Er hilft ihr sich in den Sattel setzen:

1758 he diende er, doe si op sat, was anch die Vorlage erwähnt:

1494 A son monter ses druz la sert, ebenso beim Absteigen, was die Vorlage nicht bringt,

1830 doe halp der märe wigant der frouwen toe der erden.

Als sie, nachdem „et skone weder wart", wieder zurück- reiten wollen,

1870 onder sine arme he si nam end hoef si in dat gereide.

Die Vorlage hat es nicht und erwähnt nur, daß sie „s'en retornent a Cartage"

Wir bemerken also bei V. ein noch strengeres Beachten der ritterlichen Eormen als im Original sowie ein liebe- volleres Verweilen bei der gemütlichen Seite des Gast- lebens.

Gaben.

Zu den drei Geschenken des Eneas an Dido, die RE nennt, nämlich „une nosche merveillose, un mantel ki molt fu chiers" und ein „vestiment, com a reine conveneit", fügt

24 Höfisches. 24

Veldeke „einen groten kop van golde, twene bouge ende ein vingerlin" hinzu, welche zu seiner Zeit übliche Gaben waren. (Vgl. König Rother

398 nuskele unde vingerin, .... vunf düsint bouge. 3092 .... troug man gold rot, alse der koninc gebot, nuschen unde bouge . . .

Beowulf 80, 1487, 1719.

Auch im Rolandslied finden wir Ahnliches:

2490 manehvalt wart sin geve.

ther kuninc hiez ime vure tragen menegen pouh wole geslagen, scuzzelen unde napfe, thie wole gesteinten kophe,

ienoh hiez er ime vure tragen thie tiuweren mantel harmin, so si bezzer ne mohten sin, thie liste vone zobele.

Auch in der früheren Dichtung finden sich beide Schmuckgegenstände zusammen. So in der Hochzeit :

18 si treit an barer liehe

die bouge joch daz vingerlin.

Dem König Latinus sendet Eneas gleichfalls

3863 einn mandel end ein vingerlin end einen kop goldin,

außerdem noch ein „seeptrum end ein kröne", wie es sich für einen König geziemt, entsprechend der Vorlage

3135 une corone et un mantel et un eseeptre et un anel

et une cope a chiers esmaus.

Der Mantel scheint als Geschenk auch im deutschen MA besonders üblich gewesen zu sein, jedenfalls finden wir häufig Belege dafür. Vgl. König Rother :

25 Gaben. 25

206 do bat Liupolt einen koufman eine wile zö deme schiffe gän, unz sie von hove quemen, des wolder ime wol Ionen, einen mantel her ime gaf.

Dieterich beschenkt die Ritter

1508 tageliche

mit golde deme rotin de pellele ungescrotin, dar zo mantele snevare.

Asprian gibt Merlint für die Königin

2033 einin mantil vile got, zvelf bonge goltrot

und der Dichter bemerkt:

so sal men einir kuninginne ir botin minnin.

Und wiederum gibt ihr Asprian, als er den anderen „schohe lossam" sendet,

2143 eiiiin mantil vile got

unde zvelif armböge rot.

Im Beowulf reicht die Königin dem Helden

1194 .... garmreade twä, hrsegl ond bringas.

Vgl. auch Hövamöl 41

Vopnom ok vopom skolo vinir glepjaz.

Obwohl Veldeke gern den Preis der wertvollen Gegen- stände nennt, tut er es nicht, wo es sich um Geschenke handelt. In der Vorlage dagegen heißt es vom Mantel der Dido:

750 seul les ataches et li mors et li boton et li tassel valeient plus que trei chastel.

Sonst sind Waffen und Rosse als Geschenke oft belegt Beowulf 1735 ff., 1194 ff. u. ö. (s. oben S. 11 ff.).

26 Höfisches. 26

5. Betonen der Zucht.

5112 et es ein onhovesc sede,

dat man der tochte niet engert.

Bei Veldecke ist das Streben, die Personen immer nach den Regeln der Zucht und der „mäze" handeln und keines Vergehens dagegen schuldig werden zu lassen, wiederum ausgesprochener als im Original.

Für die Frauen besonders ziemt es sich, die Zucht immer zu bewahren, auch gegen ihr inneres Gefühl. Wenn es sich nicht um eine heftige Leidenschaft handelt, die alle Schranken und Regeln durchbricht, vergessen sie bei Veldeke nie, was sie ihrer Ehre schulden.

Dido, obwohl „onmetenlike" in Eneas verliebt, bemüht sich, es ihn nicht merken zu lassen:

855 si engedorste es niet beginnen, dat si hem der minnen erest toe gewoege. so wie so si't verdroege, es nam si gröte häle.

Die Vorlage hat nichts Entsprechendes. Als sie ihn in sein Schlafgemach begleitet, sagt Veldeke, daß die

minne dwanc si sere, doch

1304 . . . kond si die ere vele wale bedenken.

Auch scheidet sie ungern für die Nacht:

1322 doe skiets ongerne dannen;

si war doe gerne bleven noch.

Aber

dannen gienc si iedoch in here kemenäde.

Die Vorlage erwähnt nur, daß ihr das Fortgehen schwer wurde: „a grant peine s'en pot partir", aber weder hier noch sonst ist wie bei Veldeke von einem inneren Kampfe zwischen Liebe und Zucht die Rede. Im Gegenteil verbirgt Dido ihre Liebesblicke nicht:

27 Zucht. 27

1201 El le reguardot par dolcor si com la destreingneit amor.

Fremd und die Zucht verletzend erschien es auch Veldeke, daß die Königin beim „colchier" des Eneas gegenwärtig sei, gegenüber RE 1210:

Cil s'est colchiez ki toz ert las; la reine fu al covrir,

zieht sie sich bei ihm, wenn auch ungern, doch zurück, als

1317 ... et so verre nacht was end der here Eneas gerne rouwen wolde.

Veldeke betont ausdrücklich, daß sie dann

dannen solde gän met heren mannen.

Der Gredanke an die Ehre begründet die Klagen der Königin ihrer Schwester Anna gegenüber: 1460 ,,si sprac min ere wele tegän". Sie möchte dem Eneas „inne bringen", daß sie ihn liebt, aber nur so, daß 180 „he niet gedachte neheines ovele dar toett. Anna versichert ihr darauf, daß sie ihn „wale met eren früntlike ane sien" darf. Es ist also immer wieder die Ehre und die äußere Zucht, die be- tont werden.

Dido will Eneas gern ihre Minne gewähren, wenn er sie begehrt, aber nicht selbst zuerst sie zeigen:

1650 si engedorste em openbäre niet seggen, wes si dachte bi dage end bi nachte. si engedorste hen der minnen niwet brengen innen, si enwolde her hem niwet gien. si hedde gerne gesien, dat he des geroechte, dat hes an si soechte.

In der Vorlage kennt sie keine ähnliche Sorge, sondern verliert in der Leidenschaft

1407 . . . le sens et la parole,

während sie bei Veldeke mit bewahrte Fassung wünscht, daß Eneas „des geroechte" und sie um Minne bitte. Auch

28 Höfisches. 28

verrät sie sich kein einziges Mal, obwohl Eneas „lange da

was", sie

. . . enmochte so gachten noch gevoegen, dat si an ein gedroegen der minnen, der si gerde.

Nach der Szene im Wald ist Dido beides „rouwic ende frö", ersteres nicht nur aus psychologischem, sondern auch ans höfischem Grunde. Sie fürchtet nämlich, schneller nach- gegeben zu haben, als es ihrer Ehre zukommt:

1881 ende was des onvrö, dat si so skiere also sinen willen gedede dorch so wenige bede.

Auch verheimlichen beide eine Zeitlang ihre Liebe:

vel harde si hälen, Dido end Eneas, dat et also komen was. ein wile hälen si die dat,

und als es endlich doch bekannt wird, versucht Dido ihre Ehre dadurch zu schützen, daß sie sich „openbäre brüt" nennt und einen großen Brautlauf veranstaltet: sie

1911 macde gröte brütlocht, want si die ontocht mede beskönen wolde omb die gröten skulde.

Die Vorlage erwähnt (vgl. Fairley S. 47 Anm. 2) keinerlei Bedenken der Dido wegen ihrer Ehre; nur der Gedanke, daß sie ihrem ersten Gemahl ewige Treue versprochen habe, erlaubt ihr nicht, ihrer Neigung sofort nachzugeben und läßt sie lange mit sich kämpfen, ehe sie sich ihrer Liebe überläßt, was auch nur durch das Zareden der Anna ge- schieht. Von einem späteren Reuegefühl ist nichts zu merken, im Gegenteil bei der Rückkehr von der Jagd

1531 ele demeine joie grant,

nel ceile mais ne tant ne quant, molt s'en faiseit liee et joiose ;

29 Zucht. 29

allerdings, „ainsi covreit sa felonie", indem sie sagt, „qu'ele est s'espose". aber um das Urteil der Leute kümmert sie sich von vornherein garnicht : „ne li ehalt mais que que Ten die". Von einem Verheimlichen ihrer Liebe ist keine Rede. Bei Veldeke wird ihr erst später, als sie ihr Verhältnis zu Eneas nicht mehr verbergen kann und „als die märe üt quam", die Meinung der Menschen „onmäre" :

1948 dat was her onmäre,

so wat ieman dar ombe sprac. si liet ere end gemac allet t'einre hant gän, doe si et hadde gedän.

Sie vergißt auch ihre Zucht, als sie erfahrt, daß Eneas die Absicht hat, abzusegeln :

2015 Alre herre sinne si vergat; onsachte si bi hem gesät, si weinde vele sere,

was an den Zorn und an das Vergessen der Zucht der alten Königin vor Latinus erinnert.

So wird auch die Situation lebendiger als in der Vorlage, wo sie nur

1675 lez lui s'asist, si sospira et en plorant li demanda :

das Wort „onsachte" deutet bei Veldeke auf größere innere Erregung, ebenso die Bemerkung herre sinne si vergat. Es ist also hier die erregte Leidenschaft, die sie alle Zucht vergessen läßt. Auch Lavinia ist auf ihre Ehre bedacht, als sie zuerst die Minnequalen empfindet:

10424 ein half vorchte ich den döt, ander half vorchte ich sere, dat ich min wereltlik ere dar onder niet behalde.

Sie möchte dem Eneas einen Boten senden, fürchtet aber, er könnte „vel ovellike dar toe" denken und „wänen", daß

.... alse ich hem doe,

dat ich 't ouch einn andern heve gedän (10419).

30 Höfisches. 30

Als sie ihm den Brief geschickt hat und ihn "nicht kommen sieht, klagt sie:

11396 ich moet wale onfrö sin, dat ich ie wart geboren, sint dat ich min ere hän verloren, end verlüse ich den lif dar toe.

mir ist der lif onmäre,

sint ich so openbäre

missevaren hän weder den Trojan.

In der Vorlage 8365 ff. meint sie wohl auch, Eneas könnte sie „por prinsaltiere" halten, wenn sie ihm als Erste die Minnebotschaft sende und sie „noveliere d'amors" glauben; sie fürchtet es aber nicht um ihrer Ehre willen, sondern nur, weil ihre Liebe dann nicht erwidert würde. Als sie ihn später vergebens erwartet, macht sie sich keine Vor- würfe und ist um ihre Ehre garnicht besorgt.

"Wir bemerken auch sonst, daß Veldeke mit tieferem psychologischem Blick seine Personen manchmal die Zucht bei großer Lebhaftigkeit der Gefühle überschreiten läßt. Das Ursprüngliche, Natürliche durchbricht alle höfische Bildung und kommt dann voll zur Geltung.

Ereilich tadelt Veldeke dieses Sichvergessen, wenn er sich dessen bewußt und von der Situation selbst nicht mit- gerissen wird.

Als die alte Königin erfährt, daß Latinus die Tochter dem Eneas versprochen hat, vergißt sie „here tochte" und überläßt sich ihrem Zorn, was Veldeke mißbilligt: „et was vel ovele gedän". Die ganze Schilderung verrät eine tiefere psychologische Beobachtung :

4150 met torne äne minne

gienc si vor den koninc stän end wart vel ovele gedän. herre tochte si vergat: onsachte si neder sat, dat si den koninge niet enneich.

31 Zucht. 31

Das Überschreiten der Zucht besteht nicht nur darin, daß sie „den koninge niet enneich", sondern vor allem in dem Nichteinhalten der „mäze", was ihr Latinus vorwirft: 4333 „ir sit ein deil te freissam". Er selber steht mit seiner „getogenlike" Antwort zu ihr in einem künstlerisch wohl berechneten Gegensatz. Die einer Königin nicht ge- ziemende Heftigkeit der Bewegungen („ onsachte si nedersat"), die atemlose Aufregung, die sie eine Weile zu schweigen zwingt, ehe sie „met toren" ihre Rede beginnt, sind ein glücklicher Griff Veldekes. Ihre ganze Rede an den König ist gegen höfische Sitte: sie redet ihn mit „dutf an, er antwortet ihr, wie es sich geziemt, mit „ir". Diese kleinen Züge sind von Veldeke neu eingeführt. Auch zum Schlüsse, nach dem Zweikampf, wo im RE von ihr nicht mehr die Rede ist, ist sie

13014 . . . nä üt heren sinne

komen dorch den gröten toren.

here witte bade si nä verloren.

Statt der ganzen anschaulichen Schilderung des Zornes sagt die Vorlage nur

3282 dolente et corre^ose en fu. El vint al rei, lez lui s'asist, son buen et son talent li dist.

Hier bewahrt sie die Zucht in Gegenwart des Königs ; erst als sie „en sa chambre revient arriere", überläßt sie sich ihrem Zorne :

3357 de mal talent fremist et trenble, andeus ses palmes fiert ensenble.

Latinus, der in der Vorlage seiner wuterfüllten Gemahlin „asez briement" antwortet, verhält sich dagegen bei Veldeke ihr gegenüber „getogenlike" und endlich, als ihn die Szene „verdrot", geht er selbst von dannen, „hene üt te sinen mannen üt der kemenäden", was Veldeke in seinem prakti- schen Sinn „wale beräden" findet,

4343 dat he si läten solde spreken swat si wo! de.

32 Höfisches. 32

Diesen Zug hat Yeldeke vielleicht einer anderen Stelle der Vorlage entnommen, als nämlich der König, ärgerlich über die Rede des Turnus

3870 ü'ire et de maltalent fremist, mais envers lui ne volt parier ne il nel volt plus escolter. D'entre ses homes est levez.

Als Turnus den Einzelkampf annimmt und mit Latinus spricht, wird er geradezu drohend in seiner Ausdrucksweise :

9685 end mach ich den sege gewinnen, ich gelöne ü der minnen, der ir mir nu heskeinet. ich weit wale, wat ir meinet.

Dem Turnus macht Latinus Vorwürfe wegen seiner heftigen Ausdrücke gegen Eneas:

4905 ir sit te verre drane komen, und wieder

4918 woldt ir üch gemäten omb die rede edeswat, dat geviele mir bat,

obwohl die Rede schon viel mäßiger ist als im RE.

Die ganze Rede ist bei Veldeke viel höfischer und klüger angelegt : Turnus fängt nicht gleich an, über die Troianer zu schelten, sondern das Gespräch wird allmählich dahin ge- leitet. Auch wird Turnus bei Veldeke nicht gleich persön- lich in seinen Klagen, sagt kein Wort über Lavinia und das ihm angetane Unrecht, sondern scheint nur im Interesse des Landes zu sprechen.

Als Turnus hört, daß der König dem Eneas die Tochter zugesprochen hat, geht er

4944 .... met torne dannen end met onminnen hene ter koninginnen.

Trotzdem vergißt er die Zucht vor der Herrin nicht, und als sie ihn „minnelike ontvienc",

4950 vele getogenlike

gnade he her da weder.

33 Zucht. 33

Auch seine Ansprache ist höfisch gehalten:

4956 frouwe, of ich gedorste,

ich wolde ü van den koninge klagen.

Dieses ganze Gespräch zwischen Turnus und der Königin findet sich nicht in der Vorlage.

Die lange Schimpf rede des Romulus, des „swäger" des Turnus, der in der Vorlage die Troianer

forment coitot,

de parole les laidenjot (5458), läßt Veldeke aus. Er sagt nur, (7056)

die Troiäre er ane riep, harde droude er ende skalt.

Die deutschen Helden zogen es vor, den Feind eher durch Spott, als durch Schmähworte zu reizen (vgl. Nibl. 1959, 2271, 4), ja diese zu gebrauchen, galt als eines Helden un- würdig. So verbietet Dietrich seinem Waffenmeister Hilde- brant Schimpfaasdrücke gegen einen Feind auszusprechen, denn

daz enzimt nicht helde lip,

daz si suln scheiden sam diu alden wip (Nibl. 2282,2).

Die schmähende Rede des Tarcon wider Camilla ist bei Veldeke etwas gemäßigter.

Drances hat bei Veldeke eine edlere Rolle als im RE, indem er den ironischen Insinuationen des Turnus gar nicht antwortet. Während er in der Vorlage sagt:

6644 bien sai .

que Turnus me het a grant tort; al mielz que puis ge m'en deport, ge m'en guarrai bien tot oan, car ne pris guaires son boban; heißt es bei Veldeke:

8558 er es mir äne skulde gram;

dat weit ich nu wale menegen dach end doen doch, so ich beste mach.

Die ganze Rede ist formvoller, mit höfischen Redewen- dungen, die die Vorlage nicht hat. Er beginnt, sich an den König wendend:

Gogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 3

\ 34 . Höfisches. 34

8540 Latin, koninc here,

der reden hevet ir ere, und als er von Turnus spricht, erkennt er an : 8556 Turnus es ein edel man

end ein vorste lussam.

Beim Zweikampf des Eneas und Turnus wird in der Vorlage ausdrücklich bemerkt, daß die beiden Ritter ohne Schelten auf einander losstürzten:

9698 Senz altre plait, senz sairement, senz menaces, senz desfiances se requierent as fers des lances.

Auch bei Veldeke fangen sie den Zweikampf an ohne lange Zwiegespräche. Nur klagt Neptanabus den Turnus der Treulosigkeit an: „ir hat onsen heren verräden in den trou- wen", was er in der Vorlage nicht tut. Es erschien Veldeke wohl seltsam, daß der grade für germanisches Empfinden schimpfliche Treubruch stillschweigend übergangen werde; doch bringt er die Anschuldigung in gemäßigten Worten vor. Turnus antwortet, als er ihn erschlagen hat: 12034 ich enbin verrädäre niet.

hästu mich beskolden,

dat hästu so vergolden.

Zucht und höfische Sitte werden bei Veldeke auch von den mythischen Personen bewahrt. So bietet Eneas der Sibilla „goeden dach" gleich als er ankommt, und sie antwortet ihm „vele minnelike weder" und läßt ihn nach höfischer Art Platz nehmen: „end hiet hen sitten bi her neder". Die Vorlage erwähnt alles dies nicht. Auch im H. Ernst sehen wir, daß die Helden die Zucht vergessen, wenn ihre Leidenschaften erregt sind. So spricht der Kaiser mit Adelheit

998 in grimme zornecliche

und in vil starken unsiten

und mit den Herren, die ihn um Gnade für Ernst bitten, 1158 . . sprach der künic alzehant in zorne unsiteliche.

35 Verkehr. 35

6. Verkehr.

Ehrismann, in seiner Abhandlung über Duzen und Ihr- zen im Mittelalter (Zf. für deutsche "Wortforschung Bd. V 129 ff.) meint, in Veldekes Eneide könne der höfische An- redestil nicht überall zur Geltung kommen, weil die hier auftretenden, Personen der antiken Welt keine nach den Grundsätzen der Feudalität abgestufte Hofgesellschaft bilden. Nun aber hat Veldeke ein Werk geschaffen, welches gerade den Verhältnissen seiner Zeit entsprechen sollte und für die höfische Gesellschaft des 12. Jhs. bestimmt war. Daher scheint mir der Anredestil Veldekes als solcher durchaus charakteristisch zu sein.

Die weiteren Ausführungen Ehrismanns (S. 133) beweisen es übrigens vollständig. Die Formen sind unabhängig von der französischen Vorlage meist wohlgeordnet, nach dem höfischen Gebrauch der Zeit, und wenn die höfische Sitte nicht ganz streng bewahrt ist, so ist der Grund in psycho- logischen oder künstlerischen Motiven zu suchen, die Ehris- mann anscheinend nicht in Betracht gezogen hat. Als z. B. die Königin ihrem Gemahl Latinus gegenüber die Zucht vergißt („here tochte si vergat"), redet sie ihn in ihrer Aufregung mit „du" an, während er „getogenlike" mit „ira antwortet (s. o. S. 32). Auch über die Anredeformen der anderen Personen hat Ehrismann a. a. 0. S. 133 — 134 ein- gehend gehandelt und eine strenger durchgeführte höfische Anredeweise als in dem Mischstil der Spielmannsdichtung festgestellt.

Im RE ist die Anrede, wie Ehrismann S. 135 her- vorhebt, noch die „volkstümliche patriarchalische, während Veldeke die modern-höfische Sitte eingeführt hat, offenbar unter Einfluß der zu seiner Zeit in den afrz. Epen herr- schenden neuen Anredeweise". — Die Kitter duzen sich bei V. untereinander, sogar Latinus und Eneas werden von ihren Vasallen mit „du" angeredet. Während Dido ihre Schwester duzt, erhält sie von ihr das höfische „Vous",

36 Höfisches. 36

ebenso die Königin von ihrer Tochter Lavinia. Frauen gegenüber gebrauchen die Ritter stets den Plural. Daneben finden sich auch Beispiele des erwähnten Mischstiles.

Im Nibl. sind die Formen nicht gleichmäßig durchge- führt, aber im allgemeinen doch wie bei Veldeke : Sieglint duzt Siegfrid und wird von ihm geihrzt. Krimhilt ihrzt ihren Bruder (361) und wird von ihm mit der höfischen Formel angeredet: 345 „frouwe ich wilz iu sagen". Brun- hilt aber, im Gefühl der eigenen Überlegenheit sagt „du" zu Günther 574 „ich mac wol weinen balde . . . umbe dine swester" etc. Weiteres über die verschiedenen mittelalter- lichen Werke bei Ehrismann Bd. I — V und besonders über das Epos Bd. V 127 ff. Vgl. auch die Kaiserchronik 519

Romäre in dö wol enphiengen (nämlich den Cäsar).

si begunden irrizen den herren.

daz vunden si im aller erist ze eren,

want er aine habete den gewalt.

den site hiez er ze eren alle Dütisce man leren.

Im Verkehr zwischen Herrn und Untertan ist bei Vel- deke der Ton nicht immer streng zeremoniell. Sie stehen in einem persönlicheren Verhältnisse zu einander als in der Vorlage, die den Abstand zwischen ihnen mehr betont. Wenn es sich um lebhafte Gefühlsbewegungen handelt, oder wenn die Situation eine psychologisch bedeutsame ist, wird bei Veldeke auf die äußeren Formen wenig Rücksicht genommen.

Bezeichnend sind schon die Anreden. Bei der Abfahrt von Troia läßt Eneas im RE „tote sa gent asembler", bei Veldeke heißt es:

70 sine frunt he toe sich nam, beide mäge ende man, met den he spreken began,

und er erzählt ihnen, was ihm „ontboden end gewis- saget van den goden" ist. Dabei redet er sie an mit „lieven frunt min". Die Vorlage hat an der entsprechenden

37 Verkehr. 37

Stelle keine direkte Anrede, erst als Eneas außerhalb der Stadt unter einem Baum angelangt ist, hat er „alie o lui grant gent" und „demande a toz comunalment", ob sie mit ihm ziehen wollen. Er hat sie also vorher von seinen Plänen gar nicht unterrichtet, sie folgen ihm gehorsam, wie es sich dem Herrn gegenüber geziemt. Auch von den Weis- sagungen der Götter sagt er ihnen nichts. Der ganze Ton ist in der Vorlage fremder, viel weniger persönlich, zere- monieller, um so mehr, als gleich darauf die Leute V. 77 „de lui firent seignor et maistre". Von einer besonderen Au- toritätsübertragung an Eneas ist bei Veldeke keine Rede, das Verhältnis verstand sich für ihn wohl von selbst.

In Lybia angekommen sendet Eneas in der Vorlage Boten aus, um das Land auszukundschaften, wobei er sie feierlich anredet „Seignor, franc Chevalier", während er bei Veldeke vor allem 232 „sm lüt . . , . tröste" und dann 262 einfach seine „boden in dat lant" sendet.

Als bei der Ankunft in Italien Eneas erkennt, daß sie am Ende ihres Wanderns angelangt sind, teilt er in der Vorlage die gute Nachricht seinen Leuten mit, sie wieder mit „Seignor" anredend. Bei Veldeke fehlt diese feierliche Anrede.

Auch Turnus sagt in der Vorlage „Seignor" zu seinen Vasallen, während er sie bei Veldeke wiederholt „lieven frunt min" (5325, 5416), dann 5394 „helede balde, lieven frunt alle", 5336 „mine mäge end mine man", 5327 „mine laudieren" nennt.

Als Eneas die Waffen von Venus bekommt, versammelt er in der Vorlage 4562 „toz ses Chevaliers" und redet sie „seignor" an, bei Veldeke statt dessen 5913 „lieven frunt min". Latinus spricht nach altgerm. Gebrauch seinen Mannen und seinen Ratgebern

8455 ernestlike toe:

nu rädet mir, wat ich doe, alle die lieven frunt min, die mir getrouwe wellen sin.

mine frunt end mine man.

38 Höfisches. 38

Bei Veldeke ist auch hier also der Ton freundlicher und vertraulicher. Dasselbe zeigt sich im ganzen sonstigen Verkehr.

Turnus sendet Briefe „achter lande, da sine frunt wären", um sie zu bitten, ihm gegen Eneas helfen zu wollen : 4512 sköne rede he hen ontböt

met vele skönen worden. Die Vorlage sagt davon nichts. Hier sendet Turnus Boten 3900 „ki semondre vont le barnage et ses homes et ses parenz". Als die Mannen bei Veldeke ankommen, „wale ontvienc si" Turnus und „bot hen mekel ere, frunt- like er si beriet" (5020); die Fürsten nimmt er beiseite, nennt sie bei Namen, setzt ihnen die Situation auseinander und bittet sie höflich, ihm zu folgen. In der Vorlage heißt es einfach:

4111 a un matin a toz mandez,

en un vergier a toz jostez,

asez briement lor demostra

son buen et le besoing qu'il a. Kein Dank wird ihnen für ihr Kommen erstattet, keine höfische Anrede gegönnt, während Veldeke seinen „lieben Freunden und Landherren" sagt: 5328 got löne ü der eren,

die ir mir hat gedän,

mochte ich üch so wale ontvän,

als mir lief wäre,

da hän ich goeden willen toe.

et es recht, dat ich et doe,

so ich beste mach ende kan. In den Abschiedsszenen ist wohl ein Standesunterschied zu bemerken. Als Eneas die Höllenfahrt unternimmt, ver- abschiedet er sich nicht von seinen Leuten, da er die Fahrt geheim halten will, außerdem braucht er als Herr von seinen Untertanen keinen Urlaub zu nehmen. Auch als er nach Spalante zieht, nimmt er bei Veldeke keinen förmlichen Abschied von seinen Leuten, wohl aber von Ascanius :

39 Verkehr. 39

5992 orlof he doe nara

toe Ascanium sinen son,

als be van rechte solde doen,

während er in der Vorlage sich von seinen „Chevaliers" verabschiedet :

4602 congie prist d'els, ses a baisiez, und den Ascanius küßt er in väterlicher Liebe:

4609 Tot en plorant son fil baisa, ohne wie bei Veldeke von ihm formellen Urlaub zu nehmen. Ehe sie aus der Burg zum Kampf ziehen, nehmen im RE die beiden Freunde Eurialus und Nisus Urlaub von den „barons" und von Ascanius, nicht aber von dem übrigen Hausgesinde. Bei Veldeke dagegen verabschieden sie sich außerdem von allen „hüsgenöten" :

6634 orlof si toe hem namen end toe den hüsgenöten lutteln ende gröten.

Aber hier ziehen sie aus zu einer sehr gewagten und ge- fährlichen Unternehmung, was ein weiteres psychologisches Moment hinzubringt.

Deutlich bezeichnet Veldeke den Abstand zwischen Herren und Knechten bei dem Angriff von Montalbane, wo so viele Schildknechte umkommen :

6425 si worden al meistich erslagen. Solde man skiltknecbte klagen, so mocht da mekel jämer wesen.

Davon hat die Vorlage nichts.

Im RE scheint Eneas seine Angelegenheiten nur mit einigen seiner Mannen zu besprechen, bei Veldeke wird der Verkehr mit allen seinen Leuten viel stärker betont, und Eneas folgt auch immer ihrem Rat.

Als die Boten von der Botschaft an Dido zurückkommen, berät sich Eneas mit „sinem volke" :

642 te sinen volke er weder quam

toe hen nam he rät

40 Höfisches. 40

ombe so gedäne dät, wat si des räden wolden. of he dare varen solde.

Im RE bespricht er sich nur mit seinen „Baronen" :

393 Eneas a dist a ses barons

l'ofre a la dame et le respons.

Als er die Waffen von Venus erhalten hat, 5880 die wäpen liet he sien sine lüde alle,

während er in der Vorlage nur die „Ritter" versammelt hat:

4562 toz ses Chevaliers asenbla,

une chose lor a mostree

que sa mere li ot mandee.

Nach der Erscheinung und den Weissagungen des Anchises bespricht sich Eneas mit „sinen heimeliken man, sinen here- gesellen", sagt ihnen „allet dat heme ontboden was" und nimmt Rat von ihnen:

2665 ende hadde es heren rät

ombe also gedäne dät.

geswäslike ende stille

vernam he heren willen.

In der Vorlage heißt es:

2229 toz ses barons a asenblez,

cels que il sot les plus senez ; a cels a dit et reconte ce que li deu li ont mande ; demande a toz comunalment s'iluec laira la feible gent.

Auch den guten Erfolg der Botschaft an Latinus teilt Eneas über die Vorlage hinausgehend allen seinen Mannen mit:

4130 he segede et sinen mannen, armen ende riken, hen allen gelike, den minnern end den meren.

Während des Kampfes versammelt Turnus nur bei Vel- 'deke seine Schützen und redet ihnen freundlich zu:

41 Verkehr. 41

6880 den skutten he gebot,

beide gebot ende bat, . . .

he dede en rede goede

met fruntliken moede

end bat si . . . . Dieser freundschaftliche Verkehr zwischen Herr und Unter- tan, den wir in König Rother, in Salman und Markolf be- obachten, entspricht zugleich dem Ton der Spielsmanns- dichtung.

Zu dem König Latinus stehen die Untertanen in keinem so persönlichen Verhältnis wie die Fahrtgenossen zu Eneas, mit dem sie Leid und Freude, Gefahr und Not geteilt haben. So wird in dem Verkehr mit Latinus die höfische Sitte strenger bewahrt. Ceremoniell ist bei Veldeke schon die An- rede des Drances :

8541 Latin koninc here,

der reden hevet ir ere.

In der Vorlage spricht er ungebeten für alle Anderen und fängt ohne eine besondere Formel an (vgl. oben Seite 33): „Sire, ge repondrai por toz ces altres", während er bei Vel- deke nur „do die andern heren alle swegen" das Wort er- greift, sich dafür auf höfische Art entschuldigend, 8546 dat ich dese ontocht doen,

dat wele ich boeten her nä,

dat mir ter reden es so gä,

und bittet, seine Antwort möge den Herren nicht mißfallen :

8550 ich wele ü antworden vor desen heren allen, et endarf hen niet mesvallen, al si et ongetogenheit ;

was alles in der Vorlage fehlt.

Streng höfisch ist auch die Rede des Eneas an Latinus : 11664 he sprac getogenlike: „here koninc Latin, of et üwer gnade sin, geroeket hören mine wort.

42 Höfisches. 42

11719 here min,

wel ich gerne üwer man sin

11726 ich wele des gerne hoeden, dat ich üwer hulde dorch mine skulde niemer wele verwrken.

Turnus teilt im RE seine Absicht, mit Eneas den Einzelkampf aufzunehmen, zuerst seinen Leuten mit. Er fragt sie nicht um Rat, wie es Veldeke bei seinen Helden immer tut, redet sie aber feierlich „Seignor, gentil baron" an, und scheint im übrigen nur aus Mitleid für seine Mannen in den Kampf ziehen zu wollen:

9661 Asez en i a mort por mei; ge ne voil pas ne ne l'otrei que nus de vos en face plus,

während er bei Veldeke mehr dem Gefühl der Ehre folgt:

12163 e danne ich die skande dole in desen lande

ich wele e kiesen den döt.

Turnus richtet bei Veldeke seine Rede an den König (vgl. Behaghel CLIII), der daraufhin

.... die rede ontböt

Eneäse den Troiän,

of he den kamp wolt bestän,

was dem deutschen Gebrauche besser entsprach, als wenn im RE Turnus selbst nach der brennenden Stadt geht und

9675 . . . comenc,a a crier

que il laissast Ja vile ester,

s'Eneas vuelt o lui joster, viegne avant, jal porra trover.

43 Formeln. 43

7. Höfische Formeln.

a) Urlaub.

Wollte der Gast oder der Bote den Herrn verlassen, so nahm er „urloub" von ihm. Diese Formel ist allgemein üblich und begegnet uns sowohl bei Veldeke wie überhaupt in der Dichtung der Zeit (vgl. Nibl. 119, 646, 1267, Kudrun 422, 1688, auch ganz durchgehend im König Rother und Roland).

Die französische Vorlage hat wohl dafür die entspre- chende Formel, beim Abschied der Boten von Dido:

641 li mesagier ont pris congie, dem der Sibilla von Eneas:

puis a congie" del vasal pris, 2251 als Eneas die Höllenfahrt unternimmt :

Des remananz a pris congie, bei seiner Abfahrt nach Spalante :

4602 congie prist d'els. und öfter : Veldeke verwendet sie aber bei jedem Abschied, so- daß die häufige Wiederholung derselben Wendung schließlich eintönig und ermüdend wirkt. „Met der frouwen orlove" fahren die Boten von Didos Hof ab = RE 641. Eneas nimmt Urlaub von Ascanius, als er im Begriff ist, nach Spalante zu fahren (Seite 38). Eneas und Sibille nehmen Urlaub von Anchises :

3730 Eneas end Sibille

orlof si toe hem nämen,

was die Vorlage übergeht. Sibilla scheidet von Eneas 3739 met orlove. RE 3019 puis a congie del vasal pris. RE 3261 congie pristrent. Vgl. weiter 4030 orlof si doe nämen. 4998 Turnus nimmt Urlaub von der Königin:

orlof he doe nam

toe der koninginnen.

doe skieden si met minnen.

44 Höfisches. 44

b) Sich geziemen.

Die Formel „sich geziemen", wofür die Vorlage nichts Entsprechendes hat, ist besonders beliebt und kehrt formel- haft immer im Reim, aber in mannigfacher Anwendung, wieder. Auf höfische Sitte bezieht sich

880 doe dat eten was gereit end si over disc quam, doe diende man als 't wale tarn her end heren gesten.

Ebenso daß die Jungfrauen der Dido für ihre Herrin

1331 hers gemakes si gedachten,

herlike si si brachten,

da her bedde stont bereit,

met ein goet pelle bespreit,

also her wale getam. Sie

1328 hiet si balde touwen, »

dat si te bedde quäme,

alse er wale getäme.

Als Latinus die Boten empfängt,

3940 doe dede er als hem wale getam, wand er ein edel koninc was.

Bei der Bitterweihe seines Sohnes Pallas, als viele Leute an den Hof gekommen waren:

6284 doe dede er (Evander) alse em wale getam. he gaf met williger hant skat, ros ende gewant, Evander der rike, was die Vorlage nicht hat.

Die Königin sagt zu Latinus:

4174 woldestu Lävinen

den edelen Turnüse nemen, dat mach dir ovele getemen.

Auch dem Turnus „ontbot" sie,

dat he 't also anevienge, , dat et hem wale ergienge

end als't hem wale getäme.

45 Formeln. 45

Mesapus antwortet dem Mesentins:

5474 des envolge ich ü niet,

dat hem dat wale getäme, dat he's iemer genäme soene oft gerichte.

Auch 6102, 7032 ff., 11 705 ff.

Eneas wollte gleich nach dem Kampfe Lavinia zu seinem „wif" machen, aber

12651 si rieden em, dat he beide, went he sich wale bereide end sin wif danne näme, als et koninge wale getäme.

Auch auf die Kleidung wird die Formel angewendet:

670 doe si alle warn gereit, so et wale heren getam, Eneas toe hem nam ridder vif hondert.

Ähnlich 1688, 1692, 1713, 11418.

Bald wird die Formel als Flickvers,

4144 doe dat also was komen,

doe was der koninc Lätinus te Lanrente in sinen hüs, alse et hem wale getam,

bald in strengerem Wortsinne gebraucht:

6102 doe dede er (Pallas) als hem wale getam:

balde er gegen heme gienc. 7032 Elenor dat swert tö,

da mede dede er menegen swanc, so et einen helede wale getam.

oder wenn Eneas von Latinus sagt :

11705 . . . doe ich here qnam,

do ontvienc mich, als hem wale getam, min here, der koninc Latin.

ebenso im Herzog Ernst:

46 Höfisches. 46

427 Do die frouwe von im vernam, daz ir die bete wol getam

und öfter in der Dichtung der Zeit.

c) Formeln mit „keiser".

Dreimal kommt bei Veldeke diese Formel vor, um die absolute Schönheit eines Gegenstandes oder die Vollkommen- heit der höfischen Sitte zu bezeichnen. Die Vorlage kennt eine solche Wendung nicht.

Die Ritter, welche Eneas auf der Burg der Dido be- gleiten, sind

683 so wale gedän,

of si vor den keiser solden gän, dat si hem wale getämen.

Das Schwert mit der goldenen Scheide, das Vulcan dem Eneas sendet, ist so wundervoll gearbeitet, daß, 5742 solde man et vor den keiser dragen, den bersten, de ie kröne droech, et wäre herlich genoech.

Als Eneas nach Laurente fährt, kleidet er sich „herlike"

12804 sin gewant dat was berlich, want hem lief was die vart, so nie keiser enwart, kristen noch heiden, den ich dar üt welle skeiden.

Fremdwörtern gegenüber verhält sich Veldeke in der Eneide sehr zurückhaltend, sei es, daß diese Ausdrücke noch nicht eingebürgert waren, oder daß er sie aus anderem Grunde mied. Edw. Schroeder, in seinem Exkurs über „Vel- deke und die Fremdwörter" (bei C. Kraus, Heinrich von Veldeke und die mhd. Dichtersprache S. 1886°.), sucht den Grund für diese Zurückhaltung darin, daß die betreffenden Fremdworte damals mehr für die heimatliche Sprache Vel- dekes als für die hochdeutsche charakteristisch waren, und daß Veldeke, da es noch keine niederländische Schriftsprache gab, hier das Muster der hochdeutschen Literatur befolgte.

47 Formeln. 47

Die epische Sprache Veldekes wäre also in diesem Punkte (im Gegensatz zu den Liedern, die eine große Anzahl von lateinischen und französischen Fremdwörtern enthalten) mehr der hochdeutschen als seiner heimatlichen Sprache konform. Im Servatius tritt besonders die lateinisch-christliche Sphäre auch in den Fremdwörtern noch stärker hervor, so daß Veldeke in der Eneide jedenfalls ein bewußtes Kunst- prinzip verfolgte.

II. Rationelles und Psychologisches.

1. Tilgung des Wunderbaren,

Der oft hervorgehobene Rationalismus Veldekes (vgl. Behaghel Einl., Fairley S. 28 ff.) macht sich vor allem in der Tilgung des Wunderbaren geltend. Einem gewissen reali- stischen Zuge des Dichters ist nicht nur Alles besonders Mythologische und Übernatürliche zum Opfer gefallen, wie Be- haghel bemerkt (Einl. CXLIV), sondern auch alles "Wunder- bare, insofern es ihm fremd ist, und jede Übertreibung, die sein positiver Geist nicht billigen kann (vgl. Fairley S. 28 ff.).

Keines der wundersamen Tiere, die im RE den fremd- artigen Schmuck liefern, wird bei Veldeke genannt (471 — 96 Fische, aus deren Blut die Purpurfarbe hergestellt wird, Krokodile, die die schwarze Farbe liefern, Schlangen, die mit offenem Rachen einschlafen, während in ihrem Leib die Vögel ihre Nahrung suchen). Getilgt wird bei der Be- schreibung der Waffen des Eneas : Halsberc und Helm aus „costes d'un peisson de merft, der Schild ebenfalls aus der „coste d'un grant peisson, ki est en mer, cetus a nom". Auch die märchenhaften Berichte der Vorlage über die Härte des Schwertes des Eneas, über seine Breite von sieben und seine Dicke von neun Fuß konnte Veldekes nüchterner Sinn unmöglich übernehmen.

In der Vorlage ist auch das Schwert so schwer, daß „ne la traisissent trente buef". Daß ein Mensch allein,

49 Tilgung des "Wunderbaren. 49

sei er auch ein Held göttlichen Urprungs wie Eneas, solch ein Schwert hätte schwingen können, schien Veldeke doch eine zu kühne Behauptung.

Ferner werden bei der Beschreibung der Kleidung der Camilla das von drei Feen mit „peissons marages, oisels volanz, bestes salvages'' gestickte Purpurkleid nicht erwähnt, ebensowenig ihre Schuhe

4026 „d'un peisson de cent colors menu vairie" und die Borten

4036 „de gorges d'uns oisels ki suelent pondre el fonz de mer", noch bei der Bahre der Camilla

7443 les barres et li dui limon

.... de la dent d'un peisson,

und das Kopfkissen aus Federn des Wundervogels Calas, dessen Gebärden über das Schicksal der Kranken weissagen ; auch die Verzierungen der „piläre" an ihrem Grab, die im RE aus Blumen, Vögeln und Tieren bestehen, hat Veldeke nicht übernommen.

Weiter ist vom Wunderbarem getilgt der hübsche Zug der Vorlage vom weisen Hannes, der „d' oisels saveit toz les langages", obwohl es in der deutschen Sage kein unbekanntes Motiv war. Veldeke nennt ihn nur „den goeden wissage", „der wissage vel wise" und erwähnt keine von seinen Künsten.

Als Eneas verwundet wird, heilt ihn im RE der „buens mir es Japis", indem er ihm Dictam zu trinken gibt, wobei der Pfeil von selbst aus der Wunde fliegt. Diese wunder- bare Eigenschaft des Dictam sowie seine Heilkraft bei Menschen und Tieren erwähnt Veldeke nicht. Bei ihm heilt den Eneas ein

11895 artsät, de biet Jäpis,

ein weticb man in sine wis te wonden an den boege,

auf eine viel natürlichere Art: er nimmt aus seinem

„malen"

11900 „triaken ende dictam

end eine wenege tange, Gogala di Leestahl, Veldeke's Eneide. 4

50 Rationelles und Psychologisches. 50

gevoege, niwet lange,

siecht ende kleine,

da mede er üt den beiae

dat piliser gewan

end ernerde den edelen man,

want he't wale konde,

(wie im Merseburger Zaubersprach: „thü biguolen Wodan, so he uuola conda"). Ferner wäscht er ihm die Wunde mit „pigmente vele goet" und vergißt auch nicht, daß eine gehobene Stimmung bei Kranken zur Genesung beiträgt: „er tröste hem sinen moet". Dann macht er ihm ein Pflaster und verbindet den Arm „van der asseln al ter hant". Das einzige Wunderbare bei dieser Heilung ist die plötz- liche Genesung des Eneas, die Veldeke doch nicht tilgen konnte, da sein Held sofort wieder in den Kampf ziehen soll. Auch die im Mittelalter so gerühmte Wunderkraft der Edelsteine wird weder bei Veldeke noch in der Yorlage verwertet (vgl. Zingerle, Glauben an Edelst. und ihre Kräfte, Zs. für Kulturgesch. II 325 ff.).

Die ausführliche Beschreibung der Eigenschaften der Sibilla im RE läßt Veldeke fort. Auch die Künste der Zauberin bei der Todesszene der Dido behandelt er nicht so ausführlich wie die Vorlage ; ihr Wissen wird fast mehr hervorgehoben als ihr Wunderwirken.

Wenn Veldeke dagegen bemerkt :

2272 „si hat in philosophfe heren flit gekeret" und bei ihrer Kenntnis von der „art van den pläneten" : „si geliket den propheten",

so ist dies wohl auf seine geistliche Bildung zurückzuführen. Zwar waren die „vates" auch nach der römischen Auffassung mit prophetischer Kunst begabt, aber die klassischen Kennt- nisse Veldekes, haben ihn diesen Zug schwerlich vermittelt, den er vielmehr seinen biblischen Erinnerungen entnommen haben wird.

Auch wenn die Sibilla „ein boech hadde an der hant" und „dar ane sach ende las" ruft dies unwillkürlich die Vor-

51 Verfeinerung der Psychologie. 51

Stellung eines Bildes hervor, jedenfalls war die Sage wohl allgemein bekannt, wie die Anlehnung an die christliche Sphäre vermuten läßt.

Noch andere kleine Züge beweisen den realistischen Sinn Veldekes. Das hölzerne Ross der Griechen wird in der Vorlage mit großer Mühe in die Stadt Troia hinein- geschleppt :

1141 trei . m . home traistrent devant,

et derriers en ot altretant;

botent o mains et o leviers. Veldeke schien dies etwas übertrieben, da 890 schon bemerkt worden war, daß es „roes . 1 . paire" hatte „por ce qu'on le peüst mener". Auch spricht er nicht von irgend welcher Schwierigkeit, sondern sagt nur, daß es unter großem Jubel in die Stadt geführt wird, und daß es „op skiven gienc" :

1163 dat ros gienc op skiven

doe biete wir et driven

vor onses monsters dore.

2. VerfeineruDg der Psychologie.

Tilgung des Drastischen. Für die feinere ästhetische Kultur des Dichters spricht die Milderung drastischer Stellen des Originals, in seiner Zeit ein Beweis bemerkenswerter individueller Feinheit. Das Bild im RE

2033 o tot le colp salt enz el re, que sa suer li ot apreste", el lit desor les guarnemenz al Tro'ieu se colcbe adenz, el sanc se voltre et demeine wird bei ihm wohl eben so lebhaft, aber nicht so drastisch wiedergegeben :

2432 met den steke si spranc ende viel in die gloet. doe dorde dat bloet, dat üt der wonden flöt, want dat für was gröt.

4*

52 Rationelles und Psychologisches. 52

Auch die Darstellung von Dido als „ele art et brule et nercist" (2123) ersetzt Veldeke durch eine mildere:

2439 her fleisc moeste smelten end her herte swelten. Ein feineres Empfinden zeigt Veldeke, wenn er an Didos Leiche „nieman wan here holden u herantreten läßt, ob- wohl „vele lüde, die si wolden skouwen" gekommen waren. Behaghel S. CXXXVIII rechnet die Verse, die sich auf ihre Asche beziehen.

2498 doe was si worden kleine,

doch si da bevoren wäre gröt, zu den Flickversen, die „ganz sinnlos oder wenigstens läppisch oder trivial" sind. Mit diesen Versen hat Veldeke meines Erachtens jedoch versucht, auf eine feinere Art, die sogar fast eine moralische Absicht verrät, die unbewußte Ironie wiederzugeben, die man in der Vorlage unwillkür- lich empfindet:

2131 En une asez petite chane mistrent la dame Tiriane.

Der Inhalt des Epitaphs ist bei Veldeke pathetischer als im RE; hier empfindet man sogar einen Tadel bei 2143

... ele aima trop folement,

saveirs ne li valut neient, während bei Veldeke die Inschrift selber einfach :

2516 hie leget frouwe Dido, die märe end die rike, die sich so jämerlike dorch minne te döde sloech,

lautet und der Tadel als eigene Bemerkung angefügt wird: 2520 dat was wonderlich genoech, so wis so si bevoren was.

Auch die Beschreibung des Cacus

4634 quant il aveit un home pris, il l'acorot, son sanc beveit, la char manjot, les os roeit ;

läßt Veldeke wahrscheinlich aus ästhetischen Gründen fort und sagt nur „et was vel onreine".

53 Menschliche und persönliche Züge. 53

Menschliche und persönliche Züge.

Wenn das Psychologische im RE vielfach auch mit schärferer Beobachtung geschildert wird/ so empfinden Vel- dekes Personen doch häufig tiefer und feiner. Einige kleine Züge sind von solcher Zartheit, daß sie nicht allein auf der höfischen Bildung des Dichters, sondern eher auf seiner psychologischen Feinheit beruhen. Diese stärkere Berück- sichtigung menschlichen Seelenlebens ist um so höher zu be- werten, als sie der früheren Dichtung noch fast gänzlich ab- geht ; in den Spielmannsepen finden Gemütsbewegungen selten einen sprachlichen Ausdruck, höchstens der König Rother und Herzog Ernst zeigen einige beachtenswerte Ansätze. Dies gibt der ganzen Darstellung einen lebhafteren, moderneren Ton; dadurch ist Veldeke der wahre Vorläufer "Wolframs und Gottfrids geworden und es ist doppelt interessant zu beobachten, wie weit er in diesem Gebiete der Vorlage gegenüber eigene Wege geht.

Wie in der Vorlage empfindet Eneas Furcht in der

Hölle:

2895 et vorchte aver Eneas 2905 iedoch vorchte .... sere Eneas der here,

wie schon beim Anblick der Sibilla:

2690 doe hadde der wigant

angest, doe he si gesach.

Im RE fürchtet sich der Held aber erst, als sie ihn stolz

anblickt :

2293 el le reguarda fierement ;

de son reguart peors li prent,

während bei Veldeke die Worte, mit denen sie den furcht- einflößenden Blick begleitet, sogar ,,minnelikea geworden sind :

2746 die frouwe em antworde vele minnelike weder;

diese Wendung, die wenig zu ihrer ganzen Erscheinung paßt, denn sie „was freislike gedän", sollte wohl keinen Zweifel über ihre wohlwollende Gesinnung lassen. Außer-

54 Rationelles und Psychologisches. 54

dem hat der Dichter hier zwei Stellen der Vorlage ver- tauscht: diejenige bei der allgemeinen Beschreibung der Sibilla

2271 %„peor preneit de son reguart"

und die oben angeführte, die sich auf Eneas bezieht.

Ebenso fürchtet er sich vor Caro, Cerberus und all den unterirdischen Erscheinungen: 3074 Eneas der märe

vorchte en, doe he hen gesach,

nämlich den Caro, während er in der Vorlage sich nur fürchtet, als er die Drohungen des Ungeheuers hört :

„Cil s'esmaia quant il l'oi. Ebenso schrecklich ist der Cerberus

3200 Eneas der märe

vorchte en, doe he hen gesach.

Auch dem Mitleid ist Eneas bei Veldeke zugänglicher, beim Anblick der gequälten Seelen in der Hölle, 2988 doe swärd den heren sin moet van den godes armen; do begondens hen erbarmen,

und noch mehr bei den Kinderseelen: 3278 vele si da vonden luttelliker kinde vor der hellen an ein ende,

Eneas der here mekel jämer gewan, doe he merken began, wie jämerlike si sägen end wie freislike si lägen.

Die Vorlage spricht nirgends von einem Mitleid des Eneas. Von sonstigen Regungen wird die Ungeduld des Eneas, als er auf die Boten wartet, lebhaft geschildert, während die Vorlage hiervon nichts erwähnt: RE. 643 Eneas de bien loin les vit, contr'els ala et se lor dit.

55 Menschliche und persönliche Züge. 55

Vel. 594 Eneas was ho

op einen berch gegangen, doe hen begonde erlangen nä den, die he hade gesant toe versoeken dat lant ombe solike märe, als hem lief wäre end he gerne hede vernomen: do gesach he die boden komen. Engegene hen he doe gienc, minnelike er si ontvienc met fröliken moede.

Diese Ungeduld des Helden, der, als „hen" nach den Boten „begonde erlangen", auf einen Berg steigt, um ihre Rückkehr zu erspähen, ist wohl begründet, da das Resultat der Botschaft an Dido für ihn von der größten Wichtigkeit sein mußte. Auch das Gespräch zwischen Eneas und den Boten ist bei Veldeke viel lebhafter. Die knappen und unbefriedigenden Antworten der Letzteren rufen bei Eneas eine ungeduldige Bewegung hervor, die sehr natürlich und anschaulich wirkt:

„dorch got, segget mere".

Diese Wechselrede belebt die Situation außerordent- lich; durch den Ausruf des Eneas wird auch die Antwort der Boten viel ausführlicher (620 — 639). In der Vorlage ist eine solche Steigerung nicht vorhanden. Mehr auf der Stufe seines Publikums steht Veldeke, wenn Eneas, als die Boten Carthago erwähnen, fragt „wat es dat" ; er hat, wie es scheint, nie vorher von Carthago gehört. In der Vor- lage weiß er gleich, worum es sich handelt.

Der Zorn der alten Königin (4150 ff.) ist nicht nur lebendiger als in der Vorlage, sondern überhaupt meister- haft geschildert. Sie kommt in atemlose Aufregung, spricht zornig, vergißt sogar dem König gegenüber den üblichen Gruß (vgl. oben S. 30). Der Stil ihrer Rede entspricht ihrem Seelenzustand : sie stellt Fragen, die sie selbst be- antwortet und ihr Ton wird immer heftiger :

56 Eationelles und Psychologisches. 56

4166 e raoetestu sterven.

4188 wand et enmach wesen niet,

of et dir gienge an dat leven;

lieber wünscht sie ihren Gremahl, Lavinia und sich selber tot:

want si wäre mir liever dot end ich sehe ende du ;

ihr Ton und ihre Anrede sind außerordentlich heftig, während im RE nichts derartiges steht.

4158 ouwi, koninc verlorne,

hertelose Latin, 4170 du bist üter sinne. 4172 dat du den sin häs verloren,

dat sal dir wale skinen.

Die beiden Liebesschilderungen der Dido und der Lavinia stimmen in manchem überein, wie schon Roetteken a. a. 0. S. 185 ff. bemerkt hat. Ebenso bietet die Be- schreibung der Liebesqualen des Eneas manche Parallelen zu derjenigen der beiden Frauen, auch sind die Monologe ähnlich gebaut. Die Liebe der Dido ist bei Veldeke ein- gehender geschildert als in der Vorlage.

Als sie den Ascanius küßt, bemerkt RE 821, daß

ele i a pris mortel ivrece; ja l'a amors en grant destrece.

Veldeke sagt statt dessen :

in her wart erquicket

der minnen für vele heit,

was er wohl aus RE 1270 entnahm.

Er schildert weiter ihre Liebesqualen, die Mühe, die sie sich gibt, um die „grote ongedult" in ihrem Herzen zu verbergen sowie die Gewalt, die der „here Cüpido" über sie gewinnt, betont auch, daß sie „van minne sere wont" war und „mekel arbeit" litt. Die zwei Verse der Vorlage sind wohl zu fünfzig geworden 830—880. Bei Vel- deke verliebt sich nur Dido, denn sie allein küßt den Ascanius, und

57 Liebesschilderungen. 57

836 die starken minne sande die godinne Venus frouwen Didön te hus, da si her selves omb yergat.

Eneas weiß nichts von ihrer Liebe, denn sie verbirgt sie, und trotz den Minnequalen kann sie „die ere wale bedenken" :

849 Do enwiste niet Eneas, dat hem frouwe Didö was so onmetelike holt.

In der Tat kann bei Eneas, wie Behaghel richtig bemerkt, von einer wahren Leidenschaft kaum die Rede sein. In der Vorlage, wo beide das Kind küssen, wird 819 noch be- sonders erwähnt, daß „ki plus le baise plus en beit" (näm- lich vom Liebeszauber) „c'est Dido ki plus fole esteit" ; es liegt wohl darin die Absicht, die spätere Kälte des Eneas zu entschuldigen oder wenigstens zu begründen. Bei Veldeke wird sie noch deutlicher, da Eneas den Ascanius überhaupt nicht küßt und so dem Liebeszauber nicht unter- liegt. So konnte er zugleich motivieren, daß sein Held sich so kalt zeigt und schließlich gegen jede Regel der Minne von Dido scheidet, obwohl sie schon gedroht hatte, sich den Tod zu geben (2096 ich mich selbe moet erslän). Wohl ist beim Gebot der Götter „sin moet bedroevet", aber seine Betrübnis betrifft nur den Schmerz der Dido, er selber empfindet keine Reue. Die Vorlage läßt dagegen die Trau- rigkeit des Eneas mehr zur Geltung kommen und gewinnt dadurch dem Leser mehr Sympathie für den Helden ab. Als die Götter einen Boten an Eneas senden, ist er im RE 1625 „molt esmaie" :

1629 Molt li est grief a departir

et la reine a deguerpir ;

molt est pensis, maz et dotos,

d'ambesdeus parz molt angoissos.

et molt dote la departie de la dame, qu'el ne s'ocie. Bei Veldeke

58 Rationelles und Psychologisches. 58

1958 . . . ontboden hem die gode ein vele starke märe, dat he des seker wäre, he moeste varen dannen,

aber die Sorge, daß Dido Hand an sich legen könne, kommt ihm nicht. Er fürchtet für sich rein praktisch

1988 . . . of si't vernäme,

dat si't erwenden wolde end he da wesen solde end lette en deste me.

Es heißt dann wohl: „dat skeiden dede hem we-', aber dies ist hier nur eine formelhafte Wendung. Der Eindruck, den das Gebot der Götter auf Eneas macht, erinnert eher an

Vergil IV, 331:

. . . Iovis moniti simmota tenebat

Lumina et obnixus curam sub corde premebat.

1970 des wart bedroevet sin moet. he engedorstet wederreden niet.

Die Gefühle der Dido werden bei Veldeke ausführlicher geschildert als im RE.

Sie wäre gern die ganze Nacht bei ihm geblieben und hat alles Andere auf der Welt vergessen. Als Eneas sich zur Ruhe begeben soll, ist es ihr „vele leit", und als es endlich „verre nacht" ist, scheidet sie ungern von ihm.

Ihre schlaflose Nacht ist reicher anpsychologischenDetails, ihr Bett, obwohl „sachte genoech", scheint ihr unerträglich hart, sie „switte ende bevede" und als sich „die hitte merde", kann sie es nicht mehr aushalten, 1352 „her houvet si om- bekerde — neder toe den voeten", was Veldeke wahrschein- lich aus der Beschreibung der schlaflosen Nacht der Lavinia in der Vorlage übernahm:

8403 el lit se torne de travers

et donc adenz, puis a envers, et met son chief as piez del lit,

da doch nicht anzunehmen ist, daß Veldeke bei seinen Kenntnissen des Französischen die Ausdrücken „ adenz « und „sovine" der Vorlage

59 Liebesschilderungen. 59

molt se detorne la reine, primes adenz et puis sovine

mißverstanden habe. Im RE spricht Dido mit Eneas als ob er sie hören könne „parole o lni com s'il l'oeit", bei Veldeke redet sie ganz monologisch nnr mit sich, ruft Venus und Cupido an, „bestreic here ougen met den lieven bongen" und küßt oft „dat vingerlm"; aber sie fällt nicht so oft in Ohnmacht wie im RE, sondern „nä der jongsten hane- krät, rechte an der dagerät" schläft sie doch etwas ein und träumt von ihrem Geliebten, was ihren Schmerz beim Er- wachen noch vermehrt: „doe was her aver vele we, noch wers danne e".

In der Vorlage verliert sie gleich wieder die Besinnung, sobald sie ihrer Schwester den Eneas mit Namen genannt hat. Veldeke tilgt dies auch. Das ganze Gespräch zwischen den beiden Schwestern ist bei ihm besser eingeteilt und natürlicher.

Die heftigen Verwünschungen der Dido, in welchen sie ihrem toten Manne wiederum die Treue gelobt, RE 1309 mielz voil morir, que ge li mente

anceis parte terre soz mei et tote vive me transglote, o feus del ciel m'arde trestote,

fehlen bei Veldeke. Auch kämpft sie mit sich selber viel mehr als in der Vorlage. Sie versteht, daß sie Unrecht tut, wenn sie sich ihrer Leidenschaft überläßt und doch ver- mag sie nicht zu widerstehen:

1583 ich vorchte t'onmäteu dat doen end dat läten.

Im RE überredet Anna ihre Schwester mit einer Art Staatsklugheit, ihrer Neigung zu folgen, indem sie ihr sagt, sie brauche die Hülfe eines Mannes für die Verteidigung ihres Landes.

Veldeke läßt mit feinerer Psychologie Dido erst dann nachgeben, als Anna einwendet, vielleicht liebe sie Eneas

60 Kationelles und Psychologisches. 60

auch und verstehe nur seine Neigung besser zu verhehlen,

denn

1599 die wif sint broder dan die man. wat of he bat helen kan end bat leit dolen mach? Die Szene im Wald ist bei Veldeke etwas anders gestaltet als in der Vorlage und bei Vergil. Eneas und Dido flüchten sich in der deutschen Fassung nicht in eine Höhle, um das Aufhören des Gewitters abzuwarten, sondern unter einen Baum „decke end wale gedän", der aber bei einem solchen Unwetter kaum genügenden Schutz hätte gewähren können. Eneas muß sogar die Königin mit seinem Mantel gegen den Regen schützen, ein Zug, der psychologisch wohl berechnet ist, da Veldeke noch deutlicher als die Vorlage, den Eneas nie wirkliche Liebe für Dido empfinden und nur von einer augenblicklichen Wallung hingerissen werden läßt, die er so aufs Beste motiviert :

1834 doe nam der here Eneas

die frouwe onder sin gewant.

do begonde hem erwarmen al sin fleisc end sin bloet.

Dido selbst ist bei Veldeke etwas naiver als in der Vor- lage, denn sie

1995 . . . endachte niet . . . , dat he si iemer also läten solde end begeven, die wil si beide mochten leven.

In der Vorlage ist Dido dagegen immer „en dotance et en peor", denn, fügt der Dichter hinzu, „ki aime toz tens mescreit".

Die Liebesqualen der Lavinia beschreibt Veldeke 10055 ebenso ausführlich als die Vorlage, welche hier eine außer- ordentlich lebhafte Schilderung hat: 8073 ele comence a tressuer,

a refreidir et a trenbler,

sovent se pasme et tressalt,

senglot, fremist, li cuers li falt,

61 Liebesschilderungen. 6 1

degete sei, sofle, baaille.

crie et plore, gient et brait, ähnlich wie bei den Liebesqualen der Dido. Eine leb- haftere Empfindung und tieferes psychologisches Gefühl verraten manche Steigerungen des Ausdrucks, manche ein- zelne kleine Züge, die ein feines Verständnis der mensch- lichen Psyche erkennen lassen.

Lavinia fürchtet den Zorn ihrer Mutter: RE 8235 ma mere set molt de tel rien, was Veldeke volkstümlicher übersetzt:

10136 min moeder es ein listich wif

end weit van soliken dingen vele.

Stärker als die Vorlage Vers 8178 „or sai ge ja d'amor asez" wirkt Veldeke 10191

wann komet mir der sin,

dat ich sus wise worden bin,

des ich e so domp was ?

Dort erklärt Lavinia, daß Turnus sie niemals besitzen werde : 8331 „se Turnus veint, na m'avra mie". Veldeke steigert wieder den Ausdruck:

10368 end of al ertrike

Turnuses wäre,

so wäre er mir onmäre

weder Enjäse den heren

und ebenso in dem Gespräch mit der Mutter:

10564 end gäve er mir die werelt al. Auch Eneas sagt (wie im MSF. 3, 7 wser diu werlt alliu min)

11082 of al die werelt wäre min,

so engewonne ich niemer ander wif.

Nachdrucksvoll wird auch bei Veldeke die Voranstellung von „wonne end ongemac" :

10390 . . . si wonne end ongemac in drüregen herten onderskiet

vor dem Monolog der Lavinia (ohne Entsprechung in der Vorlage) und die volkstümliche "Wendung 10213 „so

62 Eationelles und Psychologisches. 62

wart ich onheiles geboren". Ebenso spricht nur bei Veldeke Lavinia von „Minne end ongemac". Solche, ich möchte fast sagen „psychologischen" Formeln, wie auch „beide holt ende gram" (11463), „ich enmach noch enkan" (10559, 10605, 11414), „si wolde ofte enwolde" (10043, 10464) kommen im Orginal nicht vor ; nur für Letzteres findet man ein einziges Mal „je voil o non".

Die Minne hat Lavinia so angegriffen, daß sie, als sie „eten solde gän", kaum aufstehen kann und

als sie over disc gesät,

si endranc noch enat.

si wiste ouch küme, wat man sprac (10459), was RE alles nicht berichtet. Ihre schlaflose Nacht er- innert an diejenige von Dido, wird aber bei Veldeke kürzer beschrieben, da er manche Motive dort schon vorweg- genommen hatte. Die heftigen Schmerzäußerungen des Originals 8047 „trait ses chevels, bat sa peitrine" übergeht Veldeke, weiß aber mit hübschen Wendungen und Vergleichen, die im RE fehlen, das Bild zu veranschaulichen, so 10490 ich wän versmelte als der sne,

so an hen die sonne skinet heit. Alle andern Ausdrücke der Liebe und des Liebesschmerzes (brennen und frieren, schwitzen und beben, erblassen und erröten) hat Veldeke nicht, wie Burdach meint (Reinmar u. Walther S. 65), aus dem Minnesang oder Eilhart, sondern aus der Vorlage übernommen. Die erste Liebesklage der Lavinia, die schwerlich, wie Buidach annimmt, auf den Minnesang gewirkt hat, (RE 8083—8335) ist bei Veldeke (10065 — 10435) nur um 100 Verse länger als in der Vor- lage, ohne jedoch neue Motive hinzuzubringen. Ebenso ist der Monolog des Eneas etwas länger; seine Klagen gegen Amor und Cupido, die Veldeke immer als zwei verschiedene Personen auffaßt, sind wieder aus der Vorlage übernommen. Ähnlich wie Lavinia RE 8942

soz ciel n'a si vil chamberiere que il menast plus a desrei ne plus vilment que il fait mei,

63 Liebesschilderungen. 63

sagt Eneas bei Veldeke :

11068 war ich der fremedeste man, de ie gewan den lif, oft dat brödeste wif, die ie moeder gedroech,

eine Wendung, die in der Vorlage keine genaue Entsprechung hat und die auch 10083, 8234, ähnlich wie in den Spiel- mannsepen wiederkehrt.

Neu ist es, wenn Eneas bei Yeldeke die „soecht ofte fiever ofte rede" zu haben meint, dieselben Krankheiten, unter denen auch Lavinia zu leiden erklärt, als ihre Mutter sie fragt.

Die Anschuldigungen, welche Lavinia in ihrem Liebes- zorn gegen Eneas erhebt, sind gemäßigter als in der Vor- lage. Zuerst rechtfertigt ihn die Jungfrau sich selbst gegen- über vor den Anklagen der Königin, und dann, nachdem sie ihn umsonst erwartet, klagt sie ihn nicht gleich an, wie im RE, sondern ist zunächst um ihre eigene Ehre besorgt. Später bereut sie von selbst den Verdacht gegen ihn, noch ehe sie ihn erblickt:

11458 nu vorchte ich, dat ich ovele doe, dat ich den heren skelde,

während sie in der Vorlage, erst als sie ihn nahen sieht 9206 comenca sei a repentir

de ce que l'aveit blastengie.

Als er dann wirklich kommt, betont Veldeke ihre Reue wieder lebhafter :

11500 her herte wart her vele kalt van rouwen end vor leide

und mit volkstümlicher Wendung:

ein minne dwanc si beide, si sprac met groten rouwen.

(Vgl. Nib. 292.) Sie fürchtet, die Minne selbst könne dem Eneas verraten, was sie Schlechtes von ihm gedacht:

11520 ich vorchte, dat hem die minne min rede hebbe gesaget.

64 Kation elles und Psychologisches. 64

Auch Eneas weist in beiden Texten den Zweifel an der Aufrichtigkeit Lavinias gleich zurück, bei Veldeke aber mit einer hübschen Wendung:

11258 si es al te kint dar toe,

al te edel and al te wale gedän.

Ähnlich hatte Lavinia in ihrer Klage gegen die Minne ge- sagt:

10295 du bestonde mich te froe.

ich bin te kint noch dar toe,

wie sie sich in der Vorlage gegen „amors" wendet. Jetzt versteht in beiden Texten auch Eneas, was Dido bei seiner Abfahrt gelitten haben muß und bekennt bei Veldeke sogar seine Schuld :

11188 van du hän ich es sonde end skult, dat si verlos heren lif,

meint aber gleich wieder

wat wonders was dat ombe ein wif, of her die minne nam den sin?

da er selber, der ein Mann ist „end vele starker solde wesen", von einem Brief und von dem Anblick einer Jung- frau schon so bestürzt ist.

Als er dann erwägt, auf welche Art er der Lavinia seine Antwort senden kann, gebraucht Veldeke formelhafte Redewendungen, die den Gefühlsausdruck steigern, und in der Vorlage nicht vorkommen:

11282 ävont ende den morgen, beide nacht ende dach

ist er in „angeste ende sorgen", bis er „met allen sinnen erdenken" mag, wie er

di skönen Lävinen

der reden innen brenge.

Auch die Freude des Eneas als er den Brief der Lavinia erhält, wird mehr hervorgehoben. Berichtet die Vorlage nur 8872 „molt s'en fist liez", so sagt Veldeke 10935 „doe wart he frö" und gleich darauf mit kräftiger Steigerung:

65 Liebesschilderungen. 65

10965 doe froude sich Eneas,

want hem sin herte erluchtet was, dat hem die froude macde liecht.

Am Schluß, wo die Vorlage bei den Feierlichkeiten der Hochzeit von Eneas mit einem klassischen Vergleich sagt, daß

10109 onkes Paris n'ot graignor joie,

quant Eleine tint dedenz Troie,

qu'Eneas ot, quant tint s'amie

en Laurente, ....

verweilt Veldeke bei der Freude und dem Glück des Helden immer wieder: 12850 „gröter frouden was da vele (beim Einzug in Laurente), doe froude sich der Troiän", als er und Lavinia

12887 tesamene gesäten.

heres leides si vsrgäten met frouden end met goede,

die froude moest da skinen.

Eneas

der gefroude Troiän.

Gut gewählt ist die Zeit für die Unterredung der Königin mit Lavinia: „eines avondes späde in here kemenäde", in der Stunde des vertraulichen Gesprächs. Auch beginnt die Königin ihre Rede mit größerer Klugheit als im RE: 9749 sköne Lavine,

lieve dochter mine. Die jugendliche Scheu der Lavinia vor dem Leiden and dem Schmerz ist nur formelhafter als im Or. (RE 7955):

9888 si (die Minne) es aver van erst vel onsoete, e die sachtheit kome. 92 die quäle es e gröt da bevoren. 96 die arbeit es e vele lanc; dagegen ist die Ungeduld der Königin, als Lavinia ihre Auf- klärungen über die Minne immer nicht verstehen will, etwas kräftiger geschildert:

9952 du enbist ouch so domp niet,

so du dar toe gebäres.

Oogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 5

66 .Rationelles und Psychologisches. 66

end of du joch jonger wäres,

du enlers et niemer te froe, was sich noch steigert, als die Königin treffender als im RE, anf Eneas anspielend, ihr droht, falls sie ihn lieben sollte,

ich heite dich te döde slän end martere dinen lif.

Sie geht dann „met torne" ab und „sach die dochter ane vele onfruntlike", während die Vorlage sich milder ausdrückt:

8023 ne la vuelt de plus esforcier, quant veit que ne li a mestier.

Schmerz.

Im RE, wie in der ganzen französischen Tradition, fallen nicht nur die Frauen, sondern auch die Ritter und Helden bei jedem kleinen Anlaß in Ohnmacht. Eine Liebesempfin- dung, der Anblick ihrer Schönen, eine traurige Nachricht verursachen wiederholte „pasmoisons". Auch sonst ist der Ausdruck des Schmerzes ziemlich heftig und wild. Yeldeke zeigt seine Helden gegen den Schmerz viel gefaßter und läßt sogar die Stellen der Vorlage aus oder mildert sie, die sein ästhetisches Gefühl und seinen Sinn für das richtige Maß be- leidigen.

Er erwähnt nicht die vielen Ohnmachtanfälle, denen Eneas, Lavinia und Dido erliegen, führt sie aber doch an, wo sie ihm berechtigt scheinen, so z. B. fällt Dido bei der Abfahrt des Eneas „decke in onmacht", Lavinia bei den Drohungen ihrer Mutter

10716 .... sere weinde,

want si her droude ende skalt. die maget quam in her ongewalt,

und die Königin läßt sie ohnmächtig liegen: „in onmacht si si liggen lief. Im RE verliert das junge Mädchen siebenmal hinter einander die Besinnung : „set feiz s'est Lavinia pasmee", was Veldeke entschieden zu viel scheint.

67 Schmerz. 67

Der Schmerz der Dido bei der Abfahrt des Eneas ist gehaltener als in der Vorlage. Der Dichter hielt es wohl für einer Königin unwürdig, daß sie sich so vergesse. Die einzige Stelle, wo der Schmerzausdruck in der deutschen Bearbeitung stärker zum Ausdruck kommt als im RE, ist Vers 2014 ff., wo Dido zuerst die Absicht des Eneas bemerkt und ihre Zucht vergißt, Veldeke 2014 ff. gegenüber RE 1675 (vgl. S. 26).

Der Dialog, der im Allgemeinen auf dem Original beruht, enthält doch einige mehr empfundene Wendungen, wie Vers 2032 „ir getröstet üch skiere min". Ihre letzte Rede an Eneas ist viel kürzer, sie läßt sich nicht so gehen, wie es in der Vorlage geschildert wird : „ele gient et plore, crie et brait", bis ihre Jungfrauen sie besinnungslos forttragen. Bei Veldeke fällt sie zwar „decke in onmacht", aber mit einem feinen Einblick in die 'weibliche Psyche hat der Dichter sie vorher alle ihre Frauen fortschicken lassen ; sie wollte sie nicht als Zeugen ihrer Verzweiflung haben. Nur ihre traute Schwester Anna ist bei ihr geblieben:

2250 si enhadde herre frouvren da geläten neheine, sonder al eine here suster Anne.

Auch sendet Dido in der deutschen Fassung nicht mehr ihre Schwester zu Eneas, um ihn zum Bleiben zu bewegen. Dies würde ich nicht mit Behaghel zu den kleinen Episoden rechnen, die mit Recht von Veldeke getilgt seien; der tiefere Grund liegt vielmehr in dem ausgebildeten höfischen Sinne des Dichters, ebenso wie in der psychologisch feineren Auffassung des Charakters der Königin. Die Todesszene der Dido ist reiner herausgearbeitet : sie hat ihre Schwester fortgeschickt, um ihr Vorhaben ausführen zu können; als diese zurückkommt, findet sie im RE die Königin im Todes- kampf. Statt zu versuchen, sie noch zu retten, weiß sie nur zu weinen und zu klagen, sie „plore et crie et brait". Bei Veldeke hat Dido vorher die Tür geschlossen, sodaß

5*

68 Rationelles und Psychologisches. 68

Anna nur anklopfen und durch ein Loch spähen kann. Erst als sie sieht, daß Dido tot ist, bricht sie in Klagen aus. Ein edlerer Zug ist wieder bei Veldeke, daß Dido Nie- mandem die Schuld geben will und damit zufrieden ist, ihr „onsachte leven" an sich selbst zu rächen:

2294 suster, mir es so we

omb den leiden lieven man,

dat ich 't dir geseggen niet enkan,

so dat et mir dochte.

al konde ich, ich enmochte,

end mochte ich, ich enwolde.

wand ich enmach die skulde

met rechte niemanne geven. 2304 ich enmach dat niet gespreken,

dat et iemannes skult si.

Totenklagen.

Als Eneas den Pallas tot auf dem Schlachtfeld findet, bricht er im RE gleich in Klagen aus:

5850 „Amis", fait-il, „ce est domage,' que vos estes por mei ocis. Amenai vos d'altre pa'is, nostre amors a petit dure, malvais guaranz vos ai este-. Vengerai vos, se faire puis, morz est Turnus, se or le truis".

Diese Klage hat Veldeke nicht, wohl aber eine mehr gegen- ständliche Schilderung des Schmerzes des Eneas, die im Original nicht vorkommt. Er „begonde sere Pallam sinn geselln klagen" und gebot, daß man ihn gleich auf die Burg trage (7748 ff.): er

7754 klagede vele sere

sin dogent end sin trouwe.

he hadde gröte rouwe, aber

7758 vor leide end van torne

enmochte er niet gespreken

69 Totenklagen. 69

und

was erbolgen sere ende rouwich genoech: sinre viande er ersloech vele äne mäte.

Beim Leichenzug des Pallas unterbricht Veldeke immer wieder seine Erzählung, um den Schmerz des Eneas zu be- tonen, freilich mit derselben stereotypen Formel, für welche die Vorlage keine Entsprechung hat: V. 7974 Eneas der rike

de hadde es grote rouwe. 8001 Eneas,

de es vele onfrö was, dat der helet was erslagen. sere begonde er 'n klagen. 8021 Eneas der here

he klagede vele sere sinen lieven wichgenöt. sin rouwe was vele grot

8096 doe klagede en vele sere Eneas der milde.

Die ganze Schilderung der Trauer ist bei Veldeke mehr ins Einzelne geführt als im Original und bringt manche kleine Züge, die in der Vorlage nicht vorkommen. Der Schmerz des Eneas ist so tief, daß er 8078 viel op die bare,

met den armen he si ombevienc.

vaste he dar ane hienc.

sere er weinen began,

bis endlich „sine wise man" sein Betragen eines Helden un- würdig finden und ihn

met gewalt dar vane bräken

end hem toe spräken

ein deil torenlike,

dat der here rike

sin dinc so kintlik ane vienc

end solich jämer begienc.

In seiner Klage um den Jüngling nennt ihn Eneas „edel

70 Rationelles und Psychologisches. 70

ridder Pallas", „skoene belede, koene degen". In der Vor- lage „amis", „bele faiture, gentiz chose" und verweilt bei den äußeren Eigenschaften des Jünglings mit lyrischer Empfindung, die Veldeke freilich nicht zu übersetzen ver- mag:

6147 Pallas . . ., flors de jovente,

6187 tant estiez bels ier matin,

soz ciel n'aveit plus gent meschin,

en poi d'ore te vei mue,

pali et tot descolorö:

ta blanchors est tote nercie

et ta colors tote persie.

Bele faiture, gentiz chose,

si com solelz flestrist la rose,

si t'a la mort molt tost plaissie

et tot fiestri et tot cliangie.

Veldeke stellt dafür eine Art Canon ritterlicher Tugenden auf, die den jungen Helden schmückten:

8057 manheit ende sinne, trouwe ende minne, koenheit ende mannes rät end willich herte toe der dät, goede list end gröte kracht! du wäre städe end ernesthacht, milde end reinmoede. du hedde sede goede end alre dogende genoech

ja enwart van moeder nie geboren nehein kint van dinre jogende, dat me hedde dogende, frie herte, helet balt.

Der Schmerz der Eltern des Pallas wird dagegen bei Veldeke gemäßigter und kürzer beschrieben (RE 6444—6521, Vel. 8125 — 8135). Vielleicht schienen ihm die heftigen Schmerzausdrücke der Vorlage der königlichen Würde Evanders nicht angemessen. Als dieser die traurige Nach- richt hört, berichtet RE

71 Totenklagen. 71

6253 ses crins, qu'il ot blans et chenuz, a ses deus raains a derompuz, sa barbe arache a ses deiz, il s'est pasmez plus de vint feiz, hurte son chief, debat sa chiere, plorant en vait contre la biere. Et quant l'ot dire la reine, son vis depiece et sa peitrine, de la chanbre ist el palais fors et vait corant contre le cors, escbevelee et tote pale.

Bei Veldeke ist die Schilderung zwar auch lebhaft, aber der Ausdruck der Trauer nicht so heftig :

8128 met gröten onsinne

si die trouwe klageden, die si toe hem haveden end si toe hem droegen. her hande si sloegen, vel sere si weinden.

In seiner Klage um den Sohn verweilt Evander im RE vor allem bei der Tatsache, daß er nun keinen Erben mehr für sein Reich hat. Veldeke berührt wohl auch diesen Punkt, läßt aber mit feinerem psychologischen Grefühl den Vater um sein Kind klagen und der Tugenden des Jüng- lings gedenken:

8138 nu enweit nieman ander, wan ich alders eine, met weliken trouwen ich dich meine, lieve son jonge; et enmochte min tonge rechte geseggen niecht,

und fährt in ganz lyrischer Stimmung fort, die keine Ent- sprechung in der Vorlage hat:

8144 du wäre mines herten Hecht,

dat nu vel gare erlosken es.

wie mochte ich mich getrosten des,

dat du mir sus soldes weder komen?

nu es mir iemer me benomen

froude ende wonne.

72 Rationelles und Psychologisches. 72

ouwe dat ich dich ie verlos end owe, dat ich dich ie gewan! du wäre ein kint end ein man, dat onstadelich was.

Auch für diese Wendungen hat die Vorlage nichts Ana- loges. Die Klage des Königs ist hier auch viel kürzer. Gleich lang ist dagegen in beiden Texten die Klage der Mutter, die aber bei Veldeke noch mit neuen psychologisch feineren Zügen ausgestattet ist. Sie gedenkt der ritter- lichen Tugenden des Sohnes, was sie aber nur noch unglück- licher macht:

8226 dest onfröwer moet ich sin

dinre jongen jogende,

so ich dinre dogende

end dinre fromicheide

met der wärheide

ie mere höre teilen.

ouwe, dat ich dich ie gedroech. In der Vorlage entspricht hier nur: 6351 „tant com vos oon plus loer, de tant nos en deit plus peser". Vorher hatte der Dichter schon in mehr allgemeinem Ton berichtet : 6292 Quant il o'irent reconter

de lor enfant tels vasalages, tels proeces et tels barnages, n'est merveille se duel menoent pere et mere, ki tant l'amoent.

Psychologisch richtig ist es auch, daß die Königin bei Veldeke nicht nur auf die Troianer im Allgemeinen, wie im RE, sondern vor allem auf Eneas selbst erzürnt ist, denn ihm persönlich hatte sie den Jüngling anvertraut. Die Götter schilt sie taub und blind:

8204 si wären douf ende hlint, dat si din niet enplägen noch niet besagen noch min gebet niet horden.

73 Nebenpersonen. 73

Hier behält Veldeke das Motiv der Ohnmacht bei, denn sie schien ihm jetzt begründet :

8174 doe viel der koninc in onmacht end die frouwe lussam, do her son dare dot quam.

Die Klage des Turnus um Camilla ist bei Veldeke ähnlich wie in der Vorlage, wenn auch kürzer. Mit einigen allgemeinen Wendungen sucht er den Eindruck zu vertiefen : 9328 du enwerdes niemer verklaget die wile, dat die werelt stet.

die werelt hede din ere, — niwan dat des wesen niet enmach — dat du went an den soendach levedes dar inne.

Die Grötter klagt Turnus nur bei Veldeke an, daß sie die Jungfrau nicht um ihrer Tugend willen gerettet haben (was RE nicht bringt):

9344 wie mochten et die gode gestaden,

dat du verlores din leven,

doe si dir hadden gegeven

einen lif also wale gedän?

war ombe lieten si dich slän?

si solden dich bat hän beboet

dorch dine menege dogent goet

end dorch dinen loveliken sin.

Nebenpersonen. Auch die Gefühle der Leute des Eneas werden berück- sichtigt. Schon als sie von Troia absegeln und der Wind sie „dreif verre op dat mere", sagt Veldeke 154 doe was dat Eneäses here somelich vele frö, was die Vorlage ebensowenig erwähnt, wie die Freude der Mannen, denen Eneas die gute Nachricht von dem Wohl- wollen der Dido mitteilt 651 „doe wams des alle vele fro". Als Eneas den Befehl gibt, von Carthago abzufahren, ist in der Vorlage 1650 seine „maisniee"

74 Rationelles und Psychologisches. 74

. . . molt esbaldie, car eil sejors lor enuiot; chaseuns l'aler molt desirrot, nen i a nul cui Tester plaise,

ebenso wie bei Vergil IV, 295 „ocius omnes imperio laeti parent ac jussa iaeessunt". Veldeke übergeht dies, bemerkt aber, daß Eneas, als sie „verre op den högen se" sind, „drü- rich genoech^ war „met smen ingesinde". Daß das Ingesinde traurig war, nach dem angenehmen Aufenthalt in Carthago, wieder den Gefahren und Mühen der Fahrt ausgesetzt zu sein, ist ein bemerkenswerter sentimentaler Zusatz bei der Liebe zu gewagten Abenteuern, die die germanischen Hel- den sonst charakterisiert, vgl. Beow. 202: 202 £>one sidfset Lim snotere ceorlas

lythwöu lögon, peah he him leof waere:

hwetton higeröfne, hsel sceawedon.

Die Freude bei der Ankunft in Italien ist bei Veldeke lebhafter geschildert als in der Vorlage, sie äußert sich auch nicht nur durch religiöse Übungen wie im BE, sondern rein menschlich durch Springen, Spielen und Singen:

3817 hers leides si vergäten. niet langer si ensäten, skiere si op sprongen. si speleden ende songen end opperden heren goden.

Auch als die Boten von der Botschaft an Latinus zu- rückkommen und

die minne end die frundskap, die hem Latinus ontböt,

melden, „skiet" Eneas

4129 frölike dannen.

he segede et sinen mannen, * armen ende riken,

hen allen gelike.

Die Vorlage kennt keine solche Teilnahme des ganzen Volkes an der Freude des Herrn. Dieser läßt hier seine Götter ausstellen und opfert ihnen:

75 Christliche und mythologische Elemente. 75

3273 Eneas ot forment grant joie; ses deus qu'il aporta de Troie fist avant traire, ses aore, d'un sacrefise les enore.

Bei Veldeke opfern außer Eneas auch alle die „moeden vartgenote" den Göttern:

4134 doe wart onder'n heren wonne vele grote. die moeden vartgenote worden alle vele frö.

si opperden heren goden end macden grote wertskap.

3. Christliche und mythologische Elemente.

Sich nur an das Mythologische, frei von Beimischung christlicher Elemente zu halten, wäre in der Zeit Veldekes bei der Blüte der geistlichen Literatur, als auch die Spiel- mannsdichtung unter starkem geistlichen Einfluß stand, sehr schwer gewesen. So finden wir bei Veldeke neben den my- thologischen verschiedentlich christliche Elemente in Bildern, Formeln und Gredanken, die zu den christlichen Vorstel- lungen der Zeit gehören, von denen auch die Vorlage nicht frei ist.

Christliche Wendungen gebraucht Veldeke oft: „got" in der Einzahl statt „Grötter" kommt bei ihm immer wieder vor. Die Vorlage verwendet regelrecht den Plural. Als Eneas die Boten auffordert, die Antwort der Dido schnell zu verkünden, ruft er in seiner Ungeduld: „dorch got seg- get mere"; ähnlich sind 9799 und 10948 (vgl. auch König Rother 3209). Häufig ist: „gotweit" und „weitgot" 1605, 10520, 10540, 10600, 10698 (auch im Rother 522, 1463, 2861, 4200).

Besonders häufig sind christlicheAusdrücke in dem Liebes- monolog der Lavinia: 9862 „so moede si mir got verbieden", 9866 „got geve". Auch der „soendach" kommt ein paarmal vor. „Du bist gevaren in gotes hat" sagt Kamilla zu Tar-

76 Rationelles und Psychologisches. 76

con, den sie eben erschlagen hat, die alte Königin zu Lavinia, als sie ihre Liebe zu Eneas entdeckt:

10672 dat du hem ie worde so holt,

dat si den hosten gode geklaget,

und „des moete dich got verwäten", „dat dich got gehone!" Andere christliche Redewendungen die schon damals volkstümlich waren sind: 12900 wolde got wäre et war. 12903 frouwe, dat gelöne ü got. 12 916 dat moete ons got geven. 13066 ich love et got den hosten. Als die Königin dem Turnus ihre Hilfe versprochen hat, dankt er mit christ- licher Formel: „Frouwe, dat vergelde ü got". Die Vorlage hat nichts Entsprechendes.

Turnus verläßt die Kamilla mit dem christlichen formel- haften Gruß 8863 „got de moete üch be waren" (vgl. Nibl. 1448, 4), den die Vorlage überhaupt nicht kennt.

„Got verwäte allen bösen rat" sagt Lavinia, an die Dro- hungen und Anschuldigungen ihrer Mutter gegen Eneas denkend, und Eneas zu dem Brief der Lavinia: 11316 got ere d'edelen hant,

die hen skreif end behielt, die hen sneit ende vielt.

Christlich ist die Sorge der Lavinia um ihren Ge- liebten (12 288), wenn sie Gott anruft „god behoede em sinen lif" und

12298 die gnade moete ons got geven,

dat wir ons niet geskeiden so froe,

oder 12 679 „of hem got gnade".

Ein auffallend christlicher Zug ist dem französischen Dichter entschlüpft. Bei der Erzählung des Sinon berichtet dieser, daß der Priester Calchas „toz les deus" befragen solle, auf welche Weise sie in ihr Land zurückkehren könnten. Als Calchas den Göttern opfert, heißt es von ihm 1006, daß er „enprist sa croce et s'estole". Obwohl schwer zu sagen ist, ob Veldeke diese Inkonsequenz gemerkt hat, da er die Szene abkürzt und den Calchas gar nicht erwähnt, ist doch anzunehmen, daß er sie wohl getilgt hätte,

77 Christliche und mythologische Elemente. 77

da man ihm sonst solche groben Verstöße gegen das Histo- rische nicht vorwerfen kann.

Bei den Vorbereitungen zum Todesopfer hat Veldeke nur den einen biblischen Zug beibehalten : 1054 met ole end met wine

wart mir't houvet gewasken. si haden mir mele ende aske dar op geleget beide.

Auch den Hinweis auf die Zeichen, die „charactes", die der Priester über dem Haupt des Synon macht, bringt Veldeke nicht.

Beibehalten ist der christliche Zug, daß Dido vor ihrem Tode dem Eneas großmütig verzeiht.

Auch ist es „der viant", der bei Veldeke ihr eingegeben hat, frevelnd Hand an sich zu legen, was nicht in der Vor- lage steht.

Bevor Eneas aufbricht, den Zweig zu suchen, bringt er den Gröttern ein Opfer. Im RE dagegen opfert er den „deus d'enfer" erst, als er mit dem Zweig zurückgekommen ist.

Im RE nehmen die Troianer ihre Grötter aus Troia mit, und als sie in Italien ankommen,

3092 lor deus qu'aporterent de Troie reclamerent, ses ont fors mis.

Veldeke war mit der alten Sitte, die Penaten mitzu- nehmen, wahrscheinlich weniger vertraut und sagt nur 3821 „end opperden heren goden", ohne die Götzenbilder selbst zu erwähnen.

Die Klage des Turnus, als er vom Winde weit auf das Meer hinausgetrieben ist, hat bei Veldeke mehr christliche Anklänge als in der Vorlage:

7674 doch hat mich got decke erlöst

üt meneger gröter not. 7718 wäre mir dat heü beskert,

dat mich got so erde. 7724 des wele ich got manen, dat he mich weder brenge met gnädelike dinge.

78 Rationelles und Psychologisches. 78

Im RE ruft er die Götter nicht an, nur einmal sagt er „li deus me heent, bien le sai" (5810).

In der Vorlage tragen die Ritter beim Leichenzug des Pallas brennende Kerzen, und Kerzen brennen in dem Saale, wo der junge Held aufgebahrt ist. Veldeke hat hier diese christliche Sitte nicht, erwähnt sie aber bei der Bestattung der Camilla, wo in Anlehnung an die Vorlage Turnus und sein Gefolge gleichfalls Kerzen tragen. Veldeke fügt er- läuternd hinzu: „dat was sin sede".

Das Mystische in den Klagen des Eneas um Pallas, seine Hoffnung auf eine ewige Glückseligkeit des Freundes, erinnerte zu sehr an das Christentum und ist deshalb im deutschen Text fortgelassen.

Die Klage der Mutter um den Sohn enthält dagegen eine Mischung mythologischer und christlicher Vorstellungen : zuerst flucht sie den Göttern: 8200 „nu moet ich floeken den goden, den ich diende all min leven", dann aber ruft sie Gott an, ihren Sohn zu rächen:

8232 dat hen got moete vellen,

den sehen man, de dich sloech.

In der Vorlage bereut sie nur, den Göttern geopfert zu haben, die ihr Kind nicht zu retten vermochten.

Bei Veldeke schlägt Drances den Zweikampf ganz im Sinne eines christlichen Gottesurteiles vor. Im RE gibt er nur den Rat, die beiden Ritter sollen die Sache unter sich allein ausmachen, während bei Veldeke vielmehr Gott „dat recht beskeinen" soll:

8615 swem got der eren gönne, dat he den sege gewinne, der hebbe't rike end die maget.

Ganz christlich ist der Ausdruck der Reue bei Lavinia, als sie einsieht, daß sie in ihrem Herzen den Eneas falsch beurteilt hat und nun dafür gerne Buße tun möchte: 11532 wie sachte mir dat däde,

mochte ich 't hem geboeten. met minen baren voeten

79 Christliche und mythologische Elemente. 79

wold ich te sinn getelde gän, 11538 et enworde niemer so kalt •weder is noch sne, dat mir 't ongmac däde so we.

Dies Motiv der Bußfahrt erinnert erst bei Veldeke an die Büß- nnd Pilgerfahrten des Mittelalters, welche meistens Rom zum Ziele hatten und bei denen Eis und Kälte beim Überschreiten der Alpen die schlimmste Qual waren. Die Vorlage hat wohl 9220 „Bels dolz amis, se vos plaiseit, nuz piez ireie a vostre tref", „durch Eis und Schnee" fügt Veldeke hinzu.

Im deutschen Text werden die Bezeichnungen „tempel" 9395, „Synagoge" 8277 und r bedehüs" 2705 gleichwertig gebraucht, während die Vorlage nur „temple" hat. Pallas wird bei Veldeke (8259) „in heren templum" getragen, wie auch im RE: „al temple as deus Ten ont porte". Camilla wird gleich nach dem Kampfe von „here holden te Laurente in des koninges sal" gebracht. Gleich darauf sagt zwar Vel- deke, daß Eneas

. 9180 ... die märe vernam,

dat Kamille was erslagen

end in die horch was gedragen

te Laurente in dat bedehüs,

und vergißt, daß sie nach V. 9147 „in des koninges sal" liegen sollte. Die Vorstellung des „bedehüs", wo die Toten aufgebahrt wurden, war ihm geläufiger. Auch die Vorlage erwähnt, daß ihre Leute

7517 quant il vindrent a sa cite,

al tenple ont lor dame portee, iluec la guarderent treis meis.

Von christlichen Vorstellungen kann sich also Veldeke nicht ganz befreien ; sobald er sich aber deren bewußt wird, bemüht er sich, sie durch heidnische zu ersetzen. Auch hierin zeigt sich das zielbewußte Streben nach Einheitlich-

80 Rationelles und Psychologisches. 80

keit, das seiner ganzen rationalistischen Richtung ent- spricht.

4. Moralisches.

Die moralischen Betrachtungen, die in der Vorlage hie und da eingeschaltet sind, fallen bei Veldeke fort, wie auch alles Didaktische ausgelassen wird.

Dies scheint mir bezeichnend nicht nur, wie Behaghel meint (Einl. CXLII), für die Technik Veldekes, der danach strebte, sein Werk möglichst von dem zu entlasten, was nicht direkt mit der Handlung zusammenhängt, auch nicht allein für des Dichters Rationalismus oder seinen Mangel an Vor- liebe für derartige Details (B. Eairley S. 28), sondern weil es Schlüsse gestattet, die etwas Licht auf die wenig bekannte Persönlichkeit Veldekes zu werfen vermögen.

Daß er geistliche Bildung genossen hat, ist zweifellos; daß er aber für den geistlichen Stand bestimmt gewesen sei (Pauls Grdr. II S. 187), läßt sich kaum behaupten. Zu einer Zeit, wo die geistliche Dichtung so in Ehren stand, wo jeder epische Stoff stark christlich gefärbt war, hätte T ein geistlicher Dichter wohl die Gelegenheit benutzt, eine fromme Anspielung in sein Werk einzuflechten ; sein Kunst- gefühl, obwohl es höher steht als man gewöhnlich annimmt, hätte ihn schwerlich davon abgehalten.

Auch kann ich Behaghel nicht zustimmen, wenn er die bald billigenden, bald verwerfenden Urteile, die Veldeke in der Eneit wie im Servatius ausspricht, nur auf die strenge, ernste Richtung seines Sinnes und seine fromme Gesinnung zurückführt (Behaghel Einl. CLXXV). Die von Behaghel angeführten Stellen ließen sich eher aus der feinen, höfischen Kultur des Dichters begründen, ebenso wie aus seinem nüchternen, praktischen Geist. Auch 750 her minnc was te gröt, wand si dar ombe moeste geven toe jongest her leven

scheint mir weniger ein sittlicher Tadel als gegen das Über-

81 _^— Moralisches. 81

schreiten der „mäze", dieser Haupttugend der mittelalter- lichen Welt, gerichtet zu sein. Die Mäze und die Zucht werden von Veldeke zuerst in diesem Umfange als gesell- schaftliche Pflicht gefordert.

Über die Szene zwischen der Königin und Latinus siehe Ehrismann, Z. f. deutsche Wortforschung V. 135. „Te gröt" nennt Veldeke halb volkstümlich die Minne der Dido, nicht weil sie die christliche Sittenlehre verletzt, sondern aus dem einfachen menschlichen Grund, weil sie „dar ombe moeste geven toe jongest her leven". Auch bei der Er- wähnung der Graben des Eneas bemerkt Veldeke: Dido

802 gaf hem den wederlön so harde üter mäten, dat et beter war verläten,

was sicher nicht wie ein moralischer Tadel klingt.

Aus demselben Grund nennt Veldeke die Minne, die sie zum Selbstmord verleitet, „onrechte" (2430). Ein Tadel für den Selbstmord ist in Vers 2429 enthalten „dat quam van onsinne", aber mehr aus praktischen, vernünftigen Gründen als aus religiöser Gesinnung. Es ist ebensowenig ein wirk- lich verwerfendes Urteil als 820 „dat kochte vele düre Dido . . ." und 839 „da si her selves omb vergat ..."

Von der „frommen Gesinnung", für welche Behaghel als Belege die „bald billigenden, bald verwerfenden Urteile, die er über die von ihm geschilderten Handlungen abgibt", an- führt, kann ich in der ganzen Episode von Dido keine Spur sehen; nicht nur bleibt der „eigentliche geistliche Ton" überall ferne (Behaghel Einl. CLXXIV), sondern man merkt sogar einen ausgesprochen weltlichen Sinn.

Wenn Eneas Dido vom Selbstmord zurückhalten will, so sind seine Motive nicht nur fern von religiöser Gesinnung, sondern geradezu weltlich:

2103 ir sit noch ein jonc wif. niet verlieset üwern lif. et wäre skade vele gröt.

In der Vorlage bedauert Dido, daß sie nicht schon tot

Gogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 6

82 Rationelles und Psychologisches. 82

sei und behauptet, sie werde sterben; vom Selbstmord ist hier nicht die Rede.

Auch der höfische Dank beim Abschiedsgruß: 2106 dat ich üwer ie genöt, des moete ü got Ionen,

welcher keine Entsprechung in der Vorlage hat, ist von jeder christlich - geistlichen Auffassung fern. Dürfte von religiöser Gesinnung überhaupt die Rede sein, so hätte der Dichter diesen Satz jedenfalls vermieden. Dido betrachtet wohl das Liebesverhältnis als unrecht: 2034 owe der missedät,

der ich met ü hän gedän,

aber nur aus praktischen Gründen, nämlich weil er sie jetzt doch verläßt. Ebenso enthält Vers 6413, Turnus

. . . dede onrechte,

dat he die skiltknechte

toe den storme dreif,

keine Mißbilligung der Handlung an und für sich, er tat nur „onrechte",

wand et enhalp niet ein hast:

der grave was vast.

Es ist also das Unnütze, das Erfolglose, welches ge- tadelt wird.

Die Mißbilligung der wirklich unedlen Handlung des Turnus, der dem toten Pallas einen Ring vom Finger zieht, ist nicht geistlichen, sondern eher höfischen Charakters. Es war ein höchst unritterliches Benehmen, das schon in der Vorlage erwähnt und getadelt wird, allerdings auch weniger aus moralischen als aus praktischen Gründen: 5770 . . . por fol le fait:

puis fu tels jors, se il seilst, que ja par lui bailliez ne fust, se il s'en peüst repentir, car par l'anel l'estut morir.

Noch strenger ist der Tadel bei Veldeke : „he dede ouch böslike, Turnus der rike".

83 ____— > — Moralisches. 83

Die ritterliche Moral muß Turnus in beiden Texten beachten. Wohl weicht er zuerst vor dem wütenden Eneas, der den Tod des Pallas an ihm rächen will ; als aber später die Mauern von Laurente von dem Feinde erstürmt werden, wird er von Scham ergriffen, versammelt seine Barone und erklärt sich zum Einzelkampf mit Eneas bereit: RE 9667 mielz voil en bataille morir

que vis recreire ne fo'ir. Noch ausdrücklicher bei Veldeke: 12160 gedar et Eneas bestän,

ich wele hem ane gesegen

oft met eren döt legen,

e danne ich die skande

dole in desen lande

van hem te minen live

oft dat he mich verdrive.

ich wele e kiesen den döt.

Der Tadel bei der Belagerung von Montalbane, wo die Mannen des Turnus in viel größerer Anzahl als die Trojaner gefallen waren,

7240 twentichstont was her mere danne der borgäre, die da erslagen wären, want dat onrecht was sin (des Turnus) : dat wart hem decke wale skin,

kann kaum aus der ernsten Gesinnung des Dichters stammen, wie Behaghel meint. Es ist einfach ein objektives Urteil, welches mit der Moral des Dichters nichts zu tun hat.

6*

III. Yeldeke als Künstler.

Die TJnbeholfenheit und Breite von Veldekes Stil, die Unvollkommenheit seiner Technik sind mehrfach betont worden. A. Pey in seiner Abhandlung über Henri de Vel- deke et Benoit de Sainte More, den man als Verfasser des Roman d'Eneas vermutete (Jahrbuch für romanische und englische Litteratur Bd. II S. 1) bemerkt, daß der Vers bei Veldeke, obwohl gewöhnlich etwas kürzer als in der fran- zösischen Vorlage, auch fast immer leerer an Sinn und Be- deutung sei, und daß daher der deutsche Text, trotz der Absicht des Dichters zu kürzen, beinahe 3000 Verse mehr als das Original zählt. Allerdings muß Jeder, der das lange Gedicht gelesen hat, in den Tadel einstimmen, insofern er die Unbeholfenheit und das Ungeschickte im Ausdruck be- trifft; aber nicht alles, was man dem Verfasser sonst zum Vorwurf macht, möchte ich als einen Mangel an Kunstgefühl bezeichnen. Schon B. Fairley versucht in seiner Abhandlung „Eneide und Roman d'Eneas" die Technik des deutschen Dichters in mancher Hinsicht zu rechtfertigen (S. 20 ff.); den feinen Kunstsinn aber, der, von technischen und stilis- tischen Schwierigkeiten gehindert, sich immer wieder zum Fluge versucht, und immer wieder durch die Fesseln der Form gehemmt wird, hat man dabei wohl nicht genügend gewürdigt.

Veldeke hat manches Kunstproblem doch geahnt, wenn auch nicht gelöst, und die Fragen, die die mittelalterliche

Kunst. 85

höfische Welt beschäftigen, sind ihm schon bewußt. Er hat auch das Gefühl für die Feinheiten der späteren, höheren Kunst, aber nicht die Fähigkeit, seinen Gedanken eine ent- sprechende Form zu geben. In der Detailmalerei ist er wohl ein Meister, aber es fehlt ihm an Erfindungsgabe. Außerdem steht ihm weder der Ausdruck noch die flüssige Sprache der späteren Epiker zu Gebote, er arbeitet sich mühsam durch lange, ungeschickte Wendungen hindurch und so geht meist auch die künstlerische Wirkung verloren.

Wenn er zum Beispiel so gern bei jeder Gelegenheit die Namen von Edelsteinen in seinen Schilderungen häuft, so ist dies kein bloßer Mißbrauch der Aufzählung, wie Pey meint, sondern eine wohlbedachte Absicht, das Bild so schön und glänzend wie möglich zu gestalten, und auch der Ausdruck seiner eigenen Freude an solchen bunten Steinen, die für den mittelalterlichen Dichter eine Art von orientalischem Zauber zu enthalten scheinen. Seiner unvollkommenen Tech- nik stand kein anderes Mittel als die Aufzählung zu Gebot, um diese Pracht ausdrücken zu können. Es ist einfach eine der verfehlten künstlerischen Absichten des Dichters.

Auch die Häufung von Details bei der Beschreibung der Sibilla macht Pey Veldeke zum Vorwurf. Allerdings ist die Schilderung etwas überladen, aber charakteristisch für die Art des deutschen Dichters, der das Schreckliche, Grausige besser versteht als die romanische Kunst.

Diese deutsche Sibilla, die vor dem rbedehüsa „antvas" sitzt (ein noch kräftigerer Ausdruck als das französische „eschevelee"), ist in der Tat noch häßlicher als die vom romanischen Dichter des HE geschilderte, welche doch schon weit über die Vergilianische Darstellung hinausgeht. Ebenso wird die Häßlichkeit des Caro übertrieben, obwohl auch RE wieder Vergil weit hinter sich läßt. Veldekes Caro hat überdies etwas Tierisches, sein Kopf gleicht dem eines Leoparden, er hat Klauen an Händen und Füßen, große, rote, lange Zähne, reinn tagel wie ein hont" und ist „ongehüre hinden ende vorne", so daß Eneas sich vor ihm fürchtet.

86 Veldeke als Künstler.

Die Steigerung des Häßlichen und Grausigen erhöhte durch den Zauber des Unheimlichen für deutsche Gemüter offen- bar die Wirkung.

Im Einzelnen ist es schwer, für Veldekes Übersetzungs- technik eine feste Theorie aufzustellen. Er folgt keinem Schema, läßt sich vielmehr von seiner persönlichen Stimmung und von seiner zweckmäßigen, nüchternen Denkweise leiten. Er tilgt z. B. (s. o.) wohl grundsätzlich alles "Wunderbare, das seiner positiven Natur nicht entspricht, insofern es für die Handlung entbehrlich ist. Nur wenn er es der deutschen Anschauung zu nähern vermag, hebt er es noch mehr als die Vorlage hervor; so bei der Beschreibung des Helmes des Eneas, welcher im RE so fest ist, daß ein Schwert, sei es noch so gut,

4432 anceis fust el tote esgrunee, qu'el abatist de l'elme tant ki amontast un peis pesant,

wo Veldeke an deutsche Vorstellungen anknüpft:

5699 de hen op hede gebondeD,

hen enmocht nieman verwonden; er enworde ouch niemer segelos,

und diese wunderbare Festigkeit bezeugt, daß er das Werk eines Gottes ist:

5702 vel wale mau dar ane kos, dat hen meistert Vulcän.

Auch tilgt Veldeke konsequenterweise die Erwähnung vom Preis des Helmes, RE 4430:

ses preis fu de set vinz besanz,

da eine göttliche Arbeit ja unschätzbar ist.

In den ersten 1000 Versen, oder jedenfalls bis Vers 700, merkt man noch deutlich Veldekes Absicht zu kürzen, was ihm aber nur schlecht gelingt. Er läßt ganze Abschnitte aus, muß aber öfter wieder zurückgreifen, um verständlich zu bleiben. So ist Eneas schon am Ufer,

Kunst. 87

120 doe vant he twentich kiele wale beräden end gespiset;

dann erst wird erzählt :

137 sinen son leid er an sinre hant, was die Vorlage richtiger schon Vers 57 erwähnt: . . . par la main mena son fil.

Vgl. Vergil 11,723:

dextrae se parvulus Julus

implicuit sequiturque patrem non passibus aequis,

eine Szene, die auch in Skulpturen und Bildern in römischer Zeit vielfach dargestellt ist (s. Denkmäler der Elsässischen Altertums-Sammlung zu Straßburg i. Elsaß, herausgegeben von R. Henning, Tafel LVI und Seite 59).

Wiederholungen von Redewendungen und Ausdrücken sind bei Veldeke zahlreich.

Die häufigen Anreden an den Leser, die vielen Beteue- rungsformeln (vgl. besonders die Rede des Anchises an Eneas in der Unterwelt 3642—3729), sogar viele der Epitheta sind meist nur von der Reimnot geforderte Füllsel. Auch in der zornigen Rede des Turnus (4402 — 4505) sind Ausruf und Fragen, die den Stil teilweise beleben, doch manchmal nur Flickverse; ebenso in der heftigen Rede der Königin.

Ähnliche Bilder und sogar gleiche Ausdrücke sind nicht vermieden, so bei der Beschreibung der Dido und der Ca- milla (s. S. 134 ff. u. ö.).

Die Umständlichkeit des Stiles ist vielfach eine große: so entspricht den Versen bei Veldeke

440 doe segede man hen te bant, die lüde dies da vonden, die sis gevrägen konden, et wäre Kartägö, da die frouwe Dido geweldich over wäre, doe si die märe rechte vernämen, met frage si doe quämen,

88 Veldeke als Künstler.

im Original

551 il ont enquis et demande, ki mainteneit cele cite-. L'en lor a dit que une femine esteit dame de tot le regne. II ont enquis o ele esteit; par endices alerent dreit.

Dadurch daß die Boten, als sie zuerst nach Carthago kommen, fragen „ki mainteneit cele cite", gewinnt die Vor- lage zugleich eine direktere, zweckmäßigere Antwort; bei Veldeke ist der ganze Bericht länger und umständlicher. Er erzählt weiter, daß sie Dido „bi heren palas in eine kemenade" fanden, und holt recht ungeschickt nach:

452 si worden des te räde, dat si vor si wolden gän.

Die ganze Erzählung der Boten ist überhaupt anders als in der Vorlage. Diese berichtet die Begebenheiten nach der Reihe: Ilionix beschreibt zuerst mit einigen Sätzen 575 — 81 die Zerstörung Trojas, was wie eine Art Einleitung zu seiner Rede ist, während bei Veldeke die Erzählung gleich auf Eneas hinlenkt, der als bekannt vorausgesetzt wird:

466 . . . ir hat wale vernomen frouwe, so ich wäne, ir ensit des niwet äne, ir hat wale gehöret, wie Troie wart testöret

end wie min here Eneas met ein deil lüde dannen vür.

In RE ist der Bericht genetischer, erklärt auch, wer dieser Eneas ist, obwohl nicht nur vermutet, sondern über- haupt als sicher angenommen wird, daß Dido von der Zer- störung Trojas wisse:

565 Bien as oi . . .

Seine göttliche Herkunft wird in RE besonders erwähnt:

Gespräche. 89

„De la celestial lignee ot en Troje im riebe baronc, während er bei Veldeke nur rmin here Eneas" heißt.

Die G-espräche sind bei Veldeke meistens kürzer, ge- drängter und daher um so wirksamer. Die indirekten Reden der Vorlage werden direkt wiedergegeben, so daß die Si- tuationen lebhafter und klarer hervortreten. Turnus er- greift bei Veldeke selbst das Wort, als er den Zweikampf verlangt; dadurch kommt auch seine Ungeduld mehr zur Geltung :

8726 ich engere niet dat he 't lenge, niet wan over nacht.

ich enwele mich läten levende niet onterven.

Auch Latinus redet den Turnus direkt an: „Turnus, dat mach wale sin", während die Vorlage davon nur berichtet. Die direkte Rede des Anchises bei der Weissagung, „ir werdet eten ur skoteln op üwer diske", ist nachdrucks- voller ; RE erwähnt die Weissagung ungeschickt erst, als sie in Erfüllung geht, und muß sich dann mit allerlei einge- schalteten Sätzen aushelfen. Die Rede des Latinus an die Boten ist zwar auch im Original direkt, hat aber bei Veldeke größere Natürlichkeit. Er sagt, er weiß es schon 3948 . . . wale menegen dach

ende vele menich jär

äne twivel vor war,

dat he noch here quäme (nämlich Eneas),

e dan ich min ende näme,

dat ich dat solde geleven.

3964 et es mir lange wale kont,

dat he si (Lavinia) hebben solde, ich wolde ofte enwolde.

Er hatte seine Tochter dem Turnus versprochen, nur weil „min wif die koninginne enliet mich nie geroen". So wird das neue Gelöbnis besser begründet, und Latinus stützt sich auf das Gebot der Götter:

90 Veldeke als Künstler.

die gode hän si hera gegeven.

solde ich nu da weder streven,

dat wäre onminne. Das Gespräch der Venus mit Vulcan, obwohl im Unter- schied vom Original in indirekter Rede wiedergegeben, ist sehr lebhaft. In den kurzen Sätzen der abgehackten Rede- weise hört man gleichwohl die Göttin selber sprechen. — Die eigentliche Sphäre Yeldekes bleibt aber doch die vergegen- wärtigende Beschreibung und Schilderung, die umfassende Ver- wertung des Zuständlichen. Damit vor Allem hat er ein neues Gebiet betreten und auf seine Nachfolger am meisten gewirkt.

Belebende Züge.

Im Anfang, und hier meistens wegen seines Bestrebens zu kürzen, fließt bei Veldeke die Erzählung schlichter und weniger belebt.

Nur die Ankunft in Lybia wird ausführlicher dargestellt : EE 275 tant ont nagie et tant sigle,

qu'as porz de Libe sont torne. Veld. 240 si sprongen toe den borden, si roeden ende stürden, manlike si rürden her arme end here hande, sonst ist aber Vieles getilgt (259 ff., RE 280 ff.). Statt der Beschreibung wüster, einsamer Gegenden im RE hat Vel- deke einen einzigen Vers 261 „luttel goedes he da vant". Die ganze hübsche Ankunftsszene ist ausgelassen: das An- machen des Feuers, die Jagd des Eneas, das Spähen nach den Schiffen, auch die Rede bei der Aussendung der Boten. Allmählich aber, nachdem er sich in den Stoff eingearbeitet, behält er die vergegenwärtigenden Züge bei und fügt noch manche neue hinzu.

Neu ist die Schilderung der Müdigkeit der Trojaner nach den Festlichkeiten :

1175 Die wonne was da vele grot, went es die lüde verdröt, end begonden swären

Belebende Züge. 91

end so moede wären, dat si der släp dannen dreif, gegenüber der Vorlage

1153 ... nos fumes tuit departi et vers mie nuit endormi.

Als die griechischen Ritter die Plünderung de/ Stadt anfangen, bemerkt Eneas bei Veldeke: 1190 si wären wale beräden: si hadden here wäpen, end wir warn ontsläpen ;

die Vorlage wieder nur:

1167 ne troverent nul contredit.

Die Freude der Trojaner bei der Rückkehr des Eneas aus Spalante ist bei Veldeke kurz und anschaulich geschil- dert ohne die lange ungeschickte Erklärung des RE, daß es von den Trojanern unvorsichtig gewesen sei, dem Feinde die Freudenäußerungen nicht besser verborgen zu haben. Veldeke tadelt ihre Unvorsichtigkeit mit einem einzigen Worte „die dombe" und erreicht so eine natürliche und un- mittelbare Wirkung. Turnus, sagt er, hätte nichts bemerkt : 7278 niwan dat die dombe,

van frouden si sprongen, si riepen ende songen.

Anschaulicher ist auch die Neugier der Leute, als sie das große Zelt des Eneas aufgeschlagen sehen, das sie für eine Burg halten:

9249 si liepen op die müre, ridder end gebüre, knechte ende koupman.

si spräken al gelike arme ende rike.

Die Vorlage schildert hier gleichfalls recht lebhaft (7337 ff.), Veldeke aber bringt durch die bewundernden „ridder end gebüre, knechte ende koupman" mehr Fülle in die Szene. Auch andere kleine Züge und hübsche Vergleiche sind hin- zugefügt, die die Vorlage nicht hat, wie

92 Veldeke als Künstler.

10043 si wolde ofte enwolde (wieder 10464) und

10490 ich wän versmelte als der sne, so an hen die sonne skinet heit,

welche auch der früheren deutschen Dichtung nicht unbe- kannt Sind (vgl. Roland 5172, Rother u. a.). Ferner bei der ersten Erscheinung des Anchises sagt dieser, es sei für ihn Zeit, sich zurückzuziehen, denn „et näken der hanekrät", ein volkstümlich prägnanter Ausdruck gegenüber „li jors me haste de l'aler" der Vorlage.

Das Grauenhafte der Grube der Sibilla, die im RE „avironee d'une eue neire et fanjose" ist, wird bei Veldeke noch weiter ausgemalt:

2892 ein brennende water liep nedene in den gront.

dat brande ende kracde, gröt wonder et macde, starke het neder flot,

und brennend ist auch bei Veldeke das Wasser des Flegeton, das in das Schifflein des Caro hineinfließt.

Viel eingehender schildert Veldeke die Qualen der „lüde äne tal", die er in der Hölle findet, von Hitze, Kälte, von Löwen, Drachen und Leoparden gepeinigt. In diesem ganzen Abschnitt ist Veldeke persönlicher und freier.

Die Rede des Caro ist drastischer und für das Un- geheuer charakteristischer :

3118 du enwelles dich versinnen end vares skiere hinnen, dir wert lichte ein slach, dat dir der rucke breken mach;

die Vorlage hat dafür nur:

2531 Estez, iluec por rien venez, car ja par mei n'i passerez, ne ne vendreiz a altre rive,

was neben dem zornigen Tone Veldekes farblos wirkt.

Die Ansprache der Sibilla an Caro ist mehr gebieterisch :

__^_ — Belebende Züge. • 93

3118 Cäro, swfch stille!

lä din ovel rede stän! 3128 ira enspric der niet wedere, füre ons over ende swich, und als Caro den Zweig des Eneas sieht, beruhigt er sich nicht nur, sondern beginnt sogar zu „smeiken".

Auch der Arger des Cerberus beim Anblick des Eneas ist bei Veldeke kräftiger

3243 torenlike er op spranc

wide genede hem der mont.

he strufde sich vor torne und er bellt in Anlehnung an den deutschen Aberglauben, 3253 dat die helle wagede,

als der düvel da jagede, während im RE nur „trestoz enfers resona".

Eingehender als im RE wird die Botschaft der Königin an Turnus erzählt (4350 ff.). Bei Veldeke schreibt sie selbst einen Brief, statt dem Turnus, wie in der Vorlage, einen Boten zu senden. Veldeke weiß sogar, daß „die boechstaven wären rota. Der Brief ist also mit Tinte auf Pergament geschrieben, ebenso derjenige, den Lavinia dem Eneas sendet. Als diese aber den Namen ihres Geliebten schreiben soll, da tut sie es auf eine „taveP mit einem -gropel van golde". Solche Wachstafeln wurden auch von den Kindern benutzt, die sich in der Schreibkunst übten, da Pergament für weni- ger wichtige Sachen zu kostbar war, und Veldeke stützt sich wieder mehr auf das reale Leben. Er sagt auch, daß sie ihren Brief in „skönen lätin" abfaßt. Lavinia und die Königin können also bei Veldeke beide schreiben. Turnus liest selbst den Brief der Königin; ob er aber auch schrei- ben kann, ist zweifelhaft ; jedenfalls, um seine Freunde zum Kampfe aufzufordern „biet he skriven brieve" (4505), was allerdings nur eine Formel sein mag. Die Vorlage erwähnt dies nicht.

Ebenso können auch im RE Turnus und Eneas lesen. Daß dies unter den Rittern nicht allgemein war, beweisen

94 * Veldeke als Künstler.

manche Stellen in der Literatur der Zeit. Vgl. Kudrun 607 „als eine der daz künde die brieve gelas" oder H. Ernst: 346 Do hiez diu edeliu herzogin

einen boten balde gän

nach einem ir kappelän

der ir den brief ze rechte las

swaz dar an geschriben was

und zahlreiche andere Stellen.

Anschaulicher als in der Vorlage ist ferner die Szene der Liebesbotschaft der Lavinia an Eneas. Zuerst schließt sie sich in ihre „Kemenate" ein:

10785 Doe was die maget reine in der kemenäden eine, her angest was vele gröt. die dore si binnen beslöt.

Sie schreibt den Brief in „skönen lätine", liest ihn durch und läßt ihn trocknen, ehe sie ihn zusammenfaltet, dann geht sie ans Fenster und als sie Eneas sieht, erhöht sich ihr Mut —

10836 als he noch vele meneger doet, die her hertelief gesiet,

fügt Veldeke mit anmutiger Wendung hinzu, — und dann „frölike si spranc van den venster op die bank", öffnet die Tür und ruft den jungen Knappen, 10843 skiere ontslöt si die dore

end sach in den hof hen vore.

Auch der Jüngling läuft „vele skiere dare". Die Vorlage schildert diese Szene ja auch recht anschaulich:

8793 Zuant ot escrit ce qu'el voleit, le brief a pleie molt estreit, comenca sei a porpenser en cui el se porrat fier, par cui el li puisse enveier.

a la fenestre s'en rala,

mist fors son chief, vers l'ost guarda

8812 Un archier le rei apela,

Belebende Züge. 95

Veldeke aber bringt durch die Detailmalerei mehr Bewegung und Handlung hinein.

Im RE wird die Leiche des Pallas erst am Abend nach beendeter Schlacht nach Montalbane getragen. Veldeke läßt dies gleich geschehen, nachdem Eneas ihn gefunden hat, so daß keine Unterbrechung der Erzählung stattfindet und der Gefallene nicht so lange liegen bleibt wie im Original, viel- leicht noch in Einklang mit altgermanischer Sitte.

Die allgemeine Bestattung der Toten übergeht Veldeke dann; dagegen beschreibt er nach der Bestattung des Pallas, bei welcher der König im RE nur „l'uis estopier" läßt, genau, wie die Grabkammer kunstgerecht zugemauert

wird

8413 met kalke end met steinen groten ende kleinen, die vast wären ende hart, sint dat der morter droggen wart, so enmocht man 't niet tebreken.

Auch bei den Festbeschreibungen verweilt Veldeke mit sichtlichem Vergnügen.

Bei der Ritterweihe des Pallas erwähnt RE keine be- sondere Feier ; Veldeke gibt auch keine ausdrückliche Schil- derung des Festes selbst, ihn interessieren mehr die fest- lichen Vorbereitungen : König Evander läßt Boten aussenden und „seggen märe", daß Pallas „gewäpen nemen soldec. Die Leute kommen in großer Zahl „met groten frouden ende speie" und so „wart herlike ridder sin son Pallas". Beim Einzug in Carthago beschreibt Veldeke nicht die Anordnung der Trojaner, wie RE

707 Si Tro'ien vont devant lui

et chevalchoent dui et dui, aber Eneas sieht

718 ... in beiden siden

megede ende frouwen,

die hen wolden skouwen,

gesieret end gebonden,

so si alrebeste konden,

die hen gerne sägen.

96 Veldeke als Künstler.

während im RE nur

709 borgeis, dames et Chevaliers et en rues et en solliers les vont a merveille esguarder.

Ganz ähnlich sieht Eneas bei seinem feierlichen Einzug in Laurente

12854 .... in beiden siden einen wech langen, met pelle behangen, he sach da sitten ende stän menige maget wale gedän end menich minnelike wif, die wale hadden heren lif gesieret nä den lantseden,

was die Vorlage überhaupt nicht bringt.

Schilder an gen.

Dem mittelalterlichen Geschmack gemäß, wird schon im französischen Original auf das Luxusleben der Ritter beson- derer "Wert gelegt. Bei Veldeke sind die Schilderungen von Kleidern und Waffen, Rüstungen und Schmuck, überhaupt von Gegenständen, die dem äußeren Leben angehören noch eingehender detailliert (vgl. auch Scherers Literaturgeschichte S. 148). Er bietet darin nicht nur eine „Übersetzung", son- dern eine wahrheitsgetreue Schilderung von Dingen, wie sie ihn umgeben, und von Vorgängen, wie sie sich damals zu- trugen. Eben darum erlangt er im Allgemeinen eine größere Anschaulichkeit als die Vorlage, und obwohl schon der Dichter des RE dem antiken Epos eine mittelalterliche Form ge- geben und aus dem klassischen Werk, welches von der reli- giösen Idee der Glorification Roms durchdrungen ist, eine Art Abenteuerroman gemacht hat, ist doch die Detailmalerei bei Veldeke viel eingehender; für das deutsche Werk sind die Sitten und Gebräuche der Zeit und des eigenen Landes maßgebender als das französische Original. Kleine glück- liche Kunstgriffe, die ihm vielleicht unbewußt sind und die

Kampfszenen. 97

er seiner Dichternatur verdankt, veranschaulichen seine Bil- der und verleihen ihnen etwas Frisches, Lebhaftes, das uns heute noch bei der Lektüre angenehm berührt. Besonders Kampf- und Jagdszenen, Gespräche, Liebesschilderungen, Streitigkeiten, kurz, alles was der Dichter aus eigener Er- fahrung kannte, gibt er realistischer wieder. In den Dingen aber, die bei ihm nicht auf persönlicher Anschauung be- ruhen (wie z. B. bei den Naturbeschreibungen), bleibt er hinter seiner Vorlage zurück.

Veldeke besitzt eben mehr die Kunst der Vergegenwärti- gung durch das Hinzuerfinden kleinerer Züge als eine wirk- lich schöpferische Phantasie.

a) Kampfszenen.

Die lebendigen Kampfbeschreibungen Veldekes lassen mit Sicherheit auf persönliche Erfahrung des Dichters schließen.

Hat dieser auch an keiner richtigen Schlacht Teil genommen, so kann ihm zu einer Zeit, in welcher die Ritter, freiwillig oder nicht, zahllose Streitigkeiten hatten, die Ge- legenheit nicht gefehlt haben, Gefechte selber mitzumachen, die bei den damaligen Zuständen leicht zu wirklichen bluti- gen Fehden ausarteten.

Mit einer einzigen Ausnahme (dem allgemeinen Kampf, an dem Camilla und ihre Jungfrauen teilnehmen, V. 8880 ff., RE 6980) sind die Kampfschilderungen bei Veldeke länger und ausführlicher als in der Vorlage. Mit sichtbarer Freude verweilt er bei den Einzelheiten, die er eingehend beschreibt. Auch ergänzt er die Motive mehrfach und sucht Alles auf ein möglichst ritterliches Niveau zu bringen.

Der Szene zwischen Ascanius und Tyrus und dessen Söhnen gibt er größere Wahrscheinlichkeit, indem er das Mißverständnis dadurch entstehen läßt, daß sie verschiedene Sprachen reden:

4672 si 'n vernämen sinre reden niet. here rede er ouch niet vernam.

er enwiste niet, dat he (nämlich der Hirsch) was tarn, ouch enkonde ers niet gefrägen. Qogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 7

98 Veldeke als Künstler.

Im RE stürzen sich Tyrus und die Seinen gleich auf die Trojaner, ohne auf irgend eine Erklärung zu warten: 3627 nes araisnierent tant ne quant, vont les ferir de maintenant.

Veldeke fügt wiederum mit feiner Motivierung hinzu, daß sie sich ärgern, als sie den Ascanius fröhlich auf dem Hörn blasen hören, während sie selbst um den Lieblingshirsch trauern :

4676 doe si hen komen sägen,

de heren hert badde erslagen, ende si hen hörden jagen frölike met dat hören, dat was hen allen toren.

Im RE sind sie mit „pels et macues" bewaffnet, was mehr den Eindruck von rohen, wilden Leuten hervorruft als von Rittern eines edlen Geschlechtes, wie man sie sich doch denken muß nach Vers 3528: „Tirus . . uns oem ki ert de halt parage".

Nur die Trojaner führen im Or. Waffen, „espees nues". Veldeke dagegen läßt Tyrus und seine Söhne ins Haus zurück- kehren, um ihre Waffen zu holen, und diese sind nicht die einfachen Keulen der Vorlage, sondern die ritterlichen „swert, bogen ende spere".

Kaum hat der Kampf begonnen, so kommen in der Vor- lage die „paisantdelacontree" gleich „alamellee". Der Dichter spricht verächtlich von ihnen: 3637 „Issu sont fors come bri- eon"; später nennt er sie „la vilenaille". Bei Veldeke dagegen kommen die „borgäre op here ros" regelrecht zum Kampf ausgerüstet mit Schild, Speer und Bogen, während im RE diese „vilenaille" der Fechtkunst unkundig ist: „ne sont pas duit de bataille". Der Kampf wird hier gleich allgemein, Veldeke leitet ihn damit ein, daß ein Trojaner „dorch den lif geskoten" wird, worüber Ascanius sich erzürnt: 4696 „doe wart he tornich genoech". Ein Bild jugendlicher, rascher Entschlossenheit bietet Ascanius als er mit gespanntem Bogen seinen Leuten zuruft, den toten Ritter zu rächen :

Kampfszenen. 99

4704 eine skarpe sträle satte er ane end rac sinn weideman genoech,

sich so als „ein snel jongelinc" bewährend. Als der älteste Sohn des Tyrus „joste son frere" tot nieder fällt, genügt Veldeke die Bemerkung der Vorlage

3656 dolenz en.fu Tirns ses pere; li suen se peinent del vengier

nicht, besonders scheint es seinem ritterlichen Sinn befrem- dend, daß der Bruder nichts tut, um ihn zu rächen. Er fügt darum eine lebhafte Szene ein:

4713 Doe des der broeder wart geware, manlike trat he dare te den heren Ascäne: he rämde sin te släne in dat houvet met den s werde,

und Ascanius wird nur dadurch gerettet, daß er „gereden was", während „der jene te foete stont".

Mit realistischem Sinn läßt Veldeke die Trojaner sich auf einen Felsen flüchten, so auch technisch besser moti- vierend, daß sie sich gegen eine so große Anzahl von Fein- den zu halten vermochten.

Die Zusammenkunft von Turnus Heer: RE 3903 de totes parz molt en aüne,

bien ot serjanz et Chevaliers de si que a set vinz miliers

wird bei Veldeke nicht nur breiter, sondern auch mit be- kannten formelhaften Wendungen gegenständlicher ausge- führt:

5005 . . . . te rosse end te voete,

si quämen in allen siden toe Laurente toe gevaren met vele mekelen skaren dat lant te berge end te dale.

t)en Angriff auf die Burg Montalbane sucht Veldeke gleich- falls in formelhafter Weise lebendiger und gegenständlicher

100 Veldeke als Künstler.

zu gestalten. Er erwähnt „armbrusten, skarpen gere, swert, die starke klongen, da st tesamene drongen", 7169 vele menich heim da klanc,

dat dat für dar üt spranc

brennende te berge.

da worden halsberge

met swerden verskroden.

So viele werden erschlagen, daß

da was met den döden der wech al belegen.

In der Vorlage fallen dann Pandarus und Bicias „as pri- merains cols". Veldeke läßt zuvor den Bicias mit Turnus kämpfen und bringt mehr Bewegung in die Szene, indem er Turnus schildert, wie er seinem Gregner „na trat, want he des lives gerde" und ihn „met einen skarpen s werde" die rechte Hand abschlägt, so daß er in den Graben fällt und den Hals bricht. Indessen hat auch Pandarus „döt- wonden ontvangen".

Der erste Gang zwischen Pallas und Turnus ist gleich- falls ein Zusatz Veldekes, der ihm Gelegenheit gibt, einen Zweikampf und die glänzenden Rüstungen zu schildern, vor Allem seinen Lieblingshelden Pallas zur Geltung kommen zu lassen (7300 — 7370). Die Szene ist besonders wirksam: Pallas „der koene" spornt sein Roß, sprengt „vor sinre skaren end vor allen sinen holden", nimmt seinen Schild „an der haut" und läßt seinen Speer in Kampfeshaltung sinken, „als dede Turnus dat sin". So rennen sie aufeinander und

däden eine juste

harde ridderlike,

äne arge liste. Die Holzschäfte der Lanzen fliegen in Splittern umher, dann ziehen sie die Schwerter; sie sitzen fest im Sattel,

her beider ros gesäten

op die hassen neder:

iedoch enviel her neweder.

Dann wird das Gefecht erst allgemein:

Kampfszenen. 101

7372 doe miscten sich die skaren vaste in beiden siden.

Veldeke verweilt dabei wieder etwas länger als die Vor- lage. Diese schildert „la mellee" in einigen Versen:

5636 Cil a comencie la mellee;

tuit eil de l'ost i sont venu, et eil furent des nes eissu, si comencent a torneier joste la mer, par le gravier,

fügt aber hinzu, daß es zu lang wäre

... tot a nomer

et les jostes a aconter,

les proeces que.chascuns fist,

ki i fu morz et ki l'ocist,

und wendet sich gleich zu den Taten des Eneas und des Pallas. Veldeke bemerkt zwar auch wie die Vorlage

7384 et war te seggen te lanc, we da viel end we da stac end we da sin sper brac, we da starf end we da sloech,

schickt aber eine eigene kleine Kampfschilderung voraus:

7375 dat here quam beidenthalven toe. iedoch was et dannoch froe. 6 danne et worde midde dach, so wart da menich slach ontvangen ende gegeven end verläten menich leven te soliken wedergelde. an den breiden velde wart doe mekel gedranc.

Helme und Schilde werden durchhauen, die Leute, die „an den breiden velde" ihr Leben lassen, sind „ontalehacht" und die Toten auf Turnus Seite „twentich stont mere" als diejenigen des Eneas. Ebenso werden bei der Bestürmung von Montal- bane von den Mannen des Turnus „twentich stont mere danne der borgäre" erschlagen. Die Wendung

7442 doe wart van den bloede dat mere da engegen rot

102 Veldeke als Künstler.

ist aus der Vorlage übernommen

5646 la mers en est tote vermeille. * Der Kampf zwischen Pallas und Turnus wird ebenso lebhaft beschrieben als in RE, aber mit einigen besonderen Zügen. Veldeke hebt hervor, daß sie allein waren:

7542 si twene warn da eine,

dat nieman da bi hen was,

da es ihm doch auffallend erschien, daß keiner von den Rittern, wären sie zur Stelle gewesen, dem Herrn zur Hilfe herbeieilte. Man merkt sogar, daß dem Dichter dies erst nachträglich einfällt, als er schon mitten in der Kampfes- schilderung ist und schon erwähnt hat, daß sie 7540 tehiewen die skilde

te spänen vele kleinen.

Anschaulicher als die Vorlage wird Veldeke, wenn bei ihm Pallas dem Turnus einen solchen Hieb versetzt, daß dieser „dar neder lach" und

op die knie he neder quam vor Palläse an den sant.

In dieser Stellung ist es ihm auch leichter, dem Pallas das Schwert „onder den halsberc in den lif" zu stechen,

so dat he'm lant ende wif

iemer me met frede liet.

Die Heldentaten, welche Eneas mit den guten Waffen des Vulcanus vollbringt, führt Veldeke wiederum weiter aus. Der Held stürzt sich dahin, wo das Gefecht am hef- tigsten tobt und fällt so viele Feinde, daß die Erde rot von Blut wird:

7400 da wart bloedich menich forch. vel menegen he valde, den nieman entalde, bis ihm „sin skacht brac" ; dann zieht er sein Schwert und erschlägt noch unzählige Feinde : 7418 si wären ontalehacht, die vor hem döt lägen.

Sehr anschaulich ist die Schilderung der Kampfeswut

Kampf szenen. 103

des Eneas, als Pallas erschlagen liegt und er dem Turnus nachjagt, ohne ihn erreichen zu können. In der Vorlage wird nur gesagt, daß Eneas über das Schlachtfeld schreitet, 5860 .... Turnus querant,

nel trova pas, car il n'i ert,

n'encontre nul ki nel compert.

Bei Veldeke kehrt er wieder mitten in das Gefecht zurück und schlägt „die wonden vele wit", tötet „swen er an sinen wege vant, he wäre jonc ofte alt", erschlägt „vele äne mäte" und macht „eine sträte enalmidden dorch dat gedranc". Im Original steht nichts davon, nur für letzteren Ausdruck heißt es viel weniger anschaulich:

5655 n'i a celui ki son colp veie ne li face volentiers veie.

Auch beim Kampf mit Mesentius bringt Veldeke einen rea- listischen Zug, den die Vorlage nicht hat:

7796 he droech sin sper ein deil te neder,

want hem der arm moede was. So kommt es dann, daß Eneas den Mesentius nicht gleich tötet, sondern ihn „boven den knie" verwundet und auch das Roß durchsticht,

7802 so dat si beide in einre vorch

op einander lägen. Der Zweikampf mit Lausus ist breiter ausgeführt. Im RE schlägt Eneas den Jüngling in heftigem Zorn „maltalent ot, molt fu iriez", — bei Veldeke kämpfen beide „helede goede met grimmigen moede", nur kann Eneas natürlich besser „vechten ende skirmen", er „enliet hen nie gehirmen, Lausum den jongelinc".

Von Mesentius, der den Sohn rächen will, berichtet Vel- deke dagegen nur:

7900 sinre wonden he vergat und fügt hinzu:

dat was iedoch dompheit,

bemerkt aber nicht, wie die Vorlage, daß er „molt esteit afebleiez". Vielleicht empfand es Veldeke nicht als großen

104 Veldeke als Künstler.

Ruhm für Eneas, einen alten, verwundeten und schwachen Ritter zu besiegen. —

Vor dem ersten großen Kampfe haben sich Eneas und Turnus beide in den Hinterhalt gelegt. Daraus ergibt sich dann der Grund, warum Eneas nicht auf dem Kampfplatze erscheint. Die Szene wird bei Veldeke anschaulicher aus- geführt, während RE sie eben nur erwähnt. Turnus reitet gegen Eneas in den Wald,

8869 da he sich sin verwände.

sine man he des mande,

dat si reden stille.

do lach ouch der here Eneas also stille an sinre lägen, dat si sin niet ensägen.

als lägens allen den dach enbeidenthalven stille.

Den sieghaften Gang der Camilla mitten durch die Trojaner, die sie „sloech achter wege wal eine halve mile", beschreibt Veldeke mit sichtlichem Vergnügen: 8880 — 8900. Die Jungfrauen, die Camilla mit sich führt, sind als eine Art ritterlicher Walkyren geschildert. Sie können

5216 .... helme houwen ende skilde steken ende spere breken, sere justieren end wale pungieren.

Diese Kampfausdrücke, auch die französischen kommen im RE an dieser Stelle nicht vor, werden aber sonst vereinzelt erwähnt (3974 torneier et j oster, 7035 ff. point . . . joste . . . fiert de lance et d'espee etc. und wieder Veldeke 9051 ff.). In der deutschen Literatur finden wir sie vor Veldeke nicht. Der Kampf selbst ist mehr zusammengedrängt als in der Vorlage, die manches Spezielle bringt, was Veldeke allge- mein formelhaft gestaltet, wie

8958 da tehiewen si die skilde end die helme goede.

Kampfszenen. 105

da wart van den bloede dat groene gras allet rot.

Anschaulicher wird der Bericht Veldekes, als Camilla und ihre Jungfrauen „vaste went an datwichhüsK zurückgedrängt werden. In 8944 „doe sprancte Mesäpus — met twein dü- sont heleden goeden... " gibt das eine Wort „sprancte" ein ganzes Bild, neben dem die entsprechende Stelle im RE 7026 „Mesapns un enchalz lor faitK blaß erscheint.

Beim letzten, entscheidenden Zweikampf läßt Latinus bei Veldeke die Mannen sich ganz entfernen, denn, wie Behaghel bemerkt, es schien das Gebot des Königs, daß keiner der- selben

3903 ne se mueve . . . por rien que il veient, o mal o bien

ihm wenig Sicherheit zu bieten. Er versucht auch die Schilderung von dem Kampfe, der zwischen den Leuten entsteht, in lebhafteren Farben als die Vorlage wiederzugeben. Da er aber nicht genetisch zu gestalten vermag, sondern, wie öfters, nur aneinander gereihte Wendungen gebraucht, erreicht er sein Ziel kaum, trotz aller Einzelheiten, die er aufzählt. Die französische Dichtung erklärt wieder einfach: 9433 Ge ne puis mie tot nomer,

molt sereit fort a aconter

ki i josta, ki i cbai,

ki morz i fu, ki l'abati,

mais molt s'entrefierent forment.

Die Trojaner fechten bei Veldeke

11820 met den skarpen swerden

met skilden end met speren end met den skarpen geren — si macden menegen seren ende met den spieten.

si skoten vaste met den bogen, vele decke da flogen skechte ende pile.

106 Veldeke als Künstler.

Die Vorlage berichtet dafür ganz kurz :

9430 d'ambesdeus parz se corent sore, as fers des lances se requerent, a cenz et a milliers i muerent.

Als Turnus sieht, daß Eneas verwundet ist, waffnet er sich eilig und stürzt ins Gedränge. In der Vorlage geht die Handlung rasch weiter. Veldeke dagegen hält sich mit seiner Liebe für Detailmalerei noch bei der Erwähnung der Rüstungsstücke auf:

11928 sinen heim er op baut,

sine iserhosen dede er ane.

Auch den Angriff des Turnus und seiner Schar führt er weiter aus, bei ihm beteiligt sich die ganze Mannschaft am Gefechte, während in RE nur von Turnus selbst gesprochen wird. Den „storm freissam" schildert er bis ins Einzelne: man sieht die zerhauenen Schilde, die Schäfte, die hoch in die Luft fliegen, und hört den Klang der Schwerter; die Vorlage hat dafür nur

9492 Enuiz sereit a aconter

toz cels ki abatu i fureDt,

ki i ferirent, ki morurent.

Das Gedränge ist so groß, daß „der wech vel enge" wurde „in dem widen gevilde". Durch kleine Vergleiche und gegenständliche Angaben sucht Veldeke das Bild anschau- licher zu machen :

11946 si tesloegen die skilde,

als si wären van glase.

da lach bloedich an den grase

menich buch äne houvet,

11972 des wart da van den bloede dat gras rot end der melm. da wart verskröden menich heim ende menich sarrinc.

Solche Formeln sind häufig in der ganzen Dichtung der Zeit. Vgl. S. 102, 105 und Roland 5026

si macheten wise gruone

mit pluote gare perunnen.

Kampfszenen. 107

Viel ausführlicher als in der Vorlage, die davon nur eine Andeutung hat, ist die Schilderung des Kampfes nach dem Tode des Naptanabus, der Flucht der Trojaner, die

12069 . . . met heren vanen

flouwen getogenlike dane werehacht over dat velt,

von dem Wechsel des Kriegsglücks, als Eneas erscheint, und dem Seelenzustande des Turnus, als er zwischen Ehr- gefühl und Angst schwankt. Er

wolt niet sterven dannoch,

ende flö ongerne iedoch,

bis er endlich „met skanden end niet met eren" davon flieht. Die Kampfesfreude, die man in der Vorlage nicht her- ausfühlt, empfindet Veldeke selbst lebhaft mit: 12092 wie gewaltlike doe jagede der hertoge Eneas !

In der Vorlage will Eneas nicht „entendre a cels ferir ki vont fuiant", sondern sucht nur den Turnus zu erreichen. Veldeke aber versäumt die Gelegenheit nicht, eine so dank- bare Szene episch zu schildern, und läßt den Eneas die Feinde „went toe Laurente in die borch" verfolgen. In der Eile lassen die Flüchtlinge

12127 . . . skilde ende sper

end alre slachte gewer menich ros wale gedän lieteu si ledich stän.

Die Beschreibung des Zweikampfes der beiden Helden ist bei Veldeke länger und kommt durch manche kleine Züge, die der Vorlage fehlen, der Wirklichkeit näher. Die Rosse werden bald erschlagen „van den grimmen stöten, dat si einander stieten", dann dringen die Ritter zu Fuß, „met grimmigen moede" auf einander ein. Sie geben und empfangen Hiebe „grimme ende gröt", so daß

over ein lanc gevilde

eine halve welske mile

das Getöse der Waffen schallt, wozu Veldeke bemerkt:

108 Veldeke als Künstler.

12368 war et op einen aneböt

tusken twein starken smeden met wale gerouweden leden, et endorchte niet lüder skellen.

Turnus schlägt dem Eneas mit so wuchtigem Hieb auf den Kopf, daß, obwohl der Helm so hart war, daß

12421 he sich nie gebouch,

dat für doch dar üt flouch, dat gröt ende Hecht was. des erbalch sich Eneas.

Das Original hat dafür nur

9715 onkes de cel colp n'i parut, il ne fendi ne il ne frut.

Dann läßt Veldeke Lavinia am Fenster erscheinen und den Helden bei ihrem Anblick neuen Mut fassen:

12431 des gewan der helet goet einen grimmen högen moet, want hem die maget lief was,

was die Vorlage nicht hat, Veldeke aber gleich wirksam werden läßt, wenn Eneas „dat swert höge op droech" und dem Turnus den Helm „vel nä einre hende lanc" abschlägt; er

verskriet hem ouch die ringe

bi den houvede ein deil

und dazu den Schildesrand. Dann schwingt Turnus mit „eines lewen moet" „sin swert vele ho" und schlägt ihn „be- siden an dat houvet" so heftig, daß er ihn betäubt und ihn „op die knie" bringt. In der Vorlage heißt es nur:

9731 un entredeus porta Turnus, fiert Eneas en l'elme sus.

Als Turnus den großen Stein wirft, nachdem ihm das Schwert zerbrochen ist, tut er dies bei Veldeke mit solcher Kraft, daß Eneas

12504 . . . küme mochte stän end ein deil besnevede.

Die Vorlage bemerkt nur, daß

9765 ... de cel colp riens n'i parut, ne Eneas plein pie n'en mut.

Belagerungen. 109

Wieder ist Veldeke darauf bedacht, auch die Tapferkeit des Turnus hervorzuheben. Dieser findet nur bei Veldeke einen halben Schaft „liggende an dat gras" und wehrt sich damit „die wile dat mochte wesen". Eneas aber läßt ihn nicht

gehirmen. er enmochte niet geskirmen vor den swerde, dat he droech,

und bringt ihn so zu Fall.

Als Volzän bei dem Ausfall des Eurialus und Nisus gebietet, den Eurialus zu töten, springt in der Vorlage Nisus hervor und sucht durch seine Rede die Rache auf sein eigenes Haupt zu lenken, während er bei Veldeke nicht spricht, was auch natürlicher ist, da der gereizte Volzan ihn kaum hätte zu Worte kommen lassen. Dadurch, daß dieser ihn gleich töten läßt, wird die Handlung bei Veldeke anschaulicher und rascher.

Nisus kämpft mit dem Mut der Verzweiflung und Vel- deke bemerkt bewundernd :

6770 ouch hadde er eines lewen moet, dat mach man wale spreken,

denn er wollte nicht nur seinen Freund rächen, sondern selber „niwet komen danetf. Volzan läßt dann bei Veldeke ordnungsgemäß

6797 sine lüde . . . baren,

die da erslagen wären,

beide döt ende wont,

was die Vorlage übergeht.

b) Belagerungen. Mit schärferer Zeichnung der Situation hebt Veldeke bei dem Kampf des Ascanius mit Tyrus ausdrücklich den Vorteil der Troianer durch ihre günstige Stellung auf einem Felsen hervor :

4755 doe worden si vele frö,

da si op den steine stonden ho,

während die Vorlage nur die Tatsache selbst erwähnt. Im

110 Veldeke als Künstler.

RE dauert der Angriff auf die Festung lange, 3734 „grant piece a li asalz dur6". Bei Veldeke dagegen gehen die Troianer gleich „drin met gewalt". Auch die Flucht der Leute des Tyrus, die in der Vorlage anschaulich dargestellt wird, und die Plünderung des Hauses läßt Veldeke fort. Dagegen wird die Plünderung des Landes um so lebhafter geschildert :

Veld. 4810 doe randens over al dat lant.

gröten rouf si nämen.

swat si ane quämen,

dat was allet verloren,

vie, fleisc ende koren,

mele, bröt ende win. RE 3773 la preie acoillent del pa'is,

tot ont robe' et tot ont pris,

mil somiers ont chargie" de ble.

Nicht nur nehmen bei Veldeke die „stolten Troiäne" „allet dat si vonden end allet dat hen dochte, dat si ge- füren mochten", sondern sie zwingen auch die Leute des Landes, ihnen den Weg zu zeigen: 4830 di gebüren si bedwongen, dat si si den wecb wisden,

was die Vorlage nicht hat.

Belagerung von Montalbane. — Sobald Turnus die Abfahrt des Eneas erfährt, befiehlt er, die Leute zur Belagerung der Burg zu führen:

4833 . . . comanda hastivement

que al cbastel meinent sa gent;

il a ses graues fait soner; Veldeke fügt hinzu, daß dem Turnus „märe gesagt" wird, Eneas habe „dorch vorchte end dorch not dat lant gerümet". Er befiehlt auch „over al dat here, dat man die borch be- säte" und denkt sie zu gewinnen 6318 „e danne er iwet äte", hatte aber davon „mekel arbeit" 6466. Den Angriff beschreibt er mit unverkennbarer Anteilnahme: 6325 gröt gerocbte da wart,

doe sieb hoef an die vart

Turnus der rike.

Belagerungen. 111

Die Hörner werden geblasen, die Fahnen „anegebonden in vele körten stonden". Kampfesfreude erfüllt auch die Mannschaft: „gerne däden si dat" und Turnus fängt das Gedinge „harde manlike" an und reitet „vaste" an den Graben. Dafür hat die Vorlage nur die kurze Angabe:

4835 il a ses grailes fait soner, et l'oz comence a errer. AI chastel vindrent, si l'asistrent.

Die Troianer wehren sich und „skoten her ave met armbrusten end met bogen", während sie in der Vorlage erst schießen, nachdem Turnus „vint feij et plus" um die Burg geritten ist. Auch berichtet Veldeke allein von den Belagerten :

her dach si ave bräken.

here vanen si üt stäken.

Ihre Angst ist in der Vorlage etwas mehr betont als bei Veldeke, der nur einmal bemerkt: 6354 ein deil si vorchten,

want her here Eneas

da met hen niet enwas.

Trotzdem aber behielten sie „also goede man heren heren sin hüs". Manches bringt Veldeke neu. So fehlt in RE der Stürmungsversuch durch die „skiltknechte" :

6410 die skiltknechte he doe bat,

dat si da te storme wolden gän. dat was doch angestlich gedän.

doch däden si, dat he'n gebot. 6430 der grave was diep end enge, da si toe drongen.

Wer hineinsprang war seines Todes sicher, denn die Tro- ianer auf „den tinnen end op den erkären" schössen mit Steinen und Pfeilen, dessen „vel ovele genoten, die da te storme giengen". In der Vorlage macht Turnus überhaupt keinen Angriff, und als es Abend wird, verzichtet er sogar auf den Gedanken einer Bestürmung:

112 Veldeke als Künstler.

4868 vespres ert, n'i volt faire plus, a l'ost s'en prist a repairier.

Um die Schiffe zu verbrennen, läßt sie Turnus bei Vel- deke „üt dem water te lande" ziehen, ein kleiner Zug, der zeigt, daß Veldeke keinen Kampf zu Wasser mitgemacht hat. Hätte er jemals brennende Schiffe gesehen, so hätte er, mit seiner Neigung, die Darstellung zu veranschaulichen, den Ansatz zur Beschreibung, den die Vorlage 4885 ff. bietet, wohl weiter ausgesponnen.

Der Zorn des Turnus nach seinem erfolglosen Versuch äußert sich bei Veldeke in kräftigen Rachegelüsten, welche die Vorlage nicht kennt:

6484 heden si dorp ofte hüs,

die wolde ich wärlike verwoesten met füre.

si werden alle erhangen oft gemartert, sal ich leven.

Die Bestürmung der Burg schildert er breiter und mit anschaulichen Details, welche seine Kenntnisse in der Be- lagerungskunst verraten. Von Belagerungsinstrumenten nennt er „mangen", „berchfrit", Scbleudermaschinen und „Ewenhoge" oder Belagerungstürme. Die Vorlage erwähnt keine Belagerungstürme, nur die „lancier es", Wurfmaschinen. Die „bretesche" dient nur zur Verteidigung ; ebenso ist bei Vel- deke der Bergfrid ein Verteidigungswerk (= wichhus), ein fester über der Brücke auf Holzpfeilern errichteter Turm aus eschenen Planken, der mittels einer Leiter zugänglich ist, während im Alexanderlied und in der sonstigen Über- lieferung auch Belagerungsmaschinen so heißen. Die Be- stürmung dieses Bergfrieds beschreibt Veldeke mit großer Ausführlichkeit, während die Vorlage sie überhaupt nicht bringt. Turnus versucht zuerst die Gräben zu füllen. £r läßt alle seine Leute „swe so sin frunt wäre end sinre minnen geroechte" an die Burg kommen, „menich starc wagen end grote gedracht" heranführen. Die Troianer hatten aber

Belagerungen. 113

6860 „dare engegen geskapet here gewareheit" und hatten „smalt, swevel ende bech" bereit, sodaß sie die Holzwerke verbrannten „onder heren banden u und die Leute erschlugen „die't dare toe droegen". Turnus bittet dann die „skutten" und „allet dat here, dat si te storme wolden gän". Ge- wöhnlich war es das Fußvolk, welches das Gefecht ein- leitete. Seine Waffen waren Bogen, Armbrust, Pfeil, ger. Die „skutten" Veldekes gebrauchen „skechte ende pile, matrelle, skarpe gere, blikolven", im RE „quarreis, pilets, darz, saietes barbelees, javelot et grant plomees".

Beide Beschreibungen sind sehr lebendig, am meisten aber diejenige Veldekes :

6955 met speren si si stäken, die halse si'n tebräken, die arme end die rugge.

Das Blasen der anfeuernden Trompeten, der „graues, ki euer donent al plus coart", läßt er sich hier aber entgehen. Sonst hat er die hübschen Bilder der Vorlage alle über- nommen, z. B.

6946 da flogen vort ende weder

die pile decker danne ein regen. RE 5312 volent quarrel, pilet et dart . . .

come pluie sus el chastel. Im RE läßt Turnus, als er sieht, daß die Burg nicht gleich zu gewinnen ist, „lancier le feu Grieis". Merkwürdig ist es, daß Veldeke dies griechische Feuer nicht erwähnt, obwohl es in allen Hss. genannt ist und auch in der deut- schen Tradition schon bekannt war. Vgl. Straßb. Alexander 1359 in di burch würfen si dö

beide späte unde frö

kriechisc für unde wite,

daz was Alexandris site.

Von der Brandszene hat die Vorlage nur eine kurze Schilderung :

5407 ardent le pont et la closture; tote desjoint la lanceüre, Gogala di Leesthal, Veldeke's Eneide. 8

114 Veldeke als Künstler.

faillent li pont, chieent les ais, la o eil sont pendi li fais, ariere cliiet tot en un mont,

während Veldeke durch kleine Motive, die er hineinflicht, größere Anschaulichkeit erreicht: das Ol, das man in das Feuer gießt, wodurch „heite flammen ende rouch" entstehen, die Erklärung, daß „die blanken" aus Esche waren und darum so gut brannten:

7010 die blanken wären esken, die vel Hechte branden,

die Ritter die „gegen den winde weken boven an einen ende" etc.

c) Natur Schilderungen.

Die Beschreibungen sind am Anfang bei Veldeke über- haupt kürzer als in der Vorlage. Erst allmählich fesselt ihn der Stoff und erwärmt sein Interesse, so daß er mit wachsender Freude fortfährt, neue Episoden hinzufügt und die schon vorhandenen beträchtlich erweitert (vgl. über solche Erweiterungen Behaghel, Einleitung S. CXLVII). Auch die Naturschilderungen, die sich im RE besonders im ersten Teil vorfinden, hat Veldeke nicht weiter ausgesponnen.

Meeresstürme finden wir in keiner der erhaltenen deut- schen Dichtungen, die Veldeke hätte kennen können. Nach den herrlichen Beschreibungen des Heliand verstummt das Interesse für das Meer , merkwürdigerweise auch in der seefahrtliebenden Spielmannsdichtung, bis Veldeke und Eil- hart es wieder wecken.

Die Beschreibung des ersten Sturmes ist im RE um 50 Verse länger. Gewitter, Regen, Donner, Wind, Blitz, Donnerschlag, Dunkelheit werden geschildert, es scheint weder Sonne noch Mond noch Stern, kein Hafen ist in Sicht. Der Dichter erfindet glückliche Wendungen, um die Situation und die Verlegenheit der Mannschaft zu schildern: 196 ne ne sevent tenir lor rote; ne veient clarte ne soleil.

Naturschilderungen. 115

II ne sevent d'els nul conseil,

de nule part ne veient port,

et ciels et mers lor promet mort.

Ausführlich ist im RE der Schiffbruch, ein vollkommenes Bild mit gewaltigem G-esamteindruck und großer Sorgfalt auch in den Einzelheiten, eine ergreifende Darstellung, sogar mit pathetischen Betrachtungen:

253 Icil ont lor travail fine,

eil ne criement mais nul ore,

par cels n'iert mais terre conquise

ne chastels pris, ne tors asise.

Veldeke ist hier weniger poetisch, bringt aber einiges Gegenständliche mehr:

187 si dede hem gröt torment, beide donre ende wint, met regene end met hagele, doe bräken here nagele an here skepe vaste, her segele end here mäste, here roeder end her ran.

Von dem Sichlegen des Sturmes gibt RE mit wenigen Worten ein fertiges Bild:

265 quant vint al quart, qu'il ajorna, li venz failli, del tot cessa, li solelz lieve, ne plut mais, del tot remest la mers en pais : asoagiee est la tempeste.

Yeldekes Beschreibung fällt dagegen etwas ab: 218 ... der wint gelach

end geslichtet wart der se,

de so rüch was e,

ende hoef sich der dach.

Dagegen läßt er, zum Teil sich wiederholend, den Ilio-

nix in seiner Rede vor der Königin nochmals den Sturm

schildern (485 — 501), den die Vorlage hier nur andeutet:

583 Torment eümes grant Paltr' ier.

8*

116 Veldeke als Künstler.

Wir hören bei Veldeke dabei wieder von dem Schiffbruch, „segeln, mästen, borde, roeder, linen, ankerseil". König Rother erwähnt von solchen Details nur „segele, segelriemen", ebenso Salman und Markolf, während Herzog Ernst eine eingehende Beschreibung des nach dem Sturme wieder ein- tretenden schönen Wetters gibt, was insofern bemerkenswert ist, als die Spielmannsdichtung sonst das Naturgefühl kaum wirksam werden läßt:

2190 fruo wider einen morgen,

dö der tac üf gienc,

der luft lütern gevienc.

dö wart gestillet diu not,

lieht wart der morgen rot

und wart daz weter harte guot,

als es nach ungewitere tuot.

der himel wart vil wol gevar,

daz mer lüter unde clär :

ouch gelägen die winde

die sie da vor so swinde

würfen her unde dar. Der Sturm selbst wird im H. E. nicht weiter beschrieben, bei dem Schiffbruch dagegen und der Lage und Angst der Mannschaft länger verweilt:

2168 dö leit der held vil lobesam

mit sinen mannen gröze not,

dö sie den grimmigen tot

mir ir ougen muozen sehen. — Während Veldeke die Sturmbeschreibung kürzt, wird er bei der Beschreibung des Grewitters im Walde etwas breiter. RE berichtet einfach

1507 Idonc leva sodainement

et granz orez et grant torment;

tone et pluet, molt fait oscur.

Veldeke

1812 doe hoef sich omb den midden dach ein weder vele freissam, dat van den wölken quam met storme end met winden.

die winde wären vele gröt;

Naturschilderungen. 117

vele starke et neder göt, hagel ende regen nat.

Die unfreiwillige Fahrt des von Eneas verfolgten Tur- nus, dessen Schiff vom Wind weit in das Meer hinaus ge- trieben wird, schildert Veldeke mit wenigen Worten, kürzer als RE, aber trotzdem klar und anschaulich. Das Ankerseil reißt, der Wind

7660 . . . met groter kracht

van den lande doe quam.

dat skep he vor sich nam

end dreif et verre op dat mere.

So fährt er Tag und Nacht „in des windes gewalt, de met den freisliken mere vacht", bis der nordert wint gelach end der südert wint quam.

Andere kleine Züge, die bei Veldeke ein tieferes Natur- gefühl verraten, finden wir vereinzelt durch die ganze Dich- tung. Am Abend nach dem Kampfe, in dem Camilla ihren Tod gefunden hat, schlagen die Trojaner ihr Feldlager vor Laurente auf. Veldeke beginnt die Erzählung: 9205 „Liechte skein der mäne", was mehr sagt als das trockene RE 7293 A la lune ont la nuit ovre.

Auch von dem Anbruch des folgendem Morgens gibt er mit wenigen Worten ein kleines Bild:

9240 des morgens, doe't begonde dagen ende skein over al over berch end over dal.

Die Nacht nach der Ankunft des Eneas kann Diclo erst gegen Morgen

1414 nä der jongsten hanekrät, rechte an der dagerät

das Auge zumachen. In der Vorlage steht nichts davon. Auch Eneas liegt, indem er an Lavinia denkt, die Nacht nach dem Zweikampf wach bis

12749 . . . des morgenes froe, dat die nachtegale riep.

118 Veldeke als Künstler.

"Wieder hat RE nichts Entsprechendes. Vers 8900 der Vorlage : „Quant vint a l'avesprer del jor" übersetzt Veldeke mit volkstümlicher Wendung 10992 „die sonne gienc te sedele".

Auch die Natur wird durch Epitheta, die der Vorlage fehlen, näher gekennzeichnet, z. B.

11612 . . . eine sköne wese breit, lanc ende groene, ferner das „breite" Meer (516, 1227, 2238), 394 dat diepe end dat wide 7729 dat „freislike" mere 7706 dit wilde mere. Mit diesen kleinen Zügen geht Veldeke also doch über die Vorlage hinaus (Über die Natur vgl. auch Roetteken S. 133 ff.).

d) Jagdszenen.

Die Vorbereitung zur Jagd beschreibt RE : 1457 Ele a mande ses veneors, enseler fait ses chaceors, prenent lor ars, cors et levriers, chiens et vieltres et liemiers. La vile bruit de cel conrei, del glat des chiens et del desrei; vienent meschin de totes parz, aportent ars, cuivres et darz ; la maisniee est molt comeüe. Dies lebendige Bild weiß Veldeke nicht nachzuahmen, er berichtet nur den Wunsch der Dido und in tautologischen Wendungen die Befehle, die sie erteilt: 1671 her moet droech si dar toe, dat si des morgenes froe in den walt riden wolde end sich baneken solde, hören die honde end körten die stonde.

den jegermeister si gebot ende hiet gebieden. ... Die Vorlage schildert weiter, wie am nächsten Morgen

Jagdszenen. 119

Eneas auf Dido wartet „jus as degrez o tot sa gent" ; an- schaulich und plastisch ist es, wie die Königin mitten unter ihren vornehmsten Herren, von „trei duca begleitet aus dem Saal heraustritt und langsam und würdevoll „devale les degrez", so daß der Eindruck, den sie auf Eneas macht, wohl berechtigt ist:

1485 Quant vit la dame Tiriane, ce li fu vis que fust Diane.

Veldeke, der zuvor ihre Kleidung noch eingehender be- schreibt als das Original, hat die Situation wohl beibehalten, aber ohne jede künstlerische Gestaltung:

1742 doe si met heren mannen

quam gegangen toe der dore, ■doe vant si Eneam vore end sine geselleskap.

Daß Eneas vor „der dore" auf die Königin wartet, ist lange nicht so feierlich als wenn er ihrer „jus as degrez" harrt. Ebenso wirkt der Vergleich mit Diana, den Veldeke erst später nachbringt,

1794 si gelicde Dianen,

der godinnen van den wilde,

schwächer als im Original. "Wohl sucht Veldeke die Szene noch zu .beleben durch das höfische Gefolge von Jungfrauen, die die Königin begleiten, und die kleine psychologische Bemerkung über die Ungeduld der Dido:

dat si niwet skiere enreit, dat was her leit ende toren,

bleibt im Übrigen aber hinter seinem Original zurück.

Die Jagd selbst ist dagegen wieder mit Zügen ausge- stattet, die auf persönlicher Erfahrung beruhen. In dem Gefolge der Gräfin von Cleve hat der Dichter wohl an mancher Jagd Teil genommen, und er verweilt noch gerne bei der Erinnerung. Mit sichtlicher Freude schafft er an den Stellen ein fertiges Bild, wo die Vorlage nur kurze Andeutungen macht. Diese widmet der Jagd nur drei Verse : -

120 Veldeke als Künstler.

1504 Esrant vindrent a la forest, asez i ont veuaison pris. Tant chacierent qu'il fu midis.

Bei Veldeke dagegen führt Dido ihren Lieblingsbracken selber am Seil, was das Original überhaupt nicht bringt, und man sieht die Hunde (welche die Vorlage nur bei den Vorbereitungen erwähnt) voraus springen, die Jäger ihnen nacheilen und das Wild fliehen:

1803 Die den wech konden,

die wisten nä den honden, da si vore giengen. des dages si geviengen wildes gnoech ende vele toe vele goeten speie, doe wärens alle ensamen fro. et quam vele decke also, dat man dat wilt vlien sach.

Auch die Jagd in dem Walde bei Laurente ist bei Vel- deke anschaulicher und bezeugt seine Fachkenntnisse. As- canius wählt nicht einfach „ses pers" zur Begleitung wie in der Vorlage, sondern nimmt „sine weideman, den der walt kont was". Während RE ausdrücklich sagt, daß die an- deren Bitter

3579 . . . n'aloent pas por vener,

mais por le dameisel guarder,

sind die „twentich jongelinge" Veldekes

erwelet toe den dingen und außerdem auch

biderve ende wale getogen.

Veldeke vergißt auch nicht zu erwähnen, daß sie „bracken vele goede" hatten. Er gibt sogar die Farbe ihrer Jagd- kleidung an,

4556 here rocke end kere hoede wären grä skäpvare,

wovon die Vorlage nichts erwähnt.

Lebhaft wird auch der Stil, als Ascanius zu jagen anfängt :

Jagdszenen. 121

4561 Nu höret, wie der jongelinc Ascänius sin dinc toe den speie ane vienc end wie dat birsen ergienc end welich wiltbrät he gewan.

Im letzten Vers könnte man sogar einen Ansatz von Ironie spüren. Wieder sind es wohlgeübte Jäger, 4558 die wisten si dare,

die den wech konden, al da si wilt fonden. Die Vorlage hat nnr:

3581 Tant ont erre et chevalchie, de lor chastel sont esloignie, tant qu'el bois entrent de Laurente.

Als sie die vier Hirsche sehen, gehen die besten Schützen „toe den boumen stän". Ascanins selbst

4625 bi einen boume stände bleif

end geskoep, dat man dat wilt dreif.

Dann, als er

... was beleven bi einen boum stände, do quam toe hem gände der hert, de da was tarn.

Die Vorlage erwähnt nicht, daß die Schützen sich zum Anstand an die Bäume stellen, nur Ascanins, wie er den Hirsch kommen sieht

3595 enpr£s un bien grant fust se traist et uns dameisels l'i atraist.

Den Hirsch verwundet Ascanins „dorch den lif, ein wenich hinder d.en boech", so daß er im Fortlaufen „die sträle dannen droech". Den kleinen anschaulichen Zug mit dem in der "Wunde steckenden Pfeil hat die Vorlage nicht, aber das sterbende Reh, das seiner Herrin zu Füßen fällt und mit dem eigentümlich rührenden Blicke um Gnade zu bitten scheint, deutet im RE auf eine feinere Kunst als es die Veldekes ist.

122 Veldeke als Künstler.

e) Lokales.

Auch das Lokale bestimmt Veldeke mehrfach genauer und veranschaulicht es durch kleine, die Vorlage ergänzende Züge. Bei der Zerstörung von Troja berichtet REjvon Menelaus, daß er

6 tot craventa tors et donjon, arst le pai's, destruist les murs

Veldeke macht daraus mit formelhaften Wendungen ein volleres und einheitliches Bild: 16 menich rike palas wart da tefüret, van marmor gemüret, ende menich goet Ms.

Auch Carthago besitzt

714 menich hüs wale gedän end menich höge palas, dat yan marmore was. Die Lage der "Wohnung des Eneas in Troja wird bei Veldeke genauer bestimmt:

RE 25 a une part de la cite tint Eneas en erite de la vile bien grant partie,

Veld. 33 In der borch an ein ende engegen den süderwinde, da wonde ein rike man,

was wohl der Anlage der alten niederländischen Häuser ent- spricht.

Auch der junge Freund des Turnus, Aventinus, erhält bei Veldeke eine Heimat: er „wonde bi den westermere", wovon die Vorlage nichts erwähnt.

Vom ersten Anblick von Carthago, der sich den Tro- janern bietet, sagt RE nur

375 Cartage virent, la cite, dont Dido tint la dignite.

Veldeke empfand richtig, daß hier eine breitere und kräf-

Lokales. 123

tigere Einführung nötig sei, die er mit seinen formelhaften Wendungen erreicht:

284 si gesägen openbäre

eine gröte borch stän

vast ende wale gedän,

dat was Kartägö,

die die frouwe Didö

büde ende suchte.

Die Beschreibung der Stadt selbst hat er dagegen wesentlich gekürzt, die ganze Schilderung der Festungs- mauer (RE 420—448), des großen Marktes (449—59), der Straßen und Paläste in wenig Verse (383 — 400) zusammen- gedrängt, indem er vorausschickt, daß er „die rede harde körten" wolle:

357 des Virgilius der helet

an sine boech da vane telet, des sole wir vele läten.

Erst bei der Handlung selbst, beim Einzug des Eneas erwähnt er die „sträte vele breit" mit den Zuschauerinnen „gesieret end gebonden" und die hohen Marmorpaläste, die RE früher gebracht hat. Daneben stehen die wehrhaften Einrichtungen, die

seven porten,

bi der jegelike

sat ein gräve rike,

die das Original auch hat:

465 set maistres portes i aveit;

uns cuens sor chascune maneit,

und die „seven hondert torne märe" (RE 443). Die Stadt ist kurz, aber gut, ohne die verschiedenen Details der Vor- lage lokalisirt:

393 dat mere gienc eine side,

dat diepe end dat wide,

in ander half die riüme

gröt ende rüme.

da enbinnen stont die borch so vast . . .,

auch die Wohnung der Königin wird präziser bestimmt als im RE:

124 Veldeke als Künstler.

RE 497 A une part de la eite asist Dido sa fermete";

Li palais fu desoz la tor;' bei Veldeke:

400 an ein ende op den mere ....

da her woninge was. da stont ein rike palas end sköne kemenäden herlike beräden.

Auch das „nionster" der Juno, das in der Vorlage nicht näher lokalisiert ist, liegt nur nach Veldekes ausdrücklicher Angabe „heren hus genoech näÄ.

Vom Pferd der Griechen berichtet RE, daß es 1145 dedenz la vile fu conduiz

Devant le temp*le fu laissiez . , . Veldeke genauer

1165 Vor onses monsters dore op einen hof da vore, widen ende langen.

Die Stadt Laurente wird von keinem der beiden Dichter besonders beschrieben. Bei dem feierlichen Einzug des Eneas aber, von dem Veldeke ausführlich berichtet, während RE nur die Tatsache erwähnt, sind dem Helden die „porten op- gedän", er sieht

12854 ... in beiden siden einen wech langen, met pelle behangen

und viele schöne Mädchen und Frauen,

die wale hadden heren lif gesieret nä den lantseden.

f) Personen. Roetteken a.a.O. §33 bemerkt, daß Veldeke „selten das Bestreben zeigt, unserer Phantasie ein Bild von der äußeren

Personen. 125

Erscheinung seiner Personen zu geben; bisweilen scheint es, als sei ihm Gesicht und Gestalt überhaupt Nebensache, wenn nur die Kleider prächtig sind*. Allerdings widmet er längere Beschreibungen nur der Camilla, der Sibilla und dem Caro. Roetteken scheint es auch merkwürdig, daß Yeldeke das Aussehen der Camilla und nicht das der Dido oder der La- vinia geschildert habe. Aber er hat hier weiter nichts ge- tan, als dem Original getreu zu folgen, das dieselben Schil- derungen auch bringt. Nur geht Veldeke darin über seine Quelle hinaus, daß er gerne noch ausdrücklich die Schönheit seiner Helden, bezw. Heldinnen hervorhebt. Obwohl er nicht viele formelhafte Wendungen gebraucht, sind die Beschrei- bungen selbst doch breiter ausgesponnen und die Einzelheiten eingehender behandelt. Ausführliche Personenbeschreibungen, wie sie später in der Kunstdichtung üblich werden, kommen zum erstenmal bei ihm vor. Wohl finden wir solche öfters im Rolandslied, selten im König Rother, wo selbst auf die Schönheit der Königin kaum hingewiesen wird, und fast nur da, wo die Situation selbst es unbedingt verlangt. Als Lupoid dem König die Tochter des Constantin zum ersten mal beschreibt, sagt er wohl, sie sei so schön, daß 71 siu lüchtit üz deme gedigen

so daz gesterne tut von dem himele.

siu lühtit vor anderen wiben,

so daz golt von der sJden.

siu ist in midin also smal, . . . sonst wird aber nur noch einmal mit ganz ähnlicher Wen- dung auf ihre Schönheit hingewiesen,

4611 dar lüchte daz Rotheres wlp

von anderen wiven over lant

als ein bernender jächant.

„daz vil skone wipa als Epitheton kommt oft vor, ist aber ganz formelhaft, auch in Salman und Markolf, wo die Königin immer „daz vil sköne wip" und „frouwe wolgetan" genannt, ihre Schönheit aber nicht weiter geschildert wird. Auch bei Eilhart finden wir nur die üblichen Epitheta, aber keine eingehende Beschreibung.

126 Yeldeke als Künstler.

a) Männer.

Die Beschreibungen der Männer sind in beiden Texten weniger eingehend als die der Frauen. Gewöhnlich genügen einige Epitheta, ein oder zwei Verse, um ihr Äußeres zu schildern.

Veldeke gebraucht immer dieselben formelhaften Epi- theta, „rike, märe, edel, guot, balt, koenedegen", die in der früheren deutschen Dichtung oft vorkommen (vgl. S. 127) ; er fügt auch bei der Erwähnung seiner Helden diese Bei- worte hinzu als nähere Charakteristik ihres Wesens, wäh- rend die Vorlage gewöhnlich die beiden Adjektive: „proz et gentiz" gebraucht und sonst mit „bels, avenanz, forniz" u. s. w. mehr auf die körperliche Erscheinung hinweist. Am meisten wird E n e a s berücksichtigt, besonders bei Vel- deke zu Anfang. Die Vorlage schildert bei dem Einzug in Carthago die Anordnung des glänzenden Trojanerzuges:

707 Si Tro'zen vont devant lui et chevalchoent dui et dui,

während Veldeke zunächst mit einem Anklang an die Spiel- mannsdichtung das Aussehen des Eneas hervorhebt,

694 Eneas der rike,

de was ein sköne man,

deich ü vollen niet geseggen kan,

wie rechte minnelich he was,

und dann, wie die Vorlage auch, auf den Eindruck hinweist, den er auf die Andern macht, so daß er gleich als Herr zu erkennen ist. RE sagt:

712 N'estoveit mie demander,

ki de la compaignie ert sire:

senz ce que nus d'els l'o'ist dire

conoiseient trestuit le rei.

Li uns le mostre a l'altre al dei.

Molt esteit bels et avenanz

et Chevaliers forniz et granz ;

a toz en semble le plus bei. Granz ähnlich Veldeke:

Personen. 127

724 si endorchten niwet fragen, welich der here wäre; Eneas der märe he was so sköne te voren, dat he lichte was erkoren.

Auch dies ist eine früher nachweisbare Art der Per- sonenbeschreibung. Vgl. im Rolandslied 686: man erkante in vile verre: nieman ne thorfte vrägen wer ther keiser wäre : nieman ne was ime gelih.

Den Eindruck auf die Zuschauer hebt Veldeke häufiger hervor (z. B. beim Einzug der Camilla in Laurente, wo die Einwohner ihre Schönheit bewundern), ähnlich wie die Vor- lage, welche die Leute von Laurente sogar für die Trojaner und besonders für den Eneas zur Geltung kommen läßt:

8039 Ce dient tuit comunement

que soz ciel n'a plus bele gent ;

mais toz les passe de belle Eneas, ki lor sire esteit. Molt le loe chascnns kil veit, dient que molt est genz et bels, grant los en fönt par les crenels,

eine Stelle, die Veldeke hier übergeht. Als Lavinia den Helden sieht, findet sie ihn im RE „molt bei et gent", wäh- rend sie bei Veldeke den Nachdruck auf seine Erscheinung

legt:

10102 wie wart er ie so wale gedän,

sin houvet end al sin lif! 10679 er es ein edel Troiän

end vele reinlike gedän, so man hen rechte besiet.

Ahnlich bemerkt in RE die Königin über das Aussehen des Turnus: „Ja est il bels et proz et genz", während bei Veldeke die Königin die Lavinia auffordert, ihn zu lieben, weil „he doch ein edel man" ist (vgl. auch NN 14, 3).

In den Klagen um Turnus, die in der Vorlage fehlen,

128 Veldeke als Künstler.

fügt Veldeke seinen sonstigen Eigenschaften auch die Schön- heit hinzu:

12623 he hadd einen wale gedänen lif.

Die Söhne des Tyrus heißen nur bei Veldeke „ starke ende sköne", während die Vorlage die Schönheit des Mäd- chens allein erwähnt:

3532 n'aveit si bele en la contree, was Veldeke wieder in das formelhafte „wale gedän" um- wandelt.

Für Lausus, den jungen Sohn des Mesentius, hat|RE nur die beliebte kürzere Wendung

3914 uns dameisels proz et gentiz: onkes plus bele creature d'ome vivant ne fist nature,

was Veldeke verbreiternd ausführt:

5034 der skönsten jongelinge ein, der ieman gesacb,

er enmochte niemer skönre wesen van allen sinen live, van manne end van wive enquam nie skönre belede.

In der Vorlage heißt Claudius „uns riches cuens" bei Veldeke wieder der „wale gedäne". Diese häufig wieder- kehrende Formel steht immer im Reim, so auch bei Tar- con, der in der Vorlage „Tarcon uns Troian" genannt wird, während Veldeke ihn

8967 eine harde bovesc Troiän end ein ridder wale gedän, hovesc end goedes willen

nennt. Für das "Wort „hovesc" (das afr. „corteiz"), das Veldeke hier so wenig passend gebraucht, da Tarcon sich gerade sehr unhöfisch gegen Camilla beträgt, hat das Ori- ginal hier nichts Entsprechendes , verwendet auch sonst diesen Ausdruck seltener als Veldeke.

Bei der ersten Erwähnung von Pallas bringt die Vor-

Personen. 129

läge nur den Namen des Helden, Veldeke charakterisiert ihn näher durch den Zusatz

6084 der joncher was lussam,

vgl. sonst von Pallas

7338 Pallas der koene,

he was ein helet lussam,

von Turnus 7835 „der helet lussam u, von Eneas und Lausus 7559 „der märe helet lussam", von Lavinia rdie joncfrouwe lussam" (sonstige Belege bei Kinzel, zu Alexander 5308).

In der Totenklage um Pallas hebt die Vorlage die Schönheit des Jünglings hervor ; dagegen bleibt bei Veldeke die erste Anrede „skoene belede" 8054 der einzige Hinweis auf seine körperliche Erscheinung, vielleicht im Nachklang der „bele faiture*.

ß) Frauen.

Frauen werden von beiden Dichtern , besonders von Veldeke viel ausführlicher beschrieben. Manche kleine Ein- zelheiten der deutschen Eneide, mancher hübsche Zug und manche glückliche Wendung verraten die Freude des Dichters an seinem Stoff, die ihn eine größere Anschaulichkeit als die Quelle erreichen läßt.

Mit besonderer Vorliebe verweilen beide Dichter bei der Beschreibung von Camilla.

Sie ist trotz ihrem heroischen Auftreten ganz das Ideal der Frauenschönheit, wie es das Mittelalter in Frankreich und in Deutschland ausgebildet hat, wofür Alwin Schultz „Quid de perfecta corporis humani pulchritudine Germani saeculi XII et XIII senserint" (1866) Belege bringt.

Für schön galten danach goldblondes Haar , dunkle, schmale Augenbrauen, eine weiße, rundliche Stirn, ein klarer Teint und eine schlanke Figur. Diese Eigenschaften kommen alle der Camilla zu. Die Beschreibung ist in beiden Texten fast gleich, nur etwas länger bei Veldeke, der auch eine größere Sorgfalt in der Anordnung beweist. Die Vorlage

Gogala di Leestahl, Veldeke's Eneide. 9

130 Veldeke als Künstler.

schickt der Beschreibung eine allgemeine Charakteristik voraus: die Jungfrau ist schön, mächtig und weise, tapfer und „corteise", ebenso klug in der Verwaltung ihres Reiches als tüchtig im Gebrauch der Waffen. Das Männlich-heroische an ihr und ihre weibliche Keuschheit werden dann in hüb- schem Gegensatz hervorgehoben, erst darauf wird, aber mehr- fach durcheinandergehend , die körperliche Erscheinung ge- schildert: die Kleidung, das Kofi, das Zaumzeug, das Gefolge der „Chevaliers" und der Eindruck auf die Zuschauer.

Veldeke beschreibt zuerst die körperliche Schönheit, dann die Kleidung, das Gefolge von Jungfrauen, welche die Vorlage erst später beim Kampfe erwähnt, und hebt zuletzt ihre moralischen Eigenschaften, ihre strenge Sitte und ihre Keuschheit hervor.

Die körperliche Beschreibung leitet RE mit einer all- gemeinen Bemerkung ein:

3962 a grant merveille par fu bele;

Veldeke hält sich mit Behagen dabei auf:

5146 ein maget wale gedäne verweten ende reine, si was iemer eine der skönsten joncfrouwen, die ieman mocht beskouwen, in allen heren live, si was t' einen wive wale gewassen genoech, so nie wif gedroech skönre dochter dan si was. Auch 3987 de belte" n'ert o li igals

nule femme ki fust mortals

übersetzt Veldeke mit glücklicher Steigerung formelhaft:

5162 menich man des wände, dat si wäre ein godinne.

In der Vorlage sind die „sorciz" von Camilla „neirs et bien delgiez", bei Veldeke im Anklang an die Dichtung der Zeit 5159 ihre „ouchbrän brün end niwet breit, gewassen äne arbeit". Vgl.: Rom. de la Rose 849 „Les sorciz bruns

Personen. 131

et enarchies", Wigalois 875 „Ir brä brun, sieht unde smaF, Lexer 1, 337.

In der französischen Tradition sind lachende Augen sehr beliebt. RE erwähnt „les oilz rianz et trestoz lieza auch bei Camilla (Vgl. Guillaume au faucon 92 „li oeil clair et riant, vair et fendu"). In der deutschen Poesie sind sie nicht so üblich, kommen aber doch manchmal vor: Flore u. Bfl. 6891 „spilendiu ougen", ebenda

6828 diu ougen lieht unde groz, mit süezem anblicke, als sie solten lachen dicke.

Yeldeke übersetzt seine Vorlage mit

5161 sköne ougen end wale stände. Vgl. MsFr. 37,22 järlanc truobent mir ouch miniu wol ständen ougen

und Veldeke selbst MsF. 56, 22.

Fast alle anderen Dichtungen der Zeit, H. Ernst, Krone, Wigal. Wigam. Troj. begnügen sich mit der Erwähnung von „klaren" und „lütern" Augen. Veldeke schien wohl für die Walkürengestalt der Camilla eine ernste Würde mehr ge- eignet als die Anmut lachender Augen.

Camilla ist nach der Vorlage

3994 plus blanche . . . que neis ne glace.

Veldeke übersetzt dies mit volkstümlicher Wendung: 5170 reht also milc ende bloet. Vgl. Kröne 3094 reht als ein milch unde ein bluot. Wigal. 9288 rot end wlz alsam ein sne.

Später verglich man, wohl nach französischem Muster, den Teint mit Rosen und Lilien (Er. 1701, HvF. Tristan 3263). Das Betonen des Natürlichen ihrer Farbe

5172 an blenke end äne vernit, van näture wit end rot,

wovon in der Vorlage nichts steht, zeigt, daß zu Veldekes Zeit das Schminken verbreitet war, aber doch nicht für

9*

132 Veldeke als Künstler.

sehr sittsam galt. Die Anwendung der Schminke tadelt auch Reinfrid von Braunschweig 12212

si täten niht als si nu tuont die man siht understrichen. man sach die minnelichen von an erbornen varwen klär.

Vgl. Nib. 1594,1 gevelschet vrowen varwe vil lüzel man da vant.

Die Schönheit der Camilla erweckt überall Liebessehnen, was Veldeke durch das bekannte Motiv der Minnedichtung verdeutlicht :

5166 nieman was so rike,

hen gelüste, of he si gesäge, dat si an sine armen läge. (Vgl. MF. 3, 7 ff.)

An Anschaulichkeit kommt die Beschreibung der zum Kampfe gerüsteten Camilla (8790—8816) der Vorlage fast gleich, wenn auch die Darstellung des französischen Dichters einen mehr feierlichen und plastischen Eindruck macht. Nur die Bemerkung, daß sie „manliken moet" hatte und „vermetenlike reit", was die Vorlage nicht hat, geben dem Bilde Veldekes eine neue kräftige Nuance.

ImRE erwartet sie Turnus von „treis mile Chevaliers" umgeben, die alle „conreez sor lor destriers" sind. Ihr blondes, langes Haar flattert frei im Winde. Sie stützt sich auf ihre Lanze, um ihren Hals hängt ihr Schild aus Elfen- bein und Gold:

6929 La coife del halbere fu faite en tel maniere qu'ele ot traite sa bloie crine de defors que el li covri tot le cors: derries li ventelot aval desque sor le dos del cheval.

Die griechische Kunst hätte nichts Stilvolleres erfinden können.

Veldeke bringt dafür mehr Bewegung in die Darstellung, vgl. V. 8784

Personen. 133

doe was frou Kamille, die märe end die rike, gewäpent ridderlike, si end her geselleskap. si däden skoene ridderskap

Kamille was vele gemeit: vermetenlike si reit, si hadde manliken moet. 8812 si sat op ein ravit,

da si toe den male

menich sper op brac

end menigen ridder ave stac.

Weniger seinem praktischen Sinn, als der Sitte seines Landes hat er das hübsche Bild von dem frei herabfallenden Haare geopfert : Camilla und ihre Jungfrauen haben bei ihm

8820 . . alle genomen sidine risen — dat was her lantwise — omb den heim gewonden,

was ein anderes Bild ergibt als die Vorlage. Die Zipfel der „risea fielen frei und lang zu beiden Seiten des Kopfes herab, wie wir es aus den Abbildungen der Zeit ersehen; zum Kampfe wurden sie wohl hochgebunden, wie auch wohl die langen Ärmel, vgl. S. 186. Auf dem allegorischen Bilde der „Superbia" des Hortus Deliciarum ist die „rise" turban- artig um den Kopf geschlungen, mit langen, herabhängenden Zipfeln.

Beim Beschreiben der Gewandung sucht Veldeke durch die formelhaften Verse

5184 anderre koninginnen gelikde her neheine,

eine weitere Steigerung zu erreichen. Er nennt auch die Camilla „eine der skonsten joncfrouwen, die ieman mocht beskouwen". Auf die hübschen Verse der Vorlage 4001

Que direie de sa belte?

En tot le plus lonc jor d'este"

134 Veldeke als Künstler.

ne direie ce qu'en esteit, de la belte" que ele aveit, ne de ses mors, de sa bonte", ki valent mielz que la belte

dagegen verzichtet er.

Die Schönheit der D i d o wird in der Vorlage nicht be- sonders hervorgehoben, nur nach Art des klassischen Epos der Eindruck, den sie auf Eneas macht, erwähnt und ihre prachtvolle Ausrüstung bei der Jagd geschildert. Als Vel- deke jedoch ihre Kleidung beschreibt und das Hemd mit „goltdrät, gedwenget an hern lif", ruft diese Vorstellung bei ihm zugleich die andere von der Schönheit ihrer Grestalt herbei und er beteuert

1700 si was ein wale gescapen wif, so si niet bat endorchte sin.

Die Schönheit der Lavinia beschreibt weder die Vor- lage noch Veldeke, doch zieht der Letztere nachher ihr Antlitz, Augen und Mund in die Handlung hinein, als Eneas gleich nach seiner Ankunft an der Burg vorbeireitet, um die Jungfrau zu sehen, und sich an ihrer Schönheit entzündet :

10976 he reit den venster näre bi,

da die joncfrouwe binnen lach.

her antlitte he besach,

dat so minnelich was.

doe markte Eneas

here ougen end heren mont.

Dadurch gewinnt Veldeke die Motivierung für die plötzliche Liebe des Helden. In der Vorlage sieht Eneas die Lavinia nur von fern, auf ihr Aussehen wird nicht weiter einge- gangen.

Veldeke denkt auch an „ir sköne lif", wo sie in Ohn- macht fällt, als sie den Geliebten davon reiten sieht. Die Vorlage hat hier keine ähnliche Hindeutung, ebensowenig zum Schluß, wo Veldeke für Eneas versichert:

13257 doe was gelievet hem der lif, want sin vele sköne wif minde hen nä sinen willen.

Kleidung. 135

und nochmals:

13326 herlike er levede,

want he hadde ein vele sköne wif.

Dagegen deckt sich die Schilderung ihres Aussehens nach der schlaflosen Nacht fast mit der Vorlage, ist aber bei Veldeke noch anschaulicher und lebhafter. Das Leiden hat ihr alle Farbe genommen und als die Mutter sie .,so varelös und so bleich" sieht, fragt sie im RE, was ihr fehle

8446 quant la reine

la vit ainsi descoloree, sa face et sa color muee, de son estre li demanda,

worauf Lavinia antwortet „que la fievre a", während sie bei Veldeke (10510) erst noch „ersuchte ende s weich end wart van angesten rötu und dann sich auszureden sucht, sie habe „die sochte ofte die roede".

So bewahrt Veldeke auch hier mehr Streben nach lebens- vollerer Schilderung und eine größere Freude am Beschreiben, besonders von Frauenschönheit, als die Vorlage und die frühere Dichtung, seine Selbständigkeit behauptend und seinem eigenen Geschmacke folgend.

g) Kleidung.

Eine große Rolle spielen die Beschreibungen der Tracht, von Stoffen und Schmuck, durch die Veldeke zuerst ein voll- ständigeres Bild der äußeren höfischen Kultur entwirft. Schon das Interesse, das er für diesen Gegenstand zeigt und die sorgfältige Detailmalerei, die noch über diejenige des Originals hinausgeht, kennzeichnen die Richtung seines Ge- schmacks und wohl auch den Einfluß des prunkliebenden Hofes, der sich an den glänzenden Geweben und Edelsteinen, von denen uns Veldeke eine so vollständige Aufzählung gibt, erfreute.

Obwohl die deutsche Tracht im allgemeinen die franzö- sische nachahmte, Veldeke also nicht viel an der Vorlage

136 Veldeke als Künstler.

zu ändern hatte, weichen doch die beiden Dichter in inter- essanten Einzelheiten öfters ab.

Veldeke betont die Sorgfalt, welche die Helden in der Auswahl ihrer Kleider verwenden, noch mehr als die Vor- lage, ebenso die Pracht der Gewandung. Ja, die Kleider- und Schmuckbeschreibungen geben ihm Anlaß zu hübschen Ver- gleichen und veranschaulichenden Zügen, die mehrfach der Vorlage fehlen, im Anklang an die ältere deutsche Dich- tung.

Bei jedem Einzug (des Eneas in Carthago und in Lau- rente, der Camilla in Laurente) werden die Helden wegen ihrer schönen Kleidung besonders bewundert. Auch bei den Personen, die nicht unmittelbar zur Handlung gehören, ver- gißt Veldeke nicht auf ihre herrlichen Kleider hinzuweisen. So sind beim Einzug in Carthago „die megede ende frouwen, die hen wolden skouwen,"

721 gesieret end gebonden, so si alrebeste konden,

was die Vorlage nicht anmerkt (vgl. Rother 4575 „dö ziere- den megede ende wif mit vlize den iren lif"). Von Eneas selbst berichtet die Vorlage 700 einfach „molt s'apareilla bien de dras", ähnlich Veldeke, er wäre „nä sinen sede ge- kleidet herlike". Beim Einzug in Laurente, den die Vorlage überhaupt nicht schildert, kleidet sich Eneas nach Veldeke 12799 „alse ein here als he was". Auch die anderen Helden sind so prachtvoll geschmückt, daß Veldeke versichert 12832

ich hörde seggen, dat der dach da vane wäre worden liecht,

freilich mit realistischem Sinn und schalkhaftem Humor hinzufügend „vor war enweit ich es niecht".

In derselben Art fährt er mit hübschen Vergleichen fort

12835 mekel sierde da was,

da die bloemen end dat gras vore er skinen verlos,

Kleidung. 137

die die Vorlage nicht bringt. Das Gewand des Eneas ist „herlike genoech", so daß

12811 he mochte et wale dragen

an den osterliken dage,

te gröten hotiden.

Solche Formeln kommen öfter vor. Schon König Rother hat 1610

dar inne lac g6t gesteine :

swe dinster die nacht was

sie lühtin also der tach.

Im Rolandslied sind diese Vergleiche für Steine, Perlen, Gold ganz stereotyp:

1552 gesteine thie vile ethelen

lühten sam thie sterren wither äbant.

2504 thaz gesteine luhte thar ovene sam thaz prinnende olevaz

und öfter 3322, 3353, 4376, 4492, 4881, 7742. Im Übrigen wird Männerkleidung, abgesehen von den Rüstungen, nicht näher beschrieben.

Bei Frauen dagegen schildert Veldeke eingehend die Tracht seiner Zeit, während die Vorlage Manches nicht bringt und z. B. Hemd, Bellis und Mouven gar nicht er- wähnt, obwohl sie ebenso in Frankreich wie in Deutschland allgemein üblich waren und in der früheren Dichtung oft belegt sind.

Die Vorlage erwähnt das Hemd weder bei Dido noch bei Camilla, sagt von Letzterer sogar ausdrücklich, daß sie „porpre neire a sa char nueu trug, dagegen berichtet Vel- deke von Dido :

1696 her hemede dat was kleine,

wit ende wale genät.

dar ane was menich goltdrät;

et was gedwenget an hern lif,

so daß es die Schönheit ihrer Gestalt erkennen ließ: „si was ein wale geskapen wif. Auch Camillas Hemd „was kleine ende wit alse ein swane", mit einer rroeden borden"