ERANUS
COMMENTATIONES SOCIETATIS PHILOSOPHICAE LITUANAE
VOLUMEN OUARTUM
1938
Red. prof. Iz. Tamošaitis
HUMANITARINIŲ MOKSLŲ FAKULTETO RAŠTAI E — 7 —————————————.. L LZ LT KAUNAS „SPINDULIO“ B-VĖS SPAUSTUVĖ 1938 METAI
ERANUS
COMMENTATIONES SOCIETATIS PHILOSOPHICAE LITUANAE
VOLUMEN GUARTUM
1938
Red. prof. Iz. Tamošaitis
HUMANITARINIŲ MOKSLŲ FAKULTETO RAŠTAI KAUNAS „SPINDULIO“ B-VĖS SPAUSTUVĖ 1938 METAI
Turinys
Pusl. I. Wladimir Szylkarski, Teichmiūllers philosophischer Entwicklungsgang . |
2. V. Trumpa, Istoriškumo problema „|... ||) 97
3. Iz. Tamošaitis, Makso Schelerio etika... 151
< 4. Albert Priouit, Balzac et les doctrines palingėnėsigues |. „>. 201
WLADIMIR SZYLKARSKI
Teichmūllers philosophischer Entwicklungsgang
Vorstudien zur Lebensgeschichte des Denkers
I. Lehrjahre (bis 1860) II. Wanderjahre (1860-1871)
Weite Welt und breites Leben, Langer Jahre redlich Streben,
Stets geforscht und stets gegriindet, Nie geschlossen, oft gerindet, Aeltestes bewahrt mit Treuė, Freundlich auigepasst das Neue, Heitren Sinn und reine Zwecke — Nun, man kommt wohl eine Strecke!
Goethe
Abkūrzungen
TEICHMŪLLER'S HAUPTWERKE
AF = Aristotelische Forschungen: I. Beitrige zur Erklūrung der Počtik des Aristoteles. 1867. II. Aristoteles' Philosuphie der Kunst. 1869. III. Geschichte des Begriffs der Parusie. 1873.
St. = Studien zur Geschichte der Begriffie. 1874. 1. Anaximander. 2. Anaximenes. 3. Xenophanes. 4, Platon's Un“ sterblichkeitslehre. 5. Platon und Aristoteles.
N. St. = Neue Studien zur Geschichte der Begriffe.
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„ Herakleitos 1876.
II. Pseudohippokrates de diaeta. — Herakleitos als Theolog, oder iiber den Einiluss der ūgyptischen Theologie auf die griechische Philo- sophie 1878.
III. Die praktische Vernunit bei Aristoteles. 1879. DP = Darwinismus und Philosophie. US = Unsterblichkeit der Seele. 2. Auflage. 1879. WL = Das Wesen der Liebe. 1880. RPD = Die Reihenfolge der Platonischen Dialoge. 1879.
LF = Literarische Fehden im vierten Jahrhundert vor Chr.
I. 1881. Chronologie der Platonischen Dialoge der ersten Periode Platon antwortet in den Gesetzen auf die Angriffe des Aristoteles Der Panathenaikus des Isokrates.
II. 1884. Zu Platon's Schriften, Leben und Lehre. Die Dialoge des Simon, Mt. — Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grund- legung der Metaphysik. 1882.
RP = Religionsphilosophie. 1886. Ps. — Neue Grundlegung der Psychologie und Logik. 1889.
LK = Logik und Kaiegorienlehre. Abgedruckt im I. Bd. des
„Archivs fūr spiritualistische Philosophie und ihre Ge- schichte“, herausgegeben von Wladimir Szytkarski. 1938. S. 1- 272.
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TPS= Teichmūllers personalistische Seinslehre von W. Szytkarski. Blatter fūr deutsche Philosophie. IX. Band. 1935. S. 174 ff.
INHALT
Die Philosophie des tūtigen Geistes und ihre drei Lebensguellen —
die christliche, die griechische und die deutsche.
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10.
11.
12. 13. 14.
15.
16. 17.
I. Lehrjahre
„ Vier grosse Abschnitte in Teichmillers Leben.
„ Die Vorfahren.
„ Wesensgemeinschaft mit der Mutter.
„ Der miitterliche Einfluss.
„ Grundlegung einer christlichen Weltanschauung als Vermžchtnis der
Mutter.
„ Der erste religions-philosophische Lehrer Johann Wilhelm Hanne.
„ Teichmillers Lehrer an der Berliner Universitūt. Trendelenburg.
„ Aristotelische Schulung unter Trendelenburgs Leitung.
„ Teichmiillers Abweichung von seinem Meister in der Auffassung des
Verhšltnisses zwischen Platon und Aristoteles.
Teichmillers Studien in der neueren Philosophie: ihre Richtung und ihr Umkreis von Trendelenburg bestimmt. — Diltheys Urteil ūber Teichmiūller.
Liicken in Teichmiillers geschichtsphilosophischem Gesichtsfelde: er ūbersieht die Keime der personalistischen Weltanschauung in der Pa- tristik und Scholastik.
Berihrung mit Fichte dem Jūngeren.
Das Sommersemester 1853 in Tūbingen. Reiff.
Klassische Studien: Boeckh, Haupt Meinecke. Geschichtliche Studien: Ranke, F. J. Stahl. š
Naturwissenschaftliche Lehrer: Dove, Mitscherlich, Ritter. Johannes Miūller.
Abschluss der akademischen Studien. Tod des Vaters. Doktordissertation in Halle. ūŪbersiedelung nach Petersburg (1856). Petersburger Gėnner: Schiefner, Stephani, Bėhtlingk, Karl Ernst von Baer.
18.
Die russische Geisteswelt. Teichmiller nur oberflūchlich mit ihr be- kannt. Teichmiller kein deutsch-russischer Metaphysiker.
„ Der Unterricht an der Petersburger St. Annen-Schule. Die Zwei ers-
ten Aristoteles gewidmeten Schriften.
„ Die Verlobung mit Anna von Cramer. „ Tod der Mutter.
III Wanderjahre
„ Habilitation in Gėttingen, dargestellt in einem Briefe an Trendelen-
burg. Erste Berihrung mit Lotze.
„ Teichmiillers Beziehungen zu Lotze.
„ Brief an Rudolph Haym.
„ Teichmiillers Einwirkung auf Lotze.
„ Die ersten Gėttinger Jahre. Gonner und Freunde. Akademische Lehr-
tūtigkeit. Euckens Erinnerungen.
„ Besprechung der „Naturrechtes“ von Trendelenburg. „ Auseinandersetzung mit dem Herbartianer Thilo ūber Glauben und
Wissen, theoretische und praktische Vernunft.
„ Tod der Frau. Der untrostliche Witwer.
„ Das dritte Gottinger Jahr.
„ Die grosse Orientreise (1863—1864).
„ Wiederaufnahme der akademischen Lehrtaūtigkeit in Gėttingen.
„ Teichmiiller verheiratet sich mit seiner Schwžūgerin Lina von Cramer. „ Rezension des Buches von Piderit „Gehirn und Geist“,
„ Teichmiiller schliesst sich Hanne in seinem Protest gegen den religio-
sen Materialismus an.
„ Kant gegen Taine und Condillac.
„ „Beitrūge zur Erklšrung der Poetik des Aristoteles“.
„ Teichmiilllers weise Selbstbeschržnkung.
„ Berufung nach Basel. — „Aristoteles? Philosophie der IKunst“.
„ Rezension des dritten Bandes der „Historischen Beitrige“ von Tren-
delenburg.
„ Kants und Lotzes Raum- und Zeitlehre,
„ Die Baseler Jahre (1868—1871) — Patristische Studien. „ Baseler Kollegen und Freunde.
L. Teichmiller und Nietzsche.
„ Abgang von Basel. — Schluss der Wanderjahre.
Die Philosophie des tūtigen Geistes und ihre drei Lebensguellen— die christliche, die griechische und die deutsche.
„Gott und die Seele begehre ich zu erkennen. Nichts weiter? Ganz und gar nichts“ mit diesen Worten bezeichnet Augustinus die beiden Brennpunkte, um welche, wie in einer Ellipse, sich die gesamte christliche Weltanschauung dreht: den. ungeschaiftenen Gott und die geschaffene Seele. Da die Idee des tūtigen Geistes oder der Person sich iiber den Gegensatz des ungeschaffenen und des geschaffenen Seins erhebt, so subsumiert die metaphysische Spekulation die grundlegenden Begriffe des christlichen Bewusst- seins unter einen Begriff: die Idee der Person oder des tūtigen Ichs wird dadurch zum Ausgangs- und Mittelpunkt der gesamten philosophischen 'Welt- und Lebensautiassung.
Der grundlegende Begriff der neuzeitlichen Weltanschauung bedeutet einen tiefen prinzipiellen Bruch mit den Grundlagen der antiken Wirklichkeitseriassung. Die gesamte hellenische Speku- lation geht von der Voraussetzung aus, dass das Wesen der Din- ge sich nicht nur im reinen Begriff oder der Idee restlos offenbare, sondern dass die Idee auch das eigentliche Wesen alles Seienden ausmache. Alles was dem weiten Begrifisnetze, das der Grieche ausspannt, um darin die gesamte Wirklichkeit einzufangen, ent- schlipft, verschwindet auch fūr das hellenische Denken. Die Spannungen des Gefūhls, des MWollens und Handelns, Glaube, Liebe und Hoffnung sind bloss Entwicklungsstufen im Erkennt- nisaufstieg der Seele oder hochstens Momente der wahren Ein- sicht, die vollig vergeblich in sich selbst Halt und Bestand su- chen, bis sie in der allein seligmachenden dzwpia = Zur vollen Reife und Besinnung auf ihr wahres Wesen kommen. Der Baum des Lebens wžchst allein auf dem Boden und im Lichte der Erkenntnis, und selbst das Gėttliche macht hiervon keine Aus-
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nahme, denn es ist ja nichts weiter, als das reine d. h. von allen Schlacken der Sinnlichkeit freie Schauen, das sich selbst zum Gegenstand hat:- das Denken des Denkens nennt es Aristoteles. Wohin sich auch der Blick des Griechen wendet, er trifft ūberall nur auf die Erzeugnisse der denkenden Tatigkeit der Seele, die Seele selbst, die doch durch ihre Tatigkeit simtliche Erkenntnis- inhalte erzeugt, ohne in ihren Wechsel hereingezogen zu wer- den, bleibt ausserhalb des Kreises, den die antike Spekulation umschreibt. Nur als Vermittlerin zwischen dem formgebenden und dem formempfangenden Prinzip darf sie noch gelten, und es lastet auf ihr, wie auf įedem Einzeldasein der alttestamentliche Fluch: „„Staub bist du und sollst zu Staub werden“. Ewig brennen nur die Lichter der Erkenntnis, und der Fackeltanz des Lebens nimmt unter dem nachtlichen Himmel, der von ihnen allein beleuch- tet wird, ununterbrochen seinen Lauf; die daran teilnehmenden Seelen miūssen sich aber damit begniigen, dass sie die Fackeln von Hand zu Hand weitergeben, selbst aber vom Schauplatz nach und nach verschwinden.
Der neuzeitlichen, d. h. der christlichen Welt- und Lebens- einstellung verdankt der philosophische Gedanke die Erschlies- sung der vollen seelischen Wirklichkeit, die alle unsere Tatigkei- ten und ihren unverganglichen Grund umiasst. Die individuelle Seele, die im antiken Idealismus ein zwischen dem Sein und dem Nichts wankendes und schliesslich dem Nichts hofinungslos ver- iallendes Mittelding war, ohne eigene metaphysische Wūrde und Bedeutung, wird hier zum einzig echten und urspinglichen, weil alles ūbrige Sein aus eigenem Schosse erzeugenden Wesen. Sie ist nun nicht wie die Pilanze, die įeden Herbst Samen fūr neue Pilanzen liefert und so das ewige Rad des Lebens in seiner Be- wegung unterhalt, selbst aber frūher oder spater untergeht — sie bleibt als eine unzerstėrbare Einheit im allumspannenden Netz des Daseins, als ein unersetzbares Element im Iebendigen Zusam- menhang der Dinge, als der einzige Trager des nie rastenden, ewig aufsteigenden Lebens. Die Erkenntnis wird auf diese Weise nicht nur von dem alles beherrschenden Mittelpunkte des inneren Lebens verdrūngt, sondern es wird ihr eine unter den ūbrigen Le- benstatigkeiten der Seele untergeordnete Stellung zugewiesen, insofern das Erfassen der Wahrheit nur denen verheissen wird, die reinen Herzens sind. Das reine Herz bedeutet hier den ganzen
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inneren Menschen, die ungeteilte und ungeschmalerte Einheit sei- ner Gesinnung, die sich aus einem unverganglichen Wesenskern entwickelt und alle seine Krafte in Bewegung setzt.
Die folgerichtige Auswertung dieser religi6sen Grundeinstel- lung muss unvermeidlich zur spiritualistischen oder personalisti- schen 'Weltanschauung und zum Schaffen der ihr angemessenen Denkformen fihren. Der christliche Gedanke findet aber zundchst den ganzen Bereich des philosophischen Gedankens von den Er- zeugnissen des antiken Genius vėllig beherrscht, und es bleibt ihm nichts ūbrig, als die schwere Kunst des begrifflichen Formens bei den griechischen Meistern zu erlernen. Nun lassen sich die Denkformen von dem geistigen Nahrboden, auf dem sie erwach- sen sind, nicht trennen. Sie hangen aufs Engste mit der gesamten antiken Weltauffassung zusammen, die den unbedingten Seins- vorrang des Allgemeinen iber alles Individuelle behauptet. Die christliche Gott - Seele - Spekulation kann in ihnen keinen hin- lnglichen Ausdruck ihrer neugewonnenen Inhalte finden, und doch bleibt ihr zunžchst keine andere Wahl, als entweder auf die begrifiliche Gestaltung dieser Inhalte ganz zu verzichten oder sich des hellenischen Rūstzeugs zu bedienen und erst nach seiner voll- kommenen Aneignung zum Schaffen eigener Denkiormen zu schreiten. Von den ersten Schritten des neuzeitlichen Gedankens bildet die griechische Lehrzeit fūr jeden seiner Vertreter eine unumgžngliche Voraussetzung. Nur wer sich im antiken Erbe vollig frei bewegen kann, wer das ūberlieferte Begriffsnetz bis in seine letzten Fiden beherrscht, kann hotfen, die Schranken zu durchbrechen, die die freie Entfaltung seines spekulativen Den- kens verhindern, und gleichzeitig die unverganglichen Errungen- schaften des griechischen Genius, die vor allem auf dem Gebiete des von ihm erschlossenen ideellen Seins liegen, voll erhalten und in den Neubau einordnen zu konnen. In diesem Sinne bildet der griechische Idealismus, der den neuen Geist in die strenge be- grifiliche Zucht nimmt unt dadurch die erste, vorldufige Gestal- tung des neuen Wirklichkeitsbides ermėglicht, eine der wichtig- sten Lebensguellen der neuzeitlichen Weltauffassung.
Die dritte Guelle der spiritualistischen MWeltanschauung ist die so lange in ihrer ungeheuren Bedeutung ibersehene deutsche Grundstrėmung der neuzeitlichen philosophischen Spekulation. In der Zeit der Kirchenvžter und im Mittelalter haben an dem 4usserst
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langsam vor sich gehenden Bau der spiritualistischen Philosophie verschiedene Vėlker teilgenommen. Seit dem Ausgang des Mittel- alters ūibernimmt der deutsche spekulative Genius die entscheiden- de Fiihrung. Ohne die Verdienste eines Descartes, Malebranche und Berkeley irgendwie schmalern zu wollen, miissen wir aus- dricklich betonen, dass die Philosophie des tatigen Geistes alle ihre wichtigsten Errungenschaften der langen Reihe der deutschen Geister verdankt. Diese Strėmung wird vor allem von den geheimen Guellen gespeist, die den Tiefen des deutschen Volksgeistes und seines mystischen Lebens entsprungen sind. Mit diesem Leben eng verwachsen sind die ersten grossen Bahnbrecher der deut- schen spiritualistischen Weltanschauung Meister Eckehart und Nikolaus von Kues, und von diesen Denkern fihrt ein ununter- brochner Weg zu den letzten Hėohen der deutschen Philosophie des tatigen Geistes, deren Siegesgang durch das Kampiffeld des neuzeitlichen Gedankens uns am schėnsten und eindrucksvollsten Heinz Heimsoeth in seinem Meisterwerke „Die sechs grossen Themen der abenlūndischen Metaphysik“ geschildert hat.
Das Christliche, das Griechische und das Deutsche — diese drei Lebenselemente der spiritualistischen Spekulation — treten 1 harmonischer Verbindung auch im Schaffen ihres grossten Ver- treters im neunzehnten Jahrhundert hervor. Das stetige Ineinan- dergreifen dieser Elemente und ihre gegenseitige Befruchtung in der geistigen Entwicklung unseres Geisteshelden zu verfolgen, wird eine der Hauptaufgaben unserer Vorstudien bilden.
I. Lehrjahre
1. Vier grosse Abschnitte in Teichmūllers Leben.
Teichmiillers Leben wollen wir zum Zweck einer vorlūutigen Orientierung in vier grosse Abschnitte einteilen.
Der erste Abschnitt ist von Studien in Braunschweig, Berlin und Tūbingen erfūllt, die in Petersburg fortgesetzt werden und mit zwei ersten Aristoteles gewidmeten Abhandlungen ihren vorlūuti- gen Abschluss finden. Es ist die eigentliche Lehrzeit (1832 — 1860) die T. zum grėssten Teil in der Werkstatt des griechi- schen Meisters zubringt und in der er sich alle Mūhe gibt, sich in seinem Handwerk so vollkommen, wie nur mėoglich auszubilden. Da bereits in diesem Lebensabschnitt einige Grundziūge von Teich-
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mūllers spūterer Weltanschauung hervortreten, so kėonnte man ihn den blūtenansetzenden Frūhling nennen.
Mit der auf Grund von seinen ersten Schriften erfolgten Ha- bilitierung in Gėttingen beginnt der zweite Abschnitt in T. Leben, den man vielleicht als seine W anderjahre (1860—1871) be- zeichnen kėnnte. Ausschlaggebend tūr diese Bezeichnung sind nicht die zahlreichen und weiten Reisen, die unser Denker in diesem Zeitraum unternimmt, sondern der ūiberaus weite und wechselreiche Beziehungskreis, in dem sich seine geistigen Wanderungen voll- ziehen. Er kommt in Berūhrung mit einer langen Reihe der her- vorragendsten Geistesgrossen seiner Zeit: man braucht nur die Namen von Lotze und Nietzsche zu nennen, mit denen sich der Anfang und das Ende dieser Reihe bezeichnen liesse, um sich einen Begriti von ihrem Reichtum zu bilden. Schon in seinen Lehr- įahren machte T. manchen Abstecher in verschiedene Gebiete der neueren Philosophie, doch erst im zweiten Lebensabschnitt fihren seine Wanderungen zu tiefem und allseitigem Eindringen in die grossen Systeme der Neuzeit, z. T. auch in diejenigen der patristi- schen Philosophie Literarisch tritt įedoch T. in dieser Periode—von einigen kleinen Rezensionen abgesehen — nur als Forscher der Aristotelischen Schriften auf, so dass man mit Eucken diesen Lebensabschnitt als denjenigen der Aristotelik bezeichnen konnte. Die eigenen systematischen Interessen treten zundchst zu- rūck, doch kėnnen wir aus seinem Briefwechsel mit seiner Braut Anna von Cramer nachweisen, dass schon im ersten seiner Wanderjahre (1860) T. sich zu Leibniz als seinem Meister bekannte.
1871 folgt T., der inzwischen seinen Gėttinger Lehrstuhl mit demjenigen in Basel vertauscht und dort drei Jahre verbracht hat, einem Rufe an die Universitūt Dorpat. Langsam vorbereitet kommt jetzt die Zeit der begrifisgeschichtlichen Hochblūte. Die „„Wanderungen“ sind abgeschlossen. Aus dem Wanderburschen ist ein Meister geworden. T. wird zwar noch manche fremde Ge- dankenreiche durchmessen — wir sehen aber jetzt vor uns nicht den lernbegierigen Wanderer, der die Eindriūcke, die ihm tremde Lžnder bieten, ileissig sammelt, sondern einen selbstūndigen, ziel- bewussten Forscher, der die fremden Gebiete seinem Denken vėl- lig unterworfen hat und nun sie nach eigener Einsicht ordnet und verwaltet. Das ganze Weltreich des spekulativen Gedankens liegt klar und abgeschlossen vor seinem geistigen Auge, und wenn er
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seine Aufmerksamkeit bald diesem bald jenem Teile schenkt, so verliert er nie das Ganze aus den Augen, sondern weist mit souve- rūner Meisterschaft und Beherrschung des Stoffes jeder Idee ihren Wirkungsbereich und ihre Bedeutung in dem grossen Zusammen- hange zu. Mit besonderer Vorliebe bearbeitet T. das heilige Land des griechischen Gedankens, wie es sich zwischen Anaxima11- drosundAristoteles ausbreitet. Als das hėchste Erzeugnis dieser Erde feiert er Platon: seinem grossten Schiler erkennt er nur das Verdienst zu, das Platonische Erbe im Rahmen eines schulmžssigen Systems geordnet zu haben. Die Hauptwerke der Meisterjahre sind „Studien...“ 1874 und „Neue Studien zur Ge- schichte der Begriffe“. I-III. 1876—79.
Den Abschluss der Meisterjahre wird man wohl in den Anfang der achtziger Jahre setzen konnen. T. hat die Probleme und Begrii- fe der antiken und der neuzeitlichen Spekulation bis in ihre letzten Wurzeln veriolgt und glaubt nun fūr die Vollendung seiner Lebens- aufgabe reif zu sein: der systematischen Grundlegung und Gestal- tung des vom Standpunkte des tūtigen Geistes entworfenen Welt- bildes sind seine Vollendungsjahre (1882—1888) gewid- met. In rascher Folge erscheinen jetzt „Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik“ (1882), die „Religionsphilosophie“ (1886) und die erst nach T-s Tode verčtientlichte ,,Neue Grundle- gung der Psychologie und Logik“ (1889). Dass diese Meister- werke damals fast vollig unbeachtet geblieben sind, kann uns nicht besonders wundernehmen, war doch der philosophische Schau- platz vėllig vom Positivismus, hauptsachlich neukantischer Prd- gung, beherrscht — dass aber der von T. erschlossene Begrifi- schatz auch in unserer Zeit, die doch eine Auferstehung des speku- lativen Gedankens feiert, verkannt wird, ist eines der sonderbar- sten und beklagenswertesten Missverstūndnisse der gesamten Phi- losophiegeschichte. Unter den sehr zahlreichen Schriften dės Nachlasses, der von der geistig hochbedeutenden Tochter des Denkers Anna Teichmūller in Mittel-Schreiberhau, Rsgb., Kirchstr. 43, liebevoll verwaltet wird, ragt die im wesentlichen druckreife „Logik und Kategorienlehre“ hervor. Der Veriasser dieses Aufsatzes wird diese Schrift, die den zweiten Teil der „Neuen Grundlegung der Metaphysik“ bilden sollte, in dem von ihm herausgegebenen ,„Archiv fūr die spirituali- stische Philosophie und ihre Geschichte“ zum
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fūnizigsten Todestage des genialen Denkers, der am 22. Mai 1938 wiederkenrt, der Offentlichkeit vorlegen.
2. Die Vorfahren.
Eine alte Familienchronik, die in T-s Hause autbewahrt wor- den ist, zžhlt die vaterlichen Vorfiahren des Denkers vom Anfang des XVII. Jhdts an. Die meisten von ihnen widmeten ihr Leben dem Berg- und Hiūttendienst im Harz und in der Wesergegend. Vor Gustav T. findet sich keine Tradition gelehrter Arbeit in der Fa- milie. Auch der Vater unseres Denkers August T., 1795 geb. wollte denselben Lebensberut wžhlen, wie die meisten seiner Vor- fahren. Die Befreiungskriege werfen ihn aus der Bahn: er wird Militar, kimpft bei Waterloo mit, steht lange Jahre in Wolfenbiittel und in Braunschweig, wo er sich 1826 pensionieren lūsst und dann bis an sein Lebensende (1855) als kleiner Rentner lebt. Im J. 1828 verheiratete sich August T. mit der geistig hervorragenden Charlotte von Girsewaldt, die mūtterlicherseits di2 Enkelin eines franzosischen Emigranten Boyer war. Das zweite Kind, das diesem Bunde entspross, war Gustav Teich- mūller, der in Braunschweig, am Walle, den 19. November 1832 das Licht der Welt erblickte.
Wo es sich um einen grossen Mann handelt, da ist es immer eine lockende Aufgabe, den Familiengeist zu eriorschen, der sich mehrere Generationen hindurch steigert, um schliesslich in einem einzelnen Vertreter seine Krafte gleichsam zusammenzuraffen und so zu seiner vollkommensten Gestaltung zu gelangen. In Bezug aut entferntere Vorfahren unseres Geisteshelden macht die Ausserste Dūritigkeit der Urkunden die Inangrifinahme dieser Aufgabe schier unmoglich: iber ganz allgemeine Zusammenhūnge wird man hier wohl nie hinauskommen kėnnen. So wird man z. B. die Vermutung aufstellen diirfen, dass die erstaunliche Arbeitskraft, die sich frih bei Gustav Teichmūller zeigte, das Erbstick sei, das er seinen va- terlichen Vorfahren verdanke. Man kann vielleicht noch weiter gehen und zwischen seiner geistigen Art und dem Lebensberut, dem seine Ahnen ein ganzes Jahrhundert ihre Krūfte widmeten, eine ge- heime innere Verwandtschaft festzustellen versuchen. Im Berg- und Hūttendienst miissen die Naturschūtze dem Inneren der Erde in ausserster Anstrengung und gleichzeitig mit der grėssten Behut- samkeit abgerungen werden. Da gilt es jeden Schritt im Voraus zu ūberlegen, damit die aufgelockerte Erde den verwegenen Schatz-
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gržber nicht ūberschūtte. Geht man an die planmassige Ausbeutung und Bearbeitung der Schūtze, so muss das gesamte Ausgrabungs- gebiet mihsamst durchforscht werden, die sicheren Fundamente gelegt, die jeder Erschūtterung Stand halten kėnnen. Soll eine solche Arbeitstatigkeit dauernd gelingen, so muss sie eine bestimm- te Geistes- und Gemiūtsverfassung zu ihrer Voraussetzung haben. Ein stūrmischer Draufgūnger wird dabei kaum etwas leisten kon- nen. Nur Geduld und zihe Ausdauer kėnnen hier Frūchte tragen.
Diese Eigenschaften zeichnen nun gerade unseren Helden aus. Was wir an seinem Lebenswerke bewundern und worin er sich den grossten Denkern aller Zeiten wūrdig anschliesst — ist nicht das Errichten der hohen und mūchtigen Ideengebūude,. die alle Schop- fungen des menschlichen Geistes in sch6ner und ūbersichtlicher Ordnung in ihren Raumen unterzubringen versuchen und die wirk- lich Erstaunliches leisten bis zu dem Momente, wo es sich heraus- stellt, dass die Fundamente, auf denen der ungeheure Bau ruht, viel zu schwach sind, um eine solche Last tragen zu kėonnen. Im (Gegensatz zu dieser fundamentschwachen Bauweise geht Teichmiillers Bestreben vor allem dahin die Fundamente mėglichst sicher anzulegen: er grabt das ganze Land, auf dem sich die stol- zen Gedankengebžude der Vergangenheit erheben, um, prift den ganzen Boden durch, geht sžmtlichen unterirdischen Guellen, die so oft die Arbeit des Baumeisters unsicher machen, nach, sprengt die alten Felsmassen im Reiche des Gedankens auf, die sich im Laufe von Jahrtausenden gebildet haben und nun den neuen Bau- versuchen hinderlich im' Wege stehen, und, wenn er schliesslich die neuen Fundamente legt, so zeichnen sie sich durch eine erstaunli- che noch nie dagewesene Sicherheit und Festigkeit aus. Man wird auf ihnen mannigiache Gebžude autfūhren kėnnen — die Funda- mente selbst sind aber unzerstėrbar.
3. Wesensgemeinschaft mit der Mutter.
„Es gibt — schreibt Gustavs Mutter an ihren Sohn im Marz d. J. 1856 — viele gelehrte Frauen, die selbst viel geschrieben, und ihre Kinder waren nicht bedeutend. Mir scheint also, wenn in der Mutter viel unentwickelt ruht, viel ahnungsreiches, so tritt es in dem Sohne ans Licht, das geerbtę Fundament treibt, bringt hervor, breitet sich aus, die Saat spriesst in goldenen Garben in dem geliebten Sohne der Sonne entgegen“.
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Die tiefe Wesensgemeinschatt zwischen seiner Mutter und sich selbst hat Teichmūller sehr oft betont. Hier muss ich mich aut zwei Belege beschrūnken. „Ich habe — schreibt Teichmūller an Lina von Cramer (5.VII. 65) — meine Mutter immer un- endlich geliebt und fūhle alle meine Eigenschaften als Erbschatt von ihr. Von meinem Vater hab ich viel weniger, obwohl auch ei- nige Zūge“. Noch kraftiger drickt der Sohn diese Ūberzeugung in einem zehn Jahre frūher geschriebenen Brieft an die Mutter selbst (13. III. 1855) aus: „Meine geliebteste Mutter! Meinen innigsten Dank fir deinen herrlichen und kraftigen Brief. Es sind drei Ei- genschaften, die alles, was du tust, eigentūmlich kennzeichnen, — und die ich hoffentlich von dir geerbt habe; auch in diesem Brief treten sie offenbar hervor: Kraft vor Allem, die sich in einet stetigen Rihrigkeit und Tiichtigkeit kund tut. Verstand, der sich in dem unermūdlichen Urteilen und der Lust an Betrachtungen und der Neigung zu Erinnerungen an Dinge, die nicht gegenwartig sind, bemerklich macht, und als den herrlichsten Fiihrer fr Beide die Liebe, die, sie mag erscheinen in welcher Form sie woll2, immer deine ganze Natur beherrscht, und sie zu allem Grossen, Herrlichen, Heiligen und deshalb zu Gott hinzieht und darum mit allen edlen Stimmungen der Seele, Gemiitlichkeit, Mitleid, Glaube und Ruhe ertūllt. Gott segne dich, meine geliebteste Mutter!“
Kraft der unermūdlich tatigen Seele, Verstand, der nach allen Seiten sein weites Begrifisnetz ausspannt und das darin Gefangene zu einem einheitlichen Ganzen zu ordnen bestrebt ist, Liebe, die stets den ewigen Dingen zugewandt ist und in ihrem Lichte die unendliche Mannigfaltigkeit der vergžnglichen Dinge zu betrachten und zu erfassen sucht — alle diese Eigenschaften des mūtterlichen Wesens tinden wir auch in der Seele des Sohnes im hohen Grade wirksam. Zžihe Ausdauer im Beharren bei dem einmal gesteckten Lebensziele, eiserner Fleiss, der vor keinen Hemm- nissen in ihrer Verfolgung zurickschreckt, sind die Ziige, die bereits in frūher Jugend gereift ihm nie mehr abhanden kommen. In noch hė6herem, ja in hochstem Masse ist bei ihm die Eigenschaft, die er den Verstand nennt und die zugleich die Kraft des Denkens und die Lust an seiner ununterbrochenen Betatigung bezeichnet. Das rastlose Hin- und Her-Bewegen der Probleme, das Eindringen in ihre letzten Tiefen und die feine dialektische Bearbeitung des dort Gewonnenen bildet die bei weitem starkste Leidenschaft seines ganzen Lebens, ohne die er nie zu einem so grossen Denker ge-
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worden ware. Die von der Mutter geerbten Keime haben sich hier zu der schėnsten und ūppigsten Blite entfaltet.
4. Der mūtterliche Eintluss.
Wie gross der Eintluss der trefilichen Frau auf ihren Sohn gewesen ist, zeigt zur Genūge ihr nach mehreren Hunderten von Stiicken zahlender Briefwechsel mit den Kindern und Verwandten. Einige besonders charakteristische Stellen erlauben wir uns hier anzufūhren.
In einem Briefe vom 27. Januar 1856 blickt Gustav, der ge- rade vor dem Abschluss seiner Doktordissertation steht, tief ge- rūhrten Herzens auf die glūcklichen Jahre seiner Kindheit zurick und schreibt Folgendes: ,,...19 Jahre lang ist uns Raum und Zeit gemeinsam zu Teil geworden und die Geister haben in Worten und Taten ihr eigenes Leben gegeneinander ausgetauscht. Ich sehe dich vor dem Oten in Vaters Stube sitzen, die Fiisse gegen das Feu- er gekehrt, die Hande, welche die Wairme einsaugen, behaglich aut schwarzseidenem Kleide streichelnd. Dabei der redende Mund, der die Seelchen deiner Kinder in Aufmerksamkeit an deine Seite tesselt; nur der Ofen spendet Licht und die džmmernde Luft. Das dussere Auge zerstreut nicht, das innere Auge wird licht und reich — meine geliebteste Mutter, wie viėle Tage sind so vollendet; Wie viele Gedanken und Gefiūhle sind so an gleichem Ort zu gleicher Zeit durch Mutter und Kinder zugleich gegangen! Wie binden sol- che Erinnerungen. Diese Marchen! Der wunderbare spitze stei- nerne Turm mit dem Zauberer drinnen, vor dem įeder einen gehei- men Schauder hatte; der Prinz Lolo — diese marchenhaifte Zeit! War sie wirklich einmal? Dieses Traumleben, ist es kein Traum?.. Ich mag meine Jugendzeit nimmer fir nichtig erklūren, denn es liegt eine tiefe Wahrheit in dem Mūrchen; und was die heidnische Natur der Araber, der Griechen und der Deutschen gedichtet hat: das wird ewigen Wert fitr die Kindheit behalten. Diese natiūrliche Furcht, Hofinung, Mitleid, Liebe, Bewunderung und Staunen, die- ses Streben in's Unbestimmte nach dem Grossen, der Glaube an den Beistand himmlischer Wesen und an das Belebte um uns, wo der leibliche Sinn nichts sieht: sind diese Affekte des natirlichen Menschen įemals zu ersetzen? sind sie nicht der Zauber der Kind- heit, wodurch sie reich und geistig wird?. .“
„In den Marchen — schreibt Gustav im folgenden Briefe an die Mutter (20. II. 56) — ist meistens Gefahr und Schicksale die
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Fessel, welche vom Mut, von der Ausdauer, Treue oder Liebe oder Glauben und anderen sittlichen Mžchten zerbrochen wird. So ist also die allgemeine Wahrheit, die auch den Zauber der Marchen- welt bildet“. Indem unser Held den Zusammenhang zwischen dem Zauber der Marchenwelt und dem Lichte der allgemeinen Wahr- heit aufdeckt, weist er gleichsam den Faden auf, der die Anfangs- und Endstufen seines eigenen geistigen Aufstiegs verband und bringt damit Einheit in den ununterbrochenen Gang seiner inneren Entwicklung: in seiner reifen sittlichen Welt entdeckte er diesel- ben Gestalten, die ihm in der ersten unklaren Dammerung seines kindlichen Gedankens vorschwebten und so zart und verheissungs- voll zu seinem Herzen redeten.
Zu den Gestalten der Marchenwelt gesellten sich bald die Gestalten, die auf dem Schauplatz des wirklichen Lebens aufgetre- ten waren, und erfūllten die empiūngliche Seele des Kindes mit Ehrfurcht und Bewunderung. „Gustav — lesen wir in einem Brief- chen seiner Mutter aus seiner frihen Kindheit — muss ich oft vom Kaiser Marc Aurel erzžhlen und seine Augen leuchten und er lacht, weil er das Weinen unterdricken will, und in seinem Gesicht lesė ich dann eine ganze Geschichte, die ein Mutterherz wohl mit Stolz erfūllen kann“. Die Erzžhlung klingt autfallend dhnlich dem Be- richte von Goethes Mutter iber ihren kleinen Wolfgang, der ebenfalls manche Gestalten seiner spateren Dichtung den schlich- ten Marchen- und Heldengeschichten verdankte, die er zuerst aus Muttersmunde hėrte. ,,Da verschlang er mich bald — berichtet Frau Rat ūber den Eindruck, den ihre Erzžhlungen auf ihren Lieb- ling machten — mit seinen grossen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinne ging, da sah ich, wie die Zornesader an der Stirne schwoll und wie er die Tranen verbiss“. Der Bericht, den uns Gustavs Muttr hin- terliess, hat nur den Vorzug, dass er nicht bloss die allgemeine Stimmung schildert, in die der Sohn durch ihre Erzahlungen ver- setzt wurde, sondern auch den Helden nennt, dessen Lebensschick- sale ihm die wžrmste Teilnahme eingeflėsst hatten: denn gerade die stoische Moralphilosophie, zu deren besten Vertretern der edle romische Kaiser gehorte, fesselte frūih unseren Denker und blieb sein Lebenlang einer der Ecksteine seiner gesamten sittlichen Lebensauffassung: in der ersten Morgendimmerung seines kind- lichen Gedankens schwebten ihm eben dieselben Gestalten vor, die auch die Grundzige seiner reifen sittlichen Welt bestimmten.
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5. Grundlegung einer christlicher Weltanschauung, als Ver- machtnis der Mutter.
„Die Bibel — heisst es in der „Vita“, die Teichmūller bei sei- nem Abgang vom Braunschweiger Gymnasium verfasste — (vor allem Johannes) und der Stoicismus haben meine sittliche Erzie- hung geleitet“ und an einer anderen Stelle: „„Als ich anting, mich selbst zu erziehen, so konnte ich keinen heilsameren Lehrer tin- den, als die Bibel und den Platonismus oder (?) Stoicismus, und diese sind bis vor kurzem meine alleinigen Lehrmeister gewesen“.
Der Platonisch-Aristotelische Idealismus und das Christen- tum bilden Xwei Brennpunkte, um die sich, wie eine Ellipse, Teich- mūllers Lebensarbeit dreht. Den Weg zum antiken Idealismus hat ihm die Schule erofinet. Die Gesinnung aber, die ihn zur christ- lichen Welt- und Lebensauffassung drūngen musste, hatte in seiner Seele das Vaterhaus'zu pilegen gewusst. Die Familie hielt treu an der Religion und den“Sitten der Vorfahren, und wenn der reife Denker als die wichtigste Aufgabe seines Lebens die allseitige Be- grindung und E 2 der Philosophie des Christentums be- trachtet, so sind die Keimė dazu zuerst in seinem Elternhause auif- gegangen. Wir besitzen eineh Brief der Mutter an den jungen Den- ker, der gerade seine akadelnischen Studien abgeschlossen hatte und sich nach einem passenden, Wirkungskreis umsah, der wie ein Vermachtnis klingt und auch als ein solches wirklich betrachtet werden kann.
„Kėnntest du nicht — schreibt die Mutter im Herbst d. J. 1855 — ganz und gar vom Geiste des Christentums durchdrungea sein, aus dem ewigen Born der Weisheit in ganzer Fūlle getrunken haben? und doch ein Lehrer der Philosophie sein? — ich sollte meinen, du konntest die Systeme lehren und dann in aller Schžrfe sie gegenūber dem Christentum stellen. Was liessen sich da fiir Vergleiche auistellen, wenn du das Christentum durchdrungen, oder wenn du ein durch den heiligen Geist wiedergeborenes Herz hattest“.
6. Der erste religions-philosophische Lehrer J. W. Hanne.
Bis zu seinem vierzehnten Jahre waren Gustavs Fortschritte in den Schulfdchern sehr mittelmūssig. Es wurde in seinem Fa- milienkreise ernstlich beraten, ob der Knabe sich nicht einen prak- tischen Lebensberuft erwžhlen und sich zu einem Landwirt oder
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Forstmann ausbilden lassen solle. Das Verdienst, die ausserordent- lichen Gaben des Kindes erraten und ihn somit fūr die Wissen- schait gerettet zu haben, gehort dem Manne, der aut die Knaben- įahre unseres Helden, namentlich auf die religions-philosophische Richtung seines Geistes, entschieden den grėssten Einfluss ausge- ūbt hat, und dem wir deswegen an erster Stelle unsere Aufmerk- samkeit zuwenden miissen.
Im J. 1840 liess sich in Braunschweig der siebenundzwanzig- jahrige Kandidat der Theologie Johann Wilhelm Hanne nieder. Die Vorlesungen ūiber philosophische und religiose Ge- genstžnde, die er hielt, erregten hier grosses Aufsehen. Es waren wahrscheinlich diese Vorlesungen, die ihn dem Hause von Gustavs Eltern ndher brachten.
Hannes Kampf galt einerseits der materialistischen Welt- und Seelenlehre, andererseits dem geistlosen Buchstabendienst, der zu seiner Zeit bei so vielen Vertretern der protestantischen Or- thodoxie immer mūchtiger um sich griff. Die Waffen zu seinem Kampi entlieh der junge Theologe den grossen idealistischen Strė- mungen seiner Zeit, unter denen der Schellingianismus an erster Stelle zu nennen ist. Ohne ūber eigene systembildende Krait zu vertūgen, erwies sich Hanne als žusserst empfūnglich fūr die fremden Ideen, und da er die einmal errungenen Ūberzeugungen mit der ganzen Inbrunst seiner leidenschaftlichen Natur vertrat, so gewannen seine Ansichten in dem Kreise, in dem er wirkte, eine nicht unbetrūchtliche Bedeutung. Hanne ringt um die Grundla- gen seiner Weltanschauung mit grėsster Anstrengung, und, wo ein solches Ringen von einem leidenschaftlichen Wahrheitssucher aus- getragen wird, reisst es die empifūnglichen Gemiiter leicht mit: sie merken nicht, dass die Gedankenwelt, in die sie hineingezogen wer- den, sich nicht um ein e Achse dreht, dass die abstrakten Gedan- kenfaden manchmal nur kūnstlich aneinander geknipft sind und manchmal sogar ganz abreissen. Fir spekulativ veranlagte aber ungeschulte Kėopie besitzt gerade die Mannigfaltigkeit des auf diese Weise Gebotenen eiften besonders starken Reiz, nach dem Grundsatz „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Die Auswahl wird von ihnen selbst nach verschiedenen Massstiben getroffen. Gustavs Mutter wird diese Massstūbe in ihrem reichen Gefiihlsleben finden, Gustav selbst wird zundchst von den auf ihn eindringenden Gedankenmassen ganz ūberwžltigt, und es wird
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lange dauern, bis er eine gewisse Selbstandigkeit ihnen gegenūber erlangt.
In seinen Religionsstunden behandelte Hanne die beim Unter- richt auftauchenden Probleme mit Begrifien, die er verschiedenen idealistischen Systemen der Vergangenheit und Gegenwart ent- nahm und bewirkte damit, ohne es direkt zu beabsichtigen, dass die philosophischen Interessen beim empianglichen Knaben einen gewissen Vorrang vor den rein theologischen gewannen.
„Er behandelte—lesen wir in der V it a—zuerst die biblische Autfasung, dann die historisch-kirchliche und dann seine philoso- phische mit dem Urgrunde, indem das Geistige als Potenz im Ma- teriellen, das Materielle als Idee im Geistigen liegt“. Diese alte platonische Auffassung hat Hanne vor allem aus der Schellingschen Philosophie entnommen. Ich glaube, dass die grosse Anziehungs- kraft, die Schelling aut Hanne ausūbte, aut der geistigen Verwandt- schaft beruhte, die ihn mit dem berihmten Denker verband. Das unmethodische, die strenge Zucht dės wissenschaitlichen Den- kens verachtende, den Gedankenfaden bald abreissende, bald ihn wieder aufnehmende, aber dennoch hochst geistreiche, unendlich viele Entwicklungsmėoglichkeiten in sich bergende Schaffen des Identitūtsphilosophen begeisterte (Gustavs Lehrer im hėochsten Grade, weil er fir die Vorzige dieser Spekulation feines Verstand- nis besass, die Mūngel dagegen nicht bemerkte, da sie auch seiner eigenen Geistesverfassung und begrifilichen Tatigkeit eigentūm- lich waren.
Die Weltauffasung der Identitatsphilosophie mit ihrer Lehre von Naturgrund und Naturentwicklung ergab fūr Hanne nur den allgemeinen Hintergrund, auf dem er eine Menge andersartiger Ge- dankengebilde unterzubringen versuchte. Da begegneten sich, nicht ohne dass sie sich einander mit Verwunderung anschauten, das Platonische Nichts, das — um mit Hannes eigenen MWorten zu reden — „den befruchtenden Lichtsamen der gėttlichen Natur“ empiangt, dann die ihm nah verwandte Boehmische „geistlose, nžchtige, ungėottliche Unterlage des Universums“, schliesslich die Hegelsche ruhelose stets von neuem die Stufen der Thesis, Anti- thesis und Synthesis durchlaufende dialektische Entwicklung alles Seienden — dies alles und vieles andere, das aus der ewig jungen Platonischen Guelle fliesst, wird von Hanne mit Leibnizischen Monaden in einen Gedankenkreis zusammengebracht, ohne dass einzusehen ware, wie der Platonisch-Hegelsche Idealismus, der nur
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das Allgemeine als das wahrhaft Seiende anerkennt, mit Leibni- zischen Prinzipien, die die Welt aus individuellen'Wesen autzu- bauen unternehmen, sich vereinigen lasse.
Im Laufe der Zeit scheinen die Leibnizischen Ideen in Han- nes Denken immer mehr an Bedeutung gewonnen zu haben. In seinem Hauptwerke „Die Idee der absoluten Persėnlichkeit oder Gott und sein Verhžltnis zur Welt, insonderheit zur menschlichen Persėonlichkeit“ Bd. I u. II Hannover 1861—62, feiert Hanne den Veriasser der „„Monadologie, als einen der allergrėssten Vertreter des christlichen Theismus“ (S. bes. Bd. II, I Cap., III. SS. 52—76), dessen Philosophie „dem tiefsten Grunde des christlichen Bewusst- seins entwachsen“ sowohl den idealistischen Pantheismus als den sensualistischen Deismus „mit siegreichen Waffen“ bekimpit habe. (S. 55).
Unbekimmert um diesen Sieg bliūht der idealistische Pantheis- mus, immer stark Schellingianisch gefarbt, in Hannes Hauptwerke weiter, und sein System, sehr anregend in einzelnen Teilen, bleibt doch als Ganzes ein eklektisches Gefūge. Tauchte nun bei dem grossten Fortsetzer Leibnizens schon im seinem Knabenalter eine dunkle Ahnung auf, welche Bedeutung der grosste Denker der Neuzeit fūr ihn gewinnen werde?
Das erste deutliche Bekenntnis zu Leibniz habe ich erst ha Jahre 1860 im Briefe an die Braut Anna gefunden. Die Nachweise, dass seine Ideen in T-s Gesichtskreis getreten sind, kommen aller- dings schon in den ersten Universitatsjahren vor. Im zweiten Stu- dienjahr (1853—54) veriasst er die Abhandlung ūber die platoni- sche Unsterblichkeitslehre, die sich um den Gegensatz zwischen Platons Ideen und Leibnizischen Monaden dreht. Der Verfasser verhalt sich aber dabei ganz neutral: er weist die Unvereinbarkeit der beiderseitigen Prinzipien nach, ohne sich auf die eine oder an- dere Seite zu stellen. So werden wir annehmen miissen, dass nur die idealistischen Identitūtssysteme, deren Kenntnis, und dies natiir- lich nur in ihren allgemeinsten Umrissen, ihm Hanne vermittelt hatte, das Denken unseres Helden in seinen Schuljahren angeregt und angezogen haben. Hier haben wir also die erste greitbare Ideenguelle, aus der der junge Teichmiiller getrunken, und somit den ūberaus wichtigen Ausgangspunkt fūr seine weitere philoso- phische Entwicklung. Das Verdienst, ihn zu dieser Guelle gefiūhrt zu haben, gehėrt dem bedeutendsten Lehrer seiner Gymnasialzeit — Johann Wilhelm Hanne.
7. Teichmiūllers Lehrer an der Berliner Universitat. Trendelenburg.
Im Herbst 1852 lasst sich Teichmūller in Berlin in der philo- sophischen Fakultat immatrikulieren. Hier findet er aut allen Ge- bieten, die sein reger und vielseitiger Geist durchwandern will, die berufensten Fiihrer. Fast alle Professoren, deren „Vorlesungen““ und praktische Ūbungen er „leidenschaftlich besucht“ geniessen einen unbestreitbaren Weltruf. Man kann leicht den Eindruck und die Wirkung ermessen, den solche Lehrer auf den empianglichen Geist des reich begabten Jiūnglings ausiiben.
Von Teichmiillers Lehrern nennen wir an erster Stelle Tren- delenburg, weil die philosophischen Studien, die er unter der sicheren und zielbewussten Leitung des grossen Aristotelikers vollzog, von so grosser Bedeutung gewesen sind, dass sich mit ihnen kein anderer Einiluss, den Teichmiller erfahren, messen lūsst. Bereits aus den ersten Wochen seiner akademischen Stu- dien besitzen wir zwei Briefe, die Trendelenburg sowohl als Men- schen wie auch als Denker und Lehrer preisen.
„Die Vorlesungen — schreibt Teichmūller an den Vater (Herbst 1852) — besuche ich mit Leidenschaift; Trendelenburg ist ein sehr bedeutender Mann, und was ihn besonders hebt, das ist, dass er mit der Entwicklung der Zeit gearbeitet hat; er ist historisch. Seine Richtung sagt mir auch ganz zu; denn er ist weit erhaben iiber empirische Kleinkrimerei und eklektische Victualienhandler; aber ebenso ūber mystische Feiglinge, die weil sie mit ihrer verbildeten und unsteten Kraft nicht ausreichen, sich dem Aberglauben in die Arme werfen““.
Was Teichmiiller an seinem Lehrer begeistert, das alles sind Zige, die spūter seine eigene Denk- und Forschungsweise auszeich- nen werden. Trendelenburg lehrt ihn historisch arbeiten — und wir kėnnen kaum einen anderen Denker nennen, der so bewusst und sicher seine eigenen Anschauungen aut die wichtigsten Errungen- schatten der Weltphilosophie in ihrem geschichtlichen Entwick- lungsgange aufgebaut hat, wie Teichmiiller. Trendelenburg, die grossen Traditionen des griechischen Genius wiederbelebend, erhebt die Philosophie hoch iūber die „„empirische Kleinkramerei“ die im Materialismus und Positivismus ihren letzten Ausdruck tin- den — Teichmiller, denselben Weg wandelnd, betrachtet es als eines seiner Hauptverdienste, dass er versucht hat „der Philo- sophie ihre Hoheitsrechte und ihre kėnigliche "Wūrde wiederzu- erobern“, und dies konnte nicht anders geschehen als durch Bei-
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reiung des spekulativen Denkens „aus der schmahlichen Abhan- gigkeit von den Spiegelbildern der sogenannten Erfahrung“ (L. F. II, I) Schliesslich ist auch Teichmūllers Urteil ūber die „mysti- schen Feiglinge“ fir seine Geistesart bezeichnend. Er verwirtt nicht die Mystik: im Gegenteil — er schūtzt sie als die hochste Gabe Gottes, nur protestiert er, dass ihre Zeugnisse von schwa- chen Kėpifen missbraucht werden, da diese Zeugnisse nur im eige- nen Bereich Geltung haben und die klaren Begriffe, mit denen die Philosophie als durchaus rationale Wissenschatt arbeitet, kei- neswegs ersetzen konnen. In allen diesen Grundiragen ist die prinzipielle Einstellung des Lehrers und des Jinngers dieselbe. In Trendelenburg hat unser Denker den tfūr ihn gerade passendsten Meister gefunden. Was Wunder dass dieselbe Begeisterung auch aus seinem zweitem Briefe, der bald dem ersten folgte (Berlin, 7. XI. 1852) und diesmal an die Mutter gerichtet war, spricht: „Trendelenburg ist der tiefste, poetischste und kindlichste. Mit diesem innigen Herzensinteresse an der Wahrheit, mit diesem scharfen philosophischen Denken und diesen klaren Bildern der Phantasie, die seine Begriffe anschaulich machen muss“.
Die Bewunderung fiir den Meister nimmt auch im weiteren Verlaut der Studien nicht ab. Etwa elf Monate spšter lesen wir in Teichmūllers Tagebuch unter dem 19. X. 1853: „Indem die Vor- stellungen und Empfindungen, die in mir durch diesen Mann erweckt wurden, wieder aufsteigen, so fūhle ich mich eigentimlich ergriffen und bewegt. Es sind nicht einzelne Empfindungen und Ideen; es sind Vorstellungsmassen, zusammenwirkende Elemente. Dieserv keusche Ernst der Persėnlichkeit, dieses Haupt voll tiefer Stu- dien, dieses geniale Insichsein, das nicht auf die kleinliche Seite der Person sieht, sondern allein auf die Ideen, die ihm dargeboten werden. Respekt doppelter Respekt vor Aristoteles erfiūllte mich, da dieser Mann so hohen Wert auf ihn legt“.
8. Aristotelische Schulung unter Trendelenburgs Leitung.
Den Mittelpunkt des ungemein weiten Kreises, den Trende- lenburgs Studien ausiūllten, bildeten eben Aristoteles Schriften, Der Stagyrite lieferte ihm die wichtigsten Bausteine fūr sein eige- nes System, seine Schriften erchienen ihm als die beste Schule der Philosophie, deren Kenntnis durch nichts anderes ersetzt werden kann. In diese hohe Schule der Begriffiswissenschaft wurde nun
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der junge Student eingetūhrt. Obgleich Teichmiiller die Bewer- tung des Aristoteles als des grossten Denkers der Welt- philosophie bald einschrankte und schliesslich fallen liess, um ihn neben Platon nur noch als Mond neben die Sonne zu stellen, so erinnerte er sich sein Lebenlang an die aristotelische Schulung. die er unter Trendelenburgs Leitung erworben, mit warmen Dank und suchte dieselbe spžter, als er selbst die Philosophie in Gėttin- gen, Basel und Dorpat lehrte, seinen Schūlern beizubringen. Wie fūr Trendelenburg so fūr Teichmūller war Aristoteles der Lehrer xa1' šžoyjv, dessen Schule įeder durchmachen muss, der von dem launischen Zeitstrom nicht fortgerissen werden will und seine eigene Arbeit an die ewigen MWerte der antiken Philosophie angliedern will. Wie stark die ungeheuren Schūtze des griechi- schen Idealismus, die in Aristoteles' Lehrschriften niedergelegt sind, unseren Denker angezogen, beweist sein ungemein langes Verweilen bei denselben: zwei Jahrzehnte tritt er in der Offent- lichkeit ausschliesslich als Aristotelestorscher auf.
Diese Selbstbeschrūnkung war keine zuiallige, sondern eine bewusste und gewollte: sie hing aufs Engste zusammen mit der Autfassung die er sich sehr frih — įedenialls bereits wžhrend der Berliner Studienzeit — iūber den allgemeinen Entwicklungsgang der europaischen Philosophie ausgebildet hatte. „Als ich—schreibi Teichmūller in seinem ersten, 1882 erschienenen, systematischen Meisterwerke — vor dreissig Jahren die Naturwissenschaften und die grossen neueren Philosophen zu studieren anfing und gleich- zeitig unter Trendelenburg's Leitung mich in Aristoteles vertiefte und aus besonderer Sympathie Plato mir zu eigen machte, so erkannte ich sehr bald, dass die ganze moderne Philosophie nur ein immer nach den vermehrten positiven empirischen Kenntnissen und nach dem Zeitgeschmacke zugestutztes Abbild des antiken Urbildes sei. Desshalb versuchte ich zuerst die antike Philosophie in volles Licht zu heben und namentlich das Verhaltniss des Ari- stoteles zu Plato in's Reine zu bringen“. (Mt. Vorrede XXI - XXIII). Teichmiiller hat so lange bei Aristoteles verweilt, weil er in sei- nen Schriften den gesamten schulmassig systematisierten Ertrag der antiken idealistischen Philosophie fand und gleichzeitig den sichersten Schlissel zu den Grundbegriffen, von denen die grossen Systeme der Patristik und der Neuzeit vėllig beherrscht werden. Diese Einsicht soll von Teichmiiller „sehr bald“ gewonnen worden
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sein. Sicherlich hat ihm zu dieser fūr seine gesamte Autfiassung des Entwicklungsganges des europžischen Denkens so wichtigen Einsicht sein grosser Lehrer verholfen. Wir wissen, dass Trende- lenburg in seinen Vorlesungen, die sich auch aut die grossen phi- losophischen Systeme der Neuzeit erstreckten, iiberall die engė Abhdngigkeit des neuzeitlichen Gedankens von den unsterblichen Leistungen des antiken Idealismus betonte und in seinen Practica, in denen die aristotelischen Schriften die Grundlage bildeten, die Fiden autfzuzeigen bemiht war, die die Philosophie der Neuzeit mit der antiken Spekulation verbanden.
9. Teichmiillers Abweichung von seinem Meister in der Aut- tassung des Verhaltnisses zwischen Platon und Aristoteles.
So dankbbar auch Teichmiller diese Anregungen annahm, so war er doch weit davon entfernt, auf des Meisters Worte zu schw6- ren: sein frūhreifer Geist begann bald sich selbstūndig zu bewegen, und bereits in seinem zweiten Studienjahre (1853) verfasste Teich- miūller eine Abbandlung iber Platons Unsterblichkeitslehre, die, in Widerspruch mit der Trendelenburgschen Auslegung, eine Auf- fassung des grossten griechischen Denkers entwickelte, der es be- schieden war, fūr sein gesamtes Schaffen sowohl aut dem Gebiete der Philosophiegeschichte, als auch der systematischen Philosop- hie von fundamentaler Bedeutung zu werden. Erst einundzwan- zig Jahre spžter gab Teichmiiller „„diese Frucht der ersten Liebe“ zu dem gėttlichsten aller Denker ans Licht (L. F. II, 135), indem er seine Erstlingsschrift in die 1874 erschienenen „Studien zur Geschichte der Begriffe“ aufnahm. Er „modelte“ dabei „nur Weniges an der žusseren Form“ (L. F. II, 135), ohne seine Ūber- zeugung auch nur im Kleinsten gedndert zu haben.
Die Abhandlung beginnt mit der Aufstellung der Frage, ob Leibniz Recht hatte, als er die innere Verwandtschaft der plato- nischen Ideenlehre mit seiner spiritualistischen Monadologie be- hauptete. Teichmūller lehnt diese Auffassung aufs Entschiedenste ab. Denn wahrend bei Leibniz die individuelle geistige Substanz das Grundprinzip seiner gesamten Weltauffassung bilde, schliesse die Platonische Ideenlehre alles Individuelle aus dem Bereich des Wahrhatt-Seienden schlechthin aus. Die beiden Platonischen Prinzi- pien seien die Idee, das ewige oder das immer auf gleiche Weise Seiende und die Materie oder das nie wahrhaft Seiende, sondern
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immer Werdende. Das Individuelle kann nur in der Mischung de: beiden Prinzipien liegen. Als Resultat der Mischung kann die individuelle Seele kein selbstūndiges Prinzip sein und kann nicht zu dem Ewigen und Unverganglichen, sondern nur zu dem Ent- stehenden und Vergehenden gehoren. Die Platonische und die Leibnizische Aufifassung seien nicht nur voneinander zu trennen, sondern miissen scharf entgegengesetzt werden, denn was die eine behaupte, verneine die andere und umgekehrt. Um den Gegensaiz des Platonischen abstrakten und des Leibnizischen konkreten Idealismus (Spiritualismus, Personalismus) dreht sich wie um seine Achse das gesamte philosophische Schaffen Teichmiillers; — wenn wir bedenken, dass diese Entgegensetzung bereits in seiner Erstlingsschrift klar und deutlich ausgesprochen worden ist, so konnen wir uns nicht genug ūber die Friūhreife des kaum einund- zwanzigjahrigen Jūnglings wundern. „In seinem dunklen Drange“ sah er schon damals den IWeg vor sich, der ihn zur Ūberwindung des Idealismus und zur allseitigen Begrindung der personalisti- schen Weltauffassung fihren sollte. Dass er ihn schon damals be- wusst betreten, kėnnen wir allerdings nicht behaupten.
Das liebevolle Eindringen in die Platonische Gedankenwelt begann gleichzeitig mit seiner Vertieftung in die Aristotelischen Schriften. Schliesslich reifte in unserem Denker die Einsicht, die er erst zwei Jahrzehnte spūter geist- und eindrucksvoll entwickelte: die philosophischen Grundlagen seines gesamten Gedankenbaues habe Aristoteles seinem Lehrer, der ihn an spekulativer Krait unendlich ūiberragte, entnommen, ohne sie auch nur in einem un- tergeordneten Punkte zu bereichern. Die Platonische Gedanken- fūlle habe er allerdings systematisch geordnet, sie aber irgendwie prinzipiell zu erweitern, sei ihm nicht gelungen. Sein eigentūmliches Verdienst bestehe ausschliesslich darin, dass er die von Platon erfun- dene Methode und seine Grundprinzipien an einem mėūglichst gros- sen empirischen Material zu bewžhren bestrebt war. Hier entfernt sich wieder der junge Denker von der Autiassung seines Meisters: wahrend Trendelenburg in der philosophischen Spekula- tion der Neuzeit iiberall das antike Erbe nachweist und Aristoteles als den grossten Denker des Altertums auf den Thron der Welt- philosophie setzt, nimmt Teichmiūller dem Stagyriten trotz aller Ehrerbietung die Kaiserkrone vom Haupt, um sie seinem Leh- rer und Meister auf das Haupt zu setzen. Fortan wird ihm Platon
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zu dem grossten, gėttlichsten Denker aller Zeiten, dessen Her- 1lichkeit und Ruhm er auch da zu preisen nicht aufhėrt, wo er seiner Weltanschauung eine prinzipiell auf ganz anderen Grundla- gen aufgebaute Lehre entgegensetzt.
Wann ist Teichmiller zu dieser fūr seine Meisterjahre so wichtigen und charakteristischen Einsicht gelangt? In der Vorrede zu seinen „Studien“ (1874) weist der Denker daraut hin, dass er schon in seiner ersten deutschen Arbeit ,„ŪUber die Aristotelische Einteilung der Verfassungstormen“ (1859) gezeigt habe, „wie falsch die frihere Auffassung von Aristoteles als einem blossen Praktiker und Empiriker sei, da er einen Idealstaat genau nach den Platonischen Prinzipien construiert habe“ (S. VI). Auch seine zwei- te Abhandlung „„Ūber die Einheit der Aristotelischen Eudimonie“ (1859) habe erwiesen, dass die Gliūckseligkeit bei dem Stagyriten ebenso wie bei seinem Lehrer „einen idealischen Charakter“ (Ib.) habe. Weiter haben die beiden ersten Bžnde der „Aristotelischen Forschungen“ (1867 und 1869) „die meisten grundlegenden Be- griffe und Einteilungen des Aristoteles auf Plato zurūckgefūhrt“ und im dritten Bande, der die „Geschichte des Begrifis der Pa- rusie“ enthalt, erscheine „die Aristotelische Lehre durchweg als Platonismus, nur exacter systematisirt“ (Ib). Teichmiiller weist auf einige der wichtigsten Stuten hin, die ihn zu seiner endgiūltigen Lėosung des Problems „Aristoteles in seinem Verhaltnis zu Platon“ fūhrten. Dass er sich nur allmahlich zu dieser Losung herautgear- beitet hat, gibt der Denker selbst zu: „Sollte man tinden — lesen wir in derselben Vorrede — dass ich dennoch in diesem oder įenem Stūcke das Verhaltnis beider Manner įetzt etwas anders bestimme als frūher, so will ich nicht verbergen, dass ich inzwischen man- ches Neue gelernt habe“. (S. VI). Die Vermutung, dass dieses Neue vielleicht grosser war, als Teichmūller selbst zugibt, legt der Brief an die Braut vom J. 1860 nahe, der folgende Stelle enthalt: „Ich verfolge in der Philosophie eine Bahn, die durch die Namen Leibnitz und Aristoteles charakterisirt werden kann. Sonst habe ich mit keiner der modernen Schulen was zu schaiten. Mit Tren- delenburg stimme ich durch Aristoteles, durch Leibnitz weichen wir voneinander ab“. "Ware Teichmiiller bereits in seinem Habi- litationsjahre, (1860) dem der Briet entstammt, zu der Einsicht gelangt, dass Aristoteles bloss Systematisator der Platonischen Gedankenwelt ist, so wiirde er seine philosophische Richtung mit
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den Namen bezeichnet haben, die ihm spater als die grėssten spe- kulativen Genien aller Zeiten galten — Platon und Leibniz. Um 1860 vird wohl Teichmūller in seiner Beurteilung des Stagyriten Trendelenburg noch recht nahe gestanden haben.
Hoffentlich wird uns die systematische Durchforschung des gesamten Teichmūllerschen Nachlasses erlauben, die begrifisge- schichtlichen Studien unseres Denkers, die den weitaus grossten Teil seines Lebens ausfiūllen, in zwei Abschnitte oder genauer Kreise zu zerlegen, deren Mittelpunkte mit den Namen von Aristo- teles und Platon bezeichnet werden kėnnten.
10. Teichmūllers Studien iz der neueren Philosophie: ihre Rich- tung und ihr Umkreis von Trendelenburg bestimmt. Dilthey Ur- teil iber Teichmiiller.
Jene autfschlussreiche Notiz in der Vorrede zur Metaphysik spricht von den „grossen neueren Philosophen“, die T. „gleich- zeitig“ mit Aristoteles zu studieren anfing (Mt. XXI). Bei aller Selbstūndigkeit wird wohl der junge Teichmūller in seinen ersten Studienjahren den Hinweisen und Anregungen des verehrten Leh- rers gefolgt sein und sich vor allem an diejenigen grossen Den- ker der Neuzeit gewandt haben, die Trendelenburg in seinen phi- losophiegeschichtlichen Vorlesungen und praktischen Ūbungen, die, wie wir wissen, Teichmiller „leidenschaftlich besuchte“, be- sonders eingehend behandelte. Es gilt also, die hervorstechendsten Punkte des Arbeitsfeldes von Trendelenburg auf dem Gebiete der neueren Philosophiegeschichte zu bestimmen, um einen gevissen Einblick in die diesbeziūglichen Studien unseres Denkers zu ge- winnen.
Die vermischten Abhandlungen, die im ersten Band der „Hi- storischen Beitrūge zur Philosophie“ 1846 gesammelt sind, gruppieren sich, soweit sie das Gebiet der neueren Philosophie- geschichte betreten, um die Namen von Spinoza, Lei bniz, Kant und Herb art. Es sind meist dieselben berihmten Phi- losophen der Neuzeit, deren Lehren Trendelenburg auch im zwei- ten (1855) und im dritten Bande (1867) der Beitrūge behandelt. Das systematische Hauptwerk des grossen Gelehrten, seine „Logischen Untersuchungen“, ist wie Trendelenburg in der Vorre- de zur ersten Auflage (1840) hervorhebt, „in der Zeit der kulmi- nierenden absoluten Logik“ entstanden und enthžlt vor allem eine
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hochbedeutende Auseinandersetzung mit He gel und seiner Schu- le. Es werden aber dabei die Grundvoraussetzungen des gesam- ten nachkantischen Idealismus geprūft, um schliesslich in ihrer hochsten Ausgestaltung, die uns im Hegelschen Panlogismus ge- geben ist, abgelehnt zu werden. Weniger Raum nimmt in den „Lo- gischen Untersuchungen“ die Auseinandersetzung mit Herbart und seiner Schule ein, ohne deshalb an Eindringlichkeit und kritischer Scharfe zu verlieren. Die zweite Auflage des Werkes, an dem Trendelenburg, die Grundanschauungen ergžnzend und ausbau- und, sein ganzes Leben arbeitete, bringt noch eine wichtige Abhandlung iber den ,,Zweck und den Willen“, die wertvolle kri- tische Betrachtungen ūber Schopenhauers Lehre vom Wi- Ilen als dem Grundprinzip des Daseins enthalt. Wenn man in Teichmiillers Schriften bis an sein Lebensende die zahlreichen kri- tischen Auseinandersetzungen mit den berūhmten Vertretern der neueren Philosophie durchlūutt, so stosst man meist auf dieselben Namen, denen wir bei seinem Lehrer begegnen. Und was weiter charakteristisch ist, diese kritischen Partien, auch wo sie aus ganz ilūchtig hingeworfenen Bemerkungen bestehen, legen sowohl beim Lehrer wie bei dem Schūler davon Zeugnis ab, dass sie aus einer langandauernden Vertiefung und immer wieder erneuten Be- schaftigung mit den namhaitesten Vertretern der Philosophie der Neuzeit hervorgegangen sind. Wird also die Zeit kommen — und sie muss kommen, wo das Verhaltnis Teichmūllers zu Spinoza, Leibniz, Kant, Schelling, Schopenhauer und Herbart zum Gegen- stand eindringlicher vergleichender Betrachtungen gemacht werden wird, so wird man ūberall die Abhdngigkeit von seinem Lehrer bericksichtigen miissen.
Die Grenzen dieser Abhdngigkeit sind allerdings nicht zu weit zu ziehen. Wir haben bereits gesehen, wie bald der junge Denker in seiner Auslegung Platons und Aristoteles seine eigenen Wege einschlug, ohne dabei die wahren Errungenschaften seines bewun- derten Lehrers zu verleugnen. Auch in seiner Beurteilung der berihmten Vertreter der neueren Philosophie verfūhrt er eigentlich auf dieselbe Art und "Weise. Trendelenburgs Stellung zu ihnen bildet den Ausgangspunkt seiner eigenen Betrachtungen und der Faden, der die Auffassungen des Lehrers und des Schiilers ver- bindet, ldsst sich stets aufweisen, wenn er auch manchmal sehr dūnn wird und dazwischen sogar zu zerreissen scheint. So verherr-
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licht Teichmiiller in den Schriften seines ersten Lebensabschnitts ganz nach Trendelenburgs Vorgang Spinoza als einen der „hochangesehenen Wirdentrūger der Philosophie“. Seine immer sowohl in die Tiefe wie in die Breite gehenden Forschungen aut dem Gebiete der Begriiisgeschichte lassen in ihm Zweifel aut- kommen, ob wir es hier nicht mit einer Scheingrėsse zu tun ha- ben, und schliesslich lautet das harte aber durchaus gerechte und wohlbegriindete Urteil in einem der letzten und reifsten Meister- werke Teichmūllers: Spinoza habe „nie in seinem Leben einen eigenen Gedanken gehabt“ (RPh S. IX) und der ganze hochges- prossene Spinoza-Kultus beruhe auf einem argen Missverstandhnis, das die Begriffsgeschichte, die nur wahre Fortschritte des mensch- lichen Gedankens anerkennt, riicksichtslos zerstėren misse. Das Resultat der langįžhrigen Beschaitigung mit dem Amsterdamer Denker scheint der Trendelenburgschen Beurteilung direkt ent- gegengesetzt zu sein, und doch ist dies Ergebnis aut demselben begriffsgeschichtlichen Wege gewonnen, den Trendelenburg ange bahnt hat, und mit derselben Methode der logischen Chemie, die der junge Denker in seines Meisters Werkstatt auszubilden be- gann. Er brachte nur diese Methode zu hoher Vollkommenheit und liess sich von keinem Scheinruhm mehr blenden. Wurde er auch sehr oft dem Buchstaben seines Lehrers untreu, um 50 treuer hielt er an seinem Geist test, und da er eine Trendelenburg weit ūberlegene systematische Kraft besass, so wird fūr die Zu- kunft das Lebenswerk des Lehrers, seine Wissenschaft von der Geschichte der Begriffe, in der unsterblichen Form, die ihr sein genialer Jūnger verliehen, weiter leben:.
1 Hier mėchte ich das Urteil des bedeutendsten von Teichmiillers Berliner Studienfreunden — Wilhelm Diltheys — anfiūhren, der u. a. auch den sehr weit gehenden Unterschied zwischen den geistigen Veranlagungen Teichmiillers und Trendelenburgs hervorhebt. In seinem Tagebuch unter 8. XI. 54 schreibt Teichmiller Folgendes: „Dilthey gab — — heute ein... Urteil ūber mich: 1) Ich sei der spontanste Mensch, den er kenne. 2) entweder eignete ich mir Begriffe an, oder ich verwirfe sie — eine historisch-kritische Neigung sei gar nicht in mir — ich miūsste alle Be- griffe, alles Fremde immer unter meine Form, meine termini, meine Denk- weise bringen oder es sei nicht fūr mich da — darum sei ich Trendelenburg entgegengesetzt — meine Gelehrsamkeit bestehe deshalb nicht in viel Be- halten und Umfassen, sondern in Wissen d. h. entweder sei der Gegenstand der Gelehrsamkeit fir mich brauchbar oder er sei nicht fūr mich da.
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Mit diesen Betrachtungen, die allerdings notwendig waren, um einen Riūckschluss auf Teichmiillers philosophische Lehrjahre zu gewinnen, haben wir uns von unserer nūchsten Aufgabe ein wenig entfernt. Wir haben den Kreis zu umziefien versucht, den Teichmillers akademische Studien auf dem Gebiete der neuzeit- lichen Philosophie austillten. Sehen wir uns diesen Kreis noch etwas genauer an, so tritt hier die alle anderen Denker der Neuzeit ūiberragende Riesengestalt von Leibniz hervor.
Wir haben geschen, dass bereits in seiner Erstlingsschritt Teichmiller gerade Leibnizens Weltautfassung derjenigen Platons entgegensetzte. Aller Wahrscheinlichkeit nach stellte er sich be- reits wdhrend seiner Lehrjahre (bis 1860) auf Seite Leibniz's und gegen Platon; darin lag aber schon der Keim, der bei seinem weiteren Wachstum zu Teichmiillers eigener Weltanschauung sich entfalten musste. Dass Trendelenburg seinem Schūler zur Ver- tiefung in Leibniz verholfen hat, ist beinahe sicher, beschūftigt er sich doch in seinen Schriften sehr oft und eingehend mit dem grossten wissenschaftlichen Genius der Neuzeit. Dass er aber die ungeheure Tragweite der Grundprinzipien der Leibnizischen Monadologie selbst eingesehen und seinen Schiilern ūbermittelt hatte, missen wir bezweitfeln, haben sich doch diese Prinzipien in ihrer unendlichen Fūlle und ungeheuren Fruchtbarkeit erst im Schaffen seiner grossen Nachfolger, allen voran Lotzes und Teichmiūllers, offenbart. Es war der Logiker Leibniz, der Tren- delenburg anzog; sonst wurde Leibnizens gesamte Weltautfassung gerade in ihren originellsten Teilen von der Platonisch-Aristote- lischen organischen Weltauffassung iiberschattet und ins Dunkle gestellt Aus diesem Dunkel sie ans Licht gezogen zu haben, wo- durch erst die volle Entfaltung der in ihr keimenden Krafte mėglich wurde, war das Verdienst des grossten Nachfolgers von Leibniz — Gustav Teichmūllers.
Wie weit die Abhūngigkeit Teichmillers von Trendelenburg in der Beurteilung Kant s und der deutschen idealistischen Spe-
8) Deshalb sei meine Naiur echt philosophisch, mehr als Trendelenburgs. 4) durchaus nicht unproduktiv, sondern die kritische Natur sei unproduk- tiv.
Das gesamte Material zur Jugendfreundschaft von Teichmūller und Dilthey (Briefwechel, Tagebuchaufzeichnungen) werden wir im ersten Band des „Archivs fiūr spiritualistische Philosophie“ veroffentlichen,
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kulation geht, kėnnte erst nach eingehenden Untersuchungen test- gestellt werden Dass der Nachweis des antiken Erbes in der nach- kantischen Philosophie, der zu Teichmūllers begrifisgeschichtli- chen Glanzleistungen gehort, von ihm auf dem Wege gewonnen worden ist, den bereits der Vertasser der „Logischen Unterstu- chungen“ betreten, dūrfte ausser jedem Zweiiel stehen.
Unter den Denkern, die von Kant ausgingen, bald aber ihren eigenen. Weg gefunden haben, ragt die Gestalt Herbarts her- vor. Fir Teichmūller waren die Herbartschen Lehren schon inso- fern von grossem Interesse, als sie bewusst an die Platonischen und Leibnizschen Ideen anknipiten. In seinen systematischen Meisterwerken, die den letzten sechs Jahren seines Lebens ge- hėren, lobt er Herbart fir die „vielen neuen und fruchtbaren Ge- danken“, die er „in die wissenschaitliche Forschung eingefihrt hat“ (Mt. 7), rūhmt seine „epochemachende“ „fleissige und scharisinnige Behandlung“ des Problems des Bewusstseins (Ps. 9) und stellt ihn in dem Stufengang des personalistischen Gedan- kens zwichen Leibniz und Lotze, da er die individu- ellen metaphysischen Prinzipien gleich diesen suchte (Mt. 9) und den Ursprung des Begrifis der Materie verfolgte, um ihr die perspektivischen Zutaten abzuziehen. (KL Kap. V). Wenn wir auch dem Verfasser der ersten systematischen Abhandlung iber Teichmiūller dem Italiener Masci, der die Philosophie unseres Denkers, als eine Art von Synthese zwischen Herbart und Lotze bezeichnet, nicht beipilichten kėnnen, so wollen wir den tiefge- henden Eintluss Herbarts auf Teichmiillers Metaphysik und Psy- chologie keineswegs bezweifeln. Teichmūller hat sicherlich He r- bart manche Steine entnommen, sie griindlich behauen und schliesslich zum eigenen Gedankenbau verwandt.
Wie frih dūrfen wir diesen Einiluss ansetzen? Die erste Berūhrung mit der Herbartschen Begrifiswelt fallt sicher in Teich- mūllers akademische Studienjahre. Trendelenburg der sich in sei- nen Hauptwerken so oft und so eingehend mit Herbart beschūiftigt, hat wahrscheinlich sehr frūh Teichmiiller auf die beriihmte Met- hode der Bearbeitung und Berichtigung der Begriffe hingewiesen, und das Studium der Schriften ihres Urhebers empfohlen. Im Herbst 1854 freut sich Teichmiiller iiber die Fortschritte, die er in der letzten Zeit gemacht hat — „Ich fange an, die Probleme alle deutlicher zu verstehen, der unklare Nebel der Identitūtssysteme
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verdiistert nicht mehr meine Gedankenwelt, die alte Philosophie wird mehr zurūckgeschoben, der Wert der modernen Denker wird richtiger bestimmt...“ — und erkennt dankbar an: „Viel tragt und hat beigetragen Herbartisches Denken zu dieser Sinnesdnderung, die mich so viel frischer und klarer stimmt“ (Aus einem Tagebuch Teichmiillers). Die einmal gefasste Bewunderung fiir Herbart verlūsst den jungen Denker nicht mehr Ihren schari- sten Ausdruck tinden wir in den lateinischen Thesen pro venia legendi, die der erst siebenundzwanzig Jahre alte Denker in Gėt- tingen Frūhjahr 1860 verteidigte. Die zwėlite These lautet: „Herbartius inter primos principes omnium temporum philosophos habendus est“.
11. Liūcken in Teichmiillers geschichtsphilosophischem Ge- sichtsfelde: er iibersieht die Keime der personalistischen Weltan- schauung in der Patristik und Scholastik.
Wir haben bereits darauf hingewiesen dass Teichmūller in seinen systematischen Schriften sich hauptsachlich mit denselben Denkern auseinandersetzt, in deren Studium ihn Trendelenburg eingefūhrt hat. Es hingen damit wahrscheinlich auch die emptind- lichen Liicken zusammen die wir in Teichmiūllers philosophiege- schichtlichem Gesichtstelde mit Bedauern feststellen miissen.
Der Verfasser der „Studien zur Geschichte der Begriffe“ muss als einer der allerbesten |Kenner der antiken Philosophie angesehen werden. Seine Forschungsneugier wendet sich aber nicht dem ganzen Wege, den der griechische Gedanke durchschritt, sondern nur seinem wichtigsten Abschnitt zu, dessen Anfang und Ende mit den Namen von Anaximandros und Aristoteles bezeichnet werden kėnnen. Auch in diesem Abschnitt fallt es auf, wie wenig Beachtung Teichmiller demjenigen Denker schenkt, dem der von ihm vergėtterte Platon die hochste Bewunderung gezollt — ich meine Parmenides. Die orphische Bewegung, die, wie die spatere Forschung nachgewiesen, eine so hervorragende Bedeu- tung fūr die meisten griechischen Philosopheme gehabt, wird von unserem Forscher stillschweigend ūbergangen, auch die Nacha- ristotelische Philosophie tritt nur selten und zufallig in sein Ge- sichtsteld.
Auch das patristische Schrifttum, das doch den Philosophen des Christentums besonders stark anziehen miisste, wandert
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Teichmiiller in gelegentlichen, recht kurzen Streifzigen durch, de- ren Bedeutung bloss darin besteht, dass sie von den Platonisch Aristotelischen Lehren ihren Ausgang nehmen. Nur durch diesen Ausgangspunkt, der es ihm ermoglichte in den den Kirchenvatern gelūufigen Begriffen der Parusie, der Entelechie und des ewigen Lebens das Platonisch-Aristotelische Erbe wiederzuerkennen, sind die Untersuchnungen, die unter dem Namen „Geschichte des Be- griffs der Parusie“ erschienen sind, wichtig. Dies muss Teich- miiller selbst irgendwie gefihlt haben, indem er diese Schrift als den dritten Teil seiner „Aristotelischen Forschungen“ erscheinen liess.
Philosophie — sagte einmal Herbart — „zeigte sich in ihrer Vollkraft von Anaximandros bis auf Aristoteles: denn gera- de in diesem Zeitabschnitt sind die meisten ihrer Guellen ent- deckt und zugžnglich gemacht worden. Weiterhin blūhte sie von Cartesius bis auf unsere Zeit, denn es kann nicht in Abrede ge- stellt werden, dass sie seit įenem viel Bereicherung erfahren hat. Also wollen wir ihr schliesslich vier oder, falls man grosszūgiger sein wollte, fūnf ĮJahrhunderte echten Lebens zubilligen. einen Zeitraum, den sie, wenn man ihre hohe Wirde in Betracht zieht, recht gut durchlebt hat“. (Sžmt. Werke hrsgb. v. Kehrbach. X. 56). Teichmūller wirde sicher das Alter der Philosophie etwas hėher ansetzen und den Errungenschaften des patristischen Gedankens nicht jeden schopferischen Wert absprechen. Was aber die Scho- lastik betrifft, so wirde er sich wohl leider dem harten Urteil Her- barts anschliessen: lesen wir doch bei ihm, das ganze Mittelalter sei gleichsam ohne Vernunft gewesen, da es samtliche Probleme und ihre Losungen bei dem Philosophus Aristoteles in fertiger Form finden zu kėnnen glaubte. So ungeheuerlich uns dieses Ur- teil heute, wo die Studien auf dem Gebiete der mittelalterlichen Philosophie einen so hohen Aufschwung genommen haben, klingt, so spiegelt sich in ihm nur die allgemeine Ūberzeugung des Zei- talters, in dem Teichmūller lebte. Dass aber das vollstūndige Ig- norieren des mittelalterlichen Gedankens eine sehr bedauerliche Licke in dem grossartigen Bilde, das unser Denker von der allge- meinen Entwicklung der europžischen Philosophie entworfen hat, bildet, Idsst sich nicht leugnen. In den grossen Systemen der Neu- zeit weist Teichmiiller iberall das antike Erbe nach: er ūbersieht aber dass die meisten Denker des siebzehnten und achtzehnten
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Jahrhunderts dieses Erbe nicht unmittelbar von Platon und Aristo- teles iibernommen haben, sondern durch Vermittlung der Schola- stiker. Wie viel vollstindiger wirde z. B. seine Beurteilung Spino- zas ausfallen, wenn ihm seine scholastischen Guellen bekannt waren. An seiner prinzipiellen, schroff ablehnenden Ein- stellung zu Spinoza und seinem System hūtte er allerdings nichts zu andern brauchen.
Auch manche Ziige an dem Weltbilde von Cartesius, Leibniz und sogar Kant wūrden an Deutlichkeit gewinnen, wenn Teichmiiller nicht nur ihre entfernten — antiken — Vorbil- der, sondern auch ihre nžchsten in der Philosophie der Schule ge- gebenen Vorbilder beriicksichtigt hūtte. Noch mehr miissen wir be- dauern, dass unser Denker, der, wie gesagt, das Land des Orige- nes und Augustinus nur vorūibergehend und das Gebiet, in dem Thomas von Aguino und Bonaventura herrschten, nie betrat, — die Keime seiner eigenen personalistischen Weltauffassung, die in den beiden grossen Perioden der christlichen Philosophie aut- sprossen, notwendig ibersehen musste. Und so ist es gekommen, dass der nach Leibniz grosste Vertreter der personalistischen Phi- losophie von den geschichtlichen Anfdngen seiner Doktrin eine nur dunkle und verworrene Vorstellung hatte.
Die Geschichte des Personalismus beginnt fūr ihn mit Lei b- niz: erst mit Leibniz setzt er den ,„Wendepunkt der Philosop- hie“ an (U. S. 84), ohne zu bemerken, dass dieser Wendepunkt durch die ganze Entwicklung des christlichen Gedankens von sei- nen ersten Anfdngen an vorbereitet wurde. ,Deum et animam scire cupio. Nihilne plus? Nihil omnino“ — diese Worte des hl. Augu- stinus (Solilogu. I. 7) kėnnten auf die Fahne der christlichen Phi- losophie geschrieben werden, um ihre Hauptrichtung zu bezeich- nen.
Bereits der Apologete Athenagoras, der in dem letzten Vier- tel des zweiten Jahrhunderts seine Schrift „„Ueber die Auferste- hung der Toten“ verfasste, (wir haben es also hier mit einem der dltesten Denkmdler des chsistlichen Gedankens zu tun) entwickelt eine Autfassung vom Wesen und den Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen, die im Keim die allerwesentlichsten Ele- mente der Teichmūllerschen Weltanschauung enthžlt. Der Mensch als ein unvergangliches individuelles Wesen, unzerstėr- bar wie der Schėpfungsakt Gottes, der ihn nicht nur geschaffen,
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sondern auch in seinem, ihm vom Schėopier verliehenen Dasein erhžlt — der Mensch als eine tūtige Person des ungeheuren kosmi- schen und historischen Dramas, in das er eingeflochten ist, um zu- sammen mit allen anderen individuellen Wesen und unter hochs- ter Leitung des Schėpfers und Allerhalters an seinem Ausgang mitzuarbeiten — dūrten wir nicht diese Metaphysik der menschli- chen Seele den allerdings noch ganz unentwickelten Personalismus — Personalismus in nuce nennen? Und wenn Teichmiller die „unendliche Bedeutung der Persėonlichkeit“ preist, wenn er in der individuellen Seele „das Mysterium des Seienden“ sich offenbaren sieht und begeistert ausruft: ,,Man verachte die Seele nicht in ihrer niedrigen Hiūlle; denn es giebt nichts Grosseres und Herrli- cheres in der ganzen Welt“ (US. 186) — ist es denn nicht diesel- be Stimmung, der der grosste Scholastiker folgenden Ausdruck ver- leiht: „Persona significat id guod est perfectissimum in tota natura“ (Thomae Sum. theol. I. 29, 3 Resp.) Den individuellen geistigen Wesen ist der christliche Gedanke von seinen ersten Antūngen an zugewendet und der neuzeitliche Personalismus ist nur die Fort- setzung des mittelalterlichen. Hier nur ein Beispiel! Es ist allge- mein bekannt, welche Bedeutung in der Entwicklung des neuzeitli- chen Spiritualismus die cartesianischen Grundlehren gehabt ha- ben. Nun sind diese Lehren — de omnibus dubitandum, die Selbst- gewissheit der inneren Erfahrung, die Lehre von der individuellen geistigen Substanz nichts anderes als die "Wiederaufnahme des alten Augustinischen Gutes, das von den fūihrenden Geistern des Mittelalters sorgialtig auftbewahrt wurde. Dies Augustinisch - scholastische Erbe geht teils unmittelbar teils durch Vermittlung von Cartesius aut Leibniz ūber, und von Leibniz fihrt ein gerader und breiter Weg zu seinem grėssten Nachfolger. Die hellenischen Denkformen, in denen der patristische und scholastische Gedanke seine tiefsten Ūberzeugungen zu entwickeln bemiiht ist, erlauben ihm nicht seiner personalistischen Grundeinstellung den ihr ange- messenen Ausdruck zu verleihen, er findet nicht Kraft genug, die hellenischen Fesseln zu sprengen; seine originellen Einsichten erscheinen in griechischer Tracht und sprechen die alte Begrifis- sprache: die antiken Windelnh vermėgen aber nicht die zarten Keime der neuen Weltauffassung zu ersticken, sie werden nur in ihrem Wachstum gehemmt und aufgehalten, bis schliesslich, nach- dem die Scholastik und die in ihr lebende Patristik lingst ihre
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einzige Machistellung im geistigen Leben der Menschheit verloren hat, die Mžnner kommen, die die hellenischen Ketten zerreissen und so die ungehemmte Entialtung der eigenen schūpierischen Kraite des christlichen Gedankens mėglich machen. Unter diesen Befreiern gehėrt unzweifelhaft Gustav Teichmiūller der erste Platz. Wenn wir auch dies sein ungeheures Verdienst dankbar anerkennen, so miūssen wir andererseits doch lebhaft bedauern, dass das Bewusstsein der vollbrachten Befreiungstat ihn diejenigen Denker iibersehen liess, die ihm mūchtig vorgearbeitet hatten.
Um wie viel gerechter fiele sein Urteil ūiber das mittelalter- liche Denken aus, wenn er das Ringen der grossen Scholastiker, eines Albert des Grossen, Bonaventura und Duns Scotus, um das principium individuationis, d. h. um die individuellen Principien der Wirklichkeit, gekannt hatte. Dass die Materie als Prinzip der Individuation unmėglich ange- sehen werden kann, sah man in den Scotistenkreisen vollkommen ein. Da aber „individuatio in creaturis ex duplici principio consurgit“ so musste man zunachst annehmen, dass es die Form sei, die die Individuation bewirke. Die Form ist aber allgemein fūr alle Wesen, die in einer Art zusammengefasst sind. Duns geht deswegen ūber die Schranken der Lehre vom zweifachen Ursprung der Dinge, dem materielleėn und dem ideellen hinaus und stellt seine Lehre von den individuellen Formen aut, die in der Seele ihren Ursprung haben.
Ware T. dem in seiner Zeit weitverbreiteten Vorurteil, das auch sein vielbewunderter Lehrer Trendelenburg ohne Wei- teres teilte, nicht erlegen, so konnte ihm die eben in einigen ihren Hauptmomenten skizzierte Vorgeschichte der personalistischen Philosophie nicht entgangen sein. Aber so selbstūndig und origi- nell Teichmūller in der Beurteilung der Geistesgrėssen der Ver- gangenheit gewesen, in der Auswah! der Denker und Epochen, denen er sein Studium widmete, blieb er stets von seinem Lehrer abhūngig. Sein philosophiegeschichtliches Arbeitsfeld gewann bereits in seiner akademischen Lehrzeit feste Umrisse, die er in seinem weiteren Leben nicht gežndert hat. Da aber zu diesem Arbeitsfelde sein gesammtes sowohl begriffsgeschichtliches wie systematisches Schaffen in unauflėsbarer Beziehung steht, so dūrfte damit unser langes Verweilen bei den ersten, unter Tren- delenburgs Leitung durchgefūhrten Studien, die dies Arbeitsfeld im Wesentlichen bestimmten, gerechtfertigt sein.
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12. Berihrung mit Fichte dem Jiingeren.
Trendelenburg war nicht der einzige Lehrer der Philosophie, der auf den jungen Teichmiiller Eintluss ausūbte. Leider liegt uns vorlžufig sehr wenig Material vor ūber die Beziehungen des Stu- denten Teichmiiller zu namhaften Philosophen, mit denen er in Berūhrung kam. Sehr interessant ware z. B. die Frage, wie weit Fichte der Jiingere ihn beinflusst hat. Fichte der Jūngere, der von seines Vaters und Schellings Lehren ausgehend bald auf Leibni- zisches Geleise kam und auf der dem Verfasser der Monadolo- gie durchaus verwandten Grundlage ein bemerkenswertes System aufbaute, das sich wie eine Ellipsis um die beiden Hauptpunkte des christlichen Personalismus — die Persėnlichkeit Gottes und die Substanzialitūt der menschlichen Seele dreht. Wir wissen dass Teichmūller 1853 fir das Sommersemester nach Tūbingen ging und dass der Wunsch, Fichte zu hėren wesentlich mitspielte, viel- leicht sogar ausschlaggebend war. In dem Briefe vom 16 Maūrz 1853 in dem Teichmiller dem Vater seinen Entschluss, nach Tiū- bingen zu gehen, mitteilt, lesen wir folgende Worte „,„Vom jūnge- ren Fichte, der als selbstandiger Philosoph bedeutend ist, hoffe ich viel zu lernen, von Reifi auch“. Mit diesem seinen Urteil iiber Fichte weiss er sich im Widerspruch mit dem Berliner Meister und fūr den Fall, dass vielleicht der Meister Recht hatte, fūgt er in Klammern hinzu: ,Trendelenburg und die Meisten halten Fichte fūr bodenlos mittelmūssig, aber Reiff, Fischer, Waitz, Schwegler sind bedeutend“.
Welchen Eindruck auf Teichmiller die Bekanntschaft mit Fichte machte, wissen wir nicht. Nach seiner Riickkehr nach Ber- lin im Herbst des Jahres 1853 verfasste er die Schrift ūber die Pla- tonische Unsterblichkeitslehre, auf deren Wichtigkeit fūr seinen weiteren Entwicklungsgang wir bereits hingewiesen haben. Ist žiūr diese Schrift der Verkehr mit Fichte, der doch den idealisti- schen Pantheismus bekūmpite und sein System auf individuellen Prinzipien auftzubauen suchte, von Bedeutung gewesen. Die Ver- mutung liegt jedenfalls nahe: legte doch Teichmūller in seiner Erstlingsschrift die Platonische Philosophie gerade als idealistisch- pantheistische Weltaufiassung aus und suchte sie vom Leibnizi- schen Gedankenbau, der unter Verwendung der individuellen gei- stigen Prinzipien aufgerichtet wurde, scharf zu trennen.
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In Teichmillers spžteren Schriften kommt und zwar recht oft nur der Name Fichte des Aelteren vor; dem Namen seines Sohnes kann ich mich nicht auch nur einmal begegnet zu sein erinnern. Wahrscheinlich hat dieser Denker, trotz der verwandten Ideen- richtung, keinen grossen Eindruck auf den įjungen Teichmūller gemacht. Es muss das Unmethodische seines Denkens, die Weit- schweitigkeit und Schwertalligkeit seiner Darsstellung den Tren- delenburgischen Schiiler, der bei seinem Meister an die gerade entgegengesetzten Vorzige gewohnt war, von ihm abgestossen ha- ben. Dass aber dies oder jenes Goldkorn aus Fichtes verwahrloster aber keineswegs leerer Gedankengrube doch in seinen emptangli- chen Geist gefallen war, ist jedenfalls nicht ausgeschlossen,
13. Das Sommersemester in Tūbingen. Reiff.
Was andere Tiibinger Professoren anbetrifit, so besitzen wir von Teichmiiller eine Notiz aus seinem Tagebuch unterm 19. X. 1853: „Das Beste, was ich von Tiibingen mitgebracht habe, ist offenbar mein Studium des Plato, dann ein Paar geologische Anschauungen von Guenstedt, Moleschotts Materialismus und eine dunkle Ahnung von dem Wesen und Treiben (oder Vertahren) der Reiffschen Philosophie. Das Letztere ist das Unbedeutendste; denn ich weiss am Wenigsten dariber zu sagen und habe es fast als unfruchtbaren Stoff im |Kopf getragen; denn etwas, was man immer und immer wieder betrachtet und nie versteht; das ist eher hindernd als tordernd“. Zwei Wochen spūter gibt aber Teich- miller selbst zu, dass er in Tūbingen mehr gelernt habe, als er „in dem gešrgerten Augenblick am 19 ten Oktober aussprach“. „Ich habe doch mehr von Reiff verstanden, als ich selber glaubte, denn immer mehr kommen mir seine Auffassungen iiber die me- taphysischen Probleme in's Bewusstsein zurūck — auch der ganze Aufenthalt in Siiddeutschland giebt mir so manichiachen Stoft zu nūtzlichen und belehrenden Vergleichungen, dass ich um keinen Preis ihn entbehren mėchte in meiner Erinnerung. — Man kann hautig nicht sagen, dass'man durch diese oder diese Verhšžiltnisse dies oder dies numero 1, 2, 3 u. s. w. gelernt habe; aber unmerk- lich spūrt man doch eine reichere File von Anschauungen, ein geūubteres Urteil, eine grossere Umsicht und Grossheit der Be- trachtung der Dinge: so lernt man mit der Zeit schžtzen, was man im Augenblick oft fūr unbedeutend halt“. (Tagebuch unterm 1. XI. 1853).
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Dass der Einfluss und die Anregungen die Teichmūller in Tūbingen empiangen hat, sich mit Forderungen, die er seinen Berlinern Lehrern zu verdanken hatte, nicht messen lassen, be- weist schon der Umstand, dass er seine Studien im siiddeutschen Stūdtlein auf ein kurzes Sommersemester beschrūnkt hat. Hžtte er dort Lehrer gefunden, die ihn in gleichem Grade wie Trende- lenburg getesselt hatten, so wžre er nicht so bald nach Berlin zu- rūckgeeilt.
14. Klassische Studien: Boeckh, Haupt, Meinecke. — Geschicht- liche Studien: Ranke, F. J. Stahl.
Im Herbst 1853 sehen wir Teichmiūller wieder in der preussi- schen Hauptstadt, wo er bis zum Abschluss seiner Studien im Jahre 1855 und dann noch ein Jahr als Hauslehrer in der Familie von Werther bleibt.
Mit Trendelenburg in ihrer Bedeutung tir Teichmūllers inne- ren Entwicklungsgang verglichen treten alle seine anderen Lehrer in den Schatten, obgleich der unglaublich vielseitig veranlagte Jing- ling auf allen Gebieten, zu denen ihn seine Lernbegierde zog, die grossten Lehrer fand.
Im engen Zusammenhang mit seiner Vertiefung in Platon und Aristoteles stehen seine Studien auf dem Gebiete der klassischen Altertumswissenschaift, die nicht bloss die wichtigsten griechischen und lateinischen Autoren, die er fleissig unter Leitung von Boeckh, Haupt und Meineke gelesen, umiassen: das ganze weite Gebiet der antiken Kulturgeschichte zog sein Interesse auf sich, und wenn wir bewundern, wie frei sich der Veriasser der „Literarischen Fehden im vierten Jahrhundert vor Christo“ auf dem weiten Gebiete der griechischen Kulturgeschichte im weitesten Sinne des Wortes bewegt, so kėnnen wir unsere Anerkennung auch den Lehrern, die ihn in dies schwer zugaūngliche Gebiet eingefūhrt haben, nicht versagen.
In diesem Zusammenhange ist auch der grosse Geschichtsfor- scher Ranke zu nennen, dessen Einfluss in Teichmūllers geschichts- philosophischen Betrachtungen deutlich hervortrittt Bis an sein Lebensende spricht Teichmūller von diesem seinem Lehrer mit warmer Verehrung und beruft sich gern auf ihn, wo es gilt, den Kultus der grossen Persėnlichkeiten aufrechtzuerhalten und dem flachen Modestrom entgegenzuschwimmen, der „die grossen Ge-
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nien der Menschheit durch Massenwirkung unbedeutender Mann- lein zu ersetzen“ sucht (RP XXXVI).
Schabad meint auch „der aristokratische Konservatismus“ des hervorragenden Rechtsphilosophen Friedrich Julius Stahl, der Teichmūllers Professor in Berlin gewesen, habe auf ihn „zwei- tellos abgeiarbt“. Wahrscheinlich ist dieser Einfluss allerdings, wie weit er sich aber erstreckte, muss der kinitigen Forschung zu entscheiden vorbehalten bleiben.
15. Naturwissenschaftliche Lehrer: Dove, Mitscherlich, Ritter. Jo- hannes Miller.
Am Nachhaltigsten hat auf Teichmūller Trendelenburgs orga- nische Naturaufiassung eingewirkt Hielt er doch an der ihr zu Grunde liegenden Platonisch-Aristotelischen Lehre von der inne- ren Zweckmūssigkeit des Naturlebens fest auch da, wo er die ei- gene Weltauffassung in ihren Grundlagen vėllig herausgearbeitet hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren es die naturphilosophi- schen Interessen, die die von Teichmiiller bereits auf der Universi- tatsbank eitrig betriebenen und auch im weiteren Leben mehrmals aufgenommenen naturwissenschaitlichen Studien bestimmten. Auch aut diesem Gebiete fand er in Berlin die denkbar besten Leiter: in der Physik hat er zum Lehrer Dove, in der Chemie — Mitscherlich, in der Geographie — Ritter.
Von grėosster Bedeutung fir seine gesamte Weltanschauung werden die Vorlesungen und die Schriften des genialen Physiolo- gen Johannes Mūller. Seine Anschauungen vom Wesen des organischen Lebens schliesst der beriihmte Gelehrte an die von dem hervorragenden polnischen Biologen Jędrzeį Snia- decki entwickelte Theorie an (Teorja įestestw organicznych. 1804— 1811), die auf der Eigenartigkeit der Lebensvorginge besteht und die mechanische Naturaufiassung scharf zuriickweist, ohne deshalb den Mechanismus als praktische Arbeitshypothese abzulehnen. Bereits von djeser Seite aus konnte Teichmiiller eine willkommene Stitze seiner eigenen, unter Trendelenburgs Einfluss reifenden organischen Naturauffassung finden. Aber auch Miillers Lehre von der spezifischen Energie der Sinnesorgane, die die naive Verdinglichung und das Nachaussensetzen unserer Emptindungen unmoglich macht, konnte aut den empiūnglichen Geist Teich- mūllers ihre Wirkung nicht verfehlen. Dass diese Lehre in einer
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philosophisch anfechtbaren Sprache dargelegt wurde, konnte ihm natūrlich nicht entgehen: driickt doch manchmal der grosse Phy- siologe seine Theorie in einer Weise aus, die den Eindruck her- vorrufen kann, die Sinnesorgane seien Subjekte, die ihre eigenen Zustūnde wahrnehmen. „Wir kennen nur die Wesenhei- ten unserer Sinne; und von den žusseren Dingen wissen wir nur, insofern sie auf uns in unseren Energien wirken“.
Soweit ganz richtig; und wie bekannt hat sich diese Lehre auch Lotze angeeignet. Der Verfasser des „Mikrokosmos“ miisste aber scharf gegen die Zweideutigkeit des Ausdrucks pro- testieren, wenn er solche Sitze las: „Die Sehsinnsubstanz bringt ihre Affektion sich selbst zur Empfindung: der Sehnerv kann gar nicht affiziert werden, ohne zu sehen, sich selbst leuchtend“. Lotze brauchte aber nur die projektivistisch - hypostasierten Begritfe „Sinnesorgan“, „„Nerv“ zu beseitigen und an ihre Stelle „Seele“ „„Geist“ oder „Ich“ zu setzen, um — wie Ohse und nach ihm Schabad richtig bemerken — eine der wichtigsten Grundleh- ren seiner eigenen 'Weltautfassung zu gewinnen. Diese /Korrektur konnte der junge Denker, der frih auf Leibnizens Geleise kam, leicht machen und in der von projektivistischen Schlacken ge- reinigten Lehre von den spezitischen Sinnesenergien einen wichti- gen Beleg fūr die Richtigkeit der Doktrin ansehen, die die soge- nannten „žusseren“ Dinge durch Projektion oder Hinausverlegen der Zustande des empfindenden Subjekts entstehen ldsst. Dem We- sen nach war der Begriff der Projektion bereits in Leibnizens Ideen- kreise enthalten, den Terminus aber haben seine grėssten Nachifol- ger Lotze und Teichmiūller der Miillerschen Theorie des Sehens entnommen. Johannes Mūllers Theorie der spezifischen Ener- gien war die nūchste Guelle fūr Teichmūllers Lehre vom projektivischen Schein, die seiner Phžnomenologie zu grunde liegt.
16. Abschluss der akademischen Studien. — Tod des Vaters.
Allseitig fūr die weitere wissenschaftliche und pidagogische Tatigkeit ausgeriistet, beschliesst der junge Denker im Sommer 1855 seine Universitaūtsstudien. Die akademische Laufbahn sofort zu ergreifen, erlaubt ihm die finanzielle Lage, in der sich seine Familie befindet, nicht. Am 9. Mai 1855 trifft sie ein schwerer Schlag durch den Tod des Vaters. Zu dem tiefen seelischen Schmerz gesellen sich materielle Sorgen. Der junge Denker hėrt
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Vorwirte, er habe sich ein „unpraktisches“ Fach erwahlt, es wird ihm seitens der Familie nahe gelegt, den eingeschlagenen Weg zu andern — Teichmūller Ižsst sich durch diese Vorwūrie und Zwei- fel nicht beirren: sein Leben gehėre der Philosophie und sein Brot wolle er durch die Erziehung der Jugend verdienen. Trende- lenburg, der die ausserordentlichen Gaben seines Schiūlers frūh zu schžtzen verstand, verschafft ihm eine Hauslehrerstelle als Erzieher des Sohnes des Preussischen Gesandten am russischen Hofe — Baron Werther. Mit der Familie Werther geht T. 1856 nach Russland, wo sein Aufenthalt, von lūngeren Besuchen in Deutschland unterbrochen bis zum Jahre 1859 dauert. Wir besit- zen aus dieser Zeit das von Teichmūller gefihrte ,„Pidagogische Tagebuch“ (vom H. Gritzner 1931 im Miūnsterverlag herausgege- ben), das ein schėnes Zeugnis dafūr ablegt, wie gewissenhaft und liebevoll er seinen Erzieherpilichten nachging.
17. Doktordissertation in Halle. — Ūbersiedelung nach Peters- burg. Petersburger Gėonner und Freunde: Schiefner, Stephani, Bėhtlingk, K. E. von Baer.
Gleichzeitig nehmen seine wissenschaftlichen Arbeiten ihren weiteren Gang. Bereits am 28. Juli 1856 promoviert der įjungė Gelehrte in Halle zum Doktor der Philosophie und Magister der edlen Kiūnste aut Grund einer Dissertation, deren Titel deutlich den Einfluss Trendelenburgs auf unseren Doktoranten verrat: „Aristotelis Nicomachea ab hodiernorum philosophorum reprehen- sionibus detenduntur“.
In Petersburg findet der įjunge Gelehrte den Zugang zu einem Kreise wissenschaftlich hochbedeutender Mžnner, der hauptsach- lich aus den deutschen Mitgliedern der russischen Akademie der Wissenschaften bestand. Als seinen „besten Freund“, der ihn wahrscheinlich in diese [Kreis eingefūhrt hat, nennt Teichmūller den beriihmten Sanskritologen Otto von Bėhtlingk. Es sind weiter unter den Mitgliedern der Akademie, mit denen er verkehr- te, der hervorragende Sprachforscher und Orientalist Franz An- ton Schiefner, der klassische Philologe und Archžologe Lu- dolf Stephani und besonders der vielleicht grėsste Embryologe des neunzehnten Jahrhunderts Karl Ernst von Baer zu nennen Teichmiillers Briefwechsel aus seiner Petersburger Zeit erwžhnt noch den Oberbibliothekar an der grossen kaiserlichen Bibliothek
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Viktor Hehn, der aber kaum zu Teichmiillers nichsten Bekann- tenkreise gehėrte, denn er charakterisiert den berūihmten Veria- sser der „Kulturpilanzen und Haustiere in ihrem Ūbergang aus Asien nach Europa“, als „ein unglickliches zerrissenes Gemūt“, das „mit seiner Vergangenheit, seiner Zeit, seiner Zukunft in trostlosem Zwist... in der erbittersten Negation seine Befriedi- gung sucht, die Befriedigung wenigstens seine Kraft im Zerreissen zu fūhlen, wenn er auch die hohere innere Bejahung des Gemū- tes in der lebensvollen Wahrheit nicht finden kann“. Die Stelle ist einem Briefe Teichmiillers an Pastor Dalton (Petersburg) vom 30. Marz 1860 entnommen, der auch zu seinen nūchsten Peters- burger Freunden zu zžhlen ist. Wer das hassliche, fūr alle hohe- ren Werte der russischen Seele blinde, von grenzenlosem Hass eriūllte Buch Hehns ,,„De moribus Ruthenorum. Zur Charakteristik der russischen Volksseele“ kennt, wird sich dem Urteil Teichmil- lers ūiber seinen sonst wissenschattlich hoch bedeutenden Veria- sser vėllig anschliessen miissen.
Dass Teichmūllers inneres Wachstum dem Umgang mit sol-
chen Mannern sehr viel verdankte, liegt auf der Hand. Vielleicht wird die Erforschung seines gesamten Briefwechsels uns erlau- „ben die Grenzen dieses Einflusses naher zu bestimmen. Zunūchst diūrfte als sicher gelten, dass unser Denker Karl Ernst von Baer die weitere Vertiefung seiner organischen Naturautiassung zu verdanken hat, denn der geniale Naturforcher war gleich Joha- nnes Miller ein unbeugsamer Gegner des Materialismus, dem er die alte teleologische, von Schelling und seiner Schule beeintlusste, Naturerklirung gegenūberstellie. „Baer ist genial — schreibt Teichmūller 1860 in dem bereits zitierten Briet an Dalton — und der bedeutendste Mann (an Geist), den ich in Peters- burg kennen gelernt“. Aut den genialen Mann kommt unser Den- ker in seinen systematischen Meisterwerken mehrere Male zurick und wdhlt den Gegenstand seiner Schritt ,„Darwinismus und Phi- losophie“, die 1876 verfasst wurde, ,,mit besonderer Riūcksicht aut den grossen Genius, Karl Ernst von Baer, der damals noch lebte“ (DP. Vorwort) Die Grundideen der Schrift stehen unter zweitellosem Einfluss des grossen Naturforschers.
Dass Manner wie Bėhtingk und Schietner das Interesse Teichmūllers fūr die Geisteswelt des alten Indiens weckten, ist jedenfalls sehr wahrscheinlich. Ebenso wahrscheinlich, dass Ste-
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phani, der den ganzen orben antiguum und besonders das alte Griechenland mit seinen Kunstschžtzen aus lebendiger Anschauung vorzūglich kannte, den Gesichtskreis unseres Denkers auf diesem Gebiete wesentlich erweiterte. In Petersburg dūrften wohl auch die žgyptischen Studien Teichmūllers ihren Anifang genommen haben.
18. Die russische Geisteswelt. Teichmūller nur oberflachlich mit ihr bekannt. Teichmūller kein deutsch-russischer Metaphysiker.
Und die russische Geisteswelt? Die aufblūhende Dichtung,
die bereits die vollendetsten Kiinstler vom Rang eines Pusch- kin hervorbrachte und eben im Begriff war in der Person D o0- stojewskisund Leo Tolstojs das gesamte Romanschrit- tum des Westens zu iiberschatten? Ging T. an allen diesen Schi- tzen gleichgiiltig vorbei? Der Verfasser des besten, leider noch unveroftentlichen Buches iiber Teichmiiller „Die Wiederentdeckung des Ichs in der Metaphysik Teichmiillers“ (Baseler Doktordisser- tation. 1932. Der Veriasser hat seinerzeit die Gitte gehabt, mir die Maschinenabschrift seiner hervorragenden Arbeit zuzusenden und mich dadurch zu herzlichem Dank verpiflichtet) Dr. Michael Schabad, behauptet, Teichmiiller sei in seiner Beziehung zur russi- schen Geisteswelt „nicht nur der Gebende, sondern auch der Emp- fangende“ gewesen, „seine spiritualistisch-personalistische Lehre offenbare unterirdische Gemeinsamkeit mit dem urspringlichen Weltgefiihl des russischen religiosen Realismus, so dass sich in Teichmiller und seinem russischen Schicksal, das nach Boehme, Leibniz, Hegel, Baader und Schelling denkwūrdigste und tolge- reichste Ereignis der deutsch-russischen (Geistesosmose verkor- pern konnte“. „Die in Petersburg gewonnene Einsicht in die ge- waltige Werbekraft der deutschen Mystik und der von ihr inspi- rierten Spekulation und in ihre Wirkung aut die russische philo- sophische Romantik, hauptsžchlich slavophiler, christlich-ortho- doxer Richtung“ habe wahrscheinlich zu Teichmillers „intensivem Eindringen in die Welt Leibnizens und der deutschen Mystik“, das seinen Gėttinger Lebensabschnitt kennzeichnet, beigetra- gen. Als 1871 Teichmūller sich endgiltig in Russland niederliess, da habe sich sein Denken „mit dem durch orthodoxe Patristik und deutsche Mystik mitbestimmten russischen vermahlt“, „diesem hochst bedeutsame Impulse verliehen und es aut Įahrzehnte tief
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beeinflusst“, „in Russland sollte ihm gar das Schicksal beschieden sein, ein Schulhaupt zu werden“. Der personalistische Grundzug, der in Teichmūller seine hėchste Ausbildung erlangt, durchziehe zwar nicht die ganze russische Philosophie, wohl aber ihren „eigentlich“ russischen Teil. Personalisten seien die Denker, mit deren Namen einerseits der Anfangs4 andrerseits Hohepunkt des russischen Gedankens bezeichnet werden kėnnen — Skowo- roda (1722 — 1794) und Leo Lopatin (1855—1920). Auch der Kampit der Slavophilen um die Reinerhaltung der christlichen Weltanschauung gegen den einseitigen Intellektualismus, dessen ungeheure Ūbermacht in der abendlūndischen Philosophie das slavophile Schulhaupt Iwan Kirejewskij (1806—1856) aut Aristotelischen Einiluss zurickfihrt, erinnert an den Kampi, den Teichmiiller um die Befreiung des Christentums aus seinen hellė- nischen Fesseln gefiihrt habe. Schliesslich konnte der empfangli- che deutsche Denker „von den gewaltigen Ausstrahlungen der russischen Dichtung nicht unbeeinflusst gewesen sein“. Er bewun- dere Tolstoj und habe sich Dostojewskij so sehr vertraut gemacht, dass seine Wendungen ihm einfach in die Feder iliessen.
Der Versuch, den Dr. Schabad unternommen, die Teichmii- Ilersche Welt- und Lebensauffassung zu den hėchsten Werten des russischen Geistes in genetische Abhdngigkeit zu bringen, ist so eindrucksvoll und geistreich, dass man ihm nur sehr ungern wi- dersprechen mėchte. Dennoch kėnnnen wir nicht umhin, auf die Tatsachen hinzuweisen, an denen diese Konstruktion, so beste- chend sie auch ist, scheitern muss.
Fir die innige Fūhlungsnahme Teichmūllers mit den hochsten Werten des russischen religiosen, philosophischen und kūnstleri- schen Schaffens, fehlte ihm vor allem das unersetzbare Mittel — die Sprache. Dass er aber sich der russischen Sprache, trotz ent- gegengesetzter Behauptung Schabads, nicht bemūchtigt hat, folgt aus der Anmerkung zu Seite 47 seiner ,„Metaphysik“ unwiderle- glich. Einige Meisterwerke der russischen Litteratur konnte Teich- mūller in Ūbertragungen kennen lernen — so hat er sicherlich den Tolstojschen Roman „Krieg und Frieden“, den er als „unū- bertrefflich“ bezeichnet (Ps. 308), gelesen. Dass er aber in Do- stojewskis Meisterwerken belesen war, ldsst sich nirgends nach- weisen. Der Name dieses Geistesriesen kommt įjedenfalls in seinen Schriften nicht vor. Wažren Teichmiller die Dostojewskischen
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Schriften zu Gesicht gekommen, so wūrden sie einen ungeheuren Eindruck auf sein empfžngliches Gemūt nicht verfehlt haben, und so mūssen wir annehmen, dass die Wendungen in seiner „Psy- chologie und Logik“, in welchen Dr. Schabad die Nachklūnge der „Brider Karamasow“ zu vernehmen glaubt, bei ihm entwe- der spontan, oder aus einer anderen Guelle geflossen sind.
Von anderen grossen russischen Dichtern wūsste ich kaum einen Namen zu nennen, dem ich bei wiederholter Lektūre Teich- miillerscher Schriften begegnet wdre. Das Schweigen ūber die russi- schen Dichter kčnnte vielleicht noch so erklūrt werden, dass ihre Schėpfungen in keiner Beziehung zu dem in seinen Schriften behandelten Problemen standen. (Ganz unbegreiflich dagegen wžre, dass der so iiberaus empiangliche Denker, der nach allen Seiten das begrifisgeschichtliche Netz auszubreiten sucht und ūberall die Anknipiungspunkte fūr seine eigene Spekulation zu finden bemiiht ist, an den ihm geistesverwandten Schėpiungen des russischen religions-philosophischen Gedankens gleichgūltig voribergeht, ohne ihnen auch die kleinste Autmerksamkeit zu schenken. Und wenn Frl Anna Teichmiller, die doch gewiss an den Lippen des heissgeliebten und bewunderten Vaters hing, sich von den Vertretern des russischen Slavophilentums nur einen Na- men aus seinem Munde gehėrt zu haben erinnert, den Namen Katkows, so diirfte dies unsere Vermutung, dass von einer Kennt- nis der russischen ,,personalistisch“ orientierten Geschichts- und Religionsphilosophie bei unserem Denker nicht die Rede sein kann, bestūtigen. |
Katkow, dessen Schriften ūbrigens nur eine kligliche Entar- tung des russischen religions-philosophischen Gedankens bedeu- ten, ist ihm warscheinlich nur als ein leidenschaftlicher Deutschen- fresser, der u. a. auch die Zerstorung des deutschen Unterrichts- wesens in den baltischen Provinzen des russischen Reiches inspi- rierte, bekannt geworden. Katkows ausgedehnte publizistische Tatigkeit bedeutete einen inneren Zusammenbruch und eine Erschopiung des alten russischen geschichts-philosophischen Ge- dankens. Wūrde Teichmiūller mit ihr engere Fihlung genommen haben, so hūtte sie ihm nur einen verkehrten Begriff von der rus- sischen Nationalphilosophie, die lange Zeit durch das alte Sla- vophilentum vertreten wurde, liefern konnen. Allerdings feiert bald der russische philosophische Gedanke seine glorreiche
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Auferstehung in der Person des neben Leo Lopatin grėssten russischen Philosophen Wladimir Solowjew, dessen Wer- ke zum grossten Teil schon bei Teichmiillers Lebzeiten (seit 1871) im Drucke erscheinen. Es ist kaum mėglich, dass der Name des edlen Bekimpiers des zum zoologischen Nationalismus ausgear- teten Slavophilentums, der aut seinen Triimmern den prachtigen Neubau der russischen Religionsphilosophie unternommen, nie zu Ohren des Dorpater Professors gekommen ware — eine einge- hende Beschaiftigung mit dem edlen Russen, der die besten Sei- ten der russischen Volksseele in seinem Schaffen gleichsam ver- kėrperte, war bei der Unkenntnis der russischen Sprache seitens Teichmūllers ausgeschlossen.
Und das russische Gemiit, russische Volksftrėmmigkeit, die im Leben der russischen Kirche ihren Ausdruck fand? In Peters- burg war Teichmiiller fast ausschliesslich auf den deutschen Ver- kehr angewiesen, wir wissen aber, dass der junge Erzieher Sommerstellen aut den Landgūtern russischer Adliger bekleide- te. Der Briefwechsel erwžhnt z. B. die Anstellung bei der Gene- ralin Tscherkessow in Tatjanino, in der Nahe von Moskau, und bei General von Besack. Teichmiiller bezeichnet seine Wirte als feine hochgebildete Leute, zu denen er sofort in freundliche Be- ziehungen treten konnte. In diesem Verkehr hat er gewiss man- che anziehende Seiten des russischen Charakters schūtzen gelernt, eine Fihlungnahme mit der religi6sen Art der russischen Seele konnte ihm aber diese Umgebung nicht vermitteln, schon deswe- sen, weil wie er in einem seiner Briefe schreibt, dieselbe religios vėllig indifferent war. Und an direkten Verkehr mit den russi- schen Geistlichen und Bauern war fūr ihn, der nur deutsch und franzosisch sprach, nicht zu denken.
Zu den lebendigen Guelien der russischen Volksseele war also Teichmūller der Zugang versperrt. Kam er mit gebildeten Russen zusammen, so drehte sich das Gespržch um die Probleme, die jeden /Westeuropžer interessierten — man konnte in ihnen kaum etwas spezifisch Russisches finden. Und als er spžter als Universitatsprofessor Fihlung mit seinen zahlreichen russischen Studenten nahm, musste ihm vor allem ihr krasser theoreti- scher Materialismus, der in so merkwirdingem Gegensatz zu inhrem praktischen Idealismus stand, aufiallen, im politischer
Linksradikalismus und ihre aller positiven Religionslehre feindli- che Gesinnung.
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Und so tinden wir in Teichmūllers erstem russischen — Pe- tersburger — Lebensabschnitt (1855—1859), ebenso wie in dem viel spateren Dorpater Abschnitt (1871—1888) nichts, was nicht aut eine unmittelbare Fortsetzung seiner Studien, eine Fortent- wicklung und Reifung seiner Grundanschauungen hinwiese. Im Gegensatz zu Simon Frank, der Teichmiiller einen ,,deutsch-russi- schen“ Metaphysiker nenne—auch Jakowenko und Schabad schlie- ssen sich gewissermassen diesem Urteil an—mėchte ich Teichmū- Iler als echt deutschen Denker betrachten, der tief mit der Den- kart und Denkarbeit seines Volkes verwachsen, aut dem Kampi- platze, den ihm seine deutschen Vorganger und Lehrer angewie- sen, seine heitigsten Kampie ausgefochten und seine ūberwalti- genden Siege davongetragen hat.
19. Der Unterricht an der St. Annen Schule. Die ersten Aristoteles gewidmeten Schriften.
Teichmillers weiterer Lebensgang nimmt inzwischen foi- genden Verlauf. 1858 verlūsst er das Haus v. Werter und schwankt, wohin er gehen solle. Trendelenburg winscht dass er nach Berlin kime. Eine Lehrerstelle an einem Gymnasium in Berlin wiirde—meint Teichmiller—ihm zu wenig Musse lassen und zu wenig Honorar einbringen. Die gut bezahlten Hauslehrer- stellen in Russland mag er nicht mehr „„wegen der Lebenssteilung und weil zu wenig Musse“. (B. II 115). Andrerseits trūgt er Be- denken, Russland zu verlassen, weil er sich im Kreise seiner Pe- tersburger Gonner und Freunde sehr wohl fihlt. ,,Mein bester Freund Bėohtlingk — schreibt um diese Zeit Teichmū- 1ler — rat mir sehr zu, hier zu bleiben und ich gestehe, ich wūr- de unsern Cirkel bei ihm vermissen“. Er entscheidet sich schliess- lich fūr die Petersburger St. Annen Schule. Im August 1858 tangt seine neue Stellung an: drei Stunden taglich, die er dem Unterricht in Prima und Secunda widmet, lassen ihm viel freie Zeit ūbrig; wegen der vielen Festtage hat er im ganzen fūnf Monate Ferien.
Der junge Denker hat fūr seine weitere wissenschaftliche Tatigkeit ginstige Lebensbedingungen gewonnen und versenkt sich mit um so grosserem Eifer in seine Studien, deren Mittel- punkt Aristoteles bildet. Bereits im nachsten Jahren erscheinen im Programm der St. Annen-Schule und im Bulletin der Akademie der Wissenschaften zwei kleinere Arbeiten von ihm: „Die Aristote-
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lische Einteilung der Verfassungsftormen“ und „Die Einheit der Aristotelischen Eudžmonie“ (1859), die er — in einem Briefe an Bėhtlingk vom 17 Oktober 1859 — „die paar ersten Flūgelschld- ge wissenschattlicher Kraft“ nennt.
Es ist einfach erstaunlich, wie sicher der junge Forscher bei seinem ersten Fluge in die Offentlichkeit die Richtung einschlagt, auf der seine Lebensarbeit sich entwickeln wird. Eucken teilt das gesamte Schaffen Teichmiillers in drei Perioden ein: die erste (1859 — 1873) ist von den Aristotelischen Forschungen ertūllt, die zweite beschditigt sich mit den Studien zur Geschichte der Begriffe, die dritte endlich ist den systematischen Arbeiten gewidmet. Diese Einteilung ist natūrlich fūr eine šdusserliche Orientierung im Teichmiillerschen Lebenswerke ausreichend, man muss nur ihr gegeniber betonen, dass alle Lebensabschnitte in Teichmiillers Leben von einer tiefen inneren Einheit und einer gradlinig aufs- teigender Entwicklung getragen werden: Die Aristotelischen For- schungen die eigentlich mit der in Halle verteidigten Doktordi- ssertation (1856) und mit den beiden kleinen Abhandlungen vom J. 1859 ihren Anfang nehmen, sind eigentlich nichts anderes als Studien zur Geschichte der Begriffe, nžmlich der Aristotelischen Begriffe. Und die begritfsgeschichtlichen Studien nichts als eine zielbewusste Vorarbeit fiir die systematische Grundlegung seiner gesamten Weltanschauung. Es ist ein Weg, den Teichmiiller in seinen Erstlingsschriften betritt und der ihn allmahlich zu den erhabensten Hėhen seiner Spekulation fūhren wird — ohne Ab- schweifungen und Unterbrechungen. Die erst 1874 verėffentlichte aber bereits 1853 verfasste Schrift iber Platons Unsterblichkeits- lehre untersuchte die Grundbegrifie der Platonischen Metaphysik und wies ihre Unvereinbarkeit mit dem Begriff der individuellen Substanz nach. Bereits in seinen ersten in Petersburg verfassten Abhandlungen konzentriert Teichmiiller in weiser Selbstbeschran- kung seine Autmerksamkeit auf Aristoteles Lehre von den Detini- tionen im Gebiete der Kontingenz. Er zieht hier die wichtigsten Anwendungen dieser Lehre in Betracht, nimlich den Begritf der Verfassung und den Begriff der Eudimonie. Es werden noch sie- ben Jahre vergehen, da wird Teichmūller mit neuen Untersuchun- gen ans Licht treten die nichts anderes als Vorbereitungen fūr die systematische Untersuchung der wichtigsten Fragen der Aristote- lischen Kunstphilosophie sein sollen. Vor allem will Teichmūller
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die weitere Anwendung der Lehre iiber Definitionen im Gebiete, der Kontingenz — nžmlich den Begrift der Tragodie bei Aristo- teles behandeln. So kėonnen bereits die ersten Arbeiten unseres Denkers als Studien zur Geschichte der Begriffe bezeichnet wer- den. Es handelt sich in sžmtlichen Lebensperioden Teichmūllers um diese Studien als Mittel und Weg zur systematischen Weltan- schauung und um die systematische Weltanschauung als Ziel und Krėnung dieses Weges.
20. Die Verlobung mit Anna von Cramer.
In demselben Jahre, in dem seine ersten deutschen Abhandlun- gen im Druck erschienen, begegnen wir in seinem Brietwechsel Stellen, die seinen Wunsch, eine gesicherte Lebensstellung zu ge- winnen zum Ausdruck bringen. In dem Briefe an Bėhtlingk vom 17. Oktober 1859 iiberlegt Teichmūller ob er nicht nach Dorpat gehen solle: seine wissenschaftlichen Verotfentlichungen sollen ihm den Weg dorthin ebnen. Drei Tage spater driūckt er denselben Wunsch in einem Briefe an Middendorf aus: „Ich mėchte endlich mein Wanderleben abbrechen und ganz meinem eigentimlichen Berufe leben. Darum richte ich mein Augenmerk auf eine be- soldete Privatdocentenstelle in Dorpat“.
Der MWunsch seinem eigentūmlichen Berufe ganz zu leben war hier nicht allein ausschlaggebend: sich nach einer gesicher- ten Lebensstellung umzusehen drangte ihn das mūchtige Gefiihl, das sich ganz seiner Seele bemachtigte und ihn an die Grūndung eines eigenen Heims zu denken zwang.
Unter seinen Schiūlerinnen in der St. Annen Schule begegnet Teichmiiller zwei Schwestern Anna und Lina von Cramer. Die altere, die ihn durch ihre Anmut und zugleich durch ihre seeli- sche Kraft und Tiete fesselte, die erst sechszehnįdhrige Anna, lūdt ihren Lehrer ein, sich doch auch die Wasseriūlle der Narowa, die nicht weit von dem Gute ihres Vaters Joala liegen, anzusehen. Im Sommer 1859 fūhrt Teichmūller den Besuch aus. Der Lehrer und die Schilerin merken bald, dass sie einander lieben. Anna von Cramer wird Teichmiillers Braut. Die Verlobung stėsst zundchst auf den Widerstand des Vaters, der von dem Bunde seines Kindes mit einem schlichten Gymnasiallehrer ohne feste Stellung nichts wissen will. Es wiederholt sich die ewige Geschichte von zwei liebenden Herzen, deren Tržume der reiche und stolze Vater zu
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zerstoren sucht. Schliesslich wurde der Widerstand des Vaters dennoch gebrochen, und Herr von Cramer willigte nicht nur in den Bund der Tochter mit ihrem Lehrer ein, sondern gewahrte dem jungen Paar die zur Grūndung des Eigenheimes nėtigen Mittel. Die Heirat erfolgte am 18. August 1860.
Von schūnsten Hotinungen betlūgelt eilt Teichmūller im Herbst des J. 1859 nach Deutschland, um sich dort zu habilitieren. Woran seine Bemihungen um die Dorpater Privatdozentur schei- terten wissen wir nicht. Dass er sie selbst aufgegeben, ist wenig wahrscheinlich: die besoldete akademische Stellung wiūrde dem jungen Gelehrten eine gewisse okonomische Unabhūngigkeit ver- schatft haben, und das Brautpaar hatte aut seine Vereinigung nicht bis zum Herbst des nūchsten Jahres warten mūssen. Wie dem auch sei, im Frūhling d. J. 1859 sehen wir Teichmūller įedenfalls unterwegs aut der Reise nach Deutschland.
21. Tod der Mutter.
Zundchst will Teichmūller seine Mutter in Braunschweig be- suchen, sie an seiner Freude ūber die heissgeliebte Braut und an der sich ihm erofinenden akademischen Lehrtatigkeit teilnehmen zu lassen. Mit welcher ,„himmelhochjauchzenden“ Freude Teichmi- Iler sein įjunges Glūck erfūllte, zeigt sein Brieft an Dalton vom 30. Marz 1860: „„Und griss mir meine Braut: ich bin ganz umgewan- delt durch dies Verhaltnis. Was bei ihr so kėostlich: sie arbeitet immer innerlich an sich in strengstem sittlichs+religiosem Ringen. Die Wahrheit darf nicht in der Ferne liegen: sie muss wirken als Macht des Lebens“.
Die letzten Monate des Jahres 1859 und die ersten 1860 ver- bringt Teichmūller zum grossten Teil im stillen Pastorat Heinde wo sich seine Mutter nach dem Tode ihres Gemahls bei ihrer an Pastor Mollenhauer verheirateten Tochter Minette niederliess. Da trifft ihn der schwere Schlag: nach kurzer Krankheit stirbt ihm die Mutter. Vom Schmerze schwer getroffen will Teichmiiller seine Habilitation dennoch nicht verschieben und eilt nach Goė= ttingen. Es liegen uns zwei Briefe vor, die eine Art von Nachruf auf die Mutter enthalten und die Habilitation in Gėttingen schil- dern: der erste vom 30. Mūrz 1860, den wir eben erwžhnt haben, ist an seinen Petersburger Freund Pastor Dalton gerichtet, der andere vom 13 April an Trendelenburg. Der zweite Brief ist viel
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austūhrlicher und aufschlussreicher und wirft soviel Licht auf Teichmūllers Verhaltnis zu Trendelenburg, wie auch aut die nun ihren Aniang nehmende Anndherung an Lotze, dass wir uns lan- gere Excerpte aus ihm zu bringen erlauben.
II. Wanderjahre
22. Habilitation in Gėttingen. Erste Berūhrung mit Lotze.
Mein hochverhrter, teurer Lehrer!... Meine Mutter, die ich so von Herzen liebte ehrte und deren Gegenwart ich seit fast 8 Jahren nicht mehr genossen hatte, wurde mir krank und starb. Ich hatte noch die Freude sie pilegen zu kėnnen und ihren sch6- nen seligen Tod zu sehen, den sie als ein gnadenreiches Geschenk Gottes mit freiem Gemiit, ja fast mit Sehnsucht empting. Der bittre Tod schien ihr eine sūsse Frucht des Lebens. Man hatte meiner Mutter nie das Alter angemerkt: sie war frischen Geistes mit krat- tigen Sinnen und voll Freude am Leben; doch war ihre hėchste Liebe religios dem Ewigen zugewandt, und vom Tode dem Zer- stėrer unseres sichtbaren Daseins hatte sie nur das Bild eines him- mlischen Boten, der die Seele in die Welt einer hėheren Befriedi-“ gung und grosserer Gottesnihe geleitet. Ihr Tod war eine Krai- tigung fūr das Leben im Geist.
Als sich die Familie nun in Heinde wieder trennte, eilte ich nach Gėttingen und wurde durch Lotzes Schilderung der widrigen (ethisch) Zustande in Jena veranlasst in Gėttingen zu bleiben. (Der Briet an Dalton ergūnzt Teichmūllers Nachricht iber die Griūnde die seine Wahl schliesslich nach Gėttingen Ienkten wie folgt: „„Trendelenburg hatte mir namlich dein Heidelberg, wozu ich Lust hatte, ausgeredet und Jena empfohlen. Lotze aber schil- derte mir alle gesellschaftlichen Verhaltnisse Jenas als so zerris- sen, zum Teil sogar als offen unsittlich, ausgetauschte Ehen, Zwist, ... dass ich Gėttingen vorzog“). Obwohl er in mir halb und halb einen Widersacher sah, forderte er mich auf zu bleiben. Nun las er meine beiden Abhandlungen, dann iolgte die Probe- vorlesung vor der Fakultat (7 Herrn) und das Kolloguium. Wir sprachen besonders von Heraklit und Parmenides. Lotze wollte mir zeigen, dass eine Naturerklžrung doch mėglich sei, auch wenn alles sich bestūndig bewegte. Ich verteidigte Plato und griff sein Beispiel von der geschwungenen Saite, die kontinuirlich anders
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klingen soll, wenn das Gewicht kontinuirlich gesteigert wird, an, weil die in dem unmerklichen Zeitmomente gegebene Oualitūt des Tons doch unverūnderlich dieselbe bliebe und nicht c sich in nicht -c verwandle, folglich das allgemeine Fliessen von ihm nicht streng genug gefasst werde. Er meinte, so streng hatte es auch Plato nicht gemeint, und ging dann auf Aristoteles Seins Begriti iiber und wollte eigentlich, dieser sollte das ės und das bloss logische dkndės nicht geschieden haben. Ich verteidigte mei- nen Autor. Dann wollte er Parmenides gegen Aristoteles schūt- zen. Und glaubte in Leibnitz und Aristoteles einen gleichen Be- griff der Substanz zu finden, Einerleiheit der Monaden mit dem sidoc. Ich meinte, bei Aristoteles sei Achilles Peleus Sohn; das eldoc erzeuge; bei Leibnitz sei Achilles seit Ewigkeit da und der Saame werde nicht erzeugt, sondern nur poussirt. — Ein paar Tage darauft war die 6tientliche lateinische Disputation. Dorner (Prorector), Waitz, Hėontz(?) waren gekommen. Ubbelohde gritt das Naturrecht an — schwach. Moller, ein Krausianer, ging gegen Sie, d. h. er hob immer Ihre Verdienste hervor und griff so wenig an, dass ich immer interpellirte, dicas tandem, cur minus sutfi- ciat Trendelenburgii doctrina. Endlich meinte er, Sie hūtten den modus, wie der Zweck die wirkenden Ursachen bestimme, nicht genug aus einer „„Psychologie der Materie“ angegeben; ich ant- wortete, dass Sie den modus dem Verhaltnisse der Begrifie nach vollkommen klar und bestimmt gezeigt hatten allerdings aber um das Werden zu erklaren nur das Platonische Bild des zei- Se1y gelobt hūtten, weil Sie diesen Uebergang entweder an sich fūr unerklarlich durch starre Begriffe hielten oder die Erforschung im einzelnen den einzelnen Wissenschaiten anvertrauten. Daraut meinte Moller, es wdre dies allerdings auch von Niemand sonst ge- leistet und Ihre Verdienste um Teleologie seien sehr anzuerkennen. Weil er Sie in einen Plural mit Anderen gebracht hatte, so schloss ich Trendelenburgii merita guod agnoscis, valde gaudeo; sed si eum inter ceteros pro teleologia pugnasse putas, a vero lon- ge abhorres! ille enim non inter ceteros sed contra ceteros et praecipue contra Herbartium et Hegelium causae finalis ratio- nem primus ostendit et defendit. Haec ut corrigas, vir doctissi- me, rogo . Nun wandte ich mich an die corona und zu meiner treudigen Ueberraschung und grossen Spannung trat Lotze mit seinem adsum! auf und griff meine erste These an. Er sprach sehr tlūssig Latein, nur nicht deutlich genug. Er lžugnete die Mėglich-
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keit, immutabilis und vivus zusammenzudenken. Ich wies aut die lebendigen Pilanzen- und Thierformen. Er wollte ihre Unver- Anderlichkeit nicht zugeben. Ich hetzte die Botaniker und Zo- ologen gegen ihn, deren species und genera er zerstoren wolls. Darauf ging er gegen das vivus, otienbar mit der Herbart'schen Unterscheidung von Leben und innerer Tatigkeit. Ich urgirte, dass der fons vitae auch vivus sei. Er meinte, man brauche nicht immer den fons zu suchen und kėnnte doch die Dinge verstehen z. B. beim Flusse. Ich nahm den Vergleich nicht an, weil der Fluss keine innere Einheit habe wie das Tier, wo die Einheit das Hervorbringende und Wesen selbst sei. — Zum Schluss dankte er auf die liebenswiūrdigste Weise (und verwirrte dadurch meine schon vorbereitete gratias, die ich nun steigern musste) fūr die Beantwortung seiner Einwūrfe und meinte, wir waren wohl im Grunde einverstanden, die Differenzen wūrden wir wohl noch oft in seinem Hause besprechen. So hatte der liebe Mann meiner Dis- putation das Salz beigemischt. — Bald daraut kam auch die Be- stūtigung der venia aus Hannover und nun will ich dies Semester (Sommer 1860. W. Sz.) schon lesen. Und zwar „Geschichte der Politik“ zweistūndig und das IV-te Buch von Aristoteles Politik erklūren lassen““.
23. Teichmiillers Beziehungen zu Lotze.
Die bei der Gelegenheit der Habilitation in Gėttingen ange- kniiptten Beziehungen nahmen von Anfang an einen sehr freund- schaftlichen Charakter an und dauerten ununterbrochen bis zum 1881 erfolgten Tode Lotzes. Wir besitzen eine lange Reihe von Teichmillers Ausserungen iber Lotze in Teichmiūllers Schriften und Briefen. Diese Ausserungen sind stets von herzlicher Vereh- rung und Anerkennung fir den edlen liebenswirdigen Mann get- ragen. Sie stammen zwar aus einer viel spateren Zeit, werfen aber ein helles Licht auf Teichmūllers Beziehungen zu Lotze, wie sie sich wahrscheinlich gleich nach der ersten Begegnug gestaltet haben. Der gesamte Briefwechsel Teichmūllers mit Lotze, der uns in annahernd liickenloser Vollstandigkeit erhalten worden ist, soll im ersten Band des „Archivs fir spiritualistische Philosophie“ veroffentlicht werden.
In der Vorrede zu seinem ersten systematischen Werke „Die Unsterblichkeit der Seele“ die im August 1872 geschrieben wurde,
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erklirt unser Denker, er zolle „unter den neueren Philosophen dem genialen Lotze die grosste Verehrung“ und wūnsche, dass man ihn „zu der freien Gemeinschaift derjenigen zdhle, deren Richtung durch Namen wie Leibniz und Lotze oder als deutsche Philosophie bezeichnet werden kann“. (US. VI) Eine dhnliche Erklūrung tin- den wir in einem Briefe Teichmiillers an Lotze vom 21. Oktober 1874: „Ich hielt es fūr passend (in der Schrift ūber die Unster- blichkeit der Seele W. S.) den įetzt grassirenden Parteien und Cliguen gegeniber die Richtung anzugeben, fūr deren Fiūhrer ich Sie halte und die wie mir scheint allein eine gesunde und tieter gehende Forschung erlaubt“. Und zwei Jahre spater die feierliche Danksagung fūr all die geistige Forderung die dem įūngeren Den ker seitens des Alteren zu teil geworden. „Ich hin Ihnen von An- beginn meiner Carriere so viel Dank schuldig, habe auch durch Ihre Schriften so lange den erfreulichsten Umgang mit Ihrem Ge- nius gepilogen, dass ich grade mit Ihnen allein immer die grėssta Uebereinstimmung suche und Ihren Beifall am Hėchsten schūtze“. (Brief aus Dorpat vom 17. X. 1876).
Solche Erklūrungen hatte man irūh dazu benutzt, Teichmūl- ler als Lotzes Jinger zu bezeichnen. Manche Kompendien und Abhandlungen zur Geschichte der Philosophie im neunzehnten Jahrhundert zahlen Teichmūller einfach zu Lotzes Schule und glauben damit der Pilicht, auf das spekulative System unseres Denkers ndher einzugehen, enthoben zu sein. Wenn man die ūberaus zahlreichen Auseinandersetzungen mit Lotzes Grund- lehren in Teichmiillers reifen Meisterwerken liest, so sieht man sofort den ungeheuren Abstand, der die Anschauungen beider Denker trennt: wer, wie Falckenberg, Teichmiiller ohne weiteres zu Lotzes Schūler stempelt, der hat offenbar in den Schriften des letzten Lebensabschnitts nicht einmal geblūttert. Teichmiillers Weltanschauung in ihrer reifen Gestalt bildet in der Geschichte der personalistischen Philosophie einen so ungeheuren Fortschritt ūber Lotze hinaus, dass es als ein arges Missverstūndnis bezeich- net werden muss, wenn man unseren Denker zu einem Lotzeaner macht.
Dieser ungeheure Fortschritt konnte aber vielleicht erst 1n Teichmiillers Meisterjahren erreicht worden sein. Der Weg zu den Hėhen, die er erklommen, ging ja durch Lotzes Gedanken- reich. Ist es da nicht moglich gewesen, dass der junge Wanderer
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zeitweilig in den Dienst des machtigen Ideenherrschers trat und den Grundsatzen desselben bedingungslos huldigte.
Fūr die Leibnizische in heissem Ringen mit dem vielbewun- derten Platonischen Idealismus erfochtene Grundrichtung seines Denkens hat sich Teichmiiller recht frih — bereits in seinem ersten grossen Lebensabschnitt — entschieden. Auf den Weg, dem er bis zu seinem Lebensende treu geblieben, konnte ihn Lotze nicht bringen, denn eben auf diesem Wege waren sie ja zusammenget- rotfen, um eine betržchtliche Strecke desselben in froher Gemnein- schaft und gegenseitiger Anregung zurūckzulegen. Gingen nun die Anregungen nur von der Seite des alteren Weggenossen aus, so dass man sein Verhaltnis zu dem įūngeren Wanderer doch bis zu einem gewissen Grade als das des Lehrers zum Schiūler bezeich- nen konnte?
24. Briet an Rudolph Haym.
In Teichmūllers Nachlass wird ein Briet — und zwar in Zwei Redaktionen — aus Teichmiillers letztem Lebensjahre aufbewahrt, der uns die aufschlussreichste Antwort auf unsere Frage erteilen kann. Der Brief — datiert Dorpat 25. September 1887 — ist an Rudolf Haym gerichtet als die Antwort aut Hayms Danksa- gung fūr die Zusendung der „Religionsphilosophie“ In dieser Danksagung stellt der berihmte Veriasser der ,,Romantischen Schule“ Teichmiller auf „„Lotzesche Grundlage“. Unser Denker will dieses Urteil nicht ohne weiteres ablehnen, da wirklich in Lotze vielerlei sich finde, was auf seine Ziele hinweise. Auch habe er manchem durch seine Bewunderung tir Lotze in der „Unsterblichkeit“ dazu die Handhabe geliefert ihn „in seinen Wegen zu erblicken“. Nun will er aber seinem Korrespondenten „einige vertrauliche Bekenntnisse ablegen“, die seine Beziehungen zu dem bereits vor sechs Jahren verstorbenen Denker in ein helle- res Licht zu setzen im stande sind. ,,Ehe ich mich — heisst es dort — in Gėttingen habilitirte, es war 1860, hatte ich von Lotze kaum dem Namen nach etwas gehėrt; denn ich steckte ganz in Aristotelischen Arbeiten. Seit meiner sechsjūhrigen Collegialitat und Freundschaft mit ihm habe ich ihm aber gewiss Manches zu danken, obgleich ich damals immer die Griechen gegen ihn auss- pielte und ihn nur als geistvollen und edlen Mann liebte, ohne sei- ne mir hžutig wunderlichen Auffassungen zu teilen. Ich bin mir aber bestimmt bewusst, dass mein eigentūmlicher Standpunkt, der
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seine Coordinaten in einem ganz anderen Bildungsgange hatte, auch auf Lotze (trotz meiner bescheidenen Privatdocentenstel- lung) einwirkte. So ūberraschte er mich liebenswūrdig mit seiner Parteinahme (Gott. gelehrt. Anz.) tūr meine Studien zur Gesch. d. Begr. und man wird doch wohl spžter auch einmal untersuchen miissen, woher die merkwirdige Divergenz der Lotzeschen An- sichten stammt, da die neue Metaphysik und stellenweise auch schon der III Bd. Mikrokosmus doch dem friiheren Lotze nicht mehr entsprechen. Zugleich wird man spater, obgleich Lotze sel- ten Namen nennt, doch die deutlichen Allusionen merken, wo Lotze direkt gegen mich streitet und zwar hūutig an Punkten, wo man glauben kėnnte, dass ich mit Leibnitz und Lotze eines Weges ginge. Fiūr dieses auffallende Zickzack der Bewegung kann ich Autfschlisse geben die vielleicht Manchem interessant sind und Ihr Wort bestūtigen werden, dass er „ein allzu elastischer Mann“, war.
Trotz meiner grossen Zuneigung zu Lotzens liebenswūrdi- gem Geiste wūsste ich aber dochH nicht gerade die Punkte zu nen- nen, die ich etwa als von ihm gesetzt zum Ausgang genommen hatte, da ich ziemlich viel Zeit zur Vertieiung in alle die grossen Philosophen gebraucht hatte, ehe ich Lotzes Bekanntschaft mach- te, und mein Gemeinsames mit ihm auf weiter zurūckliegende Guellen beziehen konnte. Ich fūhle mich sogar noch mehr als. frūher im prinzipiellen Gegensatz gegen die Gedanken, die Lotze wohl tūr seine wichtigsten halten mėchte, und es ist mir dies letzthin wieder recht in die Augen gefallen, als ich Sommers ge- gen Wundt gerichtete Schrift „Individualismus oder Evolutionis- mus“ durchblžitterte und aut „S. 82 oben“ die Definition dieses Lotzeaners von Realitat und Substanz fand. Doch wird dies alles vielleicht erst in meinem ndchsten metaphysischen Buche und bei der Darstellung des Christentums klarer zu Tage treten. . .“.
25. Teichmiillers Einwirkung auf Lotze.
Unsere oben dargelegten Vermutungen ūber Teichmūllers geistigen Bildungsgang bis zu seiner Habilitation in Gėttingen werden durch seinen Briet an Haym in ihren wesentlichsten Punk- ten bestatigt: seine ganze Geistesrichtung in der Zeit, in der er mit Lotze zusammentrai, war in ihren Koordinaten fest bestimmt, und da diese Koordinaten bei dem įūngeren Denker wesentlich andere waren, als bei dem Alteren, so mussten sich die Beziehungen zwi-
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schen beiden so gestalten, dass der Altere nicht nur der gebende sondern auch der empiangende Teil wurde. So kam z. B., wie Teichmūller dies in seinem Briefe an Haym anzudeuten scheint, die strenge Durchfiihrung der Lehre von der Idealitūt des Raumes im dritten Bande des „„Mikrokosmus“ im Gegensatz zur schwan- kenden Haltung, die Lotze im ersten Bande desselben 'Werkes einnahm, nicht ohne Einfluss des jiingeren Denkers auf den alteren zu Stande. Dass Lotze im regen Verkehr mit Teichmūller sich mancher Liicken in seiner geschichtsphilosophischen Bildung be- wusst wurde, ist auch sehr wahrscheinlich. Er hatte nicht das hohe Gliick von einem Trendelenburg in die Geschichte der Phi- losophie eingefihrt und in diesem Gebiete jahrelang von ihm ge- leitet zu werden. Seine philosophiegeschichtlichen Kenntnisse blieben sein Lebenlang oberilūchlich und fragmentarisch Beson- ders vernachlaūssigt scheint bei dem grossen Manne, der von den Naturwissenschaften ausging, die alte Philosophie gewesen zu sein. „Sie wissen — schreibt Lotze an Teichmiiller kurz vor sei- nem Tode — dass ich mich in diesen Sachen nicht fūr einen Ken- ner ausgeben kann“ (Brief vom 25. Mai 1881). Aber auch die grossen Systeme der ersten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts scheint Lotze nicht aus den Originalschriften ihrer Urheber ge- kannt zu haben. So erzahlt Teichmiūller in einem Briefe an Jo- hann Eduard Erdmann vom Oktober 1886, dass Lotze sowohl Fich- tes Wissenschaftlehre als auch Hegels Logik „fūr unlesbar und un- verstūndlich erklūrte“ und sich nicht wenig wunderte, als Teich- miūller die Leitideen dieser Werke ihm durchaus verstandlich aus- zulegen wusste. Die naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten Lotzes haben den freien Flug seines philosophischen Genius ge- hemmt und liessen ihn die letzten Hėhen der metaphysischen Spekulation nicht ersteigen. Ja er schreckte vor diesen Hėhen zu- rūck als sein jūngerer Genosse in atemraubendem Fluge sich zu ihnen emporhob. In der neuen Metaphysik und im dritten Band des Mikrokosmus ging — wie Teichmūller behauptet — vieles „aus Anregungen hervor, die mit der direkten Weiterentwicklung der Lotzeschen Anfdnge nicht zusammenpassen“ (Der erste Ent- wurt des Briefes an Haym). Lotze lehnte namlich in seinen letz- ten Schriften die unbedingte Substanzialitūt der menschlichen Seele ab und beschrūnkte den Substanzbegrift auf die Gottheit allein. Im Zusammenhang mit dieser Substanzlehre erklūrte sich der greise Denker fūr die Realitat der Zeit und des Nichts. Er trat
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damit in bewussten Gegensatz zu seinem jūngeren Freund, der die ihm ursprūnglich mit Lotze gemeinsamen Grundvoraussetzun- gen der personalistischen Weltautfasung ungehemmt bis in ihre letzten Konseguenzen entwickelte. Es waren — so werden wir wohl Teichmiillers Behauptung auslegen kėnnen, die sich auf lan- gen Verkehr mit Lotze und eine liebevolle Vertieftung in seine Schriften stūtzt („Da ich Lotze — lesen wir in dem bereits zi- tierten Entwurte des Briefes an Haym — sehr genau kannte, so habe ich fiir Manches scheinbar Ržtselhafte einen Schliūssel“) — es waren diese Konseguenzen, also vor allem die unbedingte An- wendung des Substanzbegrifies auf die individuellė Seele, die Lehre von der Idealitdt der Zeit und des Nichts, — denen Lotze nicht mehr folgen zu kėnnen meinte und von ihnen abgeschreckt einen recht weitgehenden Rickzug antrat.
Auf diesen Rūckzug werden wir noch zuriickkommen miūssen, jetzt liegt es uns nur daran festzustellen, dass bei der Ueber- nahme der Gėttinger Privatdozentur (1860) die Weltanschauung des jungen Denkers in ihren Grundlinien bereits ausgebildet war, sonst hžtte sie nicht auf Lotze gerade durch die ihrem Urheber eigentūmlichsten Momente einwirken und den fūr die Weltan- schauung des dlteren Denkers folgenschweren Widerspruch er- wecken kėnnen.
26. Die erster Gėttinger Jahre. — Gėonner und Freunde. — Akademische Lehrtatigkeit.
Als eine gewisse Bestūtigung unserer Darlegungen ūber die Frihreife der unserem Denker eigentūmlichen Weltauffasung dūrfte schliesslich das Thema gelten, dass Teichmiller fir seine Vorlesungen im Wintersemester d. J. 1860—1861 wžhlte: „Das vorige (Semester) — schreibt Teichmiiller den 10 April 1861 an Pastor Dalton — brachte mir durch meine anstrengenden Vorle- sungen ūber Logik und Metaphysik grossen intellektuellen Gewinn Der letzte Abschnitt meiner Metaphysik heisst Theologie und ich sehe meine Gedanken ausserordentlich gef6rdert... Das Christen- tum ist mir keine antiguierte Gewohnheit; doch muss es erst bei uns die Consistorialreskripts - Angst verlieren“. Logik und Me- taphysik, philosophische Theologie oder die Philosophie des „rei- nen“ Christentums — mit diesen Worten bezeichnet Teichmiiller bis an sein Lebensende die Hauptgebiete, die sein Gedanke nach
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allen Richtungen durchschreitet: sein metaphysisches Hauptwerk „Die wirkliche und die scheinbare Welt“ sollte urspringlich ,Lo- gik und Metaphysik der vierten Weltansicht“ heissen (Vgl. den Briet an den Verleger Kobner vom 24 Januar 1882 und die bei- den Briefe an Tannery vom Dezember 1881 und vom 13 Fe- bruar 1882) und die „Religionsphilosophie“, die auch die Philo- sophie des Christentums enthalten sollte, den Titel „Philosophi- sche Theologie und Religionsphilosophie“ tragen (An denselben Verleger d. 9 April 1884).
Die ersten Jahre des Gėttinger Lebens gestalteten sich Tūr Teichmūller ausserordentlich ginstig. Ein reger freudschaftlicher Verkehr verbindet ihn mit den ihm geistesverwandten Philoso- phen, wie Lotze und Heinrich Ritter, denen er spater den zweiten Band seiner Aristotelischen Forschungen gewidmet hat (1869). Aber auch von den hervorragenden Vertretern anderer Ficher an der Gėttinger Hochschule diūrfte ihm viele geistige Forderung zu Teil geworden sein: zu dem Kreise, in dem er verkehrte, gehėrten der hervorragende Astronom Klinkerfuess, der Physiologe Jakob Henle, dessen Experimente er mit lebhaftem Interesse verfolgte die hervorragenden Geschichtsforscher Ernst Curtius und Georg Waitz, der Theologe Isaak August Dorner. Auch mit dem beriihmten Physiologen Rudoli Wagner (+ 1864 als Professor in Gėttingen), der in seinen Schriften ,,„Menschenschėpiung und Seelensubstanz“ und „„Der Kampt um die Seele vom Standpunkt der Wissenschaft“ den christlichen Spiritualismus gegen Vogt verteidigte, ist Teichmūller in seinen ersten Gėttinger Jahren war- scheinlich zusammengetrotfen.
Teichmiillers akademische Lehrtatigkeit blūht in Gėttingen sofort aut. Eines besonderen Erfolgs erfreuen sich die vom jungen Lehrer nach Trendelenburgs Vorbilde geleiteten praktischen Ūbun- gen in der Philosophie. „In dieser Zeit — erzahlt der wohl hervor- ragendste von seinen damaligen Schūlern Rudolf Eucken — hielt er in Gėttingen regelmėssig eine aristotelische Societūt, welche nicht wenige junge Gelehrte in ein ernstes Studium des grossen Meisters eingefūhrt hat. Auch der Unterzeichnete hat dieser So- cietūt mehrere Semester hindurch angehėrt; dankbar gedenkt er der lebhaften und vielseitigen Anregung, welche ihm dort zu Teil wurde, sowie des personlichen Verkehrs mit dem liebenswiirdigen, stets zur Auskunft und Forderung bereiten Manne“. (Gėtting. gel.
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Anz. 1888 Nr. 16 S. 606) Teichmūllers „vortrefiliches Ari- stotelisches Praktikum“, durch welches er auf die Studierenden dauernden Einfluss gewann, erwahnt Eucken auch in seinem Artikel ūber den Denker in der „Allgemeinen deutschen Biogra- phie“ XXXVII 543. Und in seinen „Lebenserinnerungen“ (*1922) sagt der dankbare Schiūler: „So habe ich in Gėttingen von keinem mehr empfangen, als von ihm“ (S. 29).
27. Besprechung des ,,Naturrechtes“ von Trendelenburg.
Die erste literarische Frucht des ersten Gėttinger Halbjahres war die ausfihrliche Rezension des „„Naturrechtes“ von Trende- lenburg (Gėttingische gelehrte Anzeigen 1861. Erstes Stick. 1—37). Teichmūller zahlt hier gleichsam die Dankesschuld an seinen Berliner Meister ab. Sein eigener Standpunkt tritt dabei fast ganz zurūck, doch ldsst sich aus der begeisterten Zustimmung zu einigen Grundeigenheiten des Trendelenburgschen Systems auch aut eigene Anschauungen des Rezensenten schliessen. Teich- mūller rūhmt die „edle und besorinene Begeisterung, die das Recht an das Ethische, und dieses an eine ideale Weltanschauung an- schliesst“. (S. 1). Trendelenburg betrachte alle Gebiete menschli- cher, sowohl praktischer als theoretischer Tatigkeit, als Teile des allumfassenden Ganzen, das den Namen der Philosophie trūgt. „Weil Trendelenburg nun keine zuiallig nebeneinander bestehende und von einander losgerissene Teile der Wissenschait anerkennt, sondern die Dinge stutenweis aus der vom schėpieri- schen Gedanken geleiteten Bewegung hervorgehen ldsst, so glie- dert er den Stufen der Dinge parallel auch das Getūge der Wis- senschaften in seinem genetischen Systeme; wie das Physikalische die mathematische !Welt voraussetzt, so die Organismen das Phy- sikalische. Das Ethische ist demgemūss die selbstbewusste Voll- endung des Organischen in der Menschenwelt, und das Recht erhdlt in der Ethik im weiteren Sinne seinen Ort, da es, wie er zeigt, selber eine ethische Verrichtung ist“. (S. S. 4—5).
Wie Teichmiller selbst versichert, ist er nie Anhanger der Trendelenburgischen Bewegungslehre gewesen — die genetische Einheit der Wissenschaften aber, die in einem wohlgeordneten phi- losophischen System ihren allumfassenden Zusammenhang und ihre Vollendung finden, ist einer der Grundpieiler seiner eigenen Weltaufiassung geworden. Diese Einheit ist nur in einem teleolo-
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gischen System mėglich. Die teleologische, in ihrem Ursprung auf Plato und Aristoteles zuriickgehende Naturaufiassung gehėrt zu den frihesten und festesten Errungenschaiften, die unser Den- ker auch in seiner reifen Weltanschauung beibehielt. Bereits in der uns beschžftigenden Rezension hebt Teichmiller die Ver- dienste Trendelenburgs hervor, als „des siegreichen Verteidigers der Teleologie gegenūber der dialektischen und der Her- bartisch-žsthetischen Beseitigung derselben“. (S. 3).
Gegen die modernen Denker entschied sich Teichmiller mit Trendelenburg žiūr Platon und Aristoteles und die von ihnen ge- schaffene Naturauffassung. Mit denselben Meistern weiss er sich einig auch in der Ableitung des Rechtes aus der ethischen Natur des Menschen: Trendelenburg wisse die antike Auffassung vom Staate und vom Rechte zu vertiefen und weiter auszubilden: indem er in den Spuren der Alten wandelt, die das Juridische und das Ethische eng zusammenbanden, finde er den richtigen Weg zwi- schen beiden entgegengesetzten Einseitigkeiten, namlich zwischen der materialistischen Rechtsbegrindung, die das Recht aus der Gewalt ableitet, und der theologischen, die seinen Ursprung im gėottlichen Willen sieht. Er liefere „die volle Widerlegung der vom Ethischen absehenden Theorien“ (S. 6) und eine „eigene Durchfihrung des ganzen Systems der Rechtsbegriffe aut dem Grunde der Ethik“ (S. 7). Trendelenburg gehe den Theorien, die eine falsche Selbstūndigkeit des Juristischen behaupten, nach, um zu zeigen dass der von Hobbes, Spinoza, Thomasius, Rousseau, Kant und Fichte versuchte Weg nicht zum Ziele fūhre und dass die Prinzipien dieser Denker — Macht des Starkeren, Bedingung zu furchtloser Sicherheit, Wille der Mehrheit, formelle Allgemein- gūltigkeit nur ein ungeniigendes Moment des Rechtes angeben und „auf einen Grund hinweisen, der aus der inneren Bestimmung des ganzen Menschen, d. h. aus der Ethik stammt“. (S. 6).
„Die Bestimmung, das Soll fir das menschliche Wesen“ ver- suche nun Trendelenburg „aus dem Gedanken im Grunde der Dinge“ abzuleiten Aus der kritischen Durchprūfung der bisherigen Theorien ergebe sich fūr ihn, dass die von ihnen aufgestellten Prinzipien der Lust, Glitckseligkeit, Macht, Selbstvervollkommnung, Mitgefūhl — zwar ūberall gewisse Momente des Begriffs aufgrei- fen, diese Momente aber nur eine einseitige Begrindung der Ethik liefern. Will man diese Einseitigkeit ūiberwinden, so muss man
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den Weg betreten, den die grossen objektiven Systeme von Platon und Aristoteles eroffinet haben: die Grundaufgabe aller sittlichen Handlungen sei, „den Menschen als Menschen zu verwirklichen, weil der Mensch keine andere Auigabe fassen und anerkennen und weil ihm keine andre gegeben sein konne, als die Idee seines Wesens zu ertūllen“ (S. 7). Die Idee des Menschen finde Trendelenburg, indem er „die richtige Aristo- telische Grundlegung“ benutzt, in dem spezifischen Wesen dessel- ben: „Er fasst das specifisch Menschliche als die Wechselwirk- kung des Denkens mit dem Begehren und Empifinden, als das bewusst Allgemeine in seiner Wirkung auf die blinden Regungen des Besonderen. Der Mensch erscheint ihm deshalb, sofern er den schėpferischen Gedanken seines Wesens, sein Sol! erkennt und will, als das freigewordene Organische“. (S. 7). Dar ethische Bedūrinis fasse Trendelenburg, als „eine Verstūrkung, die dem Grundtriebe des Menschen nach Selbstbehauptung und Selbsterweiterung entspricht“ (S. 8). Zum adaguaten Organ der Idee wird der Mensch „durch bestandigen Kampt, da sein blindes Begehren in die Zucht des Denkens ge- nommen werden muss“. Dieses organische Wesen gehėrt nun zu- sammen mit anderen gleichstutigen Wesen einem hėheren Ganzen an und nimmt in ununterbrochener Wechselwirkung mit ihnen an der weltgeschichtlichen Entwicklung teil. Diese Entwicklung stehe wieder unter der Leitung der gottlichen Idee, ,„welche ihre Ziige der Weltgeschichte einzeichnet“. (S. 8). „Hingabe und Befesti- gung des Eigenwillens — zitiert Teichmiiller des Meisters eigene Worte, die seinen Standpukt trefilich zusammenfassen — an den Willen der Vernunft ist das Wesen der Gesinnung, d. h. des Guten im engeren Sinne. Dies ist jedoch nur mėglich durch das erkannte Notwendige und Allgemeine, und darin liegt das Wahre. Genigt dann die Darstellung und Ausfūhrung dem Wesen der Sache, so dass Beides in Harmonie aufeinander hin- weist, so ist die Handlung und das handelnde Organ schėn. Im Guten als dem Vollkommenen vereinigen sich derart das Gute, Wahre und Schėne, als Gesinnung, Einsicht und Dar- stellung“. (S. 8). Teichmiiller rūhmt weiter an der Ethik Tren- delenburgs dass sie die Affekte und Leidenschaften nicht aus- schliesse und das Individuelle nicht leugne: „Den Affekten wird eine sittliche Seele eingehaucht und die Leidenschatten werden zur
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Triebkrait im Guten“ Dass die Trendelenburgsche Definition des Individuellen als der „freien Vollendung des Eigenen zur Dar- stellung des Sittlichen“ Teichmūller voll befriedigt hūtte, mūssen wir allerdings bezweifeln, denn diese Fassung hūngt allzueng mit dem Platonisch-Aristotelischen idealistischen Universalismus zu- sammen, und Teichmiūller war bereits in Leibnizens Fusstapien getreten und sah schon mehr oder weniger deutlich den Weg vor sich, der ihn zur personalistischen Monadologie fūhren sollte.
28. Auseinandersetzung mit dem Herbartianer Thilo.
Im zweiten Gėttinger Jahre erschien ebentalls in den ,„Ge- lehrten Anzeigen“ (erster Band auf das Jahr 1862, 4. Stūck. Den 22. Januar 1862. S. 131—151) eine Rezension unter dem Titel: „Die theologisierende Rechts- und Staaislehre. Eine histo- risch-kritische Untersuchung ūber die Prinzipien der Rechtsphilo-+ sophie und die damit zusammenhūngenden Disziplinen mit beson- derer Ricksicht auf die Rechtsansichten Stahls von Christiried Albert Thilo“. Leipzig 1861. ,
Fir den inneren Entwicklungsgang Teichmillers ist die Re- zension insofern wichtig, als sie eine kurze Auseinandersetzung mit den Grundgedanken des Herbartschen Systems enthalt. Da dies System aus der Kantischen Philosophie hervorging und manche ihrer Grundvoraussetzungen beibehielt, so trifit die Teichmūller- sche Kritik Herbarts zu einem grossen Teil auch seinen Meister.
Herbarts Philosophie — fūhrt Teichmiiller aus — habe un- leugbar sehr bedeutende Verdienste „fūr die Psychologie im Be- sonderen und auch fūr die echt wissenschaitliche, niichterne und scharfsinnige Forschung in den iūbrigen philosophischen Diszipli- nen gehabt“ (S. 131). Diese Verdienste sollen uns aber gegen ihre offenbaren Mdngel nicht blind machen.
Den ersten und wichtigsten Mangel bilde die uniberbriickbare Kluft, welche die Herbartianer, offenbar Kant folgend, zwischen der theoretischen und praktisch-4sthetischen Weltbetrachtung gra- ben. ,„Dieses Zerschneiden der Welt in zwei Welten, eine, welche die Herbartianer theoretisch erkennen kėonnen, und eine andere, die nur aus Geschmacksurteilen besteht und die weiter nichts miteinander zu tun haben, ja die durch eine wissen- schaftlische Grenzsperre so streng isoliert werden, dass sich kein
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neugieriger, geschweige wissbegieriger Gedanke nach einer Strasse von der einen zur anderen umsehen darf!“ (S. 131).
Den Herbartianern und den Kantianern fehle das Bedirfnis nach der Einheit in der Gedankenwelt: um fir die Religion Platz zu schafien, glauben sie die Ohnmacht des spekulativen Gedan- kens in seinem Bereiche proklamieren und damit dem philosophi- schen Eros die Fliigel beschneiden zu miissen. Die Lebenskrūitig- keit und innere Wahrheit des Glaubens werde nur dadurch gesi- chert, dass die Wissenschaft im Voraus auf die Hoffnung verzich- tet, durch ihre Beobachtung und Eriorschung der Wirklichkeit auch auf einen einzigen seiner Gegenstūnde stossen zu kėnnen. „Was ist das fir eine Wahrheit, die sich nicht ūberall bewdhrt, was ist das fiūr ein Schopfer, dessen Schėpfung ohne ihn erklart werden kann“! (S. 132). Was ist das schliesslich fūr ein Wissen, dessen volliges Scheitern uns erst den sicheren Hafen des Glaubens erofinet.
Das Streben des forschenden Geistes sei den Herbartianern zu hoch und zu tiet dringend. Die Einheit des Universums und die Selbstwirklichkeit der erkennenden, fihlenden und wollenden Seele sind ihnen Ūberschwžnglichkeiten, die in die vėllig ūberfliūs- sige Begrifisdichtung hineingeh6ren. Sie wollen, als gute Ratio- nalisten und Sensualisten nur die Tatsachen der sinnlichen Ertfah- rung gelten lassen, „als das einzig unumstosslich Gewisse“, aus- serdem erlauben sie noch dem Verstande „an einigen Widersprii- chen der Erfahrung (Ding mit mehreren Merkmalen, Veržnde- rung, Materie, Ich) sich zu bemūhen“ (S. 134), sonst aber schneiden sie „dem sich dann erst krūftig erhebenden Wissenstrie- be“ rūcksichtslos die Flūgel zuriick, um ihn an dem sinnlich Fass- baren ein fūr alle Mal festzuhalten. Was geschieht nun? Wenn der Herbartianer Thilo die Aufgabe streicht, die Griinde des Ge- gebenen zu suchen, so verzichtet er auf Philosophie und Wissen ūberhaupt, und todtet im Kėrper der Kenntnisse den Geist der Forschung. Thilo muss deshalb den von ihm instruierten Jin- gern der Metaphysik die Aufgabe geben, die Welt zu studieren, wie ein Tauber sich in einem grossen Konzerte beschaftigen mūsste, wenn er genau die Bewegungen der Musikanten erklaren wollte, ohne natirlich auf die Einheit des unsichtbaren musikali- schen Geistes zu verfallen. Das Wissen dieser Tauben von der Musik ist das Abbild der Grenzen, die nach Thilo das Wissen ūberhaupt und folglich auch die Metaphysik hat“ (S. 135—136).
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Thilo behauptet, sein sensualistischer Rationalismus erhebe sich sowohl iiber den Empirismus, der keine Widerspriūche in dem tatsachlich Gegebenen bemerkt, als auch iber den panlogistischen Rationalismus, „der — um mit Thilo zu reden — die Vernuntt als eine ursprūngliche Guelle der Erkenntnis ansieht und daher con- seguent auf den Wahnwitz fūhrt, das faktisch Vorhandene aprio- risch zu deduzieren“ (S. 138). Da aber Thilo den Inhalt des gan- zen Wissens aus der Erfahrung nimmt und įeden eigentiimlichen Inhalt des Geistes leugnet, so fordere er also geradezu Sensualis- mus und mithin Empirismus. Herbart habe zwar das produktive Geistesleben nicht behandelt, „„aber dafiir doch in den reinen sitt- lichen und žsthetischen Geschmacksurteilen eine Stelle offen ge- lassen, sowie auch durch die spekulative, schėpferische Tat, wo- durch die IWiderspriiche aus Erfahrung weggeschatft und der reine Begriff vom Sein gefunden wird. Diese produktive Tatigkeit des Geistes muss aber nach Thilo unmėglich sein; denn wenn die Ver- nunft keine Erkenntnisguelle ist und der Geist kein schopterisches Vermėgen hat, wie darf dann der Denker etwas Anderes tun, als die Erfahrungen reproduzieren, wie dart er Be- griffe z. B. vom Sein produzieren, die er nur aus sich entlehnen und durch sein schėpferisches Vermėgen finden kann, da die Erfahrungen nur Sinnesempfindungen und deren Komplexe bieten“ (S. 138). Die Philosophie, die eine Vernunft lehrt, welche keinen Inhalt hat, also vernunttlos ist, und ebenso einen geistlosen Geist, kann natūrlich ūber die Erfahrungen nur hinkriechen: sie bilde sich nur ein, ūber Empirismus und Sensualismus hinausge- kommen zu sein.
Indem die Herbartianer fordern, dass die der Erfahrung ent- nommenen Gegenstūnde des Wissens sich nach dem Identitdtsprin- zip in widerspruchslosem Denken bewžhren miissen, verlassen sie allerdings den Boden des Empirismus. Sie leugnen z. B. die Wirklichkeit der Bewegung und Verūnderung, weil sie zwar von der Eriahrung gegeben, aber dennoch ein sich widersprechender Begriff ist. Sie wollen aber nicht einsehen, dass das die ganze Erkenntnistatigkeit beherrschende Identitatsprinzip nur von Un- getūhr — man weiss nicht woher und wie — da ist: denn beide Normen fūr das Wissen — Erfahrung und Identitūtsprinzip — sind ihnen ein blind Gegebenes, die als solche auch in der Erkennt- nistatigkeit gebraucht werden: von diesen Grinden des Wissens
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gibt es also kein Wissen, und das zu Wissende wird aus einem Nicht-Gewussten und Unbegriffenen erklūrt. Der Herbartsche Begriff vom Wissėn hebt sich aut diese MWeise selbst aut.
Konnen uns also die Herbartianer iber den Ursprung oder die Ouelle des obersten Erkenntnisprinzips gar nichts sagen, so kėnnen sie auch in keiner Weise eine andere hochwichtige Frage beantworten: woher weiss man, dass nur das seiend und wirk- lich sein kann, was uns als widerspruchslos erscheint? An solchen Fragen gehen die Herbartianer gleichgūltig voriber. „Das Identi- tatsprinzip ist nun einmal da, und folglich muss sich das Seiende als identisches benehmen, damit es die Herbartianer widerspruch- slos setzen kėnnen. Der Gedanke, dass unsere Vernunit deswe- gen nur Einstimmiges begreifen kann, weil auch das zu begreiien- de Seiende von einer mit sich einstimmigen Weltvernunft be- herrscht wird, ist fūr Thilo natūrlich zu ūberschwanglich, weil wir ja dadurch schon ūber die Natur des Seienden selbst eine Einsicht bekimen, die doch notwendig ausserhalb der Herbartischen Me- taphysik liegen muss“ (S. 137).
Wie die Erkenntnislehre, so wollen die Herbartianer auch die Religionsphilosophie vėllig unabhangig von įeder Metaphysik ge- stalten. Dies Bestreben fūhrt nur dazu, dass die Grundlagen der Religionsphilosophie einfach dem glūubigen Bewusstsein ent- nommen werden unter Ablehnung jeder Begrindung seiner Grund- wahrheiten seitens der theoretischen Philosophie. Thilo verwerže erstens allen Idealismus, weil dieser immer notwendig ein Monismus sei, und das christliche Bewusstsein Gott und Krea- tur der Substanz nach trenne und ein Verhaltnis von Person zu Person fordere. „,„Thilo vergisst doch wohl, dass auch das re- ligiose Bewusstsein ūberall einen Ursprung fūr das All glaubi und sich in dem Einigen Seienden lebend, webend und seiend weiss“ (S. 140). Ferner fūhre Thilo die Angst vor dem Idealis- mus so weit, dass er den schopferischen Logos und iberhaupt das Ideale aus den Prinzipien seiner theoretischen Philosophie entfer- ne — die auf diesem Wege gewonnene wissenschaitliche Ūberzeu- gung lasst sich dahin zusammenfassen, dass „die Welt nur auf ein stummes und dummes, starres und blindes Sein zurūckweise und nur als eine Vielheit selbstūndiger gegeneinander gleichgiltiger Mesen zu fassen sei“.
Dieser wissenschaftlichen Ūberzeugung steht
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der unwissende Glaube gegeniiber, der Glaube an ein schopierisches ideales Prinzip, einen Ilebendigen, die Welt beher- rschenden Gott. Wie in demselbigen Gemit diese Gegensūtze zu- sammenleben konnen, ist schwer einzusehen. Sie kėnnen nur durch kūnstliche und gewaltsame Trennung des Glaubens vom Wissen zusammengebracht werden. Was gewinnt dadurch die Religion? Thilo „will sie wehrhaft machen, indem er ihr alle wissenschaftli- chen Waffen wegnimmt. Was ist das fūr ein hūliloser und aben- teuerlicher Glaube, der mit den Wahrheiten der natiūrlichen Er- kenntnis in gar keinem Wechselverhaltnis stelit! Dessen Gegenstūn- de wir nirgends wahrnehmen, wenn wir die wirkliche Welt begrei- fen wollen, und der sich nirgends fiūhlbar macht, wenn wir die obersten Griinde der Erkenntnis studieren! Als wenn Gott sich sei- ner Wirksamkeit schimte, soll er mit dem forschenden Geiste des Menschen Verstecken spielen“ (S. 139—140).
Wie zwischen dem Wissen und dem Glauben so soll nach Kant und Herbart auch zwischen theoretischer und praktischer Philosophie kein Zusammenhang bestehen. „Wenn es nun fūr Thilo bloss darauf ankime, die Ethik auch ohne theologische Grundlage zu begriūnden, so misste man seine Bestrebung aner- kennen; denn es ist wichtig, fūr die Ethik einen selbstūndigen Aus- gangspunkt zu gewinnen, der bei den verschiedenartigsten reli- giosen Ansichten Geltung hat und eben auch seine Gewissheit und Deutlichkeit nicht etwa von einer weniger gewissen und weniger einleuchtenden Spekulation erborgen muss“ (S. 141). Thilo will sich aber damit nicht begniūgen.. „Er will das praktische Gebiet isolieren, dass man von theoretischem Standpunkt aus nicht einmal ahnen kann, es gabe vielleicht so etwas wie ethische Fra- gen in der Welt. Denn das theoretische Gebiet soll nur die Fra- gen nach dem Sein und Geschehen umfassen; das praktische aber bekiimmert sich nicht um Wirklichkeit und Wesen, sondern hat nur ein Vorziehen und Verwerfen durch Lob und Tadel im Sinne. .. Als wenn der Philosophierende nicht auch die absoluten ethischen Urteile, worauf die Moral ruht, betrachten und ihren Grund in ei- nem teleologischen Zusammenhange finden kėnnte! Als wenn ir- gend etwas so ganz ungesellig und eigenlebig in der Welt stehen kėnnte, ohne die Beziehung zur ūbrigen Welt und die Zeichnung eines einheitlichen Ursprungs zu verraten! Die Ethik, wie sie auch sicher fusse aut dem Begrift der Humanitat, wird immer fordern,
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dass die Humanitat durch eine ideale und teleologische Weltan- sicht begriffen werde und wird gestatten, dass man die Mensch- lichkeit durch Religion mit dem Gėttlichen verknipfe“ (S. 141 — 142 passim).
Bei den kritischen Bemerkungen Teichmūllers iiber die wich- tigsten Punkte der Thiloschen Rechts- und Staatslehre brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Obwohl unser Denker bereitwillig aner- kennt, dass in dem besprochenen Buche „auf eine ausgezeichnet schartsinnige Weise und wirklich wie mit Herbarts Tugenden, mit einem hellen, niichternen und besonnenen Geiste, das Herbar- tische System dargestellt, und sein Verhdltnis zu dem Naturrecht des Idealismus vom Herbartschen Standpunkte aus gelehrt und auts deutlichste bestimmt ist“, so kann er nichtsdestoweniger sich nicht des strengen Urteils enthalten, dass die hier vorgetragene „rationalistische Orthodoxie, sensualistische Psychologie, Astheti- sche Moral“ keine Erneuerung der Rechtsphilosophie bringen konnen“ (S. 151). Nur auf einen Punkt mėchten wir hier hinwei- sen. Teichmiller hebt mit Anerkennung hervor, dass „von Herbart das Recht wieder als eine ethische Idee erkannt ist“ (S. 146). Diese Idee soll aber „auf keine andere sittliche Idee zurūckgefūhrt und weder um des Nutzens, noch um irgend eines sittlichen Gutes gefordert werden. Das Recht soll seine Heiligkeit und seinen Wert ganz in sich selbst haben, namlich in dem absoluten Geschmacks- urteil, dass der Streit missfallt. Dieser absolute Geschmack spielt bei Thilo die Rolle eines „,deus ex machina“: wenn die Verwicke- iung soweit gekommen, bis gar keine vernūnitige Losung, kein verstūndiger Zusammenhang mehr zu finden ist, dann spricht je- ner Bihnengott sein: „es gefallt mir nicht“ und der Knoten ist ge- lėst“ (S. 146).
Dieser formalistischen Auffassung gegeniūber weist Teichmii- Iler auf das Naturrecht von Trendelenburg hin, das „ohne theolo- gische Grundlegung und ohne die Macht an die Stelle des Rechts zu setzen, dennoch den Zusammenhang einer idealen Weltansicht enthdlt und die natūrliche Abhangigkeit des Rechts von den sitt- lichen Aufgaben der Gesellschaft und der Menschheit nachweist“ (S. 147).
29. Tod der Frau. Der untrėstliche Witwer.
An seiner jungen anmutvollen Frau fand Teichmūller eine treue, ihm von ganzem Herzen ergebene Gefšhrtin, die ihm volles
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Verstūndnis tir seine hohen Ziele und fiūr seine ausserordentlichen Geistesgaben entgegen brachte. Im zweiten Jahre der Ehe (am 11. Mai 1861) schenkte sie Ihrem Manne ein Tėchterlein, das den Taufnamen ihrer Mutter Anna erhielt. In der von Liebe, Freund- schaft und Schatienstreude durchw4rmten Atmosphare vertlossen dem glicklichen Ehemann die beiden ersten Jahre in Gėttingen. Da stirbt ihm plėtzlich 2 Tage nach der Geburt des zweiten Tėch- terleins Lina die Frau am Kindbettfieber (am 2. Oktober 1862).
Es war sicherlich der schwerste Schlag, den Teichmiūller in 'seinem Leben erlitten. Seinen Seelenzustand schildern uns die Briefe an den Schwiegervater und die Freunde, die unmittelbar nach dem Tode der Frau geschrieben sind. Sie sind fūr seine Ge- mūtsveriassung und seine religiosen Gefiūhle so charakteristisch, dass wir uns mehrere Stellen aus ihnen hier mitzuteilen erlauben.
„Deine Botschait—lesen wir in einem Briefe an einen Freund, der in der uns erhaltetnen Kopie nicht genannt wird — trifft mich als einen tiet Gebeugten“. „— — mir ist mein Haus ganzlich zerstort, da mir Gott meinen hėchsten irdischen Trost, mein ge- liebtes Weib, genommen hat. Ich hūtte gern Alles, was man ver- lieren kann, tūr sie dahin gegeben. Nicht nur die vollkommenste Freundschaft hatte ich mit ihr, sie war mit mir zu einem Wesen zusammengeschmolzen, in dem sie der bessere Teil war, indem die Hoheit ihres Wesens und die Demut ihres Herzens und ihr sanites Leben zur Guelle eines gliickseligen Daseins wurde. Nun bin ich zerstickt und zerrissen zurūckgeblieben; zwar versėhnt mit Gott, aber wie in einer Wiūste... Sie hatte mir die zweite Tochter geboren und wir waren zwei Tage hindurch voll Freude, da trat eine Entzindung ein (peretonitis puerperalis) und nach Tagen der furchtbarsten Spannung entschlief sie sanit, wie sie sanft gelebt. Ich glaube, nie vorher den Jammer des Lebens gc- kannt zu haben, seit ich dies erduldet. . .“.
„Gott — schreibt Teichmiiller an den Schwiegervater — star- ke dich und mich, denn ich bin der ungliūcklichste aller Menschen“. „— — Ach, wie oft habe ich den erbarmungsreichen Gott ange- ruten, nur noch einmal mich zu erhėren und mir dies Eine, einzig begehrte Leben zu lassen. Ich bot ihm ja alles dafūr an. Ich will arm und kinderlos auswandern, nur mit Anna, dann bin ich getro- stet und froh. Ich sah meine Siinde und flehte mich nicht grade mit dieser Strafe heimzusuchen, die mir zugleich die Guelle mei-
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ner geistigen Erhebung und Seelengrosse nimmt.— Ach, du kannst dir ja garnicht denken, was mir Anna war. Denn wenn es auch noch so schien, als wenn sie von mir annahm, lernte, sich durch mein Verstžndniss ihres Wesens entwickelte, und zu schėner Bli- te erhob: so gewann ich dabei doch am Meisten, an ihrer Seelen- blūte blihte auch mein Gemit empor und mit ihr entwickelten sich meine ĮKrafte, mein Verstandniss von der Aufgabe des Fa- milienlebens, der Ehe, mein Vertrauen auf Gott, mit ihr und durch sie war ich glūcklich“. ..
„— — ich sagte ihr, wie sie mir so Alles gewesen sei und ich eigentlich durch sie erst die Liebe kennen gelernt hūtte und das Glick zu leben durch sie erst verstanden, dass sie mir erst durch ihr Wesen das Leben lebenswert und zur Liebe gemacht habe: .-*.
„Ihre Gūte in der Krankheit brach mir fast das Herz. . .“.
„Sie war so lieblich, so santt, so geduldig, so treu, so dank- bar, so vertrauend; ach, ich hžtte ihr so gern das Kind geopiert, so gern beide Kinder fir ihr Leben eingetauscht — ach, hūtte ich mich Tūr sie toten konnen, ich war so lebensmiide, so todesdur- stig. Ach, was ist eine Mutter gegen ein Weib. Die Mutter auch noch so lieb und ehrwūrdig hat doch nur einen Platz im Herzen, aber mein Weib war mein Herz selbst. Ich bin nichts mehr ohne Sie. 41“
So zerschmetternd auch der Schmerz ist, er nimmt dem un- glūcklichen Witwer nicht sein festes Vertrauen aut Gott und be- reits in den ersten Briefen, welche nach dem Tode der Frau ge- schrieben waren, mischen sich unter die Klagen iiber den herz- zerreissenden Verlust die Tone der religiėsen Erhebung.
„Neulich — lesen wir in dem bereits zitierten Briefe an den Schwiegervater — kam eine Einladung von Buchholtz zu seiner Hochzeit. Ich schrieb ihm, er mėchte sich durch mein Leid nicht abschrecken lassen; denn ich mėchte nichts zuriicknehmen, und wenn auch įetzt der Gram grauenvoll auf mir liegt, so fūhle ich bestimmt, die Erinnerung an mein teures Weib wird ihn verklūren und mich selbst erheben. Die hohere Welt geistiger Freiheit war ja ihre ergreifende Macht, diese Sicherheit der Gefiūhle, dieser Abgrund der Liebe, diese Demut und diese Hoheit“. „Mein Schmerz bedarf des Trostes nicht; (Ich liebe — heisst es in einem anderen Briefe an den Schwiegervater — noch keinen Trost, son-
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dern Schmerz) denn der Grund meines Schmerzes, das geliebte Bild meiner Frau, enthšlt ein tief versčhntes und gliickseliges Gemit; so segnet sie mich noch, indem sie mir durch ihren bittren Tod die Seele verwundet. ..“ (Brief an Dalton vom 11 November 1862).
30. Das dritte Gėttinger Jahr.
Teichmūller erfdhrt in seinem Innern die verklarende und erhebende Kraft des Leidens. In der Sorge fūr die kleinen Kinder und die seiner Aufsicht und Leitung anvertrauten drei jungen Briider der Verstorbenen wie in der angestrengtesten wissenschatt- lichen und padagogischen Tatigkeit sucht und findet er eine ge- wisse Linderung seines Schmerzes. ,„Dass mir — schreibt Teich- mūller an den Schwiegervater — der Schmerz nicht die Besinnung im Handeln raubt, wird dir schon mein voriger Briei gezeigt ha- ben, nur die Lust am Leben ist mir vergangen; ich tue, was sich ziemt, um der Pilicht und um der Ordnung willen, aber das Glick ist dahin“. Das Leben in der gewohnten Umgebung, wo alles an die Verstorbene erinnert wird ihm sehr schwer, zunūchst aber glaubt er seinem Wunsch Gėttingen auf lingere Zeit zu verlassen nicht nachgehen zu dirfen: „Wohl hatte ich Lust — schreibt er am 11. November an Dalton — alles um mich zu verlassen und allein in die weite Ferne zu reisen. Nun ziehen mich aber die Pilichten an meinen Platz im Leben, die nachgelassenen hūlilosen Kinder, die Brider, (es handelt sich um den Schwager Georg von Cramer, der die Universitat Gėttingen besuchte und zwei jūngere Schwager, die in Teichmūllers Hause wohnten. W. Sz.) dann meine Vorlesungen. Fir letztere habe ich diesmal viel zu arbeiten“ Neben Vorlesungen beschaftigen Teichmūller die medizinischen, vornehmlich die anatomischen Studien, die er unternahm, um dem Geheimnisse des Lebens und des Todes nžher zu kommen. „Ich bin — schreibt er d. 11. Dezember an den Schwiegeryater — ganz in Arbeiten vertieft. Wo ich nicht fiir meine eigenen Vorlesungen arbeite, da lese ich zum Nacharbeiten; denn ich studiere seit An- fang der Woche wieder und bin also Docent und Student zugleich. Ich hėre bei Henle Anatomie und secire und praparire seit Anfang der Woche taglich ein paar Stunden im Anatomischen Theatrum. So fūlle ich die mir empfindlichste Liicke in meinen Kenntnissen aus““.
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Der einmal auigetauchte Gedanke an eine weite Reise kehrt immer wieder; nicht aber um von seinem Schmerze zu fliehen, will T. sie unternehmen. Am 3. Dezember schreibt er an die Schwūgerin (nachdem er gesagt, wie schwer es ihm doch fiele, wegzugehen, wie ihn die kleinen Kinder doch so beglickten): „Die Sehnsucht, aus diesen Verhaltnissen heraus, wird mir doch bleiben; ich suche auf mich allein angewiesen neue Lebenssamm- lung und durch Reisen und Wandern nicht Zerstreuung, sondern neuen Stoff fūr die Anschauung, Verjūngung meiner Arbeitskraite, Eriahrung, innere Umwandlung, kurz ich will fūr mich selbst wie- der frisch werden, nicht vergessen die Vergangenheit, aber mich nicht darin begraben. ..“. Dieselbe Begrūndung seines Wunsches finden wir in dem Briefe an den Bruder: „Ich bin in ein ganz an- deres Bestreben hineingekommen: nžmlich auf Erweiterung mei- ner geistigen Natur bedacht, wžhrend ich bisher mich gewisser- massen als fertig und abgeschlossen betrachtete““.
Inzwischen nehmen Teichmūllers Studien ihren weiteren Gang. Die angestrengte Arbeit bringt eine gewisse Abstumpfung des Schmerzes. „Das Leben — lesen wir in einem Briefe an die Schwagerin vom 22 Dezember — das Leben spricht vom Tode und die Gegenwart von der Vergangenheit und der Tag steht vor mir freudlos, bitter, einsam. Aber einsam im Wirbel der Be- schaftigungen und im Vergessen alles Wehs, im Vergessen von Anna, und die Gegenwart spottet der Vergangenheit. Mit lautem Ruf werden die Knaben geweckt, Scherze ermuntern die Schlafri- gen, ,Husaren heraus, was blasen die Trompeten“ u. s. w. nun muss das ganze Haus in Bewegung geraten, meine Niuschelle soll mich schon erwarten, Georg, Alles sammelt sich im Speise- zimmer, meine Anatomischen Biicher werden studirt bis die Milch aus Weende kommt, nun klappern die Tassen, Marie erscheint, die Knaben verschwinden wieder, in der Eile fūr die Schule; Georg zieht ins Colleg, ich muss sogleich arbeiten und eile dann um Muskeln zu seciren und freue mich am Lehren, wie am Lernen, und es galoppiren die Gedanken. Was war Anna? War sie? Mein Weib? Ich verheiratet? Alles vergessen; musculus triceps, pecto- ralis minor u. s. w. summt es in dem Ohr Nur in der Freudlosig- keit merke ich das Weh; es spielt alles nur so auf der Oberflūche, wie auf dem Wasser zwar liebliche Spiegelbilder in der Tieie zu ruhen scheinen, aber sprūtze nur ein wenig dariber, so siehst
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du, dass es nur die Oberiliche betrai, die Tiefe blickt dich in stummer Nacht an...“
In dieser schweren und dennoch žusserst tatigen Stimmung vergehen die beiden Semester d. J. 1862—63. Schliesslich kommt der reiflich iiberlegte Plan einer langen und weiten Reise zur Ver- wirklichung.
Die beiden Tėchterleinh Anna und Lina werden von ihrem Grossvater v. Cramer auf sein Gut Joala gebracht, wo sie in der liebevollen Hut ihrer Tante, die spater ihre zweite Mutter werden sollte, bleiben.
31. Die grosse Orientreise.
Im August 1863 beginnt die grosse Orientreise. Im Sep- tember ist Teichmiūller in Le Havre und Paris, besucht die Nor- mandie, geht dann nach Spanien, besucht Aegypten, wo er seine wahrscheinlich schon in Petersburg erworbenen žgyptologischen Kenntnisse durch lebendige Anschauung der Natur und der Denk- mžler des alten Pharaonenreiches bereichern konnte, bereist Palž- stina, das doch den Philosophen des Christentums besonders stark anziehen musste, fdhrt nach Griechenland, von dessen Besuch er seit seinen Jugendtagen tržumte und bleibt zuletzt einige Monate in Italien.
Ūber den dusseren Verlauf der Reise sind wir dank einem Briefe Teichmiillers an seinen Bruder Hans vom 23 April 1865 ndher unterrichtet: „Ich ging von Marseille nach Spanien Barce- lona, Saragossa, Madrid, Escorial, Toledo und blieb 3 Monate in Andalusien, das ich ganz durchreiste; fuhr auch von Gibraltar nach Marocco hiniber und ging dann durch das ganze Mittellin- dische Meer iiber Malta nach Alexandrien und blieb 6 Wochen in Aegypten in Cairo in der Wūste, zog dann nach Jaffa, ritt nach Jerusalem, Bethlehem, dann iber den Carmel nach Nazareth und den See Genezareth und iber St. Jean d'Acre an der syrischen Kiiste herunter. Dann iiber Rhodos, Chios, Samos nach Smyrna und iiber Constantinopel nach Griechenland und darauf noch 3 Monate durch ganz Italienh von Sizilien an, indem ich in Rom 1 Monat blieb. Dann kehrte ich nach einem Jahre heim“.
Wahrscheinlich auf dieser Riūckreise ist der an Marie von Wachholtz gerichtete Briet Teichmiillers aus Wien vom 16. Sep- tember 1864 geschrieben worden, in welchem er mit hochster Be- geisterung von seinen italienischen Eindriicken spricht: „Ueber
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Italien bin ich in Florenz noch anderer Meinung geworden und konnte mich iiberhaupt erst nach 2/5 Monaten von Italien loswin- den, nachdem ich dort mehr gelernt, als an allen anderen Orten, die ich bereist — Durch Italien wurde es mir erst recht mėoglich, alle die verschiedenen historischen und |Kunsteindricke zu verei- nigen und sie in geschichtliche Continuitūt zu setzen — Und ich sehe recht ein, dass ich ohne Italien nicht ein Zehntel von dem Nutzen gehabt hūtte, den mir nun die Reise getragen. ..“
32. Wieder in Gėttingen.
Von so reichhaltigen und bedeutenden Erlebnissen und Anschauungen in seinem Innern gehoben und geklūrt, ratft sich Teichmiller von dem ihn niederdriickenden Schmerze allmžhlich aut und kann mit neuen Kraften seine wissenschaitliche und p4- dagogische Tatigkeit aufnehmen.
Zunšžchst driūckt ihn schmerzlich an dem Orte, und in der Umgebung, die Zeugen seines kurzen Eheglickes gewesen, das Bewusstsein des schweren Verlusts — er glaubt aber sich den trau- rigen Gefūhlen nicht hingeben zu diirfen: „Erst war ich hier furcht- bar melancholisch — schreibt er aus Gėttingen d. 24. X. 1864 an seine Schwester — jetzt aber wo ich vor Arbeiten nicht aus und ein weiss und įede Secunde benutze, fūhle ich nur die Erguickung geistigen Lebens“.
Auch die religi6se Gesinnung des jungen Denkers hat sich im Schmelzofen des Schmerzes und durch die erhebenden Eindriūcke der Reise wesentlich vertieft und befestigt. ,„Behiūte auch dich — schreibt er in demselben Briefe — der wohltatige und gūtige Gott, der mich auch auf meiner langen Fahrt ūber Berg und Tal, ūber die Meere und in der Wūste barmherzig beschiitzt hat — — ich bin ūberhaupt in der Schatzung der Menschen viel gerechter ge- worden, so dass ich jetzt meine frihere Exclusivitdt nicht mehr billige und dagegen Gottes Geduld verstehe, der dieses Menschen- gewimmel mit allen seinen Irrungen, seinen abenteuerlichen Mei- nungen, seinen Sitten und Leidenschaften trigt und gewžhren lūsst. Es giebt wenige Menschen unter den Menschen und diese wenigen sind doch auch Menschen — — Gott fūhrt sie und uns alle zu seinem grossen Gottesreiche. Uns, die Geistlichen und die Lehrer hat er hier zu Fihrern bestellt und in diesem Berufe fiihle ich die Befriedigung meines Lebens“.
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Teichmūllers Lehrtatigekit im Wintersemester 1864—65 um- fasst Vorlesungen iber „die neuesten Systeme von Kant an“ (drei stūndig) und die Leitung einer Sozietžt ūber Aristotelische Po- litik (Brief an die Schwester v. 24. Otober 1864).
33. Die zweite Heirat.
In den Weihnachtsierien geht Teichmiller nach St. Peters- burg und Narva um seine Kinder zu sehen und sich mit der Schwe- ster seiner seligen Frau zu verloben. „„Diese — schreibt er an sei- nen Bruder Hans d. 23 April 1865 — heisst Lina und hat einen saniten edlen Charakter und hat bisher meine Kleinen als Mutter behitet. Sie ist jetzt schon 21 Jahre alt, wdhrend ich 32 bin“.
Fir das Sommersemester 1865 kūndigt Teichmiiller die Vor- Iesungen iiber die Geschichte der christlichen Philosophie an. Den 1 Apr. 1865 schreibt er seiner Braut, dass er mit Vorbereitungen zu diesen Vorlesungen beschaitigt sei und „jetzt immer in den bei- den ersten christlichen fahrhunderten Ilebe“. Die daran sich an- schliessenden Bemerkungen iiber Origenes, dessen Belesenheit in der griechischen Literatur mit Lob hervorgehoben wird, sind sehr elementūr und rufen den „Eindruck hervor, dass Teichmūiller in diesem Zeitraum noch ganz im Anfang seiner patristischen Stu- dien stand.
Im Oktober 1866 verheiratet sich Teichmiller mit seiner Schwžgerin Lina von Cramer. Auch an seiner zweiten Frau findet er die liebevolle Gefahrtin, die an seinem geistigen Schaffen ver- standnisvollen Anteil nimmt und ihren Stolz daran setzt dem be- wunderten Gemahl so das Leben zu gestalten, dass er sich seinen grossen Aufgaben ganz widmen kann.
Von den zahlreichen Stellen in den Briefen, in welchen unser Held von seiner zweiten Frau spricht, fūhren wir hier nur eine an: „Meine Frau — schreibt Teichmiller an seinen Bruder Hans d. 22. II. 1873 — ist still und sanit, liebt keine laute Gesellschaft, sondern fūhlt sich bei ihren Kindern und hėochstens mit ein paar Freunden am wohlsten.. + Sie sucht nicht... ihr Lebensglick in Zerstreuung, grosser Gesellschaft, Eitelkeit und Pracht und Essen und Trinken, sondern in dem von Wenigen gekannten Glick, der Ertūllung ihrer Iržuslichen Pilichten, in der Liebe ihrer Kinder und ihres Mannes und darin, so viel als mėglich von Gott und der Na+ tur zu lernen und sich selbst mūglichst zu bessern und immer ein-
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facher, wahrer und mit Wenigem zufrieden zu werden. Unsere gemeinsame Bemūhung ist, das Glūck nicht draussen zu suchen und nicht darin, sich in eitler Weise selbst zu vergėttern, sondern grade die wenigen wahren Grundlagen alles Glickes in der rich- tigen Erkenntnis und richtigen Handlungen und der Arbeit Zu suchen“.
Aus den Jahren 1864 und 1865 stammen zwei Rezensionen, die uns soweit interessieren, als sie ein gewisses Licht auf Teich- mūllers eigene Ansichten in diesem Zeitabschnitt werfen.
34. Rezension des Buches von Piderit: ,„Gehirn und Geist“.
Die erste in den Gėtt. gel. Anz. 1864 St. 49 abgedruckte Re- zension handelt von Th. Piderits Buch „Gehirn und Geist. Entwurf einer physiologischen Psychologie fūr denkende Leser aller Stūnde Leipzig 1863“. Der Rezensent geht recht ausfiūhrlich auf den Inhalt der Schrift ein, wobei seine Vertrautheit mit der Physiologie des Nervensystems iberall hervortritt, zeigt die 'Wun- derlichkeit der sich in inneren Widerspriichen auflėsenden Auffas- sung, die darauf hinauslūuft, die ganze Geistestūtigkeit als Funk- tion eines Organes — des Gehirns zu bezeichnen. Mit dem phy- siologischen Materialismus verbindet Piderit die sensualistische Erkenntnislehre. Ihrem Grundprinzip „nihil est in intellectu guod non ante fuerit in sensu“ stellt Teichmūller die witzige Hinzu- fūgung Leibnizens gegenūber: „nisi intellectus ipse“ „„Auch wiūrde— schreibt er weiter — die wiederholte Lektūre von Kants Kritik der reinen Vernuntt zur Orientierung ūber die Erkenntnistheorie zu empfehlen sein“ (S. 1959). Da mit der Zeit Teichmūller Kant gegeniber eine immer scharfer ablehnende Stellung einnimmt, so ist diese Anerkennung seiner Bedeutung bemerkenswert. Schliess- lich fūhrt Teichmiiller aus, dass die Einheit des Selbstbewusstseins und der Personlichkeit nur unter der Voraussetzung mėglich sei, „dass das denkende Subject, dass sich immer als identisch weiss und im Urteil das Viele zusammenfasst, selbst Substanz sei“. (S. 1960).
35. Hannes Protest gegen den religiosen Materialismus.
Die zweite Rezension beschaftigt sich mit der Schrift des alten Haustreundes der Familie Teichmūller, J. W. Hanne, der
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auf den Knaben Gustav, wie wir wissen, einen, sehr bedeutenden Einiluss ausgeūbt hat. (J. W. Hanne „Bekenntnisse oder drei Bii- cher vom Glauben“). Teichmūller schliesst sich Hanne in seinem Proteste gegen den „industriellen Materialismus“ unserer Zeit an, der dem religiosen Glaubensinhalt „eine so sinnliche und materielle Ausprėgung und Farbung“ gibt, „wie dies am Auffallendsten in der neulutherischen Theorie von den Sakramenten zu Tage tritt“: im hl. Abendmahle z. B. kėnne man nach dieser Autfassung ,„Chri- stum mit dem žusseren Munde“ essen und Ihn „stofflich assimilie- ren“, und in der Tautfe kėnne das Wasser den „Keim des inwendi- gen Menschen unabhūngig vom Selbstbewusstsein und Glauben des Tūuflings žusserlich und objektiv beiruchten“ (Allgem. kirchl. Zeitschr. hersgb. v. D. Schenkel. Elberteld 1865. II. Heft, S. 143). Schliesst sich Teichmiiller Hanne in seiner scharfen Ablehnung der sensualistischen Auffassung des religiosen Glaubensinhaltes ohne weiteres an, so wirft er ihm vor, dass er die Grundsūtze verschiedenster zum Teil entgegengesetzter Systeme wie Leibni- zische Monaden und Hegels Dialektik in seine Weltanschauung aufgenommen habe, ohne sie wissenschaftlich versėhnen zu kūnnen. Wer wie Hanne „das Allgemeine als Substanz fasst“, „dart kaum Leibnitzisch den ,Leib als Produkt einer Verbindung von imma- teriellen Substanzen“ fassen, „unter denen die Seele das Prinzipat fūhrt“ (S. 144). Wunderlich erscheint weiter Teichmūller die deutliche Spuren der Schellingschen Un- oder Urgrundslehre tra- gende „dualistische Behauptung von einem „Prinzip der Nega- tivitat“, „von einer geistlosen, nachtigen, ungėttlichen Un- terlage“ der Welt — neben Gott und im Gegensatz zu Gott. „So gabe es zwei Prinzipien des Universums, das Gėttliche und das Ungėttliche: Gott ware also Glied eines Gegensatzes und setzte deshalb ein Hoheres iiber sich als Einheit voraus“. Diese Konseguenz ebenso wie die Annahme des mit allen mėglichen Kraften begabten Nich,ts erscheint Teichmūller bedenklich und widerspruchsvoll, und dies Bedenken wendet sich nicht nur gegen Hanne und sein wahrscheinlichstes Vorbild Schelling, sondern auch gegen die Platonische Lehre vom Nichts, welches der gottliche Denker als Mutter bezeichnet, die aus dem befruchtenden Lichtsamen der gėttlichen Idee alles Werdende gebiert.
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36. Kant gegen Taine und Condillac
Der Frihling 1866 brachte eine ausfihrliche Besprechung des Buches von H. Taine „Les philosophes francgais du XIX, siėcle“ (Gėtting. gel. Anzcigen. 14. III. 1866. S. 401—28). Der grosse franzosische Gelehrte sucht den klassischen Sensualismus, der von Condillac und seiner Schule ausgebildet worden war, mit den Errungenschaften der deutschen idealistischen Philosophie zu be- reichern. Ihr Gebžude gilt ihm allerdings als zusammengebrochen, „aber — fihrt er aus — auch die Triimmer desselben ibertreffen noch alle menschlichen Konstruktionen durch ihre Pracht und Grėosse, und der halb zerbrochene Plan bezeichnet doch das Ziel, das die zukūnitige Wissenschaft erreichen muss““. Teichmūller sucht nun nachzuweisen, dass auch im Bewusstsein des berūihmten Veriasser der „(Geschichte der englischen Literatur““ die Errun- genschaiten der deutschen Philosophie vėllig zusammengebrochen sind. „In der Tat ist in Taine's Hypothesen auch nur ein schwa- cher Schatten der Hegelschen Autffassung; ihr Geist ist mit der Philosophie des Geistes entwichen“. (S. 427—28) Dieser Scha- tten, der Taine wider seinen Willen begleite, passe mit der Ver- herrlichung der Condillacschen Erkenntnislehre keineswegs zZu- sammen und der innere Kampf, den beide Auffassungen in seinem Geiste ausfechten, ende mit einer vollstūndigen Niederlage des absoluten Idealismus. ,„Von der spekulativen Idee Hegels“ habe der Veriasser, der ganz auf dem Boden des Sensualismus, des Empirismus und der Abstraktion bleit, „,keine Ahnung“ (S. 403).
Fiir Teichmiūllers eigene Einstellung ist bezeichnend der Vor- wurt, Taine sehe nicht ein, dass Hegel ohne Kant nicht zu ver- stehen ist, und dass „das Problem des subjektiven Idealismus sich nicht ignorieren lasse, wenn man in unserem Jahrhundert phi- losophiren will“. (S. 428). In sensualistischen Vorurteilen tief befangen vergesse Taine, dass — wie dies Locke und Kant dar- getan haben — Substanz und Gualitat und ūberhaupt alle Ver- nunftbegriffe „sinnlich nicht mit wahrgenommen, also auch nicht abstrahirt werden kėnnen“ (S. 414 — 15). Ueberhaupt sei sein plaidoyer fūr die Analyse des achtzehnten Jahrhunderts durchaus nicht ūberzeugend; „denn man vermisst iiberall die Resultate der Kant'schen Kritik“ Man sieht aus diesen Ausserungen, dass die schroffe Ablehnung der Kantschen Philosophie, die wir in Teich- mūllers systematischen Meisterwerken finden, sich nur allmžhlich
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— im Zusammenhang mit seinen begritisgeschichtlichen Studien — ausgebildet hat und an die Stelle der positiven Bewertung der- selben getreten ist.
Bezeichnend fir Teichmūller ist weiter der Hinweis auf Her- bart, den Taine hatte berūcksichtigen miūssen: ,„Auch von den vor- hegelschen Standpunkten schon ware z. B. der Herbartsche ge- nūgend gewesen, um seine sensualistische Richtung teils weiter zu bilden, teils zu brechen“ (S. 428). Es sei ūberhaupt zu bedauern, dass der geistreiche Franzose seine Studien in der deutschen Phi- losophie allein aut Hegel beschrūnkt habe. „'Wenn er die nach- hegelschen grėsseren systematischen Arbeiten, wie die von Tren- delenburg, Lotze, Ritter, Reitf, Ulrici u. A. hatte studieren wol- len, so wūrde er vielleicht der zukinftigen Entwickelung der Phi- losophie auch in Frankreich ein anderes Prognostikon gestellt ha- ben“ (S. 428). Offenbar will unser Denker mit diesen Namen die Richtung oder genauer die Richtungen angeben, von denen er die kūnftige fruchtbare Entwicklung der deutschen Philosophie er- wartet.
Auf Trendelenburg weist noch eine andere Stelle hin, wo T. Taine, der den Raum aus dem endlichen ausgedehnten Dinge durch Abstraktion absondern will, vorwirft, er sehe nicht, „gdass die freie konstructive Bewegung ihm seinen Raum zeichnet und dass die Ausdehnung — — nicht zu den primžren Merkmalen des Din- ges gehėre, wovon sie abstrahirt werden kėnnte“ (S. 416). In sei- ner Metaphysik (1882) versichert Teichmiiller, er sei nie der Anhūnger der Trendelenburgschen Bewegungslehre gewesen. Tauschte ihn aber hier nicht das Gedžchtnis, denn die angefihrte Stelle klingt doch wie eine Zustimmung zu der Grundlehre seinės Meisters, wenigstens zu ihren Hauptzigen. Von der Rezension der Taine'schen Schrift, die sich u. A. mit dem franzėsischen Spiritu- alismus der XIX Jahrhunderts beschūftigt, dūrften wir Aufchluss dariber erwarten, wie weit, wenn iiberhaupt, die Vertreter dieser Richtung Teichmiillers Ideen beeinilusst haben. Leider beschržnkt sich Teichmūller auf eine kurze Inhaltsgabe des entsprechenden Kapitels in Taine's Arbeit, ohne zu seinen Ausfūhrungen selbst Stelluig zu nehmen. Durch die geistreiche Darstellung der Wil- lens- oder Entschlusslehre, die Maine de Biran seiner der Leibniz- schen Monadologie verwandten, Metaphysik zu Grunde legt, muss Taine Teichmillers Aufmerksamkeit auf den franzėsischen Spiri-
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tualismus des XIX Jahrhunderts gelenkt haben. Eine tiefere Bee- infilussung seitens seiner Vertreter ist aber kaum anzunehmen, da inhre Namen in den spateren Schriften unseres Denkers, der ja den historischen Zušammenhūngen seiner Doktrin ūberall nachzugehen bestrebt war, nicht vorkommen.
37. „Beitrūge zur Erklūrung der Poetik des Aristoteles“.
Im Jahre 1867 erscheinen bei Barthel in Halle Teichmiillers „Beitrūge zur Erklūrung der Poetik des Aristoteles“ auch als erster Band der „Aristotelischen Forschungen“ betitelt. Eine Selbstanzeige dieser Arbeit lieferte uns Teichmiiller in den „Gott. gelehrten Anzeigen“ 1866. S. 1935 ff. In seinen ersten Aristoteles gewidmeten kleinen Abhandlungen untersuchte Teichmiiller die Begriffe der Staatsvertassung und der Eudžmonie, als die wich- tigsten Anwendungen der Aristotelischen Lehre iber Detinitionen im Gebiete der Kontingenz. Nun will er die weitere Anwendung dieser Theorie, nžmlich den Begriff der Tragodie behandeln. Be- vor aber die Umrisse und der Sinn der Aristotelischen Philosophie der Kunst, in deren Gebiet der Begriff der Tragodie gehėrt, fest- gestellt werden, halt es unser Verfasser fūr notwendig, kritisch- exegetisch aut den Text der Aristotelischen Poetik einzugehen: er nennt seine Beitrūge „nichts anderes als Vorbereitungen fūr die systematische Untersuchung der wichtigeren Fragen“. Diese durch eine seltene Akribie ausgezeichneten Vorbereitungen zerfallen in eine Reihe einzelner Bemerkungen, die aber durch die Einheit der Grundanschauung zu einem Ganzen verbunden werden. Als Textkritiker schliesst sich Teichmiūller der konservativen Richtung an, die behauptet, dass die meisten Schwierigkeiten sich durch vor- sichtige aber eindringliche Auslegung des ūberlieferten Textes beseitigen lassen, wžhrend eine auch noch so feine Konjektur ge- wėohnlich nur ein Mittel darstellt, den Schwierigkeiten, die gerade tiefer in den Aristotelischen Gedanken hineintreiben, aus dem We- ge zu gehen.
In recht engem Zusammenhang mit dem ersten Band der „Aristotelischen Forschungen“ steht die kleine in den „Verhand- lungen deutscher Philologen und Schulmūnner in Halle“ 1867 (S. 48 ft) erschienene Abhandlung „Ueber die Ditferenz von Trago- die und Epos bei Aristoteles“.
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38. Teichmiillers weise Selbstbeschrankung. Wer viel einst zu verkūnden hat
Schweigt viel in sich hinein,
wer einst den Blitz zu ziinden hat,
muss lange Wolke sein...
Diese Worte Nietzsches passen vollkommen auf Teichmūl- ler. Im Gegensatz zu den letzten Lebensjahren des grossen Den- kers zeichnet sich der Gėttinger und der darauf folgende Baseler Zeitraum durch autiallend geringe literarische Produktivitūt aus.
Man kann nicht hoch genug die weise Selbstbeschržnkung schūtzen, die Teichmiiller sich auferlegt. Ein Mann, der in der fro- hen Gewissheit lebt, eine neue Weltauffassung geschaffen zu ha- ben, tritt vor der Leserwelt als selbstūndiger Denker nicht auf; nur in Vorlesungen erlaubt er sich seine spekulativen Ansichten darzu- stellen: noch lange Jahre wird er das Aristotelische Land bearbei- ten, den kleinsten Verzweigungen seines Gedankens folgen; dann wird er sich dem Lehrer des Aristoteles zuwenden und die Wurzel aller aristotelischen Ansichten bei dem gėttlichen Denker nachweisen; vom Platonischen Reiche aus zahlreiche Forschungs- reisen sowohl nach dem Vorplatonischen Griechenland und sogar nach Agypten als auch nach dem neuzeitlichen philosophischen Europa unternehmen, und erst nachdem ihm das antike wie das moderne Denken in seinen letzten Wurzeln durchsichtig geworden sein wird, wird er eine erschopfende Auseinandersetzung mit den Grundlehren der wichtigsten antiken und neuzeitlichen Systeme unternehmen und auf dem von allem Steinschutt gereinigten Platze die Fundamente fūr das eigene stolze und machtige Gebžude legen.
39. Berufung nach Basel (1869). „Aristoteles Philosophie der Kunst“.
Dies alles wird erst nach vielen Jahren erfolgen. Der nžchste Schritt, auf dem langen Wege der zu dieser Hė6he fūhren soll, wird die Darstellung der Aristotelischen Philosophie der Kunst im zweiten Bande der „Aristotelischen Forschungen“ sein, der 1869 im Druck erscheinen wird.
Die „Beitrūge zur Erklūrung der Poetik des Aristoteles“ be- grūnden in wissenschaftlichen Kreisen Teichmūllers Ruf, als eines tūchtigen und scharfsinnigen Aristoteles-Exegeten: 1867 wird er zum Extraordinarius an der Gėttinger Universitūt ernannt, aber
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schon im Frūhling des nachsten Jahres vertauscht er diese Stel- lung mit der Ordinatur in Basel.
Ūber die Umstūnde seiner Berufung und des nach drei Jahren erfolgten Abgangs von Basel sind wir durch die von uns mehi- mals erwžhnte Schrift von Dr Schabad unterrichtet, der die im Basler Staatsarchiv aufbewahrten Amtsurkunden, die aut Teich- mūllers Berufung und Entlassung Bezug haben, durchforscht hat.
Wie Schabad vermutett wurde Teichmūller auf Empfehlung seines ehemaligen Berliner Studienireundes Wilhelm Dilthey, der sein Vorgūnger aut dem zweiten ordentlichen philosophischen Lehrstuhl an der Baseler Universitat gewesen, berufen. In einem an das Baseler Erziehungs-Kollegium gerichteten Schreiben vom 18. Mai 1868 empiiehlt die Universitūtskuratel Teichmiūllers Be- rufung und Beforderung zum Ordinarius „nach vielseitigen und zuverlūssigen Erkundigungen“: der Vorgeschlagene habe sich „einen vorteilhaften Namen“ durch seine Aristotelischen Studien, „die von den bedeutendsten der jetzigen Philosophen Deutschlands etc ausgezeichnet sind“ erworben. ,,Nicht minder ginstig laute das Urteil iiber seine Fahigkeit, als akademischer Lehrer anregend zu wirken“ Entsprechend den der zweiten philosophischen Pro- fessur gestellten Aufgaben sollte der Vorgeschlagene Logik und Psychologie sowie Pždagogik vortragen. Die Lehrverpilichtung umiasste 10 bis 12 Stunden wėchentlich bei einer Besoldung von 3000 Frank im Jahr. Bereits Anfang Juni wurde dem neuen Ordi- narius die Bestallungsurkunde nach Gėttingen zugestellt und im Beginn des Wintersemesters 1868—69 trat Teichmūller sein neues Amt an.
Als die nūchste und wichtigste Aufgabe seines Unterrichts betrachtete Teichmiiller die Einfūhrung seiner Horer in das Stu- dium der Aristotelischen Schriften, vornehmlich seiner „Metaphy- sik“ und zwar nicht allein durch die Vorlesungen, sondern auch durch die damals noch sehr wenig verbreiteten praktischen Ūbun- gen, die wir heute Seminarūbungen zu nennen gewohnt sind. „Es schien mir immer — lesen wir in seinem an den Prasidenten des Baseler Erziehungskollegiums Prof. Wilhelm Fischer gerich-
1 Diese Vermutung macht der von Frau Prof. Clara Misch, geb. Dil- they, veroffentlichte Brief ihres Vaters vom 7. VII. 1868 an seinen Bru- der Karl zur Sicherheit (Der junge Dilthey. 1933).
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teten Dankschreiben fūr seine Berufung — einer der grėssten Mangel unserer Universitatslehrweise, dass die Vorlesungen keine Rūcksicht auf die individuellė Aneignung nehmen kėnnen. Ich habe deshalb schon hier in Gėttingen eine personliche Gemein- schaft mit den Studierenden in den sogenannten Sozietten ge-- sucht, deren Teilnehmer ich in Aristoteles Werke einfihrte und aut deren weitere wissenschaitliche Entwicklung mir dadurch auch spater Einiluss zu behalten gelang. Ich werde daher auch in Ba- sel als Erganzung meiner Privatkollegien solche Sozietūten an- kiindigen“. ?
Als akademischer Lehrer folgt also Teichmiūller derselben Unterrichtsmethode, deren Vorzige er bereits selbst in Berlin ais Trendelenburgs Schiūler zu schūtzen gelernt und die er dann auch in Gėttingen erfolgreich angewandt hat. Auch sein litterarisches Schaffen bewegt sich zundchst in den Bahnen, die er zuerst unter der Leitung des vielbewunderten Lehrers betreten hatte. Bald nach dem Beginn der Vorlesungen in Basel erscheint der zweite Band der Aristotelischen Forschungen — die Vorrede ist im November 1868 geschrieben — deren grūosster Teil wohl noch in Gėttiingen ausgearbeitet sein dūrite. Der Verfasser betont mit Dank, dass er „dem von Trendelenburg gezeigten Wege folge“ (S. VII) und sei- ne Untersuchungen, die „die Umrisse und den Sinn einer Aristote- lischen Philosophie der Kunst wiederzufinden“ bestrebt sind, von zwei Seiten in Angriff nehme: philosophisch sei seine Aufgabe, sofern es sich „wesentlich um Bestimmung philosophischer Prin- zipien und um spekulative Deduktionen handle, philologisch aber, weil die Gedanken des Stagyriten nur wiedererkannt ver- den sollen“ (S. VII) „Erst nach einer vėlligen Versenkung in den Gegenstand kann man mit mehr Freiheit und Uebersicht ihm ge- geniiber treten“ (S. VIII) besonders in solchen Fallen, wo, wie in der Aristotelischen Kunstphilosophie, das Ganze einer Statue gleiche, die in Bruchstūcke zersprungen ist und nun in ihrer 1e- bendigen Form wieder vor die Anschauung richtig gefiihrt werden will. Diese Arbeit habe' der Verfasser unternommen, „nicht wie ein rasonnierender Kiinstler“, der nach allen Seiten also auch nach den modernen dsthetischen Theorien, die Verbindungslinien zu ziehen und Vergleiche aufzustellen bemiūht ist, sondern, wie ein Bildhauer, dem es vor Allem daran liegt, das alte zerschlagene Kunstwerk in allen seinen Einzelheiten wiederzuerkennen und
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nicht es zu beurteilen. Nur die allgemeinen Fragen der Kunstphi- losophie sollen in dem vorliegenden Bande behandelt, die Theo- rie der einzelnen Kiūnste und vor Allem der Dichtkunst muss aus buchhžndlerischen Ricksichten einem dritten Bande der „Aristo- telischen Forschungen““ vorbehalten bleiben. (Wie wir sehen wei- den, wird sich der dritte Band nicht mit der Theorie der einzelnen Kiinste, sondern mit den Begriffen der Parusie, der Entelechie und des ewigen Lebens im antiken Idealismus und in der Patristik beschditigen). Fir die allgemeine Weltanschauung sind die in die- sem eigentlich Ende d. J. 1868 erschienenen Bande dargelegten Untersuchungen insofern von hohem Werte, als sie Aristoteles Philosophie der Kunst im Rahmen seiner gesamten Welt- und Le- bensaufiasung behandeln und auf diese Weise ihre Grundsatze scharfsinnig durchforschen.
40. Rezension des dritten Bandes der „Historischen Beitrūge“ von Trendelenburg.
Ende des nžchsten Jahres erscheint eine ausfūhrliche Bespre- chung des vor zwei Jahren erschienenen dritten Bandes der „Histo- rischen Beitrige zur Philosophie“ von Trendelenburg. Sie ist zum grėssten Teile der Hervorhebung der grossen Verdienste des Mei- sters um die Philosophie und ihre Geschichte gewidmet: Trende- lenburgs geschichtliche und kritische Versuche tordern „nicht bloss historische Auffassung, sonder auch Besinnung ūber bleibende Autgaben der Philosophie“ (Gėtting. gel. Anzeigen. 24. November 1869. S. 1841); bei aller Mannigialtigkeit ihres Inhalts tūhle man ūberall „die Untersuchung getragen von dem tiefsinnigen Grund- gedanken einer organischen Weltauffassung in der specitischen Trendelenburgschen Ausbildung“; und kaum kėnnte man die Ge- schichte fruchtbarer vortragen, als dies der Verfasser der Beitrūge tue — zuerst setze er „in der unbefangensten Art, als wūre es sein einziger Zweck, die eigentūmliche Auffassungsweise“ der von ihm behandelten grossen Denker selbst „in das hellste Licht“. Wird man dann aber „iūber die Beurteilung und die Wertschūtzung unsi- cher, so lasst er den gegebenen Standpunkt des Autors durch hi- storische Vergleiche mit frūheren Bestrebungen und spateren Entwickelungen gleichsam von selbst sich einordnen und seinen Wert und seine Mangel offenbar werden. In diesen Vergleichun- gen weiss er dann zugleich die still bewegenden Aufgaben der
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Forschung selber so zu betonen, dass die Einheit notwendiger Grundgedanken sich als bleibender Gewinn der Untersuchung be- festigt“. (S. 1842).
Nach diesen einleitenden Bemerkungen bespricht Teichmiiller der Reihe nach die einzėlnen Beitrige. Wir heben hier nur ein- zelne Ziūge hervor, die ein gewisses Licht auf Teichmiillers eige- ne Ansichten zu werfen imstande sind.
Die Abhandlungen iber Leibniz geben Teichmiiller Anlass die hohe Bedeutung der Lehre von der Definition hervorzuheben: „die scharfe und tiefe Definition, einfach in der Uebersicht und reich in den Folgen ist immer ein Meisterstiick und so erscheint sie als der kraftige Zug in Leibnizens griūndlichem und klarem Geiste“ (S. 1844).
Die zweite Herbart gewidmete Abhandlung untersucht die metaphysischen Hauptpunkte in Herbarts Psychologie. Ihr Er- gebnis formuliert Teichmiiller dahin, „dass der Begriff der Seele bei Herbart nicht bloss der Erfahrung allenthalben widerspricht, sondern auch an sich hochst unglaublich ist, da die Strebungen nach Nahrung, Genuss, Erkenntniss u. s. w. sich nicht aus blosser Negation einer an sich in Autarkie befindlichen Seele gegen St6- rungen erklūren lassen. Trendelenburg sieht darin vielmehr eine Selbstverwirklichung und Selbsterweiterung, ein Tun aus eigener Anlage, und verfolgt den Herbartischen Begriff der Selbsterhal- tung bis dahin, wo sie gegen den Sinn umsetzt, indem die Selb- sterhaltungen als die inneren Zustūnde der Seele gefasst sich um eine empiundene oder vorausgesetzte Einheit des Zweckes drehen und dadurch die ursprūnglich von ihm angenommene Bestimmung- slosigkeit des Seienden verlžugnen“. (S. 1845).
In der folgenden Untersuchung stellt Trendelenburg Herbarts praktische Philosophie mit der Ethik der Alten zusammen. „Der Herbartischen schartsinnigen Einseitigkeit gegeniiber —sagt Teich- mūller (S. 1845) — stellt er (Trendelenburg) die tiefere und umfassendere Ethik des Aristoteles, der zwar nicht in Fichtescher Weise nach der zweifelhaften Voraussetzung eines entdeckten Weltplanes konstruiere, aber doch eine sichere immanente Teleolo- gie voraussetze und iiberhaupt den notwendigen Zusammenhang von Psychologie und Metaphysik mit der Ethik bewahre. Trende- lenburg giebt in klaren Ziūgen an, wie die Aristotelische Ethik so- wohl das Kantische Allgemeine, als Schleiermachers Individuelles,
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und auch die von triūheren [Kritikern vermisste Gesinnung und selbst Herbart's Harmonisches wenigstens in entwicklungsfahigem Keime enthalte“ (S. 1845—46).
Ganz aut Trendelenburgs Seite stellt sich Teichmiller, wo sein Lehrer den Widerstreit zwischen Aristoteles und Kant in der Ethik zu Gunsten des Ersteren entscheidet. Die Kantische Forde- rung der Allgemeinheit schliesse ein materiales ethisches Prinzip nicht aus. Verbietet der Konigsberger Denker die empirischen aus der eigentimlichen Natur des Menschen zu entlehnenden Zwecke, so habe er nur die letzten Gestalten der modernen vom Geiste der „Autklūrung“ durchdrungenen Philosophie vor Augen, ,„wžhrend ihm die Autfassungen des Altertums in ihrer schopferischen Ein- fachheit und Grėsse nur aus abgeleiteten Notizen zur Kunde ge- kommen waren“ (S. 1846—47). Die Aristotelische Ethik, die ihr Prinzip in dem wahren von zufalligen Bestimmungen unabhūngi- gen Wesen des Menschen sucht, gehe „ungehindert durch die Kantische Klemme zwischen empirischem und reinem Willen hin- durch“. Ebenso kiūnstlich sei der scharfe Gegensatz zwischen der Pilicht und der Lust, deren Anteil an der Handlung Kant als ein Zeichen der unreinen auf selbstische Glūckseligkeit gerichteten Gesinnung erklūrt. Die Pilicht sei ihm nur im Kampie gegen die Neigung mėglich. Aristoteles betrachte dagegen tiefsinnig die Lust „als notwendiges Ingrediens der sittlichen Handlung“ — in der Lust am Guten liege ihm gerade die Tugendgesinnung, wah- rend „das Kantische verdriessliche und mirrische Ausūiben des Guten aus Pilicht eben den noch nicht errungenen Sieg des Guten im Menschen verrate, es lasse durch den Widerstand einen Teil unserer Kraft gelūhmt und tir das Gute unbenutzt zurūck“ (S. 1847).
41. Kants und Lotzes Raum- und Zeitlehre.
Die folgende Abhandlung ist dem eigenen Verhžltnis Trende- lenburgs zu Kant gewidmet. Trendelenburg glaubt namlich eine Liūcke in 'Kants Beweis von der ausschliessenden Subjektivitat des Raumes und der Zeit nachgewiesen zu haben. Dariiber brach sein berihmter Streit mit Kuno Fischer aus. Teichmiller stellt sich in der historischen Frage der richtigen Kantauslegung aut die Seite Trendelenburgs, was aber die metaphysische Frage betritft, so sollte seiner Meinung nach, Trendelenburg „billig
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Kant bei Seite lassen und die viel bedeutendere Entwicklung, welche die Begriffe (des Raumes und der Zeit) bei Lotze ge- wonnen haben, ins Auge fassen“ (S. 1849). Trendelenburg wollte namlich nachweisen, dass bei der Annahme der ausschliesslichen Subjektivitt von Raum und Zeit nur die innere Moėglichkeit der reinen Mathematik erklart, die angewandte Mathematik dagegen unmėglich werde. Raum und Zeit seien deshalb sowohl subjektiv als objektiv, und diese doppelte sowohl subjektive als objektive Bedeutung glaubt Trendelenburg durch die sowohl den Dingen wie dem Geiste gemeinsame urspriūngliche Tatigkeit der Bewe- gung erklūren zu kėnnen. Sollte sich Teichmūller spater nicht ge- tauscht haben, als er in seiner Mt. versicherte, dass er nie An- haūnger der Trendelenburgschen Bewegungslehre gewesen ist — so ist eins klar, dass er diesen seinen Gegensatz zum bewunderten Lehrer in seiner Rezension nicht zum Ausdruck bringt: er be- schrūnkt sich darauf, Trendelenburg darin beizustimmen, dass Kant uns den Nachweis der ausschliesslichen Subjektivitūt des Raumes und der Zeit schuldig geblieben sei und also die weitere Entwicklung dieser Lehre in der von Trendelenburg gewžhlten Richtung offen gelassen habe. Sehr interessant ist der in seinem Referat hervortretende Wunsch, Trendelenburg auf Lotze aut- merksam zu machen und ihn zu einer Auseinandersetzung mit sei- nem verehrten Gėttinger Gėnner und Freunde zu bewegen. Der an die uns beschžftigende Rezension sich anschliessende Brietwech- sel zwischen dem Lehrer und dem ehemaligen Schiler bringt die- sen Wunsch noch deutlicher zum Ausdruck. In dem Briefe aus Miin- chen vom 3. Dezember 1869 kiūndigt Teichmiiller seine Rezension des dritten Bandes der Beitrūge an und verweist Trendelenburg aut Lotzes Darstellung der Idealitat des Raumes als auf einen sehr bedeutenden Schritt iber Kants Lehre hinaus. In der zwei- ten Auflage der „Logischen Untersuchungen“ — erwidert daraut Trendelenburg — konnte er diese Darstellung nicht bericksichti- gen, da der sie enthaltende dritte Teil des Mikrokosmus erst 1864 erschien, „„aber mir tritt jetzt durch Sie die Frage nahe, ob ich in diese Auffassung fūr die 3 t. Aufl. eingehen soll. Schon schickte ich das Ms. des 1 t. Teils fir den Druck ab, in welchem ich sie ūberging. Heute las ich auf Ihre Veranlassung die betreffende Ste- Ile von Neuem, um mir deutlich zu machen, was ich etwa nach- trūglich noch einzufūgen habe. Aber es ist mir gegangen, wie vor
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5 Jahren, da ich den Band genau las. Ich verstehe nicht alles und kann Lotze's Ansicht iber den Raum nicht so reproduzieren, um sie sicher beurteilen zu kėnnen. Wie gewinnt z. B. Lotze die 3 Dimensionen? Ich sehe es nicht. Dazu kommt, dass es mir ein innerer Widerspruch des Werkes zu sein scheint, wenn Lotze im ersten Band und in seinen frūheren Schriften die mechanischen Gesetze, also die Realitat von Raum und Zeit, voraussetzt — u. im 3-ten z. B. S. 499 die Idealitat so drangt, dass er schreibt: „Uns kann nicht mehr die ržumliche Bewegung als eine Leistung erscheinen, durch welche eine Entfernung als wžūre sie eine Wirk- lichkeit, iberwunden wird“; u. s. w. Weisse hat, meine ich, in sei- ner Rezension die Kluft, die zwischen dem 1 t. und 3 t. Teil liegt, klar und scharf nachgewiesen, was nicht immer seine Sache war (in d. Ztsch. f. Ph. u. philos. Kritik) Sie haben mich irre gemacht, indem Sie mich aut Lotze als den verwiesen, der ĮKant ūbertro- ffen habe. Es lige mir sehr daran, dass Sie mir das deutlich mach- ten; denn wenn Lotze's Darstellung dies leistet, so darf ich nicht ūber sie schweigen, aber ich rede nicht gern, wo ich nicht die Be- griffe ganz durchdringe. Es wūrde mir nicht schwer werden, auch bei Lotze, wie ich es bei Herbart tat, das Prius der konstruktiven Bewegung nachzuweisen; aber das wūrde mir nicht genug sein. Ich bitte Sie hierin um Ihren Rat. Ich stelle Lotze zu hoch, um eine Differenz da zur Sprache zu bringen, wo er selbst noch ge- nauere Ausfūhrungen scheint zuriickgehalten zu haben (S. 487).
Trendelenburgs Brief war aus Berlin, 11. Dezember 1869 da- tiert. Fūnt Tage spater antwortet Teichmiūller aus Basel: ,,Was die Berūcksichtigung Lotzes im 2. t. Teil Ihrer Log. Unt. betrifft, so lasst sich dariūber hin und wieder reden. Ich glaube, es wird Ihnen keine geringe Mūhe machen, seine Theorie vom Raum zu beurteilen, da Sie doch von selbst zur Kritik seiner ganzen Meta- physik und Erkenntnislehre weitergetrieben werden miissten. Nach der anderen Seite aber bin ich ūberzeugt, dass Ihr Buch durch ein Cap. ūber Lotze einen bedeutenden Zuwachs an Interesse gewi- nnen wūrde; denn die Anhžnger und Freunde Lotze's, die sich schwer in Ihren Standpunkt hineinfinden, sind sehr zahlreich, und wūrden durch eine Kritik ihres Meisters zum wenigsten auf Ihre Gedanken aufmerksam werden; denn Sie werden es sich nicht verhehlen, dass Lotze in seiner namentėtenden Manier Ihren Standpunkt vollkommen ignoriert und darin alle seine Zuhėrer zu
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Gleichem ermutigt. Nur ist nicht meine Absicht, Lotze und Sie, die ich beide zu meinen Freunden zu rechnen das hohe Glūck habe, etwa zu entzweien; sondern ich wollte Ihnen nur die vollbe- grindete Ūberzeugung aussprechen, dass Ihre und Lotzes Lebens- ansicht so vollkommen unvermittelt und unverglichen sind, dass jedesmal die Anhūnger jedes von Beiden nichts von dem Andern wissen wollen, und dass es darum fiir įeden Philosophierenden von hochstem Interesse sein wūrde, wenn die beiden įetzt das hėochste Ansehn geniessenden Denker ihren Standpunkt vergleichen woll- ten. — Eine hinreichende Erklėrung wie ich Lotze verstehe, wiir- de wohl das Mass briefllicher Mitteilung iiberschreiten; doch glaube ich, wiirde auch das nicht krnkend und doch interessant sein, wenn Sie seinen Weg bis zu dem Punkte verfolgten, wo er, dass er was in petto behielt, zu verstehen giebt. Lotze arbeitet seit lange an einer Ūbersetzung der mathematischen Gesetze in die Sprache eintacher logischer und ethischer Grundsžtze. Den Widerspruch zwischen dem ersten und dritten Bande hat Lotze wohl selbst schon erkannt; wenigstens sprach er von einer Not- wendigkeit grosser Umarbeitungen speziell nur im ersten Bande; ich habe aber nicht verglichen, wie er sie ausgetiūhrt hat. Wenn Sie nachweisen, dass Lotze die Durchfihrung seiner Theorie vom Raum offen und dunkel gelassen hat, so werden Sie, glaube ich, viele Zustimmung tinden; kėnnten Sie nachweisen, dass sie dun- kel bleiben musste, so wird. man sich aufs Neue iiber seine Methaphysik besinnen miūssen. Ich sehe in Lotze in sofern einen neuen Schritt iber Kant hinaus, dass er die von diesem unberiick- sichtigte Frage, ob der Raum nicht etwas an den Dingen adiguat ausdrūcke, in partem negationem beantwortet hat. Lotzes Griinde dafūr wiegen sehr schwer, und bis dass sie widerlegt sind, wird man Ihrem Gedankenkreise nur nach einem Atfektionspreis den Vorzug geben kėnnen“.
In den Bemerkungen zu Trendelenburgs Abhandlung iber die autgefundenen Ergėūnzungen zu Spinozas Werken nimmt Teichmūller u. a. Stellung zu dem von Kuno Fischer und Erd- mann getiūhrten Substanzstreit, schliesst sich dem Versėhnungsver- such Trendelenburgs zwischen beiden Auffassungen an, meint aber, die Erdmannsche Auslegung der Attributenlehre verrate den inneren Widerspruch in Spinozas Denken selbst: „bei dem gro- ssen Widersinn des ganzen Spinozismus“ (S. 1859) komme es
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schliesslich auf ein paar 'Widersprūche mehr oder weniger nicht an.
An letzter Stelle bringen die „Beitrūge“ Studien zur Aristo- telischen Ethik. Teichmiiller macht zu ihnen eine Reihe von fei- nen textkritischen und exegetischen Bemerkungen und schliesst dieselben mit folgenden Worten: „Man wird diese letzteren (Aristoteles gewidmeten) Untersuchungen, welche iberall den feinen, geiibten Blick und die scharfe Auffassung des Mannes ver- raten, dem wir alle so viel Dank tir unsre Einfūhrung in Aristo- teles schuldig sind, mit dem grėssten Interesse lesen“. (S. 1867) Werden wir auch nicht ūberall zu der Autfassung des Verfassers der „Beitrige“ gezwungen, so empiangen wir doch „iiberall die iruchtbarsten Anregungen, die oft mehr wert sind, als ein Resul- tat“ und haben den Genuss „in dem reinsten Elemente der Wahr- heitsliebe zu atmen, die ohne Hass und Gunst, in edler Einfalt nur das Wesen der Sache sucht“. (S. 1868).
42. Die Baseler Jahre (1868 — 1871). Patristische Studien.
Der zweite Band der „Aristotelischen Forschungen“, der im ersten Jahre seines Wirkens in Basel erschien, bezeichnet einen vorlūutigen Abschluss seiner dem grossen Systematiker des anti- ken Idealismus gewidmeten Studien. Zwar wird ihn der Stagy- rite vor allem als der Gegenstand seiner Seminarūbungen mit den Studierenden bis an sein Lebensende begleiten, zwar wird unser Forscher nach etwa zehn Jahren uns die kritische Darste- Ilung von Aristoteles praktischer Philosophie schenken und in allen seinen systematischen Schriften, die in seiner Dorpater Rei- iezeit verfasst sein werden, den Auseinandersetzungen mit der Aristotelischen Gedankenwelt breiten Raum lassen — die eigent- lich „Aristotelische“ Periode in seinem literarischen Schaffen ist nun zu Ende, und Teichmūller wendet sich breiteren Aufgaben zu, die man unter dem Namen „Studien zur Geschichte der Begriffe“ im weiteren Sinne des Wortes zusamemeniassen kėnnte.
Die Baseler Jahre (1868—1871) bilden die Ūbergangszeit von den begrifisgeschichtlichen Studien im engeren Sinne des Wortes (weil sie sich allein in der Begrifiswelt des Aristoteles bewegen) zu den Studien, die ein viel breiteres Gebiet umfassen und deren Mittelpunkt der Name Platons bezeichnet, so dass man gewissermassen von der Aristotelischen bis zu 1869 und von der
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Platonischen Periode bis etwa zu dem Jahre 1883 in Teichmi- Ilers begriftsgeschichtlichen Studien sprechen kėonnte.
Den Anlass zur Erweiterung des philosophiegeschichtlichen Studiengebietes geben Teichmiiller die Vorlesungen ūber die pa- tristische Philosophie, die er in Basel „vor einem ausgewžhlten Kreise der Gesellschaft“ (A. F. III S. VII) halt. Im Zusammen- hang damit setzt er seine Patristischen Studien, die er in Gėttin- gen begonnen fort, ohne aut diesem Gebiete zu einer wirklichen und allseitigen Beherrschung des Stoffes zu gelangen. In der Vor- rede zu der erst einige Jahre spūter (1873) erschienenen ,Ge- schichte des Begrifis der Parusie“ erinnert sich Teichmiiller „der schėnen Tage von Basel“ wo er seine patristischen Vorlesungen hielt, hebt die Verdienste der Stadtgemeinde Basel, aut deren „ho- hem Sinnd und Opierwilligkeit“ das Gedeihen der Universitūt ruht, um die Wissenschaft hervor und in Erinnerung an die ihm „,,per- sonlich gewžhrte Gunst und Freundschaft“ widmet er seine Arbeit „den Freunden und Gėnnern in Basel in dankbarer Gesinnung““.
Dass Teichmiiller in dieser Umgebung sich besonders wohl fūhlte, das bezeugen seine eigenen Ausserungen, in denen er wie- derholt bis zum Ende seiner Tage die Baseler Jahre als die ange- nehmsten in seinem Leben bezeichnete (Vgl. die Erinnerungen von Teichmūllers persėnlichen Schilern Lutostawski und Bobrow).
43. Baseler Kollegen und Freunde.
Die Universitat Basel zahlte damals unter ihren Mitgliedern eine Reihe von geistvollen und wissenschaftlich hochbedeutenden Mannern. Persėnlich diūrfte Teichmūllėr Karl Steffensen, der den ersten philosophischen Lehrstuhl bekleidete, am nachsten getreten sein. Den Namen von Schulz und von der Goltz begegnen wir in Teichmūllers Briefen an Trendelenburg vom 16. VII. 1869 „ihre Streitschrift „Kuno Fischer und sein Kant“ hat uns hier sehr
„befriedigt. Steffensen hat mir schon lange autgetragen, Ihnen seine volle Zustimmung zu d. Inhalt u. Ton Ihrer Schrift auszudri- cken, und ich konnte mich mit Prof. Schultz und von der Goltz, denen ich sie ebenialls zu lesen gab, seinem Urteil vollkommen anschliessen““.
Die beiden von Teichmiiller zuletzt genannten Gelehrten waren die bedeutenden protestantischen Theologen konservativer Rich- tung Hermann Schultz (1836 — 1903) und Freiherr Hermann
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von der Goltz (1835—1906), die beide zusammen mit unse- rem Denker an der Universitat Basel wirkten. Dass Teichmiūller ihnen manche Anregungen und manche Forderung bei seinem Verweilen auf dem Gebiete, aut dem es ihm nie gelungen war, sich zu einem Fachmann auszubilden, verdankte, ist hochst wahr- scheinlich. Mit von der Goltz unterhielt Teichmiūller freundschait- lichen Briefwechsel bis zum Ende seines Lebens.
44. Teichmiiller und Nietzsche
Von ganz ungewėhnlichem Interesse wžre die Untersuchung ūber die Beziehungen Teichmiillers zu den hervorragenden Baseler Gegnern des Christentums — dem liberalen Theologen Franz Overbeck (seit 1870 Professor in Basel), dem Kulturhistoriker Jakob Burckhardt und dem von beiden besonders in seinem Ver- haltnis zum Christentum sehr stark beeinflussten Friedrich Niet- zsche. Der erste, der die Frage nach dem Verhaltnis Nietzsches zu Teichmiiller autgerollt hat, war Hermann Nohl, der in seiner geistreichen Notiz „Eine historische Guelle zu Nietzsches Perspek- tivismus: G. Teichmiiller, Die wirkliche und die scheinbare Welt“ (Zeitschr. f. Philos. u. phil. Kritik Bd. 149 (1913) nachzuweisen suchte, dass Nietzsches neuer Pragmatismus und Perspektivis- mus, oder die Lehre von der scheinbaren Welt, hinter der keine wirkliche steht, so wie sie in „Jenseit von Gut und Bose“ und im „Willen zur Macht“ entwickelt wird, „einzig und allein in der Auseinandersetzung“ mit Teichmūllers metaphysischen Hauptwer-- ke sich entialtet habe. Noch weit iber Nohl hinaus geht in der Hervorhebung der Rolle, die Teichmiūller bei der Ausbildung der Nietzscheschen Philosophie des Lebens spielte, Erich Hocks in seiner Baseler Dissertation „Das Rationale und das Emotionale bei Nietzsche“ Leipzig 1914 Der Vergleich halt sich bei diesem Nietzsche-Forscher ganz auf der Oberfldche des Teichmiillerschen Gedankens: er begniūgt sich eigentlich damit einige Schlagwėrter , aus Teichmiūllers Schriften aufzugreifen, um spater nachweisen zu konnen, dass Nietzsche, wo er gegen die mit diesen Schlagwor- ten bezeichneten Lehren kampit, Teichmūller stillschweigend im Sinn habe. Hatte er sich die Miūhe gegeben, in irgend eines von Teichmūllers systematischen Werken hineinzublicken, so wžre das arge Missverstūndnis, das in der Bezeichnung der Teichmii- Ilerschen Weltaufiassung, als „spezifisch rationaler, aristotelisch
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hegelisch gerichteter Begrifisphilosophie“ (Op. cit, p. 46) vorliegt, unmoglich. Die Antithese ,,Teichmūller-Nietzsche“ steht also auf falschen Boden, da das Eigentiimlichste der Weltanschauung des ersten Denkers vėollig ūbersehen wird, und das Verdienst der Un- tersuchung von Hocks beschrankt sich auf den žusserlichen Nach- weis, dass Nietzsche, wo er gegen die Entgegensetzung der wirk- lichen und der scheinbaren Welt, gegen den Ichbegriff, gegen die Lehre von den Tatsachen der inneren Erfahrung, die spezifi- sche und die semiotische Erkenntnis kimptt, iiberall Teichmiillers Metaphysik im Sinne hat. Der Nachweis, dass Nietzche den Begriff des ,,Perspektivismus“ Teichmūller entlehnt habe, obgleich er aus diesem Begrifi gerade die entgegengesetzten metaphysi- schen Konseguenzen zieht, dirfte als erbracht betrachtet werden. Die Tragweite des Einflusses, den Teichmūllers Personalismus aut Nietzsches Relativismus ausgeiibt, hat Alfred Baeumler dadurch enzuschržnken versucht, dass er darauf hinweist, dass das meta- physische Hauptwerk T-s, auf das Nietzsche Ricksicht nimmt, erst 1882 erschienen ist, wžhrend Nietzsches Relativismus, der sei- nen spateren pragmatistischen Perspektivismus wie im Keime enthalt, bereits in dem Fragment „„Ūber Wahrheit und Lige im aussermoralischen Sinne“ vom Jahre 1873 deutlich genug hervor- tritt'. Nun kėnnen wir aus Teichmiillers Brietwechsel nachweisen, dass Nietzsche mit Teichmiiller bereits wžhrend dessen Baselers Trienniums 1868 — 1871 in Berūhrung kam: es ist also durchaus moėglich, dass er seine Grundideen schon damals kennen ge- lernt hat?.
1 Nietzsche der Philosoph und Politiker. s. 38.
2) Hier erlaube ich mir einige Stellen aus dem Briefwechsel Teich- millers mit Rudolph Eucken, die auf Nietzsche Bezug nehmen, mitzu- teilen. „Was speziell die Philosophie anbetrifft, — schreibt Eucken aus Basel d. 15. IX. 1873 — so haben wir jetzt einen jungen Privadozenten, Dr. Romundt hier, der ein intimer Freund Nietzsches und damit natūr- lich eifriger Schopenhauerianer ist. Da auch Overbeck jetzt dieser Rich- tung zugetan ist — ziemlich merkwirdig fir einen Theologen, wie ich meine — so ist jetzt die Schopenhauersche Richtung bei uns stūrker ver- treten als auf irgend ciner andern Universitšt“,
„-„.„„Das Schopenhauersche Trifolium an Ihrer Universitat — ant- wortet Teichmiiller d. 1. XI. 1873 — ist nicht grade, was ich mir wūn- schen mėchte; Schopenhauer ist eine Pest fir junge Leute, was ich auch hier sehe; denn wer ihn nur berihrt, der ist gleich so klug, dass er nichts mehr zu lernen braucht und im Besitz genialer Krūfte alle Arbeit verach-
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45. Abgang von Basel. Schluss der Wanderjahre.
Was hat Teichmiūller bewogen, das ihm so lieb gewordene Basel bereits im dritten Jahre zu verlassen? Die Briefe, die aus der Baseler Zeit erhalten sind, lassen keinen Zweifel darūber, dass es in erster Linie materielle Sorgen waren, die ihn zu diesem Schritte gezwungen haben. In den Jahren 1867 und 1868 schenk- te ihm Frau Lina zwei Sėhnchen Georg und Hans. In einem Brie- fe von 9. September 1870 an seine Frau spricht Teichmiiller von neuen Vaterhoffnungen: „Bis įetzt ist mir įedes Kind immer rih- render gewesen. Soll uns wirklich noch ein Tėchterchen erwach- sen? Ich habe schon die Zeiten berechnet. ..“.
Die Familie sollte also bald sieben Mitglieder zahlen. Fir die Bestreitung der Kosten des wachsenden Haushaltes reichte das bescheidene Gehalt des Baseler Ordinarius trotz der regel- massigen Unterstūtzung seitens des Schwiegervaters (1000 Ta- ler įdhrlich) nicht aus: schweren Herzens musste das Ehepaar den Schwiegervater immer wieder einmal um neue Zuschūsse bitten.
In einem Briefe vom 3. September 1870 spricht Teichmiiller „mit einem Schauder“ von der ,„Barbarei Russlands“ und seiner
tet. Auch Nietzsche, so geistreich er ist, schafft doch nur Sachen, die hinten und vorn hinken, und deren dreister Ton in keiner Proportion steht mit der Unsicherheit der Grūnde. Romundt kenne ich von Gottingen her, wo er zuweilen an meiner Societat Teil nahm. Er ist ein Poet; von seinen Arbeiten in der Philosophie habe ich noch nichts gelesen, obwohl sie von liter. Freunden schon gewaltig ausposaunt werden“.
„+„-. Was sagen Sie denn, lieber Herr Professor — fragt Eucken am 2. I. 1874 — zu den neuen Šchriften von Nietzsche und Overbeck? Der erstere wird nichstens einen zweiten Band erscheinen lassen und soll er noch eine ganze Reihe „unzeitgemiūsser“ Fragen darauf folgen lassen wollen. Man meint hier vielfach, dass es zeitgemžūsser wžūre, wenn der so ungewohnlich begabte Nietzsche seine Kraft zur Hebung der hier sehx darniederliegenden Philologie verwenden wollte, Alles in Allem haben wir jetzt, meine ich, hier 8 Studenten der klassischen Philologie, was Treilich einen unendlichen Fortschritt gegen den vorigen Winter bedeutet, wo nicht ein einziger da war“.
Teichmiiller gab folgende Antwort am 25. desselbėn Monaits: „„.„ „Nietzsche's „Unzeitg. G“ habe ich noch nicht unter die Hžnde be- kommen, da die Postverbindungen mit Deutschland sehr schweriallig sind, doch habe ich ein Vorurteil gegen seine philosophischen Versuche, weil ich die Grenzen seiner Begabung sehr wohl kenne und den geistrei- chen Mann lieber auf dem Gebiete der Philologie fruchtbar sžhe, wo der Geist grade nicht zu ūppig wuchert“,
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estnischen Provinz und fūgt hinzu: „Ich mėchte dort nicht leben und nicht sterben“. Dessenungeachtet erklūrt er sechs Tage spd- ter: „Ich bin entschlossen fūr Dorpat, wenn der Ruf wirklich kommt. Ich denke, man muss“ (an die Frau).
„Lieber Schwiegervater! — schreibt Teichmiller am 13. November 1870 — Gestern friūh erhielt ich von Leo Meyer aus Dorpat die Anzeige, dass sich alle Stimmen auf mich concentri- ren wūrden, wenn ich erklūrte, die Stelle annehmen zu wollen, was man hisher nicht glaubte und mich desshalb ausser Berech- nung liess. Ich schrieb ihm, dass wir uns schwer von Basel tre- nnen wiūrden, dass man daselbst aber schwerlich genug bieten kėnnte, um mich zu halten und dass ich mich desshalb als Fami- lienvater verpilichtet fūhlte, eine etwaige Berufung anzunehmen““.
„Wir haben schwere Stunden gehabt — schreibt Teichmūl- ler in seinem iolgenden Briefe an den Schwiegervater — weil der hiesige Curator mir unerhėrte Anerbietungen machte, um mich zu halten. Er wollte 5000 frc. geben, was noch keiner hier bekom- men hat; ausserdem verlangte er nur 6 Stunden die Woche, wenn mir die jetzigen Vorlesungen zu viel Mūhe machten. Er sparte nicht Lob iiber meine hiesige Wirksamkeit. — Ausserdem hangt Lina schwermiūtig an Basel. Endlich ist nun die Zusage nach Dorpat abgegangen, weil ich doch noch immer circa 700 th. dort mehr haben wūrde als hier“.
Am 18. Dezember erhalt Teichmiller von Leo Meyer die Nachricht, dass die Dorpater philologische Fakultat ihn als einzi- gen Kandidat fūr den Lehrstuhl fr Philosophie und Pidagogik vorgeschlagen habe, und zwei Tage spūter kommt ein Briet aus Dorpat, indem der Dekan der Fakultūt Schwabe mitteilt, dass der Vorschlag der Fakultūt auch vom Conseil einstimmig ange- nommen worden ist. Da das Gehalt in Dorpat erst von der An- kuntt oder Abreise an bezahlt wird, so will Teichmūller bereits Ende Marz 1871 Basel verlassen, um in Dorpat bis zum Ende des Semesters noch zwei Monate lesen zu kėnnen.
Mit der Ūbersiedelung, nach Dorpat beginnt im Leben und Schaffen unseres Denkers ein neuer Abschnitt, den wir als seine Meisterjahre bezeichnet haben. Diesem Zeitraum hoften wir bald ein weiteres Kapitel unserer Vorstudien widmen zu kėnnen.
Geschrieben im Herbst d. J. 1932 zu Teichmiilers hundertstem Geburtstage.
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Albert der Grosse 35. Anaximandros 2, 10, 31,
10, 26, 47, 61, 84,
82.
Aristoteles 8, 4, 6, 24, 25, 32, 38, 52, 58, 81, 83, 85, 86, 90. Athenagoras 33, Augustinus 5, 33. Aurel, Mark 15.
Baader 43.
Baer, K. E. v 3, 41,
Baeumler, A. 93.
Barthel 80.
Berkeley 8.
Bohtlingk 3, 41, 42, 48, 49.
Boeckh, A. 3, 38.
Bochme, J. 43.
Bonaventura 33, 35.
Boyer 11.
Buchholtz 70.
Burckhardt, J. 92,
47,
Condillac 4, 47.
Cramer, Anna, v. 3, 9, 19, 49, 70, 72. Cramer, Georg, v. 50,
69, 70, 71, T3, 94, 95. Cramer, Lina, v. 4, 13,
Curtius, E. 59.
Dalton 42, 50, 51, 58, 71.
Descartes, 8, 32, 33, 34.
Dilthey, W. 3, 26, 28-29, 82.
Dorner, J. A. 52, 59.
Dostojewskij 43, 44.
Dove 3, 39,
Duns Scotus 35.
Eckehart, Meister 8.
Erdmann, J. E. 57, 89.
Eucken, R. 4, 9, 48, 59, 60, 93.
Falckenberg 54.
Fichte, der Aeltere 73, 57, 61,
Fichte, der Jiingere 36.
Fischer 36, 82, 86, 89.
Frank, S. 47.
Goethe 1, 15.
Goltz 91.
Hanne, J. W. 3, 4, 16, 17, 18, 19, 76, TT. Haupt, M. 3, 38.
3,
L R. 4, 55, 56, 57, Hegel 27, 43, 57, TT, 79, Hehn, V. 42, Heimsoeth, H. 8. Henle 59, 71. Herakleitos 2, 51. Herbart 26, 27, 30, 32, 63, 65, 67, 79, 85, 88. Hobbes 61. Hocks, E, 92, 93, H6ntz 52,
Jakowenko 47. Johannes, Apostel 16.
Kant 4, 26, 27, 29, 83, 61, 683, 67, 78, 86, 87, 83, Katkow 45. Kirejewskij, J. 44. Klinkerfuess 59.
Leibniz 9, 28, 25, 26, 29, 80, 38, 34, 48, b2, 54, 56, 76, 85.
Locke 78.
Lopatin, L. 44, 46.
Lotze 4, 9, 29, 30, 40, 51, 52, 58, 54, 55, 56, 57, 58, 59, T9, 86, 87, 88, 89.
Lutoslawski 91.
Maine de Biran 79. Malebranche 8. Masci 30.
Meinecke 3, 38. Meyer, Leo 94, 95. Middendorf 49. Misch, Cl. 82. Mitscherlich 3, 39. Moleschott 37. Mollenhauer 50. Moller 52.
Miller, J. 3, 39, 40, 42.
Nietzsche 4, 9, 81, 92, 98
78,
81, 68,
Nikolaus von Kues 8. Nohl, H. 92. Origenes 33. Overbeck 93.
Parmenides 31, 51, 52.
Piderit 4, 76.
Platon 2, 3, 10, 22, 24, 25, 26, 27, 29, 31, 33, 837, 48, 51, 52, 61, 62, 90.
Puschkin 48.
Guenstedt 37.
Ranke 3, 38.
Reiff 3, 36, 37, 79. Ritter 8, 89, 59, 79. Romundt 93, 94. Rousseau 61.
Schabad, M. 40, 48, 44, 45, 47, 82. Schelling 18, 27, 36, 42, 48, TT. Schiefner 3, 41, 42 Schleiermacher 85. Schopenhauer 27. Schultz, H. 91, 92. Schwegler 36. Skoworoda 44. Sniadecki, J. 39. Solowjew, Wladimir 46.
* Spinoza 26, 27, 28, 38,
61, 89. Stahl, F. J. 3, 38, 39 . Steffensen, K. 91. Stephani 3, 41, 42. Taine 4, 78, 79. Tannery 59. Teichmiller, Anna, Tochter des Denkers 10, 45, 69, 72, 73. Teichmiiller, Anna, Frau des Denkers 68-71. Teichmiiller, August, Va- ter des Denkers 11. Teichmiūller , Charllotte, geb. von Girsewaldt, Mutter des Denkers 11. ff. Teichmiller Lina Frau des Denkers 75-76,
Thomas von Aguino 33. Thomasius 61. Tolstoj, L. 48, 44, Trendelenburg 3, 4,
Ulrici 79.
Wachholtz, M. 72, 73. Wagner, R. 59,
Waitz 36, 52, 59. Weisse 88.
Werther v. 38, 41, 47. Wundt, W. 56.
V. TRUMPA
Istorišikumo problema
Istoriškumo problema yra dvasinės būties problema. Kad ir kaip istorininkai ant šakių nekilnoja raidos arba tapsmo sąvoką, tačiau ji neatliepia tikrą istorijos mokslo uždavinį ir padėtį. Rai- dos arba tapsmo sąvoka istorijai tėra pagalbinė, padedanti su- prasti, kokiu būdu atsiranda, arba galima istorinė, t. y. dvasinė būtis. Tuo ji padeda pačią tą būtį apibrėžti, nes kilmės suradi- mas reiškia pačio dalyko išaiškinimo raktą, kaip medicinoje baci- los suradimas veda prie pačios ligos išaiškinimo ir nugalėjimo. Raidos sąvoka bus mums labai svarbi aiškinantis istorinę asmeny- bę, nes žmogus nėra vien psichinis, bet visų pirma fizinis pada- ras. O ši esminė jo ypatybė priklauso raidai ir tik ją nugalėdamas žmogus kuria, o jeigu norite, aktualizuoja istorinę arba dvasinę būtį: socialinio gyvenimo, religijos, meno, mokslo sąvokas, paga- liau pačią valstybę, kuri yra konkretus istorinės būties pavyzdys, nes pačią tą būtį parodo ne tik atskirai, bet ir jų organizaciją, arba daugingą vienovę. Savo esme ji grynai dvasinė ir joje reiš- kiasi tai, ką Platonas pavadino koinonia ton genon, arba idėjų bendravimas. Tad asmenybės istoriškumą gvaldydami tik iš da- lies susitinkame su tikra istoriškumo prasme. Čia mes tik nusta- tysime perėjimą nuo gamtinio tapsmo į dvasios pasaulį, kuris yra dvasinių būčių visuma, gi valstybės istoriškumu apibrėšime tos visumos istorinę tikrovę viename iš ryškiausių pavidalų. Tuo būdu visa istoriškumo problema suskyla į tris klausimus: A. Kas yra istorinė būtis aplamai, B. asmenybės istoriškumas arba gam- tinio tapsmo nugalėjimas ir C. Valstybės istoriškumas arba konk- retus dvasinės būties reiškimasis sąryšyje su kitomis būtimis, ar- ba jų vienove.
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A. ISTORINĖ BŪTIS.
1. Būtis yra tapsmo rezultatas, kaip mintis — mintijimo. Ji pasilieka tapsme, kaip jo nusigalėjimas arba sudvasėjimas. Materialus tik tapsmas, gi „dvasinis tapsmas“ tėra paprastas contradictio in adjecto. Materialinio tapsmo dėsningumas: faktoriai, reiškiniai. Dvasinės būties konkretumas ir indi- vidualumas: momentai, įvykiai.
II. Istorijos objektas yra dvasinė būtis savo konkretume. Bet istorija negali apseiti be gamtinio tapsmo, nes pav., as- menybė tėra jų sintezė. Gamtinis tapsmas yra laikinis, arba realus laikas yra pats tapsmas, gi tapsmas nėra būtis. Dėl to tapsmo negalima apibrėžti. Erdviškumas, kaip būtina bet kurio apibrėžimo kategorija. Dvasia reiškiasi ne laike, bet erdvėje, arba čia ji tik suprantama. Filosofija ir istorija ir turi reikalo su erdve, taip pat ir kiti mokslai, bet jie meto- dus skolinasi iš šiųjų. Asmenybė, šeima, tauta, žmonija kaip laikiškai erdviškos būtybės („tampančios būtys“), valstybė, kaip grynai erdviška. Pirmųjų materialinė ir dvasinė pusė, antroji grynai dvasinė.
Istoriškumas kaip pasaulėžiūra. Kova su fatalizmu: Platono idėjų pasaulis, Hegelio dvasios dinamizmas, Rickerto vertybės. Tapsmo nugalėjimas per žmogaus sąmonę, arba dvasinė būtis, kaip istorinė konstanta.
I. Kaip sena yra filosofijos istorija, taip senas yra ginčas: būtis, ar tapsmas yra pasaulio pagrinde? šis dviejų sąvokų iš- skyrimas atliepia į kitas dvi: dvasią ir medžiagą. Aišku, kad ne- sąmoningai būtybei, kokia yra pav. augalai ir gyvuliai, pasaulis yra gryna medžiaga, o medžiagos pagrindinė ypatybė jos taps- mas, jos judėjimas. Tokia būtybė (tik žmogui ji būtis) kartu ju- da arba tampa su visu medžiaginiu pasauliu, arba ji dalyvauja bendrame tapsme. Tapsmas gi realus tik dabartyje, nes mes te- turime vieną kosmosą, ne jų seriją, tad ir tokia būtybė turi tik dabartį, arba visuomet priklauso realiam laikui. Augdamas me- dis, kiekvienu savo momentu yra medis, jis negali būti iš karto ir sėkla ir daigas ir visas augalas. Jeigu jis yra diegas, jis jau nėra sėkla. Tik žmogus supranta, kad medis iš sėklos išauga, nes jo sąmonėje sėkla tampa būtimi, vadinas, pasilieka. Tad me- džiaginis pasaulis yra tampąs pasaulis, visada ir visame (ne erd- vine prasme, ne visur) pasireiškiąs. Kaip toks jis savęs negali apibrėžti, nes tas tapimas rodo, kad jis nėra užbaigtas, o kaip toks negali būti nusakytas. Jis negali sustoti ir savo padėtį ap- spręsti, kaip žemė sukdamasi apie saulę nesustoja ir nenustato
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savo vienos kurios padėties. Atskiras materialinio tapsmo narys kartais „užbaigia“ save, pav., žmogus, kaip grynai fizinis rūšinis gyvis miršta, bet tuo jo mirimu neužsibaigia žmogiškumas, nes žmonių giminė lieka vis vien tampanti, vadinas, ir vėl neapspren- džiama. (Gi miręs, vadinas, užbaigęs save žmogus jau nebe tapsmui priklauso, nes jis jau yra būtis, o kaip toks ir ne medžia- ginis, bet dvasinis. Medžiaginis pasaulis neišeina iš tapsmo ribų ir pats savęs negali suprasti. Jame negali būti išskyrimo arba abstrakcijos, nes išskirti galima tik būtis, gi tapsmas, kaip jau nurodė Hegelis, yra ten, kur neigiama būtis (deja jis tapsmą laiko dvasiniu, būtį medžiaginiu). Kur nėra būties, ten yra tapsmas. Tokiu būdu, medžiaginis pasaulis, kaip tapsmas, yra vienas dide- lis turbinas, kurs viską suka.
Kitaip yra su žmogaus dvasia. Negalima jos visiškai išskirti iš tapsmo, bet ji yra ten, kur nugalimas tapsmas, arba tiksliau, ji nugali tapsmą. Dvasia yra būtimi virtęs tapsmas, arba jis susto- jęs. Be abejo, „sustojęs tapsmas“ iš karto yra būtis. Išaiškinti šitą dalyką geriausia mąstymo ir minties pavyzdžiu. Mąsty- mas — grynai medžiaginis tapsmas, tam tikras smegenų proce- sas. Kaip medžiaginis jis nuolat kinta, gali būti tobulesnis ir t. t. Filosofas daug tobuliau mąsto už paprastą žmogų, kaip patręštas augalas daug geriau auga, už nepatręštą. Bet mąstymas tol yra medžiaginis ir kinta, kol jis nepareiškia mintį. Pareikšta žodžiu ar raštu mintis iš karto lyg atitrūksta nuo tapsmo (mąstymo), ji yra būtis, ja gali pasinaudoti kitas, nes ji, kaip būtis, savyje už- baigta, vadinas, galima apibrėžti. Kada aš nešiojausi su savimi istoriškumo problemą, jos niekas negalėjo suprasti taip, kaip aš ją suprantu, nes ji buvo tapsme. Bet kada aš ją užrašau popie- ryje, ji jau yra būtis, savyje nekintama. Iš medžiaginio pasaulio (mano smegenų) ji įeina į dvasinių būčių sistemą, o čia ja žmo- gus, kaip ne tik fizinis tapsmas, bet ir dvasinė būtis, gali pasi- naudoti. Ir negyvenamoje saloje atsidūręs žmogus yra valstybi- nis gyvis, bet tas valstybiškumas jame tada reiškiasi medžiagiš- kai, kaip tapsmas, ne kaip būtis. Veltui stebės žmogus jį per teleskopą ir norės jo valstybiškumą surasti, taip lygiai kaip veltui istorininkas bandys atvaizduoti pirminio žmogaus valstybę. Tik kai tas žmogus, bendraudamas su kitais medžiaginiame tapsme, ims kurti valstybines institucijas ir įstatymus, valstybiškumas bus jau ne tapsmas, bet būtis, aiški ir visiems suprantama.
Bet gal šitokis būties pasireiškimas nėra dvasinis, gal pats
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valstybingumas yra dvasiškesnis, už įvairias matomas jo apraiš- kas: institucijas, įstatymus, ir t.t.? Žinoma, pavadinimas dalykų padėties nekeičia, bet įprasčiau yra tampantį pasaulį, ne būtį, va- dinti medžiaginiu. Dvasia nekinta, kinta tik medžiaga, kaip bū- tis nekinta, kinta tik tapsmas. Tokiu būdu, „dvasinis tapsmas“ tėra tik paprastas contradictio in adjecto. Dvasinis tapsmas iš karto būtų būtis. Niekas nevadins Maironio poezijos medžiagi- niu daiktu, bet ar ji kinta? Ji yra dvasinė būtis, vadinasi, nugalė- jusi medžiaginio pasaulio dėsningumą, kuris galimas tik tapsme. Bet dvasinė būtis pasilieka medžiagos tapsme, tik čia privalo tarpininkauti žmogaus sąmonė. Ji telpa, kaip būtis, žmogaus są- monėje, vadinas ir praturtina ją, arba keičia ją. Tuo būdu dva- sinė būtis grįžta į tapsmą, bet grįžta tik per žmogaus sąmonę, o dėl to ir keičia jį (tapsmą) ir tuo nugali medžiaginio pasaulio fa- talizmą, arba „nuobodų kartojimąsi“ (Hegelis). Juk niekam ne- paslaptis, kaip smarkiai paveikė lietuvių tautos raidą (medžia- ginį pasaulį) Maironio poezija. Tad dvasinė būtis, pasilikdama medžiaginiame tapsme, per žmogaus sąsmonę jį keičia, bet, aiš- ku, pati nekinta. Negalima šiandien kalbėti apie Maironio poezi- jos tapsmą; tai aiškus absurdas. Ji yra dvasinė būtis ir joje nieko nėra, kas tampa. Galima betarpiškai, intuicijos būdu jausti Ma- čiulio, kaip žmogaus ir poeto — medžiaginio padarc — tapsmą, apie jo mąstymą, jo įkvėpimo šaltinius. Gi jo poezija yra dvasinė būtis, apie ją galime ir sąvokomis kalbėti.
Paskutiniu laiku filosofijoje ir istorijoje ėmė įsigalėti tapsmo sąvoka: nieko nenorima pripažinti netampančio, nepriklausomo nuo laiko. Tapsmo sąvoka nebuvo svetima nei senovėje, nekal- bant jau apie Heraklito panta rei (viskas srovena), bet vis dėlto rasdavo tapsme kažką pastovaus. Šiandien filosofija vis labiau atsikrato nuo laiko nepriklausomos sferos. ,,Ta būties sfera, kuri nepriklausoma laiko „vis daugiau siaurėja ir artėja visiškam išny- kimui, gi kaip tapimo ir laikinumo sfera nuolat plinta ir pama- žėle įsiurbia visą žmogui prieinamą tikrovę“ (Sezemanas). Ne tik tas pastebima gnoseologijoje, bet ir ontologijoje. Berg- sonas panaikina bet kokias ribas, kurios vieną daiktą skiria nuo kito (ir dvasią nuo materijos), viskas yra realiame laike, viskas tampa, „nėra daiktų, yra tik veiksmai“. Žmogus yra realiame pa- saulyje, vadinas, jis susiriša su juo įvairiais ryšiais. Mūsų būtis yra jame ir tik pasaulį pažindami, mes save pažįstame. Pasaulis nėra kieno nors ir nėra kam nors, arba, trumpai: jis nėra korela-
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tas (iš atžvilgio į ką nors). „Aš ir pasaulis ontologiškai taip pat klaidinga, kaip ir Dievas ir pasaulis“ (N. Hartmann). Nenuosta- bu, kad istorija, bent teoretiškai, arba tik teoretiškai, pavirto gry- na bijologija, nes istorijos objektas — žmonija savo socialiniame išsivystyme (Bernheim) — suprantamas kaip bijologinis organiz- mas. Ne tik išskyrė asmeniškumą iš istorijos A. Comte, bet net socialinę statiką prilygino anatomijai, gi socialinę dinamiką — fiziologijai. Istorijoje sutinkame ir vieną ir kitą momentą — tad ji yra bijologija. Nors ir nevisai sutinka su tuo R. Worms, bet vis dėlto pakartotinai kalba apie „socialinės evoliucijos bijologi- nius principus“. Dvasinė būtis neteko vietos istorijos filosofi- joje, viskas iš tapsmo išeina ir gamtos sąlygomis aiškinama. Pa- klausė kartą Napoleonas garsųjį astronomą Laplace, kodėl jo vei- kale visai nėra kalbama apie Dievą. ,,Sire, je n'avais pas besoin de cette hypothėse“. Tą pat galima pasakyti dėl dvasios taps- me. Bandė suvesti istorijos teoretininkai visą istorinį procesą į tokią formulę: a--x, kur a yra visa, ką žmogus gauna iš išorinių aplinkybių, x vis mažėjąs laisvos valios pasireiškimas, su kuriuo beveik neverta, esą, skaitytis. Deja, čia jų teorijas sugriovė isto- rijos mokslo praktika, kuriai šitas mažas x, kaip jau nurodė Droy- senas, ir sudaro svarbiausią tyrinėjimo objektą.
Kartu su gamtinės raidos sąvoka persimetė istorijon dėsnin- gumas. Atsirado istorijoje: priežastingumo, evoliucijos, paga- liau, auksinis pažangos įstatymas. Mėginta schematizuoti ,istori- nis procesas“ (užteks čia paminėti A. Comte, Spencer, Wundt, Breysig ir kt.). Iš gamtinės raidos nusisavino istorija ir sąvokas: faktorius, reiškinius, išsivystymą ir t. t. Tačiau praktikoje istorinin- kas tik priežastingumo dėsnį smarkiau tepamėgo, nors kai kas šiandien ir jo nepripažįsta (Bergson, Karsavinas). Dėsningumas iš esmės priešingas istorininkui. „Istoriniai dėsniai yra contradictio in adjecto“ (A. Rickert). Istorija turi reikalo ne tik su tapsmu, bet ir su dvasine būtimi, dėl to jos pagrindinės savybės: konkre- tumas ir individualumas. Istorija yra nepasikartojanti, tad nėra reiškinys, bet įvykis. Istorija turi reikalo ne su reiškiniais ar fak- toriais, bet su momentais ir įvykiais. Be abejo, dvasinė būtis užima atskirą vietą medžiaginiame tapsme. Jau mes pakankamai pavyzdžių minėjome, kurie nepriklauso tapsmui, nors ir kaip kas norėtų į jį viską suvesti. Ar galima sakyti, kad sąvoka tampa? Iš viso, žmogus per daug linkęs apibendrinimui. Užuot realius faktus stebėjęs, jis kuria toli siekiančias hipotezes. Vaizduoda-
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mas šių laikų žmogų, jis žemesnių gyvių arba laukinių žmonių maštabą taiko. Nieko nebūtų nuostabaus, jei negarbintų jis pa- žangos. Tad kur gi tada XXa. priešistorijos pagalba beišaiškin- si! Gamtinė raida, nuolat besikartojanti ir rūšių išlaikymu besi- rūpinanti, nieku būdu negalėjo taip smarkiai keistis, kaip žmogus, kuris šiandien sukūrė atskirą dvasios pasaulį, kaip dvasinių būčių visumą.
II. Tik būtis prieinama tyrinėjimui, nes ji nekinta. Tansma tik jausti galima. Tad be reikalo mokslai kratosi būties ir nori tik tapsmui tarnauti. Šio ungurio niekuomet nepavyks jiems su- gauti. Kada konstatuosi jo vieną fazę, jis bus jau kitoje. Ne- svarbu, kad astronomas seka teleskopu planetos skriejimą, bet visas tas ratas, kurį ji daro, yra būtis, kaip ir kiekvienas momen- tas, kurį ji užfiksuoja yra būtis. Taip pat ir augalą stebėdamas, nepamatai jo augimo, nors pav. žirnis ir labai smarkiai auga. Tuo būdu žmogus visados išeina už realybės ribų, arba visados, kaip pažįstąs subjektas, gali vadinti nesidrovėdamas save metafiziku. Mat, būtis, kaip nepriklausanti tapsmui, kuris apima visą medžia- ginį psaulį, yra dvasinė. Tad visi mokslai yra dvasios mokslai. Geometriniai brėžiniai ir matematinės lygtys nėra realios, netam- pa, nėra, vadinas, medžiaginės. Bet vis dėlto negalima visus mokslus vienu paversti: nepajėgtų žmogus tokio mokslo aprėpti ir amžinai nemokša pasiliktų. Mokslus skirstome pirmiausia pa- gal dvejopą žmogaus sąmonės intenciją į išorinį pasaulį ir į save. Sąmonės faktus į išorinį pasaulį nagrinėja gamtos mokslai, į sa- ve — dvasios. Istorija ir yra dvasios būties, kaip žmogaus są- monės į save rezultato, tyrinėtoja. Rašant darbą apie Kęstučio ir Algirdo žygį į Rudavą, man nesvarbu tos upės ir miškai, kurias jie perėjo, kaip tokie, bet kiek jie Kęstučiui ir Algirdui kliudė arba padėjo. Vytauto laiškai, man kaip istorininkui, svarbūs, kaip jo sąmonės būsenos apraiška. Tad nors iš esmės mokslai „Nėra perskiriami. Pačiame pagrinde abiejuose reiškiasi kūrybinis žmoniškumo veikimas“ (Vydūnas), bet jie skiriasi sąmonės inter- cijonalumu.
Ne kiekviena dvasinė būtis yra istorinė, nors ir istorijoje yra atsiradusi. Bendrai, „dvasios karalystė yra ta, kurią kuria žmo- gus“ (Hegelis). Žmogaus valios pasireiškimas ir yra tai, ko nė- ra medžiaginiame tapsme. Iš to lyg susidaro atskiras, dvasinis pasaulis, arba dvasinių būčių pasaulis. Jas galima išdėstyti laike, bet ne realiame laike, kuris viską į save suimtų, o tik lyg erdvi-
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niame laike, arba žmogaus sąmonėje. Kitiems mokslams nesvar- bu šitas dvasinės būties laikiškumas, istorija kaip tik į jį kreipia savo dėmesį. Tuo atžvilgiu ji turi respektuoti ir medžiaginį taps- mą, nes pav. asmenybė, kuri yra istorinės būties kūrėja, pati pri- klauso ir medžiaginei raidai: joje yra ir realus, arba tampąs lai- kas, ir erdvinis laikas. Ji yra medžiagos ir dvasios sintezė. Isto- rijai svarbu ne tik kūrybos rezultatai, bet ir pati kūrybinė asme- nybė, kiek joje reiškiasi šeimos, tautos, arba žmonijos medžiagi- nis procesas. Tuo istorija pražengia paprastos kronikos rėmus. Be reikalo Rickertas išmetė iš istorijos bendras sąvokas. Ben- dras sąvokas, arba net savotiškus dėsnius istorijoje sudaro šeimos, tautos, žmonijos procesai. Jeigu aš gyvenime tik save reiškiu, jeigu mano mintimis nepasinaudoja tauta, ar žmonija, labai ne- tobulai aš teaktualizuoju istorinį procesą ir istorininkui nebus rei- kalo su manimi skaitytis. Istorininkui ne tik svarbu dvasinė bū- tis, kaip tokia, bet ir jos grįžimas į medžiaginį procesą ir jos įtaką jame. Kodėl mes daugiau dėmesio kreipiame į Vytautą, negu į jo brolį Žygimantą? Dėl to, kad anojo darbai (dvasinės būtys) rado stiprų atgarsį tolimesnėje lietuvių tautos raidoje.
Bet ir naują istorinės būties (šiuo atveju Vytauto darbų) pa- veiktą raidą, arba tapsmą neturi galimybės istorininkas suprasti kitaip, kaip tam tikrą būtį, kaip savęs nusigalėjimą, kaip „įvy- kusį tapsmą“. Tik kada sekantieji valdovai, leisdami naujas konstitucijas arba įstatymus, pažymėdavo: taip darė mūsų didy- sis pirmtakūnas Vytautas, vadinas, tapsmą paversdavo nauja is- torine būtimi, mes sugebame nustatyti istorinę Vytauto reikšmę. Gi pačiame tapsme įsiliejusio Vytauto mes jokiu būdu negalėtume pastebėti, kaip mes pav. negalime suprasti, kaip mūsų suaugu- siame kūne yra įsiliejęs vaiko kūnelis. Bet mes gerai supranta- me, ką išmokome pradžios mokykloje, gimnazijoje ir universitete, nes ten visur turėjome reikalo su būtimi. Jeigu galima būtų įsi- vaizduoti, kad tūlas dabarties lietuvis yra lietuvių tautos medžia- ginio tapsmo vienas momentas, įeigu jis absoliučiai būtų pasken- dęs tame tapsme, jeigu jo nebūtų veikę įvairūs lietuvių tautos dar- bai, kaip dvasinės, išskirtos iš tapsmo būtys, tokis tipas nieko bendro neturėtų su tikru šių dienų lietuviu. Ne pats tapsmas viską gimdo, bet ir būtis, įsiliejusi į tapsmą. Žmogaus sąmonė, nugalėdama tapsmą, kuria dvasinę būtį, kuri savo ruožtu grįžta į tapsmą ir kuria naujas jo formas. Tuo žmogus išsiskiria iš gam- tinės raidos, kur pav. šių dienų šuo tėra bendro medžiaginio
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tapsmo naujas reiškinys, nesugebąs kurti dvasinės būties Ir tuo pačiu negalįs paveikti paties tapsmo, nė kiek nesiskiria nuo Vy- tauto laikų šuns. Čia reiškiasi gyvas medžiaginis tapsmas. Na- grinėdami asmenybės istoriškumą dar turėsime progos grįžti prie medžiaginės raidos ir dvasinės būties santykių.
Tad filosofijai ir istorijai neužtenka tik laiko kategorijos, o tuo pačiu ji negali pasitenkinti vienu tapsmu, kuris ir yra grynai lai- kinis. Tuo būdu ji atsitolintų nuo gamtos mokslų, bet kartu pa- tektų į neapibrėžtų ir negalimų žodžiais išreikšti faktų sritį. Gi iš- reikštas žodžiu faktas yra sąvoka, o sąvoka yra būtis. Sąvoka negali būti vien istorinio tyrinėjimo rezultatas, bet ir pirminis ob- jektas. Tuo keliu einant nėra reikalo sumechaninti laiko sąvoką, ią padaryti ilgio matu, kaip liniją, arba „„homogeniškų medijumu“, kuriame kas nors vyksta jo paties nepaliesdamas. Bet istorija negali pasitenkinti „realiu laiku“, kurio negalima sąvokomis iš- reikšti, nes nėra jokio mokslo, kuris galėtų kurtis be sąvokų. Pa- siseka kartais žmogui intuityviai ir betarpiškai pajusti tapsmą, bet tą savo pergyvenimą jis turi užfiksuoti, kaip būtį. Poetas įkvėpi- mo metu susilieja su tapsmu, bet tegu pabando jis savo tą susi- liejimą atvaizduoti be rimų ir ritmų, arba be nekintančios būties. Poeto kūrinys jau yra dvasinė būtis. Filosofas taip pat pagauna realybės pulsą ir iš jo išeidamas visą savo sistemą sukuria. Bet tai, ką jis kuria, yra jau būtis, čia jis jau išeina iš medžiaginio tapsmo rėmų, arba save, kaip kintančią medžiagą, nugali. Ji gali grįžti į tapsmą, jame aktualizuotis ir jį keisti, kartais net iš pa- grindų (kaip Kristaus mokslas iš pagrindų pakeitė Europos isto- riją), bet ji gali grįžti dėl to, kad ji yra būtis, vadinas, aprėžta. Gražiai čia sako H. Bergson: Momentai, kuriuose mes patys save suprantame, reti, ir dėl to retai mes esame laisvi (prie Bergsono laisvės supratimo grįšime paskutiniuose skyriuose). Dažniausia mes gyvename išoriškai ir sudarome tik nuspalvintą mūsų aš fan- tomą, šešėlį, kurį gyvasis trūkis (durėe) meta į homogenišką erdvę. Mūsų egzistencija vaidina daugiau erdvėje, negu laike; mes gyvename daugiau išoriniam pasauliui negu sau; mes kalba- me daugiau, negu mąstome; mes esame daugiau prekiaujami, negu patys prekiautume. Laisvai elgtis reiškia save patį nusavinti, save patį į grynąjį trūkį (mūsiškai tapsmą) patalpinti. Labai naudinga kartu su Bergsonu atšviežinti dvasią realiame laike, bet taip pat negalima apseiti be to, kuo daugiausia žmogus yra. Mokslas yra galimas tik erdvinėje plokštumoje ir istorija tik joje galima. Bet
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ji, kaip ir filosofija, turi tą pirmenybę, kad ji nenutrūkus visai nuo medžiaginio tapsmo ir iš jo ima vis naujų įėgų ir sulčių. Kiti mokslai paskęsta grynai erdvinėje plokštumoje, atitrūksta nuo realybės, o dėl to ir pačią erdvinę plokštumą grynai materialiai supranta, nors ji iš esmės yra dvasinė. Tokios sąvokos, kaip as- menybė, šeima, tauta, žmonija yra laikiškai erdviškos būtybės, arba jos galima pavadinti „tampančiomis būtimis“; nors grynai logiškai tokia sąvoka yra nesąmonė. Jos ir padeda sujungti taps- mą su būtimi, nes jomis, iš vienos pusės, reiškiasi medžiaginis tapsmas, kaip tizinėse, iš antros, jos kuria dvasinę būtį. Ši pa- staroji ypatybė istorijai yra svarbesnė, bet vis dėlto pilno gilumo siekdama istorija kreipia dėmesį ir į pirmąją pusę. Tai jai pade- da suprasti dvasinę būtį, nes parodo jos kilmę. Gi valstybė yra grynai dvasinė būtis ir čia ją nagrinėdamas istorininkas turi pro- gos atsipalaiduoti daug daugiau nuo paties tapsmo, nors irgi ne visai, arba ne tokiame laipsnyje, kaip pav. gamtininkas arba ma-- tematikas. Tad jungdama būtį su tapsmu, istorija sugeba pilniau pažiūrėti į žmogų, jį neskaldo, bet jungia, arba pabrėžia jo visy- bę, o šių dienų žmogus, kaip išsireiškė Ibsenas Brando lūpomis, nemoka būti visas, jis yra trupmena, visko po truputį, iš ryto vie- nas, pavakare kitas, kaip žmogus vienas, kaip mokslininkas kitas.
Čia iškyla istoriškumo, kaip pasaulėžiūros, klausimas. Nusi- vylęs šių dienų žmogus ne tiek erdvine plokštuma, bet jos mate- rialiniu supratimu, o dėl to ir visu mokslu. Neiškenčiame čia ne- pacitavę A. France žodžių, kuriais jis puikiai charakterizavo po- karinių laikų dvasią: „„Aiškių aiškiausia, kad toks stiprus mūsų pasitikėjimas mokslu daugiau kaip per pusę nusmuko. Mes bu- vome tikri, kad gerų eksperimentinių metodų ir aštrių stebėjimų pagalba greitai pasieksime universalaus racijonalizmo. Ir nors buvome netoli nuo tikėjimo, kad su XVIII a. prasideda naujoji era. Aš tai dar tikiu. Bet reikia taip pat suprasti, kad dalykai netaip smarkiai vyksta, kaip mes mąstome. „Mūsų mokytojas Renanas prisipažįsta, neišsigindamas savo tikėjimo, kad mintis, jog visuo- menė šiandien galinti ant racionalizmo ir eksperimento pagrindo būti sukurta, yra iliuzija. Judrusis jaunimas ieško kito. Jūsų mokslas (sako jis) neturi jokios jėgos mus apvaldyti. Jis yra nežmoniškas. Jo žiaurumas mus žeidžia. Jis nužemina mus iki gyvulių ir augalų... Jis rodo mums, kad mes kartu su jais ant smėlio kruopelės žūstame ir linksmai praneša, kad visos žmonijos likimas nieko visatoje nereiškia. Veltui mes šaukiame jam, kad